Orbis Linguarum Vol. 9 (1998)
Legnica/Rzeszów
Elias Canetti oder die Ehrenrettung der Literatur
In der österreichischen Literaturwelt
nimmt Elias Canetti einen gleichsam
exterritorialen Platz ein. Der 1905 in Rustschuk (Bulgarien) in einer
multinationalen und folglich vielsprachigen Umgebung geborene Canetti hat
seine ersten „Bildungserlebnisse” in Manchester (England) gehabt, wo seine
Eltern ab 1911 wohnten: dort besucht er eine englische Schule und liest seine ersten Bücher auf englisch. Deutsch hat ihm
die Mutter – „unter Schmerzen”, wie er sich erinnert, 1913 „eingepflanzt”; die
beiden waren mittlerweile nach dem frühzeitigen Ableben des männlichen Familienoberhaupts
auf den Kontinent, zunächst nach Lausanne und dann nach Wien, zurückgekehrt. Die
Option für das Deutsche war somit vollzogen; sie sollte nicht mehr rückgängig
gemacht werden, obwohl Canetti, der Österreich 1938 auf der Flucht vor Hitlers
Truppen verlassen hat, seitdem in London
lebte. Davor liegen die Wiener Jahre 1924-1938, in die die
entscheidenden Lebensereignisse fallen: Studium und Promotion zum Dr. phil.
nat. (1929), die Bekanntschaft mit der
späteren Frau, Vera Taubner-Calderon, erste Überlegungen zum Projekt
eines Werkes über die „Masse”, Beginn der Arbeit an dem Roman „Die Blendung”, der
dann 1935 herauskommen wird, vielseitige Kontakte mit Künstlern und
Schriftstellern. Österreich ist insoweit seine geistige Heimat; die
Lebensumstände machen es ihm indes leicht, sein Denken von jeglicher nationalen
Verengung, ja, von allen typisch österreichischen Faszinationen und Obsessionen
freizuhalten. So wird Canettis
„exterritoriale Haltung” begründet; in seinem Londoner Domizil wird er sie bis hin zu den völlig unsentimentalen
autobiographischen Prosabänden der siebziger – achtziger Jahre zu wahren wissen
...
„Exterritoriale” Andersartigkeit
verdankt sein Werk auch der geistigen
Herkunft aus jener an genialen
Talenten reichen, von Erkenntnisdrang
und intellektueller Eroberungslust
vibrierenden Zeit, als die Literatur, durch die Chaotik der historischen
Verhältnisse keineswegs entmutigt, sich daran macht, das Wirkliche, „die fertigen Einteilungen und Formen des
Lebens (...), das Seinesgleichen,
dieses von den Geschlechtern schon Vorgebildete, die fertige Sprache nicht nur
der Zunge, sondern auch der Empfindungen und Gefühle” (R. Musil) mit den Augen
der utopischen Vernunft zu betrachten. Als vielerorts
– man denke bloß an Thomas Manns „Der Zauberberg” (1924), Robert Musils
„Der Mann ohne Eigenschaften” (erster Band: 1930, zweiter Band: 1932), Hermann
Brochs „Die Schlafwandler” (1930/2) – an
Werken gearbeitet wird, in denen radikale Gesellschafts- und Kulturkritik in den Entwurf einer neuen Moral, einer
neuen Menschlichkeit überführt wird, als ein Karl Kraus – jahrelang
hat ihn Canetti als seinen Lehrmeister angesehen – den Mut hat, in seinem
Riesendrama „Die letzten Tage der Menschheit” die den „Staatenmördern” (Th. Bernhard) in die Hände gefallene Weltgeschichte vor das Tribunal des
mit hellsichtigem Haß urteilenden Moralgefühls zu zitieren...
Dieses große, von der „Enkelgeneration” dann ausgeschlagene Erbe hat
Canetti in seinem weitgefächerten, Romanprosa, Dramen, Essays, Aphorismen,
wissenschaftliche Untersuchungen umfassenden Werk treu verwaltet. Die modernen
Diskussionen um den „Tod der Literatur” und den „Kompetenzverlust des
Schriftstellers” will er gar nicht zur Kenntnis nehmen. Auf eine altmodische
Weise traut er vielmehr der Literatur die Fähigkeit zu, der wundersamen
Vielstimmigkeit der Welt im genauen sprachlichen Ausdruck Deutlichkeit und
Dauer zu verleihen. Erkenntnissüchtig, unablenkbar bestrebt, „die Kenntnis” –
sie kann nach Canettis Worten „nicht vollkommen genug” und „nicht extrem genug
sein” – „dessen, wozu Menschen (...) imstande sind”, zu erlangen, ist der „wahre
Dichter” „der Hund seiner Zeit”; „in alles steckt er seine Schnauze”, auf allen
Lebensgebieten tummle er sich herum, „mit unheimlicher Beharrlichkeit”
kundschafte er die verborgensten Ecken aus, und vor-urteilslos halte er sich
für die verschiedensten Lebensäußerungen offen, mögen sie auch zueinander im
feindlichen Widerspruch stehen. Gerade dies – man kann es in dem Erinnerungsband
„Die Fackel im Ohr” nachlesen – bewundert
Canetti an dem (sowjet)russsischen Schriftsteller Isaac Babel, den er
in den zwanziger Jahren in Berlin kennengelernt hat: daß dieser die Geduld
besaß, „auf Menschen hinzusehen: lange, solange sie eben zu sehen waren, ohne
auch eine Sterbenssilbe über das Gesehene zu äußern”[1], daß er „beim Sehen nichts verwarf”,
alles „das Gewöhnlichste wie das Ungewöhnlichste” mit dem gleichen Ernst, der
gleichen forschenden Aufmerksamkeit in sich aufnahm, und schließlich, daß er
mit seiner „heiligen Auffassung von Literatur” in ihr „alles Ungefähre, bloß
Angenäherte”, nicht auf angestrengter Erkenntnisarbeit Gründende verabscheute.[2] Von dem strengen Wahrheitswillen
und von der Achtung vor der Einmaligkeit und dem Glücksanspruch aller, selbst
der unscheinbarsten Geschöpfe getragen, sind die Schriften Canettis ein
unaufhörlicher, in seiner Wortwörtlichkeit geradezu phantastisch anmutender
Protest gegen den Tod und seine Handlanger. Als da sind: Macht, Herrschaft,
(todbringender) Befehl. Die Sprache setzt er als Waffe in diesem
(hoffnungslosen) Kampf ein; und das „Gewissen der Worte” (so hat er kennzeichnenderweise
eine Sammlung seiner Literaturessays genannt) sieht er in deren Vermögen
begründet, mit ergriffener Aufmerksamkeit auf die (vielgestaltige) Erfahrung
des Menschenleids zu reagieren.
Wenn er zu schreiben beginnt, so ist das zunächst „ein zorniger Versuch,
von sich abzusehen” und jene klarsichtige (wenngleich von beherrschter
Emotionalität vibrierende) Objektivität zu gewinnen, wie sie etwa die großen
Ärzte (Diagnostiker) aufbringen, wenn es darauf ankommt, die
Krankheitssymptome zu erkennen. Für seine Diagnose über die Befindlichkeit der
zeitgenössischen Menschheit wählt er sich einen höchst originellen Zugang, indem er Figuren zu entwerfen beginnt,
„die eine vollkommen eigene” – „bis zu einem äußersten Extrem” gesteigerte
„Sicht auf die Dinge” hatten. Die Methode glich, wie Canetti selbst vermerkt,
der von Cervantes: wie dessen Don Quijote, sollten auch Canettis Figuren „Dinge
denken und sagen, die kein anderer hätte denken oder sagen können”, gerade weil
ihr Blick unbeirrbar auf einen Punkt gerichtet ist, weil sie sich von ihren
Fixationen durch keine Argumente ablenken lassen und so in den Besitz von
Erfahrungen gelangen, ohne die – so überspitzt, ja, deformiert sein mögen –
unser Wissen von der Welt „ärmer” und „auch verlogener” wäre. „Einer von
ihnen”, erinnert sich Canetti, „war der Wahrheitsmensch, der das Glück und
Unglück der Wahrheit bis ins Letzte auskostete (...). Ph. war der Phantast: der
wollte von der Erde weg, in den
Weltraum, alle seine Gedanken waren darauf gerichtet, wie man von der Erde wegkam, seine heftige Entdeckungslust wurde
durchtränkt von der Abneigung vor dem, was es hier um ihn zu sehen gab. Seine
Lust auf Neues und Unerhörtes speiste sich vom Ekel am ‘Hiesigen’ – Es gab R.,
einen religiösen Fanatiker, S., den Sammler. Es gab den Verschwender und den
Tod-Feind, womit ich den Feind des Todes meinte. Es gab Sch., den Schauspieler,
der nur in rasch wechselnden Verwandlungen leben konnte, und B., den Büchermenschen”.[3]
Canetti ist eine Zeitlang so vermessen, es mit Balzac aufnehmen zu wollen und
als Gegenstück zu dessen „Comédie humaine” eine „Comédie Humaine an Irren” zu
schreiben. Es sollte anders kommen. Von dem wenigstens auf acht Bände geplanten
Riesenunternehmen ist schließlich nur ein
Werk – der Roman „Die Blendung” (1935) fertiggestellt worden. Die
Erinnerung an die anderen Gestalten ist in Canettis der „Der Ohrenzeuge” betitelten „Charakterlehre” aufbewahrt
worden, wo sie wenigstens mit kurzen Porträts bedacht sind... Der
„Büchermensch”, der im Mittelpunkt von „Die Blendung” steht, darf sich indessen
rühmen, die Aufmerksamkeit des Schriftstellers, in einem Masse gewonnen zu
haben, daß dieser ein paar Jahre angestrengter Arbeit und mehrere hundert
Seiten brauchte, um dem Objekt seines Interesses (von Faszination könnte man ebenfalls mit gutem Grund reden) gerecht
zu werden. Auf die zeitgenössischen Leser hat der 1935 erschienene Roman durch
seine radikale Andersartigkeit schockierend, ja, abstoßend, wirken müssen, so
daß er, der tatsächlich nicht die geringste Konzessionen an die gängigen
Lektüregewohnheiten und -erwartungen machte, für Jahrzehnte völlig vergessen wurde. Man hat ihn – in den
fünfziger Jahren – wiederentdeckt, als nach der
1960 erfolgten Veröffentlichung von Canettis „Universalstudie” über
„Masse und Macht” sich herumzusprechen begann, daß die europäische Kultur in
ihm einen ihrer exzellentesten Geister besitzt.
Eine sperrige Lektüre ist „Die Blendung” bis heute geblieben, obwohl der
jahrelange Umgang mit den Werken eines
Franz Kafka, eines James Joyce, oder aber – die Namen seien nur
beispielhalber genannt – eines Samuel Beckett uns an vergleichbare
Exzentritäten gewöhnt und unser Literaturverständnis „aufgelockert” hat. Um es
vorweg zu sagen. „Die Blendung” hat die dicht-phantastische Realistik eines
Alptraums. Und wie in einem Alptraum vollzieht sich das Schicksal des Sinologen
Peter Kien mit einer fatalistischen Unausweichlichkeit; er, der in seiner Gelehrtenstube
nur für Bücher und die Wissenschaft lebte, und die Welt, die da draußen ihren
prosaischen Beschäftigungen nachging, höchstens mit einem verächtlichen
Seitenblick streifte, läßt sich zur Ehe von seiner primitiven, dabei mit
animalischem Instinkt seine schwachen Stellen untrüglich erkennenden
Haushälterin verführen, die ihn nach und nach
entmündigt, schließlich aus dem Haus und das heißt auch aus seinem
Tempel – der Bibliothek verjagt. Die Dämme,
welche er zwischen sich und der Realität errichtet hat, gibt es nicht mehr; wie vor den Kopf gestoßen, rat-
und hilflos, treibt er auf dem schmutzigen Lebensmeer herum, wobei sich ihm mit
schmerzlicher Penetranz aufdrängt, was er gar nicht zur Kenntnis nehmen
wollte und mit hochmütigem Desinteresse aus seinem Gesichtskreis entfernte: all
das Häßliche, Gemeine, Mörderische, das da in der menschlichen Natur west und
auf die Gelegenheit lauert, zu seinem (Un)recht zu kommen. Mag Kien also
schließlich dank dem Eingreifen seines weltgewandten und tatkräftigen Bruders
wieder in den Besitz seiner Wohnung gekommen sein; die inneren Beschädigungen
wollen nicht verheilen. Argwöhnisch wacht er über den wiedergewonnenen Büchern,
denn von überall vermeint er das Heranschleichen der Raubtiere in menschlicher
Gestalt zu hören, die es darauf abgesehen haben, ihm diese zu rauben und
sodann der Zerstörung preiszugeben. Und in seiner Wahnsinnslogik sieht er
keinen anderen Weg, sie davor zu bewahren, als wenn er sie – und zugleich sich
selbst – auf einem riesigen Scheiterhaufen verbrennt.
Was Kien zustößt, ist zahllosen Intellektuellen (Künstlern,
Wissenschaftlern) des 20. Jahrhunderts widerfahren, die erleben mußten, wie die
modernen Barbaren in ihre Elfenbeintürme eindrangen, wie der sublime Geist vor
der brutalen Geistlosigkeit ohnmächtig kapitulieren – sich aufgeben oder sich
selbst auslöschen mußte. Kien ist ein Opfer. Und doch trifft ihn der
Schuldspruch, hat er doch durch seinen sträflichen Hochmut es versäumt, die
Bibliothek – diesen Hort der abendländischen Kulturüberlieferung – gegen die
sie umbrandenden feindlichen Mächte abzusichern...
Die Literatur, wie
Canetti sie versteht, soll nicht „schöngeistig”, ja, nicht mal „schön” sein. Sie will nicht gefallen, sondern
sehend und betroffen machen. Vertraute Realitätsansichten würde man von ihr vergeblich erwarten; es sind stets
Grenzfälle menschlichen Erlebens und Verhaltens,
an denen sich Canettis Neugier immer neu entzündet. Selbst im Kleid der
Fiktion bietet sie keine Erfindungen, sondern streng geprüftes
Erkenntnismaterial. Er handelte also in seinem Sinne durchaus folgerichtig, als
er 1939 sich die weitere Arbeit an „belletristischen” Texten verbot, um sich
für Jahrzehnte dem Werk über „Masse und Macht” zuzuwenden. Er tat es im
Bewußtsein, in diesem alle interdisziplinären Grenzen überschreitenden,
allgemeinanthropologische, (massen)psychologische, (mythen)geschichtliche Gesichtspunkte zu einer
eigenartigen Synthese vereinigenden Werk am ehesten dazu in der Lage zu sein,
das Wissen um „die Verfassung des Menschen” um bislang nicht wahrgenommene oder
aber in ihrer Bedeutung unterschätzte Dimensionen zu erweitern, und – Canetti
denkt darin ganz im Sinne der Aufklärung, die bekanntlich sich von der
Schärfung des Begriffsvermögens, von der
Vervollkommnung der Vernunftgaben auch die moralische Vervollkommnung
des Menschengeschlechts versprach – somit dessen Überlebenschancen angesichts
der verfinsterten, von unbeherrschten (weil unerforschten) Urinstinkten tödlich
gefährdeten Zukunft zu steigern. Das ist eben seine Art und Weise mit den
quälend eintönigen Materialien (Mythen, Literaturdokumenten, geschichtlichen
Quellen etc.) umzugehen, die die historische, ja in die vorhistorische Vorzeit
zurückreichende Permanenz des in tausenderlei Gestalt sich äußernden
Zerstörungstriebes unwiderlegbar bezeugen: er liest sie nicht als „die
peinigende Einleitung zu den wirklich letzten Tagen, die uns bevorstehen”,
sondern als ein Bild dessen, „was wir von uns abtun müssen, wenn es nicht zu
diesen wirklich letzten Tagen kommen soll”.[4]
Das Verfahren hat er mit rigoroser
Konsequenz in der 1960 nach über zwanzigjähriger Arbeit erschienenen „Masse
und Macht” vorexerziert. Die Rätselhaftigkeit der Impulse, die die Menschen ihre sonst so penibel gehütete individuelle
„Sonderung” aufgeben und sich zu Massen zusammenschließen (-rotten) lassen, die
allen Gesetzen der konventionellen Psychologie hohnsprechende Irrationalität
dessen, was dann innerhalb und mit der Masse geschieht, war für Canetti von
allem Anfang an sowohl ein erkenntnishafter, als auch ein moralischer Stachel. In
dem Bild jener – an dem Tage ist bei ihm der Gedanke, die Erforschung des
Massenphänomens zu seiner eigentlichen Lebensaufgabe zu machen,
unwiderruflicher Vorsatz geworden – am 15. Juli 1927 in Wien beobachteten
Massen, die ohne Führer, ohne vorgefaßten Aktionsplan wie aus einem einzigen
Willenszentrum heraus handeln, gewann er nach eigener Aussage die wahre
Vorstellung davon, „was als Masse unser Jahrhundert erfüllt”[5]; „alle(r) neuen Macht” als „Speise”
dient, von der Macht „zu unser aller Unglück mißbraucht wird”. Soweit also,
argumentiert Canetti in einem in den dreißiger Jahren geführten Gespräch mit
Hermann Broch, der Geist eine Verantwortung gegenüber der Menschheit habe,
könne er nicht umhin, „die wichtigste Aufgabe, die es heute gibt”, darin zu
erblicken, „Gesetze des Massenverhaltens” zu finden.
„Masse und Macht” ist bei aller
Sachlichkeit, mit der Canetti seine Befunde und Folgerungen präsentiert, ein
geradezu erschreckendes Buch, das im Namen der klarsichtigen Erkenntnis mit
der neuzeitlichen Fortschritts- und Persönlichkeitsidee – mit dem Pathos des
„Edel-sei-der-Mensch hilfreich-und-gut”
illusionslos aufräumt: die gesamte Geschichte, folglich auch „die gesellschaftlichen Phänomene der Gegenwart auf
solche einer im Mythos befangenen Vorzeit
oder gar auf Erscheinungen aus dem Tierreich zurückprojiziert” und somit als „naturhaft” – „dem Tod verfallen”
entlarvt. Überall, bei den „primitiven Völkern”
wie in den modernen Staaten sieht Canetti den „Massentrieb” über das „principium individuationis” mühelos Siege
feiern, und der Macht – möge sie sich auch harmlos geben – gesteht er keine andere Intention zu, als durch Beherrschung
und letztlich Tötung möglichst vieler Untertanen den Tod vom Herrschenden
fernzuhalten und so sein Überleben zu sichern. In der Machtausübung schlage das tierische Erbe der Menschheit am heftigsten durch: wie in der Natur ein stärkeres Tier
das schwächere verfolgt, (mit Zähnen) ergreift, zerfetzt und sich dann
einverleibt, so werden auch die Menschen von
den Machthabern „einverleibt”: durch Befehle zu Handlungen gezwungen, die sie als Angriff auf ihre persönlichste
Substanz – als Selbstpreisgabe – empfinden
müssen; in „Hetzmassen” und „Kriegsmeuten”, somit in die „Nahrung”
umgewandelt, mit der der Herrschende die Ausweitung seiner Macht als die seines
Selbst speist ...
Es sind historische Extremfälle, an denen Canetti seine Befunde
exemplifiziert. Der Leser wird indes
angehalten, in ihnen eine ständig
präsente Bedrohung (sie verschwände erst, wenn die Einteilung in
Befehlsgeber und Befehlsempfänger, in Herrschende und Beherrschte vollends verschwände) zu erkennen. Hitler, Muhammad Tughlak, ein gegen seine Untertanen grausam wütender Sultan von Delhi, der „verhinderte”
Weltbeherrscher, der wahnsinnige
Dresdner Senatspräsident, Daniel Paul Schreber – jeder von ihnen wird in
„Masse und Macht” „als Monstrum und doch in seinen sozial-psychischen Mechanismen
einsichtig; als einmaliges Phänomen und als Beispiel für den Zusammenhang
zwischen Paranoia und Herrschaft, Macht, Masse und Tod; als Exempel für die konkrete
sozialpsychologische Bedeutung des
Überlebenden, jener seit Jahrtausenden immer wieder verführenden und
vergewaltigenden ,Lichtgestalt’ mit Leichenhaufen”.[6]
In „Masse und Macht” ist die ganze Monströsität der Macht ohne – die Worte,
mit denen Canetti „Die letzten Tage der Menschheit” von Karl Kraus
charakterisiert hat, treffen auf seine Darstellungsmethode genauestens zu –
„Trost und Schonung, ohne Verschönerung,
Verringerung und (...) ohne Gewöhnung”[7] eingegangen.
Die erste Lehre, die dieses Werk vermittelt, lautet: Du
sollst dem freundlichen Schein der Dinge nicht trauen. Die Menschheit ist ein schlingendes Ungeheuer. Man hat es auch
auf dich abgesehen. Die Intention Canettis ist indes viel umfassender: er
behält nicht bloß jene „schwarze Hälfte” der
menschlichen Möglichkeiten im Auge, von der man nichts anderes als nur
Vernichtung zu gewärtigen hat; auch die Seite „des guten Lebens” wird mitgedacht,
die – so Canetti selbst – „nicht weniger
Möglichkeiten und dazu alle Wünschbarkeit” für sich selbst hat. In der Literatur ist das „Prinzip Hoffnung”
am besten aufgehoben. In dem kennzeichnenderweise den Betrachtungen über den
„Überlebenden” nachgestellten Kapitel „Von der Unsterblichkeit” beschwört
Canetti in der Gestalt Stendhals „das genaue Gegenbild jener Machthaber”
herauf, die im Tod anderer Gewähr für die eigene Unverwundbarkeit erblicken. In
der Unsterblichkeit, auf die der Schriftsteller Anspruch hat, nimmt die Utopie des befriedeten Daseins
Gestalt an: „das Überleben verliert seinen Stachel”, ohne daß dafür Menschenopfer
verlangt würden, und im gelungenen Werk
„bieten sich die Toten den Lebenden als edelste Speise dar”.[8]
Es fällt freilich dem Leser schwer, in der
edelherzigen Haltung des Literaten ein wirksames Gegengewicht zu den nach wie
vor latenten Wahnsinnsenergien der Geschichte – zu dem immer noch andauernden „Treiben” der „Überlebenden” zu
erblicken, deren Zerstörungsmöglichkeiten durch den technischen
Fortschritt der Gegenwart sich „vertausendfacht” haben, so daß sie sich
erstmals in der Lage sehen, selbst die waghalsigsten Tötungsphantasien früherer Machthaber in die Tat umzusetzen, ja
„Verheerungen (zu) entfesseln, die alle Plagen Gottes zusammen übertreffen”.[9] Insoweit – Canetti sieht das deutlich genug – ist sich die Grundstruktur
der Weltgeschichte – das allgegenwärtige „Befehlssystem”, „die Wehrlosigkeit
der Opfer”[10] – gleichgeblieben. „Der Überlebende” hat
ebenfalls nicht aufgehört, „das Erbübel der Menschheit, ihr Fluch” zu sein. Aber gerade „die monströsen
Proportionen”, zu denen er „angewachsen ist”, lassen hoffen, daß es der
Menschheit doch gelingen könnte, dem „Untergang im letzten Augenblick zu
entkommen”. Denn auch um seine Sicherheit ist es geschehen, auch er hat es mit
der Angst zu tun bekommen. „Die uralte Struktur der Macht, ihr Herz- und
Kernstück: die Bewahrung des Machthabers auf Kosten aller übrigen, hat sich ad absurdum geführt, sie liegt in
Trümmern. Die Macht ist größer, aber sie ist auch flüchtiger als je. Alle
werden überleben oder niemand”.[11]
„Masse und Macht” ist Canettis opus magnum:
sein – den Anspruch hat er selbst formuliert – Rechtstitel auf die
„Unsterblichkeit”. Dem Leser sei es indes empfohlen, die Bekanntschaft mit
Canettis Werk mit dem schmalen Büchlein „Die Stimmen von Marrakesch” zu
beginnen. Gewiß, es fehlt diesem 1967 erschienenen „Journal” einer dreizehn
Jahre zurückliegenden Afrika-Reise jene intellektuelle „Überraschlichkeit” (Th.
Fontane), der „Masse und Macht” ein gut Teil
ihrer Faszinationskraft dankt. Und doch
sind „Die Stimmen von Marrakesch” auf eine unverwechselbare Weise „canettisch”.
Hier gewann seine Prosa eine
„Kenntlichkeit”, die sich gegen den jahrelang andauernden übermächtigen
Einfluß Karl Kraus’, dieses großen Hassers,
sich gefeit zeigt. Der Reisende nimmt die fremd exotische Wirklichkeit
mit wacher Neugier auf, ohne ihr mit vorschneller Urteilerei ihre
Bedeutungsvielfalt – ihre Rätselhaftigkeit zu rauben. Er läßt seine Sinne
arbeiten; sie sind seine zuverlässigsten Informanten. Er nimmt sich Zeit, um lange und aufmerksam „auf die Menschen zu sehen”
und ihren Stimmen zu lauschen. Er begibt sich ohne jeglichen Hochmut in
das Straßen- oder aber Marktgewimmel und erlebt mit beglückendem Gefühl, wie
seine Persönlichkeit – ohne etwas von ihrer Konsistenz
einzubüßen – den anderen anverwandelt, wenigstens für eine Weile in die exotische
Gemeinschaft einbezogen wird. Das Erschreckende
an dieser Welt: die Massenarmut, die allerorten, vor allem aber in dem
Verhältins zu den Tieren durchschlagende
Grausamkeit, der unterschwellig schwärende
Rassenhaß, entgeht ihm freilich nicht. Es überwiegt indes die
Faszination durch jene Dichte und Wärme des
Lebens, die ihm auf Schritt und Tritt entgegenschlägt: in der Gestalt
des behaglich seinen Krapfen verzehrenden
Bettlers; in dem „arm- und beinlosen” kleinen „Bündel” Mensch, dessen
„mit einem Fleiß und einer Beharrlichkeit ohnegleichen” „Stunden und Stunden”
den Laut ä-ä-ä formende Stimme vom unverwüstlichen Lebenswillen zeugt; in der
irren Frau am Fenster, die ihm in ihrer unverständlichen Sprache Koseworte sagt.
Und auch in der ungebändigten Vitalität eines „elenden, ausgehungerten”
Esels...
Nach dem Abschluß von „Masse und Macht” galt der Bannfluch, den Canetti im
Jahr 1939 für sich über die literarische Fiktion verhängt hat, nicht mehr. 1967
gibt er, wie erwähnt, „Die Stimmen von Marrakesch” für den Druck frei, 1974
erscheint die (höchst merkwürdige) Charaktersammlung „Der Ohrenzeuge”, und in
den Jahren 1976-1985 macht er mit der autobiographischen Trilogie „Die
gerettete Zunge” (1976), „Die Fackel im Ohr” (1980), „Das Augenspiel” (1985)
von sich reden.
„Die
Autobiographie” – so Roy Pascal – „ist von der Suche nach der geistigen Identität
geprägt (...)”[12] Canettis Erinnerungsprosa bestätigt
den Wahrheitsgehalt dieses Satzes. Sie zeichnet entscheidende existentielle und geistige Erlebnisse auf, verfolgt,
wie seine Gefühlsmaterie durch sie „geknetet” und formiert wird, wie er zu
seinen Empfindlichkeiten und Faszinationen kommt,
wie sich dann aus diesen Moralvorstellungen sowie ihnen gemäße
Lebenspläne herauskristallisieren. Diese
Bildungsgeschichte einer überaus
verwandlungsfähigen Persönlichkeit hat nichts Introvertiertes oder gar narzistisch Selbstgefälliges an sich; sie
hat vielmehr den Vorzug jener epischen Objektivität, die nicht vergessen läßt, aus welchen Quellen unser
„Original-Ich” seine „Baumaterialien” bezieht. In diesem Sinne macht der
Erzähler kein Aufhebens von sich; „mit großer äußerer Aufmerksamkeit” (Christa Wolf) den Erinnerungslandschaften
zugewandt, ist er darauf aus, getreu zu
bezeugen, wieviel ihm andere Menschen, aber auch Bücher und Bilder
bedeutet haben. Indiskretionen, intime Selbstenthüllungen, Seelenergießungen
hat der Leser von ihm nicht zu gewärtigen. Von der exzessiven Emotionalität,
wie sie die etwa zur gleichen Zeit entstandenen
autobiographischen Bücher Thomas Bernhards oder aber ein Werk wie
„Jugend” von Wolfgang Koeppen kennzeichnet,
findet man in Canettis Lebensbeschreibung ebenfalls nicht die geringste Spur. Wo diese Autoren mit
aggressiver Verzweiflung einen Prozeß gegen die Vergangenheit anstrengen, in der sie untragbaren Belastungen ausgesetzt
und irreparabel zuschanden gemacht wurden, ist das Verhältnis Canettis
zu ihr durch das Gefühl der hochherzigen Dankbarkeit bestimmt: er weiß sich in
der Schuld all derjenigen, die ihn bei seinen Erkundungsgängen durch das Leben
angeleitet haben, seinen Sinn für die
Realität geschult, sein Moralempfinden sensibilisiert, seine Auffassung
vom Amt des Dichters geprägt haben. Er erzählt von einem – im doppelten,
gegenwartsbezogenen und „teleologischen” Sinne des Wortes – erfüllten Leben. Denn
Fülle eignete ihm, das so reich an geistigen Erlebnissen und Entdeckungen war,
in jedem seiner Augenblicke, und opulent muß auch die Schlußbilanz ausfallen:
der Blick zurück bestätigt, daß von der
vergangenen Zeit das Wesentliche nicht verloren, sondern in das
Lebenswerk eingegangen ist...
Die Darstellung setzt in der frühesten Lebenszeit ein, und endet im
Jahre 1937, als mit dem Tod der Mutter die Abkoppelung von der Welt der
Kindheit und der Jugend auf eine traurig symbolische Weise endgültig vollzogen war. Die Mutter ist die eigentliche
Protagonistin von „Die gerettete Zunge”. Für den Knaben Canetti ist sie nicht
bloß ein primäres Liebesobjekt, sondern ein bewunderter „Lebensmeister” – die
einzige Instanz, von der er Verbote und Gebote entgegenzunehmen bereit ist. Diese
Stellung hat sie sich allem Anschein nach in vollem Maße verdient. Ihr dankt
Canetti jene schöne Weite der Gesinnung, die
den Geist befähigt, „Vieles und Gegensätzliches in sich (zu) fassen”,
das „scheinbar Unvereinbare” nicht gegeneinander auszuspielen, sondern zu
„nennen und zu bedenken”, ja, als „die wahre Glorie der menschlichen Natur” zu
erkennen. Sie, die selbst eine unersättliche Leserin war, hat diese ihre
Passion mitsamt einem strengen Begriff von der Würde und Verantwortung des geschriebenen
Wortes an den Sohn weitergegeben. So viel ihr daran liegt, ihm die Achtung für
das Geistige beizubringen, so zwingt sie ihn doch zugleich, sich auf die
Realität einzulassen und seine hehren moralischen Grundsätze an ihr zu prüfen. Sie
nimmt folglich keinen Anstand, ihn eines Tages aus seiner Bildungswelt hinaus-
und in die reale Welt hineinzustoßen: im Jahre 1921 kommt es in Zürich, wo
Canetti ein Realgymnasium besucht, zu einem „furchtbaren Gespräch” zwischen den
beiden, in dem sie dem seine Studien mit idealistischem Enthusiasmus
betreibenden Sohn „Hang zur Idylle”, „Ahnungslosigkeit und Selbstzufriedenheit”
vorwirft und zugleich darauf besteht, daß er mit ihr nach Deutschland, in „ein
Land, das, wie sie sagte, vom Krieg gezeichnet”, also viel geeigneter war, ihm
den Einblick in die Ungeheuerlichkeit des Daseins zu vermitteln, übersiedelt
...
Er muß sich dem
Machtwort der Mutter fügen. Die nächsten Stationen seines Lebens sind
Frankfurt am Main, wo er in der Tat reichlich die Gelegenheit bekommt, die
chaotischen Verhältnisse des durch
die Nachkriegswirren sowie durch die Inflation zerrütteten Deutschland
kennenzulernen, und Wien, wo er sich an der Universität – sein Hauptfach ist Chemie – inskribiert. In dieser Zeit finden
die wichtigsten geistigen Initiationen statt. Bis ins Innerste aufgewühlt liest
er das babylonische Epos „Gilgamesch”; die Geschichte des Mannes, der nach dem Tode seines Freundes
das „Unvermeidliche” nicht akzeptieren will, der Himmel und Hölle
durchwandert, Göttern und Dämonen das Geheimnis des ewigen Lebens zu
entreißen trachtet, faßt er als eine eigens an ihn gerichtete Aufforderung
auf, „in einen endlosen Aufstand gegen den Tod” zu treten; und diese Botschaft
war es, die – so Canetti selbst – sein
„Leben, seinen (...) Sinn, Glauben, Kraft und Erwartung wie nichts anderes bestimmt hat”. Wenig später begleitet er
seine spätere Frau Veza in einen Vortrag von Karl Kraus; es ist der
Beginn einer jahrelangen Schülerschaft Canettis bei diesem Meister des Hasses. Zu einem intellektuellen Abenteuer ganz besonderer
Art wird der Aufenthalt in Berlin im Jahre 1928. Dort findet er Zugang zu den Künstlerkreisen der gerade ihre
kulturelle Glanzära erlebenden Metropole, läßt er sich durch die grotesk-zynischen
Zeichnungen Georg Grosz’ beeindrucken, bekommt er die Gelegenheit, das – so
sein Eindruck – genialisch-schauspielerhafte
Treiben Bert Brechts zu beobachten, schließt
er – es war schon davon die Rede – die Bekanntschaft mit Isaac Babel. Besonders gern geht er aber bei den Dichtern
der Vergangenheit in die Schule. Von Gogol läßt er sich ermuntern, sich
lustvoll der „Freiheit der Erfindung” hinzugeben, an Stendhal bewundert er
wiederum „schlackenlose Durchsichtigkeit”
von dessen Prosa. Die Welt ist ihm – und
zwar in der bestmöglichen Bedeutung dieses Wortes – pädagogische
Provinz; er profitiert von Büchern, Kunstwerken und Begegnungen, lernt und verehrt,
ohne sich indes vom Haupttrakt seiner Interessen abbringen oder gar an seinen
eigenen Vorhaben irre machen zu lassen. Denn kaum fünfundzwanzigjährig hat er
seinen Lebensplan in den Grundzügen fertig:
das Erlebnis der Masse, wie es ihm in Frankfurt bei Anblick einer
Arbeiterdemonstration und dann am 15. Juni 1927 zuteil wurde, wird zur
Keimzelle seiner großen Untersuchung über „Masse und Macht”, und aus dem Wunsch
heraus, die Menschen jenseits aller Standardformeln der Wissenschaft oder aber
der Alltagserfahrung in ihrer ungeheuerlichen Absonderlichkeit kennenzulernen
– ihnen „Dinge” abzulauschen, „die
kein anderer hätte denken oder sagen können”,
entwickelt er das schon erwähnte Projekt einer „Comedie humaine an
Irren”. „Die Fackel im Ohr” schließt mit
einem kurzen „Werkbericht”. Ein ganzes Jahr lang arbeitet Canetti an dem
ersten Roman aus dem geplanten Zyklus, der einen „Büchermenschen” zum
Protagonisten hat. Im Herbst 1931 ist das Buch beendet; es trägt zunächst den Titel „Kant fängt Feuer”, wird dann
aber in „Blendung” umbenannt... Die
Arbeit an „Die Blendung” fordert ihm äußerste seelische Anspannung ab, sie wird
für ihn auch zu einem umstülpenden existentiellen Erlebnis, denn er geht ganz
in seinem Stoffe auf, läßt sich schreibend von den Weltdingen überwältigen, wie
sie sich dabei in verletzend-schrecklicher Gestalt offenbaren. Der „heilige
Künstlerernst” führt ihm die Feder, der es ihm verbietet, von dem als wahr
Erkannten auch nur um ein Jota abzutreten,
und möge diese Wahrheit sich so bedrückend aufs Gemüt schlagen. Nach der
vollzogenen Niederschrift des Buches ist es also um seine Seelenruhe endgültig
geschehen: überall sieht er Anzeichen der unaufhaltsam heraufziehenden Katastrophe,
überall auch das auf seine Stunde lauernde Böse: brutalen Eigennutz, giftende
Tücke, mörderische Machtgier. Was er zu Papier gebracht hat, erscheint ihm – so
formuliert er es selbst – als „Kritzeleien an den Wänden eines neuen Pompeji”,
und es ist ihm schmerzlich bewußt, daß er nicht das Geringste tun kann, um den
Untergang abwenden zu können. Nein, kathartischen Trost vermittelt ihm das
Aussprechen dieser Durch- und Einsichten nicht.
Aber er will ja ihn gar nicht, denn es wäre ihm als Verweigerung des ihm
zugefallenen Auftrags erschienen, wenn er, statt den „Stachel des Entsetzens”
noch tiefer in sich hineinzutreiben, das täglich
millionenfach geschehende Leid und Unrecht auch nur für einen
Augenblick vergäße...
Das Autorenleben – es ist von ihm in dem dritten Teil von Canettis
Lebensbeschreibung die Rede
– beginnt. Der junge Schriftsteller liest –
vor Bekannten, dann auch vor
einem größeren Publikum – aus der „Blendung”
oder aber aus seinen beiden Theaterstücken „Die Hochzeit” und „Komödie
der Eitelkeit”. Die Reaktionen sind widersprüchlich; es überwiegen allerdings
Irritation und Verständnislosigkeit. Mit einem kompletten Mißerfolg endet die
Lesung im Hause des Verlegers Zsolnay, an die Canetti die Hoffnung auf eine
mögliche Publikation seiner Werke knüpfte. An dem Urteil der dort versammelten
„gutbürgerlichen” Gesellschaft ist indes Canetti wenig gelegen. Seine
Wertmaßstäbe – auch für das Selbstbewußtsein – bezieht er aus Kontakten mit
Hermann Broch, Robert Musil und – ihm weist
Canetti in dem Erinnerungsuniversum des „Augenspiels” einen besonders
exponierten Platz zu – Dr. Sonne, einem Manne, der in sich umfassendste, wahrhaft
polyhistorische Bildung, nüchtern präzise Denkkraft und lauterste Selbstlosigkeit vereinigt. Er übernimmt in
Canettis Leben die Rolle, die einst die Mutter spielte. Er wird für ihn
zum Maßstab dessen, wozu ein Mensch sich aufschwingen kann, der, seinem inneren
Gesetz treu, „Geld, Ruhm, Macht” verschmähend, ja, überhaupt vom eigenen Ich
absehend, in dem evangelischen und zugleich im weltlich-zupackenden Sinne gut ist; die Güte auch
noch mit klarschauendem Erkenntnisvermögen, mit der scharfsinnigsten
Intellektualität sowie mit präzisestem Gefühl für Wert und Unwert verbindet. Zur Charakterisierung seiner Haltung verwendet
Canetti das indische Wort „Ahimsa” – Schonung jedes Lebens. Diese Haltung wird
er, der in „Die Blendung” noch in einer Karl Kraus abgeschauten Manier die
Menschen auf eine „grausam-zelotische” Art züchtigen wollte, sich zu eigen und
zum Fundament seines gesamten späteren Werkes machen.
[1] Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte
1921-1931. Zit. nach der Ausgabe: Berlin 1981, S. 328.
[2] Ebd., S. 329.
[3] Ebd., S. 359f.
[4] Elias
Canetti: Der Neue
Karl Kraus. In: Neue Rundschau, Jahrgang
1975, Erstes Heft, S. 5.
[5] Elias Canetti: Die Fackel im Ohr (wie Anm. 1), S. 286.
[6]Elias Canetti: Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-37. München und Wien, S. 47.
[7]Elias Canetti: Der Neue Karl Kraus (wie Anm. 4), S. 4.
[8]Elias Canetti: Masse und Macht. Hier zit. nach der Taschenbuchausgabe des Hanser
Verlags, München, Wien o.J., Band 1, S. 311.
[9]Ebd., Band 2, S. 218.
[10]Ebd.
[11] Ebd., S. 219.
[12] Roy Pascal: Die Autobiographie. Gehalt und Gestalt. Stuttgart u.a. 1965, S. 12.