Orbis Linguarum Vol. 13 (1999)
Wrocław
Zur Aufnahme von Goethes Dramen in Polen
„Goethe gehörte in Polen
niemals zu den populären Dichtern. Die Ästheten haben ihn zwar verehrt und
bewundert, das breite Leserpublikum jedoch hat sein Werk kaum gekannt, denn die
in seinen Dichtungen aufgeworfenen Probleme haben einen allgemeinmenschlichen
Charakter, interessierten also den polnischen Leser nur wenig, und mit Ausnahme
seines „Werther“ und „Götz“ waren seine Werke selbst in Deutschland nicht allzu
populär gewesen.“ Diese von Edmund Ko³odziejczyk[1] im Jahre l9l3 gemachte Feststellung
stimmt nicht ganz, denn das Interesse für Goethe war in Polen immer vorhanden
gewesen, dafür sprechen neben den Übersetzungen seiner Dichtungen sowohl die
zahlreichen wissenschaftlichen Beiträge als auch die in den Zeitschriften
jener Jahre veröffentlichten Informationen über unbekannte Episoden aus seinem
Leben, über seine persönlichen Beziehungen zu Polen, über ausländische
Inszenierungen seiner Dramen u.a.m.[2]. Sie trifft aber zu, wenn es um solche
auf den polnischen Bühnen geht; diese halten z.B. mit denen von Friedrich
Schiller keinen Vergleich aus. Um dieses Phänomen zu erklären, muß kurz auf
die damalige politische Lage des Landes eingegangen werden.
Mit dem dritten Teilungsabkommen von l795
haben Rußland, Preußen und Österreich der polnischen Eigenstaatlichkeit zwar ein Ende
gesetzt, doch damit auch in den breiten Massen des polnischen Volkes ein
bisher unbekanntes Nationalbewußtsein geweckt, was u.a. in den aufgeflammten
und brutal niedergeschlagenen nationalen Erhebungen von l830, l846, l848 und
l863 seinen Ausdruck fand. Die Folge davon war eine verschärfte
Germanisierungspolitik Otto von Bismarcks im Posener Land, eine radikale Russifizierung der gesamten
Verwaltung einschließlich der Gerichte, Grund- und Oberschulen in Kongreßpolen
und eine verschärfte Zensur in dem von Österreich annektierten Galizien, das
sich aber nach und nach eine vergleichsweise weitgehende Autonomie erkämpft
hat, so daß sich in Krakau und Lemberg, den beiden bedeutendsten Kulturzentren
dieses Kronlandes, ein regeres geistiges Leben entfalten konnte, als in den
beiden übrigen Teilungsgebieten. Beide Städte (Krakau l893, Lemberg l900) erhielten auch im ausgehenden
19. Jahrhundert modern ausgestattete Stadtbühnen. Ihre Regisseure hatten
einen relativ breiten Spielraum, der es ihnen ermöglichte, eine eigene
Kulturpolitik zu entwickeln, während Warschau bis ins 20. Jahrhundert hinein
zwar vom Staat subventionierte Gouvernementsbühnen besaß, ihre leitenden
Funktionäre aber der russischen Polizei angehörten, die das Bühnenrepertoire
strengstens überwachten. So hat die russische Zensur jahrzehntelang nicht
einmal den Schatten eines freiheitlichen Gedankens auf den Bühnen toleriert,
aber auch nicht zugelassen, daß künstlerisch anspruchsvolle Dramen einstudiert
wurden, denn es war die Absicht der russischen Behörden, die Warschauer Bühnen
zu Vergnügungsanstalten herabzusetzen. Zugelassen wurden also nur die Oper,
das Ballett, die Operette, Farce, Komödie und andere leichte Ware. Nur in
Galizien durften künstlerisch anspruchsvolle Dramen gespielt werden, doch auch
hier nicht solche eines Adam Mickiewicz, Juliusz S³owacki, Zygmunt Krasiński,
u.a. polnischer Dichter, die nach der niedergeschlagenen Erhebung von l830 ins
französiche Exil gehen mußten und dort patriotische Dichtungen schufen. Ihr
Thema ist die Auseinandersetzung mit dem Aufstand, mit den Ursachen seiner
Niederlage und die Möglichkeit der Befreiung des Landes vom Joch des
Unterdrückers, die verschieden interpretiert wurde. Bei der Sichtung ihrer
Dramen muß festgestellt werden, daß Goethes Faust
diese Autoren, die zu den hervorragendsten Vertretern der polnischen
Romantik gehören, zum eigenen Schaffen inspiriert hat. Ihre Dichtungen sind
nach l832 entstanden und müssen in ihrer Beziehung zu Goethes Faust gesehen werden. Dabei geht es um
eine in der polnischen Literatur bisher unbekannte Sicht der jeweils beiden
Protagonisten und ihre Beziehung zueinander. Ähnlich wie bei Goethe wird von
den polnischen Romantikern der Pakt mit dem Teufel als ein partnerschaftliches
Abkommen gehandhabt, mit dem offensichtlich beide Seiten einverstanden sind. Das
Ziel der Titelfiguren – und dies ist der wesentliche Bezugspunkt in allen
Dramen – ist die große Tat der Befreiung des polnischen Volkes vom Joch des
Tyrannen, das seines höllischen Genossen – ihre Vereitelung. Bei ihrer
Realisierung spekuliert jeder auf seinen eigenen Vorteil, was zur Annäherung
führen und verbinden kann, umso mehr, als der Gegenstand des Abkommens, der
uralte Streit zwischen dem Menschen und dem Satan, die Seele des Helden, in
den Hintergrund rückt. Diese These belegen folgende Beispiele:
In die Reihe der faustischen Dichtungen gehört Juliusz S³owackis Kordian (e. 1834, UA: Krakau 1899), wofür die Teufelsszene des Vorspiels
spricht. Der Autor, der den Gedanken der politischen Befreiung seines
Vaterlandes reflektiert, kritisiert in seinem Drama die politisch unreifen,
revolutionär eingestellten Führer des Aufstandes und wirft ihnen den Verrat an der Sache des Volkes
vor. Im Verlauf der Handlung, deren Höhepunkt die Verschwörung gegen den Zaren
bildet, beschließt der durch die Niederlage des Aufstandes geistig
wiedergeborene patriotische Titelheld gemeinsam mit anderen Verschwörern den
in Warschau weilenden Zaren zu ermorden, was aber mißlingt. Bei der Ausführung
seines Plans, dem eine Reihe von Erlebnissen vorausgeht, sucht Kordian der
rätselhafte „Fremde Arzt“ auf, der nichts anderes als eine Maske des Mephistopheles ist. Durch seine
destruktive Verstandeskraft sucht er den romantischen Helden an der Ausführung
der geplanten patriotischen Tat zu hindern.
Um den Untergang einer
Gesellschaft geht es in Zygmunt Krasińskis Gedankendichtung Irydion (e. 1836, UA: Łódźl9. 11. l908), deren Handlung im untergehenden Rom
der Spätantike spielt. Den Macht- und Sittenverfall zur Zeit des Kaisers
Heliogabal nutzt Irydion für seine langgehegten Rache- und Befreiungspläne. Mit
Hilfe Massynissas, einer Inkarnation des Satans, dem er seine Seele
verschrieben hat, schmiedet er einen Umsturzplan. Roms Herrscher wird auch von
seinen besten Leuten beseitigt. Irydion, durch Massynissa im Jahre l835 aus
einem todesähnlichen Schlaf geweckt, will den Kampf gegen das Zarenreich mit
anderen Waffen als den seines Genossen Massynissa führen und seinem Volk Glück
und Freiheit als göttliche Gnade verkünden. Obwohl Christ geworden, kümmert ihn
sein Seelenheil nicht. Die Bedingung des Paktes mit Massynissa, der Goethes Faust nachgebildet ist, ist die
Verfügungsgewalt über Rom, für die er bedenkenlos seine Seele opfert. Nach
Fausts Vorbild ist Irydion auch mit der Gesellschaft des Satans, der sich
seinerseits als ungemein nützlich erweist, durchaus einverstanden, denn er ist
nicht nur sein treuer Diener, sondern auch sein lustiger Begleiter und guter Gesprächspartner.
Ähnlich wie Mephisto imponiert er durch gute Manieren, durch Wissen und
Intelligenz. Bei seinen Auftritten ist Irydion nicht ein einziges Mal um sein
Seelenheil besorgt. Das Gute und Böse sind aber nur ein scheinbar unüberbrückbarer
Gegensatz, Krasińskis Ansicht nach sind sie Teile eines übergeordneten
Ganzen. Der Ausgang der Dichtung erinnert stark an Faust II. Kraft seiner Macht hebt Gott den Vertrag zwischen Irydion
und Massynissa auf und spricht letzterem das Recht auf Irydions Seele ab, weil
dieser auf die Anwendung von Gewalt verzichtet hat. Die Ablehnung der Gewalt
als Mittel des polnischen Freiheitskampfes ist die Idee dieser Dichtung. Zygmunt
Krasiński, der ein gebildeter Aristokrat gewesen ist, schätzte Goethe sehr
hoch. So schreibt er in einem Brief an seinen Freund: „Der Schluß des Faust ist für mich ein Beweis dafür, daß
Goethe ein wahrlich großer Dichter, größer als Byron gewesen ist. Im
Unterschied zu diesem hat Goethe den ganzen Kosmos erfaßt, den Kampf zwischen
Gut und Böse verstanden und das Gute triumphieren lassen“ [3].
Stefan Garczyński, ein anderer, wenig
bekannter Romantiker, war ein Schüler Hegels und hat die patriotische Stimmung
des Volkes in seinem unvollendeten Drama mit dem Titel Wac³aws Tat, das wie
eine Ergänzung zu Faust anmutet, wiederzugeben
versucht. Auch diesem Protagonisten, dem die Idee der Befreiung des Vaterlandes
Lebensinhalt und Lebenssinn gibt, stellt der
Autor eine Inkarnation des Bösen in der Figur des Unbekannten als Begleiter zur
Seite. Dieser antipolnisch eingestellte Held wirbt um Wac³aws Seele und sucht
ihn durch die Kritik an seinen Landsleuten von der Ausführung der Tat
abzuhalten. Seine Argumente verletzen den glühenden Patrioten Wac³aw tief, weil
sie viel Wahres enthalten. Der Autor beschränkt aber die Funktion des
Unbekannten nicht auf das Negieren allein. Er ist zwar ein Geist, der stets verneint, sich allem Positiven widersetzt, doch
– ähnlich wie bei Goethe – zwingt er seinen Begleiter zu unaufhörlicher
polemischer Anstrengung und regt ihn zur gedanklichen Gegenaktion an. Wac³aw
ist mit der Beweisführung des Unbekannten nicht einverstanden, damit auch
nicht mit Apathie, Untätigkeit, d.h. mit dem geistigen Tod seines Volkes;
anders ausgedrückt, er steht für die Verteidigung der nationalen Sache und damit auch der des göttlichen Schöpfers. Gott
wußte also genau, was er tat, als er den Teufel zu Wac³aws Gefährten machte.
In allen drei Stücken streben die
Protagonisten nach einem gemeinsamen Ziel. Der Pakt des Menschen mit dem
Teufel, der – ähnlich wie in Goethes Dichtung – in den göttlichen Plan
eingebunden ist, dient einer guten Sache, die diese Figuren durchdiskutieren. Kordian,
Irydion, Wac³aw, aber auch andere romantische hier nicht genannte Helden,
werden in eine außergewöhnliche Situation versetzt, ihr Ziel hat seine Wurzel
in der Freiheitsidee, in der Liebe zur Heimat, ist also ethisch vertretbar und
stellt einen Wert dar, der auch den christlichen Idealen nahesteht. Ihre
Erlösung und Begnadigung am Ende wird – zumindest bei Krasiński und S³owacki –
durch Gott und die Berufung auf ihre Verdienste erreicht, Mephisto ist also ein
notwendiger Bestandteil des göttlichen Kosmos.
Daß Dramen mit einem derart starken
patriotischen Gehalt in den polnischen Annexionsgebieten bis ins 20. Jahrhundert
hinein nicht gespielt werden durften, ist leicht erklärlich. Sie gehören aber
zur polnischen Nationalliteratur und verdeutlichen, daß man in Polen für
Dichtungen mit politischen Freiheitsgedanken aufgeschlossen war. Diese
Erwartungen hat Goethe nicht in dem Maße wie Schiller erfüllt, was seine
vergleichsweise schwächere Rezeption auf den Bühnen erklärt, die aber vorhanden
gewesen ist.
Trotz
der politischen Unterdrückung, gab es im Polen des l9. Jahrhunderts ein
Theaterleben mit einem recht hohen Niveau. Neben Warschau hatten auch Krakau
und Lemberg ständigen Bühnen, Städte wie Łódź, Sosnowitz, Kalisch, Lublin,
Piotrków, Wilna errichteten Theaterhäuser, in denen ambulante Ensembles
gastierten. Bedeutende Regisseure wie Stanis³aw Bogus³awski, Stanis³aw Koźmian,
Tadeusz Pawlikowski, die die Schauspielkunst der Franzosen und Deutschen
studiert hatten, bildeten talentierte
Berufsschauspieler aus, so daß einige Tournee-Ensembles entstanden sind,
die von einem Starschauspieler geleitet wurden. Das l9. Jahrhundert war in
Polen die Zeit der großen Stars gewesen. Diese waren bemüht, im Drama hohen
Stils nicht nebeneinander, sondern zueinander zu spielen, „natürlich zu
sprechen und sich natürlich zu gebärden, wobei Mienenspiel, Sprachduktus und
Gebärde sich aus der Psychologie der betreffenden Rolle ergeben sollten“[4]. Als vom 15. Mai bis zum 28. Juni l885
die Meininger in Warschau mit Werken von Moliére, Shakespeare und Schiller
gastierten, wurde allmählich auch auf das Bühnenbild und die Kostümgestaltung
größerer Wert gelegt. Für die Auffassung der Hauptrolle in einem Stück
entwickelte sich nach und nach eine gewisse Tradition, d.h. die Herausbildung
eines ausgeprägten Schauspielertypus. Dies galt auch für die Darsteller des
Goetheschen Faust, zu dessen
Verbreitung auf der Bühne die Dichtung selbst beigetragen hat, denn in ihr bieten die Nebenrollen den Darstellern
eine Fülle von lohnenden Aufgaben. Goethe schuf nämlich die einzelnen Szenen,
ohne ihre formale Stellung im ganzen Werk im Auge zu behalten. Seine Nebenpersonen
haben fast alle einen episodenhaften Charakter, sind scharf umrissen, vom
Dichter mit Liebe dargestellt und nehmen, so lange sie auf der Bühne stehen,
das Interesse des Zuschauers fast in dem gleichen Maße in Anspruch wie die
Hauptpersonen. Bedeutenden Darstellern der Hauptrollen ist es auch zu danken, daß durch ihre Gastspiele diese
Dichtung, die auf den großen polnischen Bühnen relativ selten neu einstudiert
wurde, landesweit gezeigt werden konnte, mithin auch die Menschen aus der
Provinz erreichte, was die zahlreichen Aufführungsdaten für kleine Bühnen, auf
die in den weiteren Ausführungen nicht eingegangen werden kann, bestätigen.
Der vorliegende Bericht ist leider
lückenhaft, die Quellenlage ist denkbar ungünstig. So anfechtbar der
Aussagewert von Theaterkritiken ist, bilden sie die einzige zuverlässige
Informationsquelle über die jeweiligen Inszenierungen. Ihre Sichtung aber war
weitgehend unmöglich gewesen, denn durch den Zweiten Weltkrieg wurden die in
den Universitätsbibliotheken aufbewahrten Pressebestände dezimiert. Nur ein
verschwindend geringer Teil liegt in Breslau, der Rest in Warschau, Krakau und
in dem heute ukrainischen Lemberg. Die Angaben basieren also vorwiegend auf
sekundären Quellen, d.h. auf den in der Nachkriegszeit – meist auf Grund von
erhaltenen Theaterzetteln – bearbeiteten Spielplänen, einigen Schauspieler-Biographien,
Rezensionen und Informationen, die Bearbeitungen der polnischen
Theatergeschichte entnommen wurden und nicht immer präzise sind.
Von Goethes Dramen wurde in Polen vor
allem sein Faust, zwar nicht allzu
oft, doch dank der oben beschriebenen Praxis landesweit immer wieder gespielt. Für
das ununterbrochene Interesse an dieser Dichtung sprechen sowohl die 22 Übersetzungen
des Faust I und 8 des Faust I und II, als auch die
wissenschaftlichen Abhandlungen, die bis in die letzten Jahre[5] hineinreichen.
Den polnischen Aufführungen
der Goetheschen Dichtung ging ihre
Vertonung durch den Fürsten Antoni Henryk Radziwi³³ voraus, deren Bearbeitung
der Komponist dem Dichter im Jahre l8l4 in Weimar vorführte, seinen Beifall
fand und am 24. Mai l8l9 das ganze Werk im Schloß Monbijou bei Berlin
uraufführen ließ. Auf den polnischen Sprechbühnen hat fast immer diese Musik
den dichterischen Text begleitet.
Von der Undarstellbarkeit
des Faust war man bis zum Jahre l829
überzeugt gewesen. Der Durchbruch für die Bühne ist August Klingemann zu
verdanken, der den I. Teil zwar ein wenig abgeändert, aber als ein
geschlossenes Ganzes mit der Gretchentragödie als Höhepunkt aufgefaßt hat. Er
verzichtete u.a. auf den Prolog im
Himmel, die Hexenküche und führte
den Faust zum ersten Male am l9. Januar
l829 in Braunschweig öffentlich auf. Seinem Beispiel folgten noch im gleichen
Jahre Regisseure in anderen Städten. Nach Hermann Buddensieg[6] hat sich diesen Bearbeitungen im Jahre
l844 auch die deutsche Lemberger Bühne angeschlossen. Am l8. April l865 kam, ebenfalls in Lemberg, unter der Direktion
Adam Mi³aszewskis zum erstenmal Faust in
der Übertragung von Józef Czermak in prunkvoller Inszenierung zustande und
hielt sich lange im Spielplan[7].
Über die nächste
Einstudierung wissen wir, daß sie am l3. Februar. l869 in Krakau[8] in der Übersetzung von Aleksander
Krajewski und Regie von Stanis³aw Koźmian mit Boles³aw Ładnowski als Faust,
Lech Nowakowski als Mephisto und der berühmten Helena Modrzejewska als Gretchen
stattgefunden hat. Weitere Angaben fehlen. Stanis³aw Koźmian fuhr mit seinem
Ensemble in der Sommersaison nach Posen, dem geistigen Zentrum des preußischen
Annektionsgebietes, wo er am 8. August l869 u.a. den Faust gab. Sein Repertoire war gut durchdacht. Für die Posener
Theaterwelt waren diese Inszenierungen ein Anschauungsunterricht für das, was
man seinerzeit in Krakau in polnischer Sprache schuf. Diese Praxis wurde bald
eingestellt, da die preußischen Behörden ihre Fortsetzung von der Errichtung
eines Theatergebäudes abhängig machten, wozu die Mittel fehlten. Auch sorgten
sie dafür, daß deutsche Ensembles die
dortige Bühne bespielten[9]. Damit ist die Tatsache zu erklären, daß Posen bis
zum Jahre l9l8 in der polnischen Theatergeschichte keine Rolle gespielt hat.
Zehn
Jahre später, und zwar am l5. Oktober l880, erlebte Warschau seine erste Faust-Inszenierung in der Regie von Jan
Tatarkiewicz, die in den folgenden drei Jahren wiederholt wurde. Bereits die
Aufnahme dieser Dichtung ins Repertoire begrüßte ein Kritiker als einen
jahrzehntelang erwarteten Wandel in der Spielplanpraxis der Warschauer Bühnen
und verband mit dieser Tatsache die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für das
Theaterleben seiner Stadt. Die Kritik betonte die „sorgfältige Einstudierung
und gute Bühnenausstattung, vor allem aber das ausgezeichnete Spiel Jan Królikowskis als Darsteller des Mephisto
und der Maria Deryng in der Rolle Gretchens. Diese blutjunge Schauspielerin
eröffnete die Reihe der berühmten Gretchendarstellerinnen und wurde wegen
ihres diskreten und einfühlsamen Spiels berühmt. Mißfallen hat dagegen Józef
Kotarbinski als Faust. Er habe zwar den Gehalt der Dichtung gut durchdacht und
auch gut wiedergegeben, in den Liebesszenen aber zu wenig Gefühl gezeigt und
nicht immer überzeugend gewirkt, heißt es in einer Besprechung. Kotarbiński,
der bei seiner Faust-Konzeption zum Teil auf Bearbeitungen der Wiener und
Berliner Schauspielerschulen basierte, hat an dieser Rolle weiter gearbeitet
und galt später als einer der besten Faust-Darsteller im Lande[10].
Von den nächsten Faust-Aufführungen, die in Lemberg stattgefunden haben, sind nur
die Daten, und zwar der 30. Juni l876 und der l5. Oktober l888 bekannt[11].
Mehr wissen wir über die Einstudierung durch das Krakauer Theater am 20. Dezember
1900 mit den bereits genannten Józef Kotarbiński in der Rolle des Faust,
Kazimierz Kamiński in der des Mephisto und Wanda Siemaszkowa als Gretchen. Die
l4-malige Wiederholung des Abends muß als ein ungewöhnlicher Erfolg bewertet
werden. Nach der damaligen Praxis war nämlich mindestens eine Premiere pro
Woche obligatorisch gewesen.
Über die Aufnahme schreibt der Rezensent Lucjan Rydel u.a., daß
bei vollem Haus gespielt wurde und das Publikum das Spiel mit angehaltenem Atem
verfolgt habe, der Regisseur die sich gestellte große Aufgabe trotz der
schwachen Übersetzung des Textes und der Notwendigkeit, Kürzungen
durchzuführen, bewältigt habe, was u.a. dem ausgezeichneten Spiel der Künstler
zu verdanken sei. Der Darsteller des Mephisto habe seine Konzeption bis ins
letzte Detail und das so gut ausgeführt, daß er sich mit ihr auf jeder
europäischen Bühne zeigen könnte. Mimik, Bewegungen, Haltung und Kostüm haben
ein harmonisches Ganzes ergeben, das das höchste Lob verdiene[12]. Ein anderer Rezensent schreibt über den
Vortrag des Faust-Darstellers so: “Dieser
Faust ist weder ein Genie, noch ein Ausnahmemensch. Seinetwegen vor
allem kamen die Zuschauer ins Theater, denn Kotarbiński stand in der Sorge um
pietätvolle und doch von selbständiger Auffassung beseelter Durchdringung des
Dichterwortes einzig da und hat Aufbau und Dispositionen der künstlerischen
Rolle mit unübertroffener Meisterschaft gehandhabt und ist dabei der
Deklamationsmanier nicht verfallen“, und über Kazimierz Kamiński heißt es, er
habe mit Abstand von Gräßlichem keck, gewandt, mit Humor und zynisch im Ton
einen bis zur Rücksichtslosigkeit vollendeten Weltlmann ausgeführt. Bei allem
Zynismus war er eine Gestalt, die von genialem Leben überschäumte.“ Auch
Gretchen wurde wegen ihrer Schlichtheit und klugen Verbindung von hoher Dichtung
mit einem der Künstlerin eigentümlichen Realismus gerühmt. Ihr Vortrag sei
schöner als je zuvor gewesen, so der Kritiker, der die Aufnahme des Faust in den ständigen Spielplan wünscht
und die Einstudierung auch des Faust II
anmahnt.[13]
Am 23. Januar l904 fand die Premiere des Faust in der Übersetzung von Aleksander
Krajewski und Ludwik Jenike in dem durch Tadeusz Pawlikowski geleiteten
Lemberger Stadttheater statt. Diesem Regisseur war die Beziehung zum literarischen
Text äußerst wichtig gewesen. So suchte er die theatralischen Mittel der
literarischen Form anzupassen und stellte den Primat des Dichters höher als den
des Regisseurs. Historische Treue und Sorge um Authentizität lernte er von den
Meiningern und war für äußerst sorgfältige Einstudierungen bekannt gewesen. Rezensionen
zu dieser Inszenierung konnten leider nicht eingesehen werden. Der
Theaterhistoriker Franciszek Paj¹czkowski schreibt nur, daß dieser Faust die Kritik hauptsächblich wegen
der Besetzung des beim Publikum beliebten Hauptdarstellers Kazimierz Kamiński
in der Rolle des Mephisto interessiert habe und weiter: „Aufgeführt wurde Faust mit Pietät, Geschick und Sorgfalt.
Mit Licht- und dekorativen Effekten wurde nicht gespart, denn Pawlikowski hat
alles getan, damit das Werk nichts von seiner Ausdruckskraft, Größe und
Schönheit verliere.“[14] Diese Inszenierung, mit Karol
Adwentowicz, Kazimierz Kamiński und Konstancja Bednarzewska in den Hauptrollen,
wurde siebenmal wiederholt, was als ein beachtlicher Erfolg einzustufen ist.
Auch in den folgenden Jahren
interessierten sich die polnischen Bühnen für Goethes Faust, der zwischen l900 und l905 in Warschau, Łódź, Sosnowitz (14.
April l904) und Kalisch (19. März .l905)
einstudiert und viele Male gespielt wurde. In Krakau soll es in diesem
Zeitabschnitt 2l Neuinszenierungen gegeben haben[15].
In der Sommersaison des Jahres l907 kam Faust auf die Bretter der Warschauer privaten Kleinen Bühne (Teatr
Ma³y), die Marian Gawalewicz leitete.
Die szenische Einrichtung war schlecht, die Musik wurde ausgespart, dennoch
war diese Einstudierung wegen des Spiels der bereits genannten Protagonisten
Józef Kotarbiński in der Rolle des Faust und Kazimierz Kamiński in der des
Mephisto nicht unwichtig. Ihr Spiel beurteilte Jan Lorentowicz so: „Dieser
Faust-Darsteller ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Er ist einer der
ersten reifen und wirklich bedeutenden Bühnenkünstler, der sich eine große
Aufgabe gestellt hat. Als Faust war er untadelig, gab ohne unnatürliche
Deklamation die Gedanken des Dichters wieder. Was in seiner Darstellung gefehlt
hat, ist jene rezitatorische Färbung, die Fausts Reden als Ausdruck seines
individuellen Lebens zeigen. Dennoch ist er ein Schauspieler des sinnfälligsten
Realismus, der mit Liebe auch den kleinsten Zug seiner Gestalt aufgegriffen und
zur Wirkung gebracht hat,“ und zum Spiel des Mephisto meint der Kritiker:
„Dieser Mephisto war Ironiker und beredter Kavalier, der sich in guter
Gesellschaft zu benehmen weiß. Die dämonischen Züge der Figur blieben
ausgespart. Im Einklang damit standen seine
Gebärden, sein vornehm-freies Betragen, aber auch die flüssig,
eindringlich verständliche Rede. Dieser Mephisto war kein Teufel von Fleisch
und Bein, er war eine symbolische Erscheinung, die auf der Höhe der Dichtung
stand“[16].
Als Verriß dagegen galten
die Faust-Aufführungen in Lublin
(l875) und in Łódź(2l. Januar (l911).
In der Zwischenkriegszeit –
es sind die Jahre der wiedererlangten politischen Souveränität – haben sich
zahlreiche bedeutende polnische Kritiker und Literarhistoriker mit Goethes
Werk auseinandergesetzt, sieben Translatoren seinen Faust übersetzt, gespielt aber wurde das Drama nur zweimal, und
zwar am 7. Februar l926 im Warschauer Nationaltheater und im Goethejahr l932 in
Bromberg in deutscher Sprache. Über die letztgenannte Inzenierung, zu der es
Interviews gegeben haben soll, konnten leider keine Informationen eingeholt
werden. Die Warschauer Neueinstudierung dagegen, die trotz guter Besetzung und
eines beeindruckenden Bühnenbildes des damals berühmtesten polnischen
Bühnenbildners Wincenty Drabik von der Kritik als formal unausgeglichen
abgelehnt wurde, war Zündstoff für die erste wichtige polnische
Goethe-Diskussion der zwanziger Jahre, und das wegen der Übersetzung durch den
Dichter Emil Zegad³owicz. Um die Beurteilung seiner Übertragung entwickelte
sich eine lang andauernde Pressepolemik, an der die führenden polnischen
Literaturkritiker teilnahmen. Als Anwalt der translatorischen Vision von Zegad³owicz
meldete sich Witold Hulewicz[17] zu Wort, der die hohe ästhetische und
poetische Qualität der neuen Übersetzung mit seiner eigenen Theorie der Übersetzungskunst zu untermauern versuchte. Gegen
ihn und die Übersetzungsvorlage von Zegad³owicz polemisierte der prominente
Literaturkritiker und Übersetzer der französischen Literatur, Tadeusz Boy-Zeleński.
Bis zum Ausbruch des Zweiten
Weltkrieges wurden außer Faust I. nur
Clavigo (2.März l821, 4. Februar l971
und 8. November l888) und Egmont
l868, l873, l888 und l932[18] ohne ein stärkeres Echo inszeniert.
Nach 1945 trat mit dem Wandel des
Gesellschaftssystems insofern eine Wende ein, als durch die Verstaatlichung
aller Bühnen ihre Zahl in relativ kurzer Zeit landesweit auf achtzig anstieg,
diese vom Staat finanziert wurden, so daß die Spielleiter der Sorge um ihre
Finanzierung enthoben waren. Die Beschlüsse der Theatertagung vom l8. und
l9.Juni l949 in Obory bei Warschau schränkten zwar die Freiheit in allen
Bereichen der Kunst ein – für die Bühnen wurden jetzt ideologisch einwandfreie,
der sozialistischen Kunstkonzeption entsprechende Gegenwartsstücke gefordert –
doch da es solche damals nicht gab, besann man sich auf die bewährte Klassik,
also auch auf Goethe, dessen Dramen jetzt auf zahlreichen Bühnen gezeigt
wurden, so an seinen Clavigo, der als
Diplomarbeit durch Jerzy Zegalski 1950 in Łódź und sechs Jahre später im Jahre
l956 von Gostyński in Radom wiederholt wurde[19], so an Die Mitschuldigen, die im Jahre l955 im Volkstheater zu Łódź
inszeniert, trotz guter Rezensionen aber bald vom Spielplan abgesetzt wurden. Der
bekannte Theatrologe Stanis³aw Kaszyński begrüßte die Wahl dieses Lustspiels,
weil es, so seine Meinung, nicht nur das Gefühl anspreche, sondern auch im
frivolen Spiel eine soziale Thematik beinhalte, eine Satire auf die Scheinmoral
der kleinbürgerlichen Gesellschaft sei. Andere Kritiker protestierten gegen die
Aufführung dieses Jugendwerks, weil sie bei dem mit Goethes Dichtung nicht
vertrauten Theaterbesucher die Entstehung eines falschen Goethebildes befürchteten.
Die Mitschuldigen wurden zwar noch in
Danzig und Oppeln inszeniert, doch fiel dies zeitlich mit der Aufführung in Łódźzusammen,
und verschwanden wohl daher – nach mißlungenen Einstudierungen und nach
negativen Theaterkritiken[20] – bald von den Spielplänen. Auch der Urfaust, von Lidia Rybotycka für die
Bühne in Kielce-Radom, die als Wanderbühne auch die umliegenden Ortschaften
bediente, am 20. Juni l960 inszeniert, wurde trotz 83 Wiederholungen von der
Theaterkritik[21] abgelehnt.
Auf ein größeres Interesse stieß die Egmont-Aufführung von Zygmunt Hübner vom
l2. September l962 im Warschauer Polnischen Theater (Teatr Polski). Die Kritik
setzte sich mit Goethes Freiheitsgedanken auseinander, suchte Parallelen zu
Werken polnischer Autoren, zweifelte den Erkenntniswert der Dichtung an und
warf dem Regisseur eine Umfunktionierung des dichterischen Gedankenganges[22] vor. Im großen und ganzen war diese
Einstudierung, 311 Abende mit l7.080 Zuschauern kein Erfolg.
Diesen erlebte Iphigenie auf Tauris, die in einer ausgezeichneten Neuübersetzung
von Edward Csáto auf der Warschauer „Bühne
der Gegenwart“ (Teatr Wspó³czesny) am l. Februar l96l in Szene ging. Erwin
Axer, der kein Regisseur radikaler Umdeutungen war, sondern die Schauspieler
behutsm zum Text führte, bereitete mit einem sehr guten Ensemble eine
sorgfältig vorbereitete Inszenierung vor, die auf den Nachvollzug der in der
Dichtung gezeigten Verhältnisse setzte und an l97 Abenden mit 65 060 Besuchern
jedesmal ein volles Haus hatte, was für die Richtigkeit seiner Konzeption
sprach. Unter den Darstellerinnen ragten Zofia Mrozowska, deren „melodische
Stimme selbst in den Momenten der höchsten Erregung nichts von ihrem schönen
Klang verlor“, und Tadeusz Łomnicki als Orest heraus. Auch die anderen Künstler
wurden den hohen Anforderungen, die die Rollen an sie stellten, gerecht, so
Henryk Borowski, der als Thoas „in zwei Szenen den ganzen Reichtum seiner
großen Persönlichkeit einschloß“ und den „Schmerz des ihm angetanen Unrechts, die
Enttäuschung des Verschmähten, der nicht erfüllten Sehnsucht“ überzeugend zum
Ausdruck brachte[23]. Neben dem ausgeglichenen Spiel betonte
die Kritik die konsequent durchgeführte Leitidee, den überzeitlichen Gehalt und
die Gegenwartsnähe der dichterischen Aussage, die als Appell an die menschliche
Verantwortung für das Schicksal des Mitmenschen, als Sieg des sittlichen
Wollens, der Wahrheit über die Lüge, List und Falschheit, als Glaube an das
Gute im Menschen verstanden wurde. Das schlichte Bühnenbild ohne Vorhang, ein
Hain vor Dianas Tempel, erhöhte die künstlerische Wirkung dieser ungewöhnlichen
Aufführung. – Ein ähnliches hohes Niveau hatte auch die von der Grünberger
Bühne übernommene Iphigenie-Einstudierung
von Marek Okopiński im Posener Polnischen Theater (Teatr Polski) vom l4. September
l963, der ebenfalls auf das dichterische Wort den größten Wert legte. Auch
dieses Mal lobte die Kritik die sparsame Gestik, die Ausgewogenheit des Spiels
und die gute Diktion der Darsteller, unter denen Zdzis³aw Wardejn das höchste
Lob erntete. Dieser verstand es, in der Wahnsinnszene sich in die Lage des
Orest einzufühlen, sich langsam zur schonungslosen Wahrhaftigkeit
durchzuringen und mit seinem Spiel einen erschütternden Eindruck zu
hinterlassen. Das Bühnenbild von Stanis³aw B¹kowski mit modernen
Skulpturen knüpfte zwar nicht an die Antike an, störte aber vor dem Hintergrund
des Ganzen nicht. Die tiefe humane Aussage der Dichtung machte die Zuschauer
nachdenklich, was – so die Kritik[24] – an ihrer Reaktion zu erkennen war.
Hatten die Spielleiter der Iphigenie, die bis l989 auf mehr als
zehn polnischen Bühnen gespielt wurde, aus Pietät weder ihren Text beschnitten,
noch jede übertriebene Modernisierung vermieden, so verfuhren sie mit Faust recht eigenwillig. Zwei
Inszenierungen, die von Jerzy Grotowski im Posener Polnischen Theater (Teatr
Polski) vom l3. April l960 und die von Józef Szajna im Warschauer Polnischen
Theater vom 3. Juli l97l, erregten Aufsehen.
Jerzy Grotowski, der seit
l958 in Oppeln eine Experimentierbühne, das „Theater der l3 Reihen“ (Teatr 13
rzêdów) leitete, begann mit Aufführungen, die zwischen dem literarischen Text und dem theatralischen Szenarium unterschieden. Sein
Faust nach Goethe ist die einzige
Arbeit, die er außerhalb seiner eigenen Bühne und mit Schauspielern, die nicht
seinem Ensemble angehörten, zur Aufführung brachte. Sie entstand in
Zusammenarbeit mit dem Maler Piotr Potworowski, der das Bühnenbild entwarf. Grotowskis Interesse galt der Gestalt des
Faust, aufgefaßt als Schamane, der um den Preis der Erkenntnis und der
Fülle des Lebens seine Seele den dämonischen Mächten verschreibt. Im Inneren
einer die Erdkugel darstellenden Stahlkonstruktion sitzt der alte Faust auf
einer in einem eiförmigen Körper angebrachten beweglichen Plattform, spielt
mit einer kybernetischen Schildkröte und spricht in Goethes klassischen Versen
von seiner Enttäuschung über die Mißerfolge seiner wissenschaftlichen Arbeit,
schließt mit Mephisto auf kaufmännische Art einen Vertrag und durchläuft, ähnlich wie Goethes Faust eine
Reihe von Stationen, ohne am Ende die große Tat, durch die Trockenlegung von
Sümpfen freien Grund für freie Menschen zu schaffen, zu vollbringen. Diese
Inszenierung wurde verständlicherweise unterschiedlich beurteilt. Die einen
begrüßten die Einführung von modernen formalen und technischen Mitteln als
Gewinn und Bereicherung, die anderen machten schwerwiegende Vorbehalte
geltend, beanstandeten aber vor allem die unklare Gedankenführung, das
Mißverhältnis zwischen Inhalt und Form, Grotowskis pessimistische Weltsicht,
seinen Rückzug in das Laboratorium der Kunst, Fehlschlüsse am Ende der
Inszenierung und anderes mehr[25].
Das zweite aufsehenerregende Faust-Experiment von Józef Szajna wurde
vom Publikum gefeiert. Als Maler suchte Szajna zuförderst ein plastisches
Kunstwerk aufzubauen, eine Bilder-Paraphrase von Goethes Text (in der sehr sehr
freien Übersetzung von Maciej Z. Bordowicz), und zwar beider Teile, und zu
einer Collage zerstückt, denn nicht um exakte Textvermittlung geht es, sondern
um eine visionäre szenische Nachdichtung der Grundsituation der Dichtung. Der
äußere Eindruck war der eines surrealistischen Konglomerats von Stoffen und
Gestängen, Farben und Gebärden, miteinander verquickten Leibern und grotesken
Masken. Dieses Material faßte Szajna lesbar zusammen. Faust schien dabei nur
ein Vorwand zu sein, denn der Regisseur brachte eigene Erfahrungen auf die
Bühne. Am Anfang zeigte er ein Prosektorium,
Häftlinge schieben schwere Wagen mit Leichen. Überall liegt Unrat und
Müll, liegen Leiber und Lumpen – der Lebensraum der Menschheit. Über dieser
grauenerregenden Welt schwebt ununterbrochen die Gefahr der Katastrophe, der
totalen Vernichtung, was das schrille Geheul der Sirenen andeutet. Von dieser
Welt will Faust erlöst werden, will eine Tat vollbringen, will Ordnung in das
Chaos bringen. Nach der Paktszene werden die wichtigsten Szenen aus Goethes Faust durchgespielt. Mit seiner
Inszenierung versuchte Szajna die Lage des erniedrigten und machtlosen Menschen
von heute zu zeigen, doch ist seine Sicht nicht pessimistisch. In seinem Faust gibt es das Motiv der Hoffnung. Dieses
beruht darauf, daß der Mensch die Möglichkeit und das Recht der Rückkehr zum
Ausgangspunkt hat, doch muß er Umwertungen vorgenommen haben, dank denen er den
am Ausgangspunkt stehenden Mechanismen nicht unterliegt. Szajna wandte sich an
ein Publikum von Kennern und wurde mir 54 Abenden und 55 007 Besuchern belohnt.
Seine Inszenierung galt als gut deutbar, hinterließ aber eine Reihe von
ungelösten Fragen[26].
Drei weitere Faust-Einstudierungen gingen ohne Widerhall über die Bühnen. Die im
„Theater der 50 Stühle“ (Teatr 50 krzese³) in LódŸ aus dem Jahre l96l –
Regie und Übersetzung von Leopold Beck – war als Experiment und Talentprobe für
die Darsteller gedacht. Gespielt wurde fast ohne Dekorationen und ohne Kostüme
auf einer kleinen Bühne des großen Hauses, nur das dichterische Wort sollte zur
Geltung kommen[27].
Das Krakauer Rhapsodische Theater (Teatr
Rapsodyczny) gab im Jahre l965 in der Regie von Mieczys³aw Kotlarczyk und einer
Neuübersetzung von Feliks Konopka einen Faust,
den der durchschnittliche Besucher dieser in breiten Kreisen wenig bekannten
Dichtung kennenlernen sollte, was die Kritik zwar als inszenatorische Mutprobe
schätzte, die Aufführung selbst aber als mißlungen ablehnte[28]. Negativ reagierte auch die Kritik auf
die jüngste Faust-Aufführung von
Bohdan Cybulski im Warschauer Neuen Theater (Teatr Nowy) aus dem Jahre l989[29], die als letzte nachkriegszeitliche
anzusehen ist.
Von Goethes Faust beeinflußt ist das Drama von Jerzy S. Sito: Pasja Fausta i Potêpienie doktora
Fausta.(Fausts Leiden und die Verdammung des Dr. Faust). Es ist ein
zeitgenössischer Faust, den dieser Autor geschaffen hat. In die Erfahrungen der
modernen kosmogenischen Begriffe,. biologischen Experimente, Konzentrationslager
und psychiatrischen Spitäler baute Sito einen Faust ein, den man nicht töten
kann. Es ist ein Faust auf Golgatha. Der Dichter führt ihn bis an die Grenze
der existenziellen Nacht durch einen bunten Weltzirkus, durch Teufelsspiel,
metaphysische Betrachtungen, paradoxe Sophismen, durch Auerbachs Keller, der
aus Staub erstanden ist, aber auch Reminiszenen der Dichtungen von Adam Mickiewicz
und Cyprian Norwid sowie der rebellierenden Studenten von l968, die verstehen,
daß der Motor der Studentenrevolte eine Provokation Mephistos ist. Der Dichter
entwickelt ein buntes Monumentaltheater mit Musik und Szenen, die an die
Walpurgisnacht aus Goethes Faust
erinnern. Der l. Teil dieser Dichtung wurde im Jahre l97l im Warschauer
Nationaltheater (Teatr Narodowy) uraufgeführt, von der Kritik aber als
vielleicht originell in der dichterischen Absicht, in der Ausführung aber als
mißlungen[30] abgelehnt.
Goethe wurde in Polen, vor allem auf der
Bühne, nicht so intensiv rezipiert wie z.B. Friedrich Schiller, doch wirkte er
tiefer. Die spezifische Funktion der deutschen Literatur bestand im l9. Jahrhundert
darin, daß sie der für die patriotischen Gefühle des dreigeteilten Volkes so
wichtigen polnischen Romantik wichtigste Impulse gab. Bemerkenswert war dabei,
daß in Polen den Dichtern der Weimarer Klassik die Anerkennung zahlreicher
polnischer Kritiker und nicht zuletzt des breiten Leserpublikums galt. So
erklärt sich die überaus große Rolle, die der Bezug zur polnischen Romantik bei
den Übersetzungen aus dem Deutschen spielte. Dabei galt Goethe in der polnischen
Öffentlichkeit als der Vertreter der bedeutendsten Epoche in der Geschichte der
deutschen Dichtung überhaupt und das nicht nur deshalb, weil er die größten
Werke der deutschen Literatur hervorgebracht, sondern auch weil er die
europäische Literatur der Zeit entscheidend mitgeprägt hat.
[1] Edmund Ko³odziejczyk, Goethe w Polsce (Goethe in Polen), Sprawozdanie XII c.k. Dyrekcji Gimnazjum Realnego IV. w Krakowie za rok szkolny l9l2/l3 (l2. Bericht der kaiserlich-königlichen Direktion des IV. Realgymnasiums in Krakau für das Schuljahr l9l2/l3), Kraków, l9l2, S. 1.
[2] Vgl. Piotr Obrączka, Literatura niemiecka w czasopismach polskich końca XIX w. (l887-l900) – (Die deutsche Literatur in den polnischen Zeitschriften des ausgehenden l9. Jahrhunderts, 1887-1900), Opole, l983, S. 21-41; ders. Literatura niemiecka w czasopismach polskich początku XX w. (l90l-l9l4)- (Die deutsche Literatur in den polnischen Zeitschriften des beginnenden 20. Jahrhunderts, 1901-1914), Opole, l990, S. 12-16, 82-84.
[3] Zygmunt Krasiński, Listy do Henryka Reeve’a (Briefe an Henri Reeve), übersetzt von Aleksandra Olêdzka-Frybesora. Hrsg. von Pawe³ Hertz, Warszawa, l980, Band I, S. 101.
[4] Heinz Kindermann, Theatergeschichte Europas, VII. Realismus, Salzburg, l965, S. 356.
[5] Vgl. Krzysztof Lipiński, Bóg, Szatan, Cz³owiek. O „Fauście” Goethego – Próba interpretacji (Gott, Satan, Mensch. Zu Goethes „Faust”, Versuch einer Interpretation). Rzeszów, 1992; ders., Goethes „Faust” als Übersetzungsvorlage. Kraków, 1990; W³odzimierz Szturc, Faust Goethego – ku antropologii romantycznej (Goethes Faust – zu einer romantischen Anthropologie). Kraków, 1995.
[6] Hermann Buddensieg , Goethe und Polen. In: Mickiewicz-Blätter, 1968, Heft 37, S. 28.
[7] Vgl. Julius von Twardowski, Goethe und Polen, Polen und Goethe. In: Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft, Weimar, l933. S. 142 ff.
[8] Jerzy Got, Teatr krakowski pod dyrekcją Adama Skorupki i Stanis³awa Koźmiana, 1865-1885 (Das Krakauer Theater unter der Leitung von Adam Skorupka und Stanis³aw Koźmian. 1865-1885). Wroc³aw, l962, Nr. 658, Nr. 1847.
[9] Vgl. Dzieje teatru polskiego pod redakcją : Tadeusza Siverta i Ewy Heise, tom III., Od roku 1863 do końca XIX wieku (Geschichte des polnischen Theaters, Redaktion: Tadeusz Sivert und Ewa Heise, Band III., Von 1863 bis zum Ende des l9. Jahrhunderts), Warszawa, 1982, S. 483 f.
[10] Mieczys³aw Rulikowski, Teatr warszawski od czasów Osińskiego 1825-1915, Lwów, 1929, S. 39.
[11] Agnieszka Marsza³ek, Repertuar teatru polskiego we Lwowie (Das Repertoire des polnischen Theaters in Lemberg), 1875-1881, Kraków, 1992.
[12] Lucjan Rydel, Z teatru (Aus dem Theater). In “Czas”, 53. l900. Nr. 309 und 310.
[13] Feliks Koneczny, Teatr krakowski (Das Krakauer Theater), in: Przegląd Polski, 1901, Band 139, S. 152 f.
[14] Vgl. Franciszek Pajączkowski, Teatr lwowski pod dyrekcją Tadeusza Pawlikowskiego (Das Lemberger Theater unter der Leitung von Tadeusz Pawlikowski). Kraków, 1961, S. 121.
[15] Vgl. Hermann Buddensieg, a.a.O., S. 28.
[16] Jan Lorentowicz, Dwadzieścia lat teatru (Zwanzig Jahre Theater), tom III, Teatr niemiecki (Deutsches Theater), Warszawa, 1933, S. 93.
[17] Witold Hulewicz, Polski Faust. Rzecz o nowych polskich przek³adach, o sposobach t³umaczenia i o polemice dookolnej (Der polnische Faust. Zu den neuen Übertragungen, Arten der Übersetzungen und der Polemik in ihrem Umfeld), Warszawa, 1926.
[18] Vgl. Johann Wolfgang Goethe, Egmont, übersetzt von Kazimiera I³³akowiczówna, bearbeitet von Zofia Ciechanowska, Biblioteka Narodowa, II. 104, Kraków, 1956, S. CXVII-CXXI.
[19] Stefania Podhorska-Oko³ów, “Clavigo” Goethego – egzamin reżyserski Jerzego Zegalskiego (Goethes “Clavigo” – eine Prüfung von Jerzy Zegalski als Regisseur). In: Kurier Codzienny. 1950. Nr. 186, S. 6.
[20] Stanis³aw Kaszyński, W krêgu nieufności i winy (Im Umfeld von Mißtrauen und Schuld). In: Kronika. 1955, Nr. 7, S. 4; Jadwiga Kuku³czanka: Komedia Goethego na ³ódzkiej scenie (Goethes Lustspiel auf der Bühne zu Lódź). In: Teatr. 10. 1955. H. 24, S. 12.
[21] Tadeusz Kudliński, Ob³awa na Fausta (Treibjagd auf Faust). In: Dziennik Polski. 16. 1960. Nr. 46, S. 3; Bogdan Danowicz, Urfaust Goethego i Feliksa Konopki (Der Urfast von Goethe und von Feliks Konopka). In: Nowa Kultura. 12. 1961, Nr. 26, S. 4, 11.
[22] Grzegorz Sinko, Szko³a klasyki i coś wiêcej (Die Schule der Klassik und noch etwas mehr). In: Nowa Kultura. 13. 1962, Nr. 39, S. 4.; Jan K³ossowicz, Smutne przedstawienie (Eine traurige Aufführung). In: Przegląd Kulturalny. 11. 1962, Nr. 39, S. 8.
[23] Leonia Jab³onkówna, Ifigenia. In: Teatr. 16. 1961, H. 6, S. 4-7; Gabriela Pianko, Ifigenia. In: Meander. 16. l961, H. 5. S. 287-288; Andrzej Wirth: Ifigenia we Wspó³czesnym (Iphigenie auf der „Bühne der Gegenwart“). In: Nowa Kultura. 12. 1961, Nr. 8, S. 4.
[24] I. Kubicka, Ifigenia w Teatrze Lubuskim (Iphigenie im Theater in Gruenberg). In: Gazeta Zielonogórska. 11. 1962, Nr. 256, S. 6; Jan Horowski, Ifigenia w Taurdzie. In: Meander. 19. 1964. H. 4, S. 181-182.
[25] Maria Kofta, Faust odhistoryczniony (Der enthistorisierte Faust). In: Nowa Kultura. 11. 1960. Nr. 21, S. 8; Micha³ Misiorny, “Faust” czy “Falst”? (“Faust” oder Falst”?). In: Tygodnik Zachodni. 5. 1960, Nr. 19, S. 6, 8; Jerzy Kmita, Na marginesie poznańskiego przedstawienia “Fausta” (Zur Posener “Faust”-Inszenierung). In: ebenda. Nr. 21, S. 9; Elżbieta Elbanowska, “Faust” bez Goethego (Ein “Faust” ohne Goethe). In: ebenda, Nr. 24, S. 6.
[26] Gregorz Sinko, Faust Szajny – wyciąg z metryki (Szajnas Faust – Auszug aus der Geburtsurkunde). In: Dialog. 15. 1971, H. 10, S. l49-l62; Kazimierz Korcelli: Faust w Warszawie czyli d³uga podróż myśli ludzkiej (Faust in Warschau oder die lange Reise des menschlichen Gedankens). In: ebenda, S. 163-166; Maria Canerle: Szajna i Faust. In: Teatr. 26. l971, H. 18, S. 16-19; Marta Fik: Ma³e i duże cele Fausta (Fausts grosse und kleine Yiele). In: ebenda, kS. 19-21.
[27] Jaros³aw M. Rymkiewicz, Faust w Teatrze 50 Krzese³ (Faust im Theater der 50 Stühle). In: Odg³osy. 4. 1961, Nr. 45, S. 6.
[28] Krystyna Zbijewska, Po raz pierwszy ca³y Faust (Der ganze Faust – zum erstenmal). In. Dziennik Polski, 21. 1965, Nr. 229, S. 6.
[29] Andrzej Multanowski, Proszê wybaczyć, Panie Goethe (Herr Goethe, bitte vielmals um Entschuldigung). In: Tygodnik Kulturalny, 33. 1989, Nr. 21, S. 12; Łukasz Ratajczak, Faust – Teatr Nowy (Faust im Neuen Theater). In: Tygodnik Polski, 8. 1989, Nr. 23, S. 13.
[30] Witold Fillelr, Mefisto i ocean s³ów (Mephisto und ein Ozean von Worten). In: Kultura, 9.1971, Nr. 45, S. 10; Andrzej Kijowski, Zobaczy³em “Fausta” (Ich sah den “Faust”). In: Tygodnik Powszechny, 1971, Nr. 43, S. 8.