Orbis Linguarum Vol. 9 (1998)
Poznañ
„Erschießen will ich nicht!” Als Offizier und Christ im totalen Krieg – zum Kriegstagebuch von Dr. August Töpperwien 1939-1945
Das Ostfront-Tagebuch von Doktor August Töpperwien geriet in meine Hände durch Zufall. Ein Lehrer brachte das Notizbuch in den Verlag Wydawnictwo Poznañskie; Schüler hätten es auf dem Dachboden in einem schlesischen Dorf gefunden. In Zusammenarbeit mit Dr. Thomas Schneider vom Erich Maria-Remarque-Zentrum der Universität Osnabrück konnte Kontakt zu den Nachkommen des Verfassers aufgenommen werden. Uns beiden wurde Einblick in die ersten beiden Teile des Tagebuches und in weitere Familiendokumente gewährt, sowie die Erlaubnis erteilt, aus den Tagebüchern zu zitieren. Nachdem ich das Ostfront-Tagebuch (13.5.1943 – 6.5.1945) der Nachfahren von August Töpperwien übergeben habe, befindet es sich nun geschlossen in den Händen der Familie. Die Erben von August T. erwiesen Dr. Thomas Schneider und mir gegenüber tiefes Vertrauen, wofür wir ihnen authentisch dankbar sind. Doktor Thomas Schneider und ich haben den handschriftlichen Text des ca. 250 Seiten zählenden Tagebuches sachgemäß bearbeitet. Leider ist es uns trotz vieler Bemühungen bisher nicht gelungen, einen Verleger für die Edition in Deutschland zu finden. An zwei Stellen[1] konnte ich bisher über das Tagebuch berichten: in Form einer Mini-Anthologie ausgewählter Tagebucheintragungen und einer Studie zur Interpretation eines wichtigen Motivs des Tagebuches.
Ein Wehrmachtsoffizier mit Weltkriegserfahrung, von überdurchschnittlicher
humanistischer Universitätsbildung, erfährt und reflektiert den Zweiten
Weltkrieg in einem Tagebuch, das er vom 3. September 1939 bis zum 6. Mai 1945
führt. Zwei Worte zur Vita von August Töpperwien: Geboren 1892 zieht er 1914
als Freiwilliger in den Weltkrieg, aus dem er als Leutnant zurückkehrt. Nach
dem Studium der Romanistik, Anglistik und Theologie, Promotion in Anglistik. Seine berufliche Laufbahn stabilisiert sich 1926, nämlich als Studienrat im Bergischen Land. Im Sommer
1940 wird er eingezogen und dient (als Leutnant, Oberleutnant und Hauptmann)
in der Wehrmacht, nämlich in einem Oflag für französische, jugoslawische und
britische Kriegsgefangene in der Nähe von Münster.
Im Mai 1942 wird Doktor Töpperwien, auf eigene Bitte, als Ordonnanzoffizier
an die Ostfront versetzt, in die Nähe von Smolensk, Stalingrad, Charkow... Die
Topographie der im wichtigsten Teil, nämlich im Ostfronttagebuch
festgehaltenen Erfahrungen, läßt sich dank der erstaunlichen Präzisierung von zeitlichen
und räumlichen Einzelheiten gut festhalten. Sie erfaßt die unmittelbare
Zeit vor Stalingrad über den Beginn des Zerfalls der Ostfront im Frühling 1943
bis zum Untergang des Dritten Reiches, bis zu Hitlers Tod. Auch die von der
Zeitgeschichte betroffenen Räume sind klar ablesbar. Es sind die Südukraine, Moldawien, Siebenbürgen,
das ehemalige Südostpolen um Lemberg und weiter in Richtung Westen, und dann
das Riesengebirge, Schlesien. Der mehrere Wochen dauernde Heimaturlaub 1943/44,
verbunden mit einem Krankenhausaufenthalt, gewährt dem Verfasser einen
direkteren Einblick in das ,zivile’ Kriegsleben, ähnlich wie die oft und gern
zitierte bzw. herbeigezogene Heimatkorrespondenz.
Die Narrationsstrategie des Tagebuches ist
anzusiedeln zwischen der eines ,authentischen’, eines
,eigentlichen’ Tagebuches, solch eines also, das den Tagesablauf des Autors
zweckmäßig segmentiert, (mit)bestimmt und ihm Sinn verleiht, und der Poetik eines
artifiziellen Tagebuches, verfaßt mit einem
Seitenblick auf den zukünftigen Leser und im Hinblick auf die
beabsichtigte, nicht auszuschließende Wirkung. Das Tagebuch ist sowohl als eine
Art Selbstrechtfertigung zu lesen, eine Niederschrift über das persönliche
Drama unterlassener Handlungen und nichtgefällter Entscheidungen – auf mentaler
Ebene also, im Bereich praktischer alltäglicher Stellungnahmen, der Unterlassungen
und des Beiseite-Sehens –, als auch als eine Art Vermächtnis für seinen Sohn.
Der Tagebuchautor verfaßte seine, einerseits zusätzlich vielfach ergänzten,
andererseits mehrfach (quasi) selbstzensierten Notizen unter einem
Legitimierungsdruck sowie unter dem Druck seines Rollen-Selbstverständnisses:
eines Deutschen, eines Christen, eines Vaters. Die ichbezogenen
Rahmenbedingungen der Legitimierung konnte der Verfasser jedoch nicht
,vorausplanen’. Das verleiht so manchem niedergeschriebenen Erlebnis im
Nachhinein einen Überraschungseffekt.
Das Tagebuch ist als ein bewußt geführtes und ebenso
bewußt abgeschlossenes Werk
zu verstehen und zu deuten. Der invokative Abschluß läßt keine Zweifel aufkommen,
daß Dr. Töpperwien an eine Art Vermächtnis gedacht hat. Die wohl aus mehreren
Gründen erfolgte zusätzliche Ergänzung,
Präzisierung, Retuschierung und Zensierung der Notizen, ja, die narrative Strategie alleine (dokumentierende
Zitierung von Lektüre- und Korrespondenzfragmenten
sowie Lektürehinweise, die nicht nur als Bildungsbelege zu verstehen
sind), verweist darauf hin, daß das Tagebuch
als eine Lektüre auch, wenn nicht vor allem, nach dem Kriege gedacht
gewesen ist.
Kriegserfahrungen sammelte Doktor Töpperwien schon in Gesprächen mit
Kriegsgefangenen sowie Kameraden, die auf
Urlaub kamen, mir der eigentlichen Misere wurde er erst in der Ukraine
konfrontiert. Die sich rasch wandelnden Kriegs- und Kampfbedingungen lassen
den Etappendienst in immer stärkerem Maße zum (Fast-)Fronteinsatz werden.
August Töpperwien erfährt die Kriegshandlungen in einer spezifischen
Zwischensituation: weder an der Front noch in der Etappe. Die Rückzugs-, wenn
nicht Fluchtbewegungen der Truppen in den letzten zwei Kriegsjahren brachten
den Verwalter und Bewacher von Kriegsgefangenenlagern zunehmend in eine
direkte, mitunter sogar bedrohliche Frontnähe. Es ist sogar berechtigt von
unmittelbaren Verwicklungen in
Kampfhandlungen zu sprechen. In der
vorletzten Phase seines Rückzugs, in den ehemals polnischen Ostgebieten
um Lemberg, lernt der Verfasser die Partisanenbewegung differenzierter zu
sehen. Die wahrnehmende Ahnung der auf ihn, auf die Wehrmacht zukommenden
Niederlage, wird gefiltert durch des Tagebuchautors traumatische Erfahrungen
aus dem Ersten Weltkrieg.
Und es sind weniger die
Kriegserfahrungen selbst, als die des
,Nachkriegs’, die düster bedrückenden Erlebnisse des Zerfalls der
kaiserlichen Armee, der gegen Befehlsgewalt und Obrigkeit meuternden
Soldaten, die das Gedächtnis des Doktor Töpperwien beunruhigen. Vom Spätsommer
1943 bis in die direkt bevorstehende Niederlage wird August Töpperwien vom ,Dolchstoß’-Gespenst verfolgt. Fast
leitmotivisch wird es im Tagebuch festgehalten. „Mit Grauen [denkt er] an
1917/18!” (27.8.44), um jedoch aufatmend feststellen zu können, daß es weder in
der Heimat, „trotz der furchtbaren Fliegernot keinerlei Revoltestimmung”
(22.12.43) gebe, noch an der Front „der Geist der Revolte von 1918 [...] immer
noch fern” ist (20.7.44). Selbst noch im Generalgouvernement (Tarnow, 27.8.44)
meint er sich an diese Erkenntnis klammern zu können: „Eines ist schön! Der
Geist der frechen Revolte von 1918 immer nur erst in ganz wenigen!” Einige
Wochen später (6.10.44) wiederholt er erleichtert: „Aber Gott sei Dank ist der
Geist der Revolte weiter fern!”
Die Einmaligkeit der Erfahrungswelt von Doktor Töpperwien ist in seiner
spezifischen Rolle als Kriegsgefangenenbewacher, Ausbilder von Hiwis und
Rückzugsverantwortlicher an der Ostfront zu sehen. Die Verantwortung für die
Aufnahme, Bewachung und Gewinnung der sowjetischen
Kriegsgefangenen für den Hilfsdienst sowie für die Bergung durch Rückzug und Evakuierung seiner
Untergebenen und Kriegsgefangenen,
dazu noch in unmittelbarer Frontnähe,
konfrontierte den Verfasser unausweichlich mit Realitäten, die weit
über die an der Westfront, zum Beispiel, hinausgingen.
Untersuchungen über den sogenannten Kommissarbefehl und Massenexekutionen
sowjetischer Kriegsgefangener – erinnert sei an die Untersuchungen von
Christian Streit und Hans-Adolf Jacobsen – zeigen überdeutlich, wie auf
weltanschaulicher als auch pragmatischer Ebene „von dem Standpunkt des
soldatischen Kameradentums” – so Hitler in seiner Ansprache vor den Generalen aller Wehrmachtsteile am 30. März
1941 – abgerückt werden sollte und auch wurde.[2] Die organisatorische Unterstellung des
Verfassers wird erstaunlich oft beim Namen bekanntgegeben. Es ist die Rede von
Dulag 155, 111 und 152. Es geht dabei um deren Rückzug. Später ist die Rede von
einzelnen Stalags: 301, 327 und 324. Auch die „Armee Gef-Sammelstellen” 49, 50
und 33, das Quartier des XIII. Armee-Korps werden genannnt. Es handelt sich
dabei meistens um die Aufgabe der ,Ablösung’. Im letzten Fall dagegen wird der
mörderische Hintergrund der Todesmärsche aufgezeichnet, als Kontext für die
Entscheidung des Verfassers: „Erschießen will ich nicht!” Selbst von der
„Unterstellung Heeresgruppe ,Nord- Ukraine’” ist die Rede. Erstaunlich ist
auch die fast buchhalterische Festhaltung von Zahlen der Kriegsgefangenen in
den einzelnen Lagern, während der Evakuierung oder der Verladung (3.6.44).
Doch weit gewichtiger für die Erfassung der persönlichen Erfahrungen des
Verfassers ist das Festhalten des Aufgabenbereiches sowie der – wegen der sich
oft blitzschnell ändernden Umstände – verschiedensten Funktionen des Autors.
Diese Informationen nehmen – wenn manchmal auch auf den ersten Blick nur als
inzidentell zu verstehen – einen erstaunlich breiten
Raum ein. August Töpperwien ist Lagerleiter und selbständiger
Lagerführer sowie Leiter eines Nebenlagers, er leitet ein Vorlager, spielt „die
Rolle eines stellvertretenden Kommandanten”, leitet ein Auffanglager und ist
sogar Ortskommandant! In diesen
Eigenschaften ist er „viel im Wagen unterwegs”. Meistens macht er „Erkundungsfahrten” und sucht nach besten
„Rückmarschstraßen”, um „die Gef. nach hinten
zu schieben”, die „Zivilevakuierung” durchzuführen, die Einheit bzw.
die Gefangenen „durchzuschleusen” sowie „Kosakentrecks” zu verladen. Er führt
(„Dulag-Fahr)Kolonnen”, er ist – in Form von Sonderkommandos – für den
„Abtransport” marsch(un)fähiger Kriegsgefangenen verantwortlich. Und er ist beteiligt,
immer wieder, an der „Hiwi-Fabrikation”. Auch „Lagerrevisionen”, Ablösung von
Stalags, Räumung, Übernahme, Errichtung und Ausbau (neuer) (Auffang)Lager und
Nebenlager, sowie „Lager für Zivilevakuierte”, Betreuung von „Kgf-Sammelstellen”
und „Sonderlager für Partisanen-Verdächtige”
sowie „Auskämmung der waldreichen Gegend südlich Tarnow”, Kontrolle von
„Arbeitskommandos” und Kontrollfahrten der „Treckstraßen” und, Quartiersuche
„Wegerkundungen” sowie ideologische Aufbereitung gehören in seinen
Aufgabenbereich. „Referate”, „Ansprache(n) an Wachleute u. Hiwi” werden gehalten. Ja. er übernimmt sogar
die „Funktion des politischen Schulers der
Einheit [...] (N.S-Offizier = Jede Woche zwei Vorträge)” (11.10.44), so
daß auf ihn „viel Arbeit mit geistiger Betreuung” zukommt (9.11.44). Die „Betreuungsstunden
finden [sogar] Anklang bei einem Teil der Leute” (22.11.44). Er nimmt am
„Kursus für militärische Ausbilder” teil (12.12.44).
Zuletzt vertritt der Verfasser noch seinen
Kampfkommandanten (28.4. und 2.5.45). Notiert wird die „tiefe Niedergeschlagenheit der Truppe” (28.10.43) als
Reaktion auf die beunruhigenden Frontnachrichten, sowie „Zersorgte, zermürbte
Gesichter unter den Deutschen” (19.4.44), zugleich aber auch „Feigheit u.
hemmungslose Raubgier” (30.10.43) während der Flucht. „Kgf sind tagelang ohne
warme Verpflegung. Vieh verreckt zu Tausenden!” (5.4.44). Die „Etappenruhe”
(30.7. und 3.8.43), das „Etappenleben” (15.8.43) ermöglichen Doktor Töpperwien
das Lesen und das Aufzeichnen; die „Etappenschwärmerei” jedoch, die
Möglichkeit fürs Nachsinnen also, wird ihm selbst unheimlich.
August Töpperwien ist sich in wachsendem Maße der heraufziehenden
Katastrophe bewußt. Schon in der ersten Eintragung heißt es (3.9.39): „Es ist
alles ganz anders mit mir als vor 25 Jahren!!”
Und: „Mir ist immer, als müßte noch jemand Einhalt gebieten!!” Nach den
ersten Erfahrungen an der Ostfront heißt es (15.2.43): „Die Politik des Führers
wird unser Volk vor die schwerste politische
Probe unserer Geschichte stellen.” Das „Gott Gnade uns”-Stichwort ist für ihn
nicht erst Anfang Mai (2.5.) 1945 aktuell, es begleitet ihn schon seit seiner
Rückkehr aus dem Urlaub (20.7.44). Das ,Ende mit Schrecken’ des totalen Krieges wird zunehmend aus den Wehrmachtsberichten,
den Nachrichten und Gerüchten aus den besetzten Gebieten sowie aus eigener
unmittelbarer Erfahrung herausgelesen und zusammengelegt. Diese informative
Dreieinigkeit ließ den Verfasser bange werden um die Zukunft der Nation, um die
seiner Familie. Das Herannahen der Katastrophe wird abgelesen am Rückzug an den
einzelnen Fronten sowie an der Lage
insgesamt. Düstere Ahnungen verfolgen den Verfasser ebenfalls
hinsichtlich der Ostfront (17.8.43): „Noch immer Ruhe! Aber ich glaube, der
Winter wird total anders hier aussehen!” Nach dem Angriff gegen die Dnjepr-Linie (22.10.43) heißt es: „Hat der Zusammenbruch
der Ostfront begonnen?!?!” Und
weiter (27.7.44): „Die Katastrophe im Osten ist da! Ich sehe keine Möglichkeit
eines Waffensieges mehr! Was kommen wird, muß furchtbar sein!”
Die Wahrnehmung der Ausrottung der Juden sowie der totale Vernichtungskrieg
im Osten sind im Tagebuch von Anfang an durchgehend anwesend; sowohl in der
Form eines verallgemeinerten Memento, einer
Evozierung des Furchtbaren, moralisch Nichtakzeptierbaren und – wegen
Vergeltung – Bedrohenden, als auch persönlicher Betroffenheit. Zu unterscheiden ist nämlich das Wissen über
die Ausrottung der Juden und der Kriegsgefangenen überhaupt von der Betroffenheit der Kriegsgefangenen, die
sich in der unmittelbar situationsgebundenen Befehlsgewalt des Verfassers
befinden. Die Eintragungen belegen wiederholt,
daß unter Wehrmachtsangehörigen die verschiedensten Ausrottungsmaßnahmen
in den besetzten Gebieten sowie das Behandeln von Kriegsgefangenen bekannt
gewesen waren. In der ersten Eintragung dazu heißt es (21.12.39): „Urlauber aus
Kulm erzählt davon, daß Polen ohne
Juden sei u. daß nach seiner Ansicht die Juden in Polen weithin massakriert
sind.” Und (21.5.40): Ich erfahre, daß Soldaten, die jetzt aus Polen heim kommen, in aller Form
verpflichtet werden, nichts zu berichten
von dem, was sie in Polen gesehen haben!” Und (3.Advent 40): „Ist unsere
viel größere Not wirklich die Rechtfertigung unseres Verhaltens gegenüber den
Polen?” Im Oflag (20.2.41): „Der Frühling naht! Und mit ihm ein blutiges
Geschick: ein Vernichten u. Morden, wie es unsere Geschichte, auf so kurzem
Zeitraum zusammengedrängt, wohl noch nicht erlebt hat!”
Über seine unmittelbaren Erfahrungen im
Lager (21. und 23.5.41): Die Gefangenen hungern z.T. – vor allem die Kranken... Mir graut vor den kommenden
Wochen, falls die Ernährung so reduziert bleiben sollte!” Über die Situation in
Kriegsgefangenenlagern (30.7.41): Nach Tisch
erzählte Hptm. Mahlow von seinem Besuch im Russenlager ,Senne’: Hölle von Torzkje! Erdhöhlen. Ist unter
den Russen da der Dichter, der dies Elend nicht seinem Volk schildern wird?”
Dazu (25.10.41): „Ich erfahre, daß in den
Russenlagern Gefangene aus Hunger sich an den Leichen vergreifen (Herz
u.s.w.)!!!” Und dann der erste persönliche Kontakt mit dem Grauen
(27.11.41): „Russenelend jetzt vor unseren Augen: 200 Mann Arbeitskommando.
Einer starb bei der Ankunft auf dem Bahnhof Warburg, einer auf dem Marsch von
dort nach Dössel, zehn inzwischen in den Baracken. Augenblicklich liegen 70 an
,Ruhrverdacht’. Kein Arzt kümmert sich um sie. Nur jüdische Ärzte
zugelassen...” Auf Holocaustspuren stößt August Töpperwien unmittelbar nach
seiner Ankunft in der Ukraine (24.6.42): „In unserem Dorf wurden 300 Juden erschossen. Beide Geschlechter, alle Alter.
Die Leute mußten ihre Oberkleidung ablegen... u. wurden durch Pistolenschüsse
umgelegt. Massengräber auf dem hiesigen Judenfriedhof.” Auch Nachrichten
dringen zu ihm (18.11.43): „Gestern aus dem Munde eines ostpreußischen
Landwirts furchtbare angeblich authentische Einzelheiten darüber gehört, wie
wir in Litauen die Juden (vom Säugling bis zum Greis) ausgerottet haben!”
Für den Verfasser ist das der Anlaß einer moralischen Reflexion: „Wer darf
in einem Kriege nach gesittetem Denken getötet werden: der Soldat, der mit der
Waffe oder anderen Mitteln [...] kämpfende
Zivilist, in grundsätzlich eng begrenztem Umfang der nicht kämpfende
Zivilist im Vergeltungsakt.” Die „angeblichen” Einzelheiten werden für den
Verfasser sehr bald zur Gewißheit (22.11.43): „Wir vernichten nicht, bloß den
gegen uns kämpfenden Juden, wir wollen dieses Volk (als solches) buchstäblich
ausrotten!” Die Nachricht von den Ausgrabungen in Katyñ verbindet der
Verfasser mit dem „Gerücht, nach dem die jüngst gemachten deutschen Gef. die
von uns in der Ukraine erschossenen Juden ausgraben müssen” (25.4.44).
Eine der Aufrechnungen der Verbrechen der drei
„gottlosen” Mächte endet mit wortwörtlichem Hinweis auf
den Holocaust (17.3.44): „unser Kampf gegen die Juden (Sterilisierung
der gesunden Frauen, Erschießung vom Säugling bis zur Greisin, Vergasung
jüdischer Transportzüge)!” Wahrgenommen wird
auch die Taktik der „verbrannten Erde” (5.9.43): das Bild „der von uns in Brand gesetzten Schächte!”, die
Sprengung der Brücken über den Dnjepr
(27.9.43). Das Elend der (zwangs)evakuierten Zivilbevölkerung von Dnjepropetrovsk wird nicht übersehen (22.9.43) wie
auch – auf dem Wege nach Odessa – „4 Gehängte auf
einer Bahnstation: die ersten, die ich sah” (22.12.43).
Auch die Tatsache, daß Kriegsgefangene
„nicht gemacht werden” (20.7.44), ist
dem Tagebuchautor bekannt, selbst aus
direkter Nähe. Aus der Gegend von Petersdorf wird knapp mitgeteilt
(13.3.45): „Kaum Gefangene [...]: es wird
– nach Aussagen der Soldaten – das meiste niedergemacht! Rasende Wut über die furchtbaren
Greueltaten der Russen!” Zustimmend wird die
Meinung des Abwehroffiziers Gluck geteilt (26.3.45), daß „Russen als ,Untermenschen’” angesehen und behandelt worden
sind, insbesondere in Form von „Gef-Behandlung”.
Die „wachsende Erschöpfung der Kgf.” (9.9.43) wird nicht verdrängt und
im wachsenden Maße festgehalten. Über den Rückzug in Moldavien heißt es
(11.4.44): „Furchtbares Elend der Viehtrecks u. der Kgf-Transporte! Vieh u.
Menschen verenden zu Hunderten vor Hunger!”
Das Bild des mitorganisierten und
-zuverantwortenden Rückmarsches wird ergänzt durch mitgeteilte
Berichte: „Ein Transportführer, den ich eben bat, einen halbtoten Russen von
der Dorfstraße wegzuholen, erzählte mir, daß er von 1000 Zivil-Wehrf. an die
400 im Schneesturm hat tot oder halbtot am Wege liegen lassen müssen [...] Ich
höre von zwei Lagerführern, die sich aus Verzweiflung erschossen haben!” Die andauernde Flucht von Kriegsgefangenen ist
verständlich: „Nähe der Front u. – Hunger!” Den Eintragungen ist
mittelbar zu entnehmen, daß „marschunfähige”
Kriegsgefangene getötet werden: „In der Ferne auf der Landstraße zogen
Kgf-Kolonnen heran. Staub wirbelte auf – über den Wald her schallten aus
unserem Dorf gellende Rufe der Kgf [...] Feierlicher und erschütternder Morgen zugleich!” Und daß sie vor Hunger
sterben (20.4.44): „Äußerste Schwierigkeiten bei der Beschaffung von
Verpflegung u. Futter [...] Hungernde, verhungernde Gefangene.” Wiederholt wird
auf das Unrecht und Verhungern der Zwangseingelieferten hingewiesen (12.9.44):
„Die Anverwandten der im Sonderlager Eingelieferten kommen, um Nahrungsmittel
zu bringen. Jammerszenen. Viele schwere politische Mißgriffe!”
Russen bzw. Ukrainer, mit denen der Verfasser persönliche Bekanntschaft
schloß, werden individualisiert und auf deren freundliche Beziehung zu dem
Tagebuchautor stigmatisiert. Das betrifft vor allem die Wirtinnen. Betont
werden all diejenigen Gespräche mit Russen, in denen der Unterschied zwischen
Kommunismus/Bolschewismus/Stalin-System und ,wahrem’ Russentum” thematisiert ist (21.5.43).
Eines wird auf jeden Fall deutlich: die zunehmende Reflexion über die
„falsche” Behandlung der „minderwertigen Menschen” im Osten. Doktor Töpperwien
scheint vor seiner Ostfronterfahrung ein anderes Bild der russischen Gesellschaft gehabt zu haben (3.7.43): Vor
einem Jahr „die erregende Erwartung eines unheimlichen Erlebnisses: Rußlands!
Heute steht mir dieses Rußland in seiner ganzen brutalen Art vor Augen. Man muß
immer wieder Herz u. Gewissen anstoßen, um
nicht zu vergessen, daß unter der Hülle von soviel Öde u. Dumpfheit die
Seele eines Volkes leidet, verzweifelt u. hofft!”
Es fehlt jedoch andererseits nicht an Feststellungen, die das
heterostereotype Bild zum ethnischen Vorurteil werden lassen (22.8.43): „Diese
Russen sind ohne eigenen Willen. In Bewegung geraten sie nur auf Befehl. Und
wer nun richtig befiehlt, bringt sie zu allem, ob er Zar oder Stalin heißt.”
Ähnlich ist auch eine andere Notiz zu verstehen: „Sie leben wie Kinder dem
Augenblick” (8.?10.43) Und weiter (30.4.44): „Schwer liegt einem auf der Seele
die [...] Erinnerung an [...] die stumpfe Gelassenheit ihrer Menschen, die
Abwesenheit jeglicher individuellen Ordnung im ukrainischen Dorf [...]” Die
stalinistische Ausrottungspolitik wird demonstriert am Beispiel eines Dorfes
von Wolgadeutschen (18.11.43). Hingewiesen wird auf die Angst der Einwohner
„vor der Rückkehr Stalins” (16.3. und
25.4.44): „Ein erschreckendes Bild, diese Menschen, die vor ihrer eigenen Armee fliehen.” Subsumierend meint
der Tagebuchautor, trotz aller Ausrottungsmaßnahmen, sagen zu können (5.5.44):
„Überall begegnet man dem hochachtungsvollen Gruß der Landbewohner: sie sehen
doch in uns den {erhofften} Retter [...] {vom} Bolschewismus”. Das betrifft
auch die polnische Bevölkerung (28.7.44): „Alles
hier zittert vor dem andringenden Bolschewismus: Allgemeiner Wunsch auch
unter den Polen: Wenn nur die Deutschen bleiben! Große Gastfreundlichkeit der
Bevölkerung.”
Die ,abendländische’ Optik, der – um
einen adäquateren Begriff zu bringen – okzidentale Rationalismus mit
seinen vorgeprägten Zivilisationswerten, läßt den Verfasser immer wieder auf signifikante Merkmale der ,asiatischen’
Formation zurückkommen. Vor allem ist er der „furchtbare Dreck”, „verdreckte” und „verkotete”
Straßen, „Verkotung”, „furchtbarer Kot”, der
„Sumpf” und der „Schlamm”, ein Syndrom also, das sich leitmotivisch in den Vordergrund drängt. Die Metapher vom
„Fleiß” der deutschen Hände, das Bild der wolgadeutschen Dörfer macht es
ebenfalls deutlich: „Arbeit u. Ordnung – Besitzstolz – Gemeinschaft(sinn) [...]
Verfall – Ende!” Zivilisationskritische Vergleiche tauchen auf (2.5.44): „Wie
ein Stück deutschen Landes, mit seinen sauberen Straßen, rotbedachten Ortschaften und Feldern u.
Bergen liegt dir Ostungarn dar!” In der Gegend von Lemberg lobt der Verfasser
saubere polnische Dörfer „mit seltenen altem Baumschmuck” (28.7.44); „Diesseits
des San etwa beginnt die Zivilisationsstufe Mitteleuropas.”
Ein Teil der verwendeten Stereotypen, wie das der „roten Flut Asiens” oder
die „asiatische Flut”, ist wohl auf das Konto der geläufigen LTI, der Sprache
des Dritten Reiches, zurückzuführen. Das trifft übrigens auch auf das in
bestimmten Kontexten verwendete Wort „der Führer”, „feldgrauer Rock”,
„politisch unsichere Elemente” zu. Die Haltung des Tagebuchautors ist zugleich
eine Resultante seines in der christlichen Tradition verankerten
Verantwortungsbewußtseins sowie seiner inneren Unsicherheit. Er Verfasser
fühlt sich im Sinne seiner internalisierten Pflichtethik seiner Familie, seiner
Untergebenen, ja sogar den Hiwis und Kriegsgefangenen gegenüber verantwortlich.
Nach einigen Monaten Dienst im Oflag heißt es (18.11.41): „Die Linie der
soldatischen Offenheit u. der humanen Behandlung fortgesetzt.” Und nach den
ersten Erfahrungen mit den Kriegsgefangenen an der Ostfront (4.9.42): „Immer
das leise bedrückende Gefühl, der Pflicht nicht genüge zu leisten u. als
mangelhaft diensttüchtig zu erscheinen!”
Andererseits wiederum meint er der Situation psychisch – nicht
intellektuell! – nicht gewachsen zu sein. Seine Devise vom Anständig-sein
verbietet ihm einerseits Vertraulichkeiten mit solchen Kameraden, die er nicht
akzeptiert, wenn nicht sogar verachtet, andererseits, als „Nebenprodukt” seines
Verantwortungssyndroms (Familie, Heimat, Deutschland, Europa- Abendland),
zwingt sie ihm (Durch)Haltung und „Zucht” auf. Einerseits wird Doktor
Töpperwien strafversetzt und läßt sowjetische Kriegsgefangene entkommen, andererseits jedoch, selbst noch Ende 1944,
übernimmt er die Funktion eines N.S.-Führungsoffiziers und leitet als
stellvertretender Kampfkommandant „ein armseliges Häuflein” (14.4.45).
Der (Front-)Aufgabe meint der Tagebuchautor nicht
gewachsen zu sein. Unmittelbar nach der Rückkehr vom Heimaturlaub
sieht er sich gezwungen festzustellen (15.5.43): „ [...] immer wieder
das schmerzliche Empfinden des Nichtgenügens vor meinen Aufgaben!!” Die Stunden
ohne Dienst und direkten Einsatz sind zwar willkommen als Augenblicke für
Lektüre, Reflexion und Schreiben, andererseits jedoch verleihen sie zu
allzuvieler Grübelei. Von unguter und zerrüttender „Etappenschwärmerei” ist
dann die Rede. Oder es wird aufgeatmet: „Gott sei Dank, daß es wieder viel
Arbeit gibt!” (20.5. und 28.5.43). Er ersehnt sich mehr Autorität (29.5.43):
„[...] das Glück darüber, daß meine Leute in der Einheit mir so willig folgen; ich habe Autorität: meine
natürliche Art wird nicht mißverstanden.” In seiner Selbstwahrnehmung versteht
sich also der Verfasser als ein ,anderer’. Und er befürchtet, zu Recht
übrigens, wie es weitere Eintragungen über einzelne Vorfälle zwischen ihm und
seinen Kameraden und Vorgesetzten zeigen, daß er auch in der Fremdwahrnehmung
so gesehen wird.
Verständlich wird sein Zögern bei der Beauftragung ihm des Postens eines
stellvertretenden Kommandanten (2.10.44):
„Es liegt mir ja gar nicht, den
höheren d.h. nur beaufsichtigenden Vorgesetzten zu spielen. Ich müßte
mich täglich verkrampfen! So verzichte ich auf
die Erzwingung dieser Haltung u. suche Einsatz außerhalb des Hauptlagers.”
Andererseits ist der Tagebuchautor bemüht selbst in den letzten
Kriegswochen, die Befehle auszuführen (18.2.45): „14 Fluchten! Trotz aller
Gewissenhaftigkeit!”
In einem Heiseler-Zitat wird jenes Fragment hervorgehoben, daß die Ethik
der Haltung in den Mittelpunkt stellt: Von „unsäglicher Kraft” kann dann die
Rede sein, „wenn ein Mensch so ist, wie er sein soll” (9.10.43). Daher auch die
Berufung auf Moltkes Charakterisierung humanistischer Werte, nämlich auf „,die
Lauterkeit des Strebens u. das treue Beharren
in der Pflicht’” (9.12.43). In der Untergangsstimmung des Stettl
Grodek, das dank Georg Trakl bekannt geworden ist, versucht der Verfasser
verzweifelt mit dem Ideologem des Muß moralische Klarheit zu schaffen
(25.6.44): „Wir müssen glauben, glauben und kämpfen!” Der blanke Egoismus, die
Kleinlichkeit und der Hader sind es, die Doktor Töpperwien an der Lauterkeit
der Kriegführung zweifeln lassen. Die Untätigkeit, Unverantwortlichkeit und
fehlende Initiative der „Höhergestellten” (7.9.43) macht ihn kritisch.
Und es geht doch darum, daß der „Opferwille [...] an diesen Tatsachen”,
d.h. an den Aufgaben (30.5.43), wachsen muß, daß man an der Professionalität,
in der Ordnung des Alltäglichen nicht versagt (7.9.43). In „traurige(n)
Bild(ern) der Feigheit u. Gemeinheit”, der Eigensüchtigkeit, des Haderns, in
der „unglaubliche(n) Gaunerei”, der Kleinlichkeit sieht der Verfasser „Beispiele der zuchtlosen Willkür
in dieser Zeit”. Im Kommentar dazu meint man Ansätze einer Kritik von formaler
Disziplin zu entdecken: „Es steckt dem Deutschen im Blut! Er hält nur Zucht,
wenn er Zucht über sich spürt!” Cromvells Erfolg wird in der „strengstens in
Zucht gehaltene(n) Armee” gefunden (10.12.43). Selbst in einer der Ansprachen „seiner Leute” wird das verbalisiert:
„Anstelle des Gehorsams aus Disziplin müsse
nun mehr treten Gehorsam aus dem Bewußtsein des Furchtbaren [...]
(22.2.44). Immer wieder muß er jedoch feststellen, daß in den meisten seiner
Kameraden „jegliche innere Bereitschaft” fehlt (22.12.44).
Bei allem Pflichtgefühl findet der
Verfasser Übereifer und formalen Gehorsam als unakzeptabel. Ein falscher Marschbefehl, der „einen Offizier [...] auf
Tage” fesselt, wird als „Unsinn” bezeichnet (15.3.44). „Launen charakterloser Vorgesetzter ausgesetzt zu
sein” (12.9.44) hat der Tagebuchautor
„satt”. Das solche Zustände nicht als vereinzelt zu verstehen sind davon
zeugt die Eintragung (6.4.45) „Wie hab ich es einmal wieder satt, bis in die
lächerlichsten Loyalien parieren zu müssen!” Den Vorwurf der Arroganz, einen
„Mangel an taktvoller u. kluger Einfühlung” (27.4.1944), wie ihn die Rumänen
zum Beispiel der Wehrmacht vorwerfen, findet der Verfasser berechtigt.
Charakteristisch ist die Beziehung des Verfassers zur Natur, zur
Landschaft. Sie geht bis zur bewußten Inszenierung seiner Spaziergänge, seiner
Naturerlebnisse. Unmittelbar nach dem Heimaturlaub geht er „allein hinaus aus
den Trümmern u. dem Elend der Stadt – ein[ein]{zwei}stündiger Spaziergang – in
ein stilles Tal” (29.5.43). Mit seinem LKW flüchtet er „auf ein paar Stunden”
in die Karpathen (2.5.44), „in die Berge” (11.5.44). Vordergründig jedoch ist die Natur vor allem Gottes Schöpfung. In
nicht wenigen Naturszenen herrscht eine spezifische Poetik der kognitiven
Illumination; ein mit knappen Worten ungedeutetes Naturereignis wird
kommentarlos mit einem meist erschreckenden oder bedrückenden Ereignis
konfrontiert. „Auf dem Marsch” (9.9.43) wird notiert: „Wundervoll freundliche
spätsommerliche Steppe. Ein paar Lerchenrufe hier u. da. Wachsende Erschöpfung
der Kgf.” Oder (23.4.44): „Sonntag. Herrlich blauen vor mir die Berge! – Ein
nicht abreißender Strom von Evakuierten [...] Bisher 8413 Kgf durchgeschleust.”
Am 18.11.40 heißt es: „Meine treuesten
Kameraden: immer wieder meine Bücher!” Für Doktor Töpperwien, einen akademisch ausgebildeten (Neu-)Philologen
und außerdem noch leidenschaftlichen Leser,
spielte die Literatur eine zentrale, herausragende Rolle. Und dennoch,
so paradox es auch auf den ersten Blick erscheinen mag, behandelte er
fiktionales Schrifttum instrumentell, zumindest unterhalb der Schwelle der
Literarizität. Literatur sollte ausschließlich in den Dienst von Pädagogik,
Geschichtsphilosophie und Morallehre gestellt werden; sich selbst gegenüber
als auch seiner Familie, insbesondere aber seinem Sohn. Auch eine Einordnung
der herbeigerufenen Autoren und Werke nach deren Zugehörigkeit zu einzelnen
nationalen Literaturen ist kaum sinnvoll. Vielleicht ließe sich die russische
Literatur unter diesem Vorzeichen sehen? Auf keinen Fall jedoch die
skandinavische. Das ständige Herbeirufen und Zitieren von Literatur als eine
Art Alibisuche also.
In solch einem Zusammenhang sollte die
Aufschlüsselung der Literatur- bzw. Kulturtraditionen des Verfassers
verlaufen, unter solch einem Zeichen das Anknüpfen an traditionelle Weltliteratur (Ljeskov, die Skandinavier,
Euripides...), an das deutsche, von der Bildungstradition her legitimierte Schrifttum (Eichendorff, Stifter,
Raabe), an deutsche Gegenwartsliteratur
(Edzard Schaper, Rudolf Alexander Schröder, Kurt Ihlenfeld, Bernt von
Heiseler, Hans Carossa, Johannes Linke, Manfred Hausmann) und Werke nichtfiktionaler
Geschichtsschreibung (Theodor Mommsen,
Leopold Ranke) gesehen werden.
Erstaunlich, zumindest auf den ersten Blick, scheinen die
literaturgeschichtliche Heterogenität und das anthropologisch-moralische
Spektrum der zitierten und argumentativ „eingesetzten” Autoren und Werke zu sein. Da ist, fragmentarisch,
deutsche romantische Literatur gefragt (Eichendorff), sowie neukonservatives
und klassizistisches Schrifttum eines Paul Ernst,
Emil Strauß und Wilhelm Schäfer. Auch völkisch-nationalistische Autoren
(Heinrich Zillich, Johannes Linke) lassen sich nicht übersehen. Christliche
Autoren geraten nicht nur dann in den Interessenkreis, wenn sie „als solche”
klassifiziert werden (Schaper, Reinhold Schneider, Schröder, Ihlenfeld),
sondern auch dann, wenn sie in dieser Eigenschaft für die Argumentation
dienlich sein können. Das kann sogar die Gestalt einer direkt präsentistischen
Deutung annehmen, so z.B., indem Paul Ernsts Roman Der schmale Weg zum Glück als ein „Kampf gegen den Bolschewismus aus der Tiefe” bezeichnet wird (20.1.45).
In Stifters Witiko wird die
„Zucht” als zentrale Kategorie behandelt (12.9.44). Die russische Literatur
wiederum, vor allem die eines Fiodor Dostojewski, wird fast ausschließlich als
Steinbruch für geschichtsphilosophische und völkerpsychologische Reflexionen
über „die russische” Seele gewertet.
Die religiöse Lesemotivierung, die
Trostsuche, ist allgegenwärtig. Da wird in Paul Ernsts Roman Der schmale Weg zum Glück nach der
„religiösen Demut, die nur aus dem christlichen kommt”, gesucht (4.1.45), und
bei Hans Grimm die „wertvolle(n) Geschichten aus der Mission” (8.10.44)
geschätzt. In Emil Strauß’ Prosa wiederum sei „das Zeitdenken über Christus”
(16.10.44) anwesend. In Knut Hamsums Roman Segen
der Erde wird die „Religiosität des Bauern ,Isak’” als mit der „Religion
Adolf Hitlers” verglichen (9.8.43). Jacobsens Roman Niels Lyhne, wohl eben als „die erschütternde Tragödie des
modernen Atheismus” (17.3.45), wird „für Rel-Unterricht” (12.4.45) als
brauchbar gefunden. Die, wegen der Zitierung zentrale Stellung der christlich
motivierten Anthologien Zuversicht
und Die Stillen im Lande von Kurt
Ihlenfeld bestätigt es zusätzlich.
Wenn an den Sohn Karl Christoph gedacht wird, ist meistens vom
„Vermächtnis” die Rede (25.6.43): „Edzard Schapers
Henker wirklich mein
politisches u. soldatisches Vermächtnis an Karl Christoph.” Storms Briefe
werden gelesen, um sie darauf, mit Segen, dem Sohne zum Geburtstag zu schenken
(13.3.44). Gelesen wird, immer wieder und immer intensiver gen Kriegsende, vor allem „für” Karl Christoph, den „erste(n) Sohn seines Vaters” (3.9.1944). Euripides zum Beispiel (6.5.1944),
Stifters Witiko, der zur „herrlichen inneren Zucht des Geistes””
(8.9.44) Gewichtiges zu sagen hat, und Paul Ernsts Roman Der
schmale Weg zum Glück (10.1. und 17.1.45). Das Lesen „für” seine
Nächsten umreißt die moralische Position des Verfassers; es läßt sie deutlich
werden ähnlich dem als ethisches Testament artikulierten Briefes „an die
Kinder” (8.9.44).
Die Niederlage des kaiserlichen Deutschlands und das daraus resultierende
„Diktat von Versailles” gehören zum festen und konstituierenden Bestandteil
einer Deutung der deutschen Geschichte im Kontext der Weltgeschichte, die
zugleich dem Tagebuchschreiber seine persönliche Rolle im historischen
Augenblick als sinnvoll, als legitimiert erscheinen läßt. Präziser gesagt:
Doktor Töpperwien ist verzweifelt bemüht diesen Sinn der geschichtlichen
Jetztzeit abzugewinnen bzw. ihn ihr zu überstülpen. Davon hängt ja letztendlich
auch die Legitimierung seiner in Selbstwahrnehmung festgehaltenen Rolle als
Soldat, als deutscher Offizier ab! Die Sinngebung ist unterworfen einer
Wandlung, einer charakteristischen zeitlichen Akzentverschiebung: Im Verlauf
der Zeit wird eine steigend deutlichere Aufrechnung aller (drei) Akteure der
Weltgeschichte durchgeführt: der bolschewistischen Sowjetunion eines Josef
Stalin, des „liberalistischen Westen” eines
Churchill und Roosevelt sowie des Dritten Reiches eines Adolf Hitler.
Schon am 8.9.39 heißt es: „Bricht wirklich in diesen Wochen die alte
europäische Ordnung zusammen? Dann ist sie es auch wert.” Wenige Wochen später
(24.9.39) befürchtet Töpperwien, daß die „christlich-abendländische Solidarität
des bisherigen Europas” zerbreche (26.10.39): „Das Abendland wird jetzt immer
tiefer in 3 Stücke zerhackt: die beiden westlichen Demokratien, die
nationalsozialistische Mitte, der bolschewistische Osten. Was eint die drei
noch? Was kann uns wieder einen? Was haben Nationals. u. Bolschewismus
gemein?!! Irgendetwas außer dem Evangelium?” Die Hybris des (gottlosen)
Menschen wird angesprochen (8.2.40): „Der Mensch ist aus seinen Grenzen
hervorgetreten!?” Und daher (21.4.40): „Man spürt überall deutlich, wie
schnell zugleich mit den Erfolgen A. Hitlers die Flut des Antichristentums
steigt. Die Masse der Gleichgültigen wird
aggressiv. Der Christ wird einsam in Deutschland: umso mehr muß er sein
,Vaterland’ lieben!”
Zwischendurch – so bei der Konfrontation mit dem ,Osten’, also mit Polen
und mit der Ukraine, wird die zivilisatorische Aufgabe im „deutschen
Schicksalsraum des Ostens” beschworen (14.5.42): „Dieses ganze Land –
unentwickelt u. verloddert – wartet auf einen Herrn! Das ist mein wesentlicher
Eindruck! Das Bewußtsein der großen geschichtlichen Stunde ergreift mich
wahrhaft.” Heilsgeschichtliche Hermeneutik wird
strapaziert (5.11.42): „2 Dinge bewegen mich zutiefst: das ständige Grauen vor der wilden
Heillosigkeit der Welt u. die frohe Gewißheit, das das Antlitz Christi Gottes
Antwort darauf ist.” Daher (7.11.42): „Ich zweifle nicht an meinem christl.
Glauben; aber ich zweifle, ob wir Menschen von heute die Kraft haben, die
göttliche Offenbarung uns zu eigen zu machen.” Aber noch am 17.1.43 notiert August Töpperwien: „Ich bekenne:
Es ist lange eine Zeit gewesen, wo
mich die Schnelligkeit unserer Siege bange machte u. mir die selbstsichere
Überheblichkeit in unserem Volk unerträglich war. Jetzt aber, wo deutlich wir,
daß dieser Krieg ein Ringen der Volksgruppen ist u. die Stimmen der Zeit
verhaltener u. verhaltener werden, sehe ich wie die anderen aus nach den Zeichen unseres Selbstbehauptungswillens
u. nach den Siegen unserer Waffen.”
Das Böse des Bolschewismus zwingt ihn zu
glauben (27.1.43): „Stalin u. der Bolschewismus haben die Mittel in der Hand. um die asiatischen
Massen militärisch gegen uns zu mobilisieren!... Siegt der Bolschewismus, dann
wird die angelsächsische Welt am Ende auch dem bolschewistischen Untergang verfallen! Nur der Glaube daran, daß
unser politischer Aufbruch allein die rettenden
Kräfte gegen den Bolschewismus in
sich trägt, u. nicht die Demokratie, kann uns zum Sieg führen! Wir müssen die
Ringe um den Führer immer enger schließen!” Das Axiom von der Sündhaftigkeit aller drei bösen Weltmächte taucht in wörtlicher Zugespitztheit relativ spät,
nämlich erst im Spätsommer 1944, als die Einheit des Autors schon ins
Generalgouvernement zurückweichen mußte. Die drei Hauptfeinde der „abendländischen Menschheit” werden beim
Namen genannt. Es sind: 1. die verfallende
Welt der „Liberalisten”, 2. das Untermenschentum der „Bolschewisten
aller Völker”, sowie 3. Adolf Hitler selbst, obwohl „Antagonist des
liberalistischen wie des bolschewistischen Menschentums”, der das „Ohr seines
Gewissens der Botschaft des Christentums” verschlossen hat (17.8.44).
Das Grundübel ist im zeitgenössischen Verhalten der Menschen zu suchen, dem
Endpunkt eines langen historischen Prozesses: „Der politische Zerfall war die
Folge der seit Jahrhunderten sich vollziehenden Entchristlichung der
abendländischen Welt: an die Stelle Gottes hatte sich der Mensch gesetzt”. Die
geschichtsphilosophische Sinnstiftung ist ein intellektueller Kraftakt, ein
Akt ethischer Verzweiflung, dem die einzelnen Erzählstränge
untergeordnet worden sind. So ist auch eine der späteren Eintragungen
(25.7.44) zu verstehen: „Ich glaube, daß der Nationalsozialismus in einer Welt
des Zerfalls rettende Ideen hervorgebracht hat u. zu verwirklichen sucht. Ich
glaube, daß Adolf Hitler in der Christusferne ist u. den Fluch dieser Schuld
trägt. Ich fürchte, daß er in seinem politischen Planen u. Handeln der
rauschhaften Maßlosigkeit verfallen ist!” Wohl aus dieser Perspektive ist der
Versuch zu verstehen, dennoch zwischen Hitler und Stalin einen Unterschied
herauszufinden (5.12.44): „Stalin ist Rechtmensch, nur Gehirn u. Ratio, Ahnen, Ehrfurcht, Gemüt u. Seele kaputt; die
einzige Realität, die blieb: die Materie. A. Hitler ist das Aufbäumen vor
diesem Rechtmenschentum, die elementare Sehnsucht zum ganzen Menschen. Aber
vor Christus sind sie beide gerichtet: sie versagen sich dem
Gethsemane-Gehorsam.”
In einer Art moralisch-geschichtsphilosophischen
Weltdeutung, zugleich als rechtfertigendes Vermächtnis für seine Kinder gedacht, ist einige Tage
später die Rede vom Zustandekommen der
„Geschichte der Völker” ausschließlich deshalb, „weil die sündige Welt
getragen wird von dem unergründlichen
Erbarmen der göttlichen Liebe” (8.9.44). Diese Grenze darf „nicht
unbestraft überschritten werden”. Und übertreten wurde sie sowohl von Hitler wie auch von Stalin; deshalb
sind beide „vor Christus [...] gerichtet” (12.12.44).
Als metaphorischer Schlußstein dieser für den Tagebuchschreiber pessimistischen
geschichtspilosophischen Erkenntnis wird es
wie folgend ausformuliert (24.11.43): „Im Zeichen des Kreuzes wurde das
Abendland die die Welt beherrschende Völkergruppe. Heute, im Zeichen des
Kampfes gegen das Kreuz, tritt es die Herrschaft im größten Kontinent – Asien –
wieder an die Asiaten ab.” Als moralisch aufgemuntert
meint der Autor sich dann zu verstehen, wenn (in Moldavien) die Menschen
in der Wehrmacht „doch” den Retter „vor dem
Bolschewismus” erblicken (5.5.44). Er meint dann sogar so etwas wie
„warmherzige Anfänge der deutsch-ungarischen Waffenbrüderschaft im Geist
nationalsozialistischer Gesinnung” (20.5.44) auffinden zu können.
Die letzten Kriegswochen lassen dann sogar die dreifache Aufrechnung gegeneinander
aufkommen (17.3.45): „So führt eine Menschheit Krieg, die gottlos geworden ist.
Die russischen Bestialitäten im deutschen Osten – die Terrorangriffe der Angloamerikaner
– unser Kampf gegen die Juden [...]” Die letzten Eintragungen lassen wiederholt
Zweifel aufkommen an der früheren historiosophischen Aufrechnung des Tagebuchautors.
Wenn von Hitlers politischer „Falschrichtung”
die Rede ist, nämlich dessen Kriegführung „gegen die Anglo-Amerikaner [...]
wenn sein eigentlicher Feind der Bolschewismus ist” (2.5.1945), dann scheinen
die unmittelbaren Ängste des von sowjetischer Kriegsgefangenschaft bedrohten
Doktor Töpperwien die Oberhand bekommen zu haben. Einen Tag später (3.5.45)
heißt es dann: „Wäre es möglich gewesen, England u. Amerika in die
antibolschewistische Front einzureihen trotz Liberalismus u. Weltjudentum?!?!”
Also doch eine Werthierarchie im Reich des Bösen! – Die „östliche(n) Bedrohung
durch den Bolschewismus” (24.1.45) wird zur vorherrschenden Leitidee des
Geschichtsverständnisses.
Der Bolschewismus ist der Inbegriff des Bösen! Ausschlaggebend war diese
Einschätzung wohl also auch für die Reaktion
auf Hitlers Tod (5.5.45): „Warum züchtigt Gott diesen Gottversucher
[...] zuerst? Warum nicht Roosevelt u. sein Volk [...], Stalin u. sein Volk?”
Das „Gott Gnade uns!”-Stichwort ist nicht zu vergessen. Wie hat doch der
Verfasser, noch in der Ukraine (6.3.44), seine Ängste thematisiert? – „Viel an
Karl Christoph gedacht! Wenn ihm Schwerstes bestimmt, dann bitte ich nur, daß
ihm erspart werden möchte, als Arbeiter nach
Rußland verschleppt zu werden!!” „Historisches Denken macht aus der Zeit Sinn. Es macht Kontingenz handlungskonform.”[3] Dieses Bestreben ist ebenfalls dem
Tagebuchautor eigen, selbst wenn man seiner christlichen Heilslehre das
Prädikat der Gewaltsamkeit zuzusprechen gezwungen ist. Denn durch Sinnpotentiale
von brachialer geschichtsphilosophischer Gewalt werden seine Ängste und
Hoffnungen, seine Denkgewohnheiten und Lebensentwürfe, seine persönlichen
Erfahrungen und sein historisches (wie immer auch) selektives Wissen
zusammengeschweißt. Die offizielle und zugleich bisher internalisierte
Herrschaftslegitimation als Rahmen für (sittliche) Sinnverleihung ist der
persönlichen Erfahrung historischer Ereignisse dann doch nicht gewachsen!
Der Versuch der Sinngebung scheitert also letztendlich; ja, er ist zum Scheitern
verurteilt. Denn er scheitert vor allem an des Verfassers christlichem
Selbstverständnis in puncto ethischer Grundpflichten, an der moralischen
Verantwortung vor dem Naturrecht. So also sind wohl Jörn Rüsens Worte zu
begreifen, daß „im Horizont religiöser Weltdeutung und Selbstverständigung
Katastrophenerfahrungen als Aufforderungen zu Buße und Einkehre verstanden” werden können.[4] Der Tagebuchautor sieht sich gezwungen
den Orientierungsrahmen auf einen „Gott Gnade uns”-Sinnparameter zu
reduzieren. Die Legitimationskrise des Verfassers, als geschichtsphilosophische
Orientierungskrise artikuliert, wird zugleich zu seiner tiefsten
Identitätskrise.
Schon zu Beginn des Krieges sieht sich
August Töpperwien vor eine Frage gestellt, die ihn bis zum Zusammenbruch begleiten wird (25.10.39):
„Was ist Hitler? Ich weiß es nicht – –” Daher auch der anzweifelnde Ton
(14.1.40): „Wer von uns hat das recht, über Hitler zu richten! Denn wer von uns
ermißt das Maß der Verführungen, denen dieser Mann ausgesetzt ist! Wir können
nichts, als ihm strikt zu gehorchen, was er zu befehlen hat u. für ihn
wahrhaftig beten!” Dann aber (15.5.40):
„Hitler stürzt die Demokratien von Narvik bis zu den Pyrenäen in die
Todeskrise! Wir müssen alle erkennen, daß sich erste geschichtliche Entscheidungen vollziehen, deren
Vollstrecker Adolf Hitler ist! Hier zählt nicht
,Gut’ u. ,Böse’, sondern geschichtsmächtig und geschichtsohnmächtig.”
Mit den Demokratien (27.5.40) „zerbricht eine morsche Welt. Riesenhafter Sieg!
Die Gestalt des Führers empor! Wie ängstigt
es uns, daß er Christus nicht will!” Die Ereignisse im Osten dämpfen jedoch
August Töpperwien Legitimierungseifer ein (26.8.41): „Im Osten kann Hitler
nach dem, was an den Polen, den Serben u. an den Russen geschieht, nur der
Zwingherr, nicht der Walter werden.”
Die moralische Abwägung und Aufrechnung der drei Machtsysteme durch Töpperwien
stand zweifelsohne im Schatten seiner Beziehung zu Hitler. Sie ist zu suchen in
der letztendlich moralisch schillernden Einordnung und historischen
Relativierung dieses politischen Akteurs. In
einem Raster historischer Relativierungen und Parallelisierungen
(Caesar, Cromvell) sowie religiös-konfessioneller
Koordinaten wurde Hitler, zugleich auch als dem Exponenten einer deutschen
Entwicklung, ein metaphysisch legitimierter Platz in der Langzeitrechnung
zugewiesen. Mit Cäsars Gestalt meint der Verfasser die historische Verstrickung von Hitlers Schuld als
Selbstverständnis klarer deuten zu können (31.10.43). Auch das Rankesche Cromvellbild wird unter den Vorzeichen des Protestantismus, der Autoritätsgegebenheiten
und der Prädestinationslehre rekonstruiert (10.12.43). An die
Gewissensfreiheit jener Zeit wird erinnert, zugleich aber auch an die Autorität
der Armee, an die „in Zucht gehaltene Militärmacht”, an die ,Säuberungen’. Man
erwehrt sich letztendlich nicht des Eindrucks, daß der Autor der Ideologie des
charismatischen Führers folgt: Cromvell „hat mit der Autorität der
Führerpersönlichkeit, die keiner höheren Bestätigung bedurfte [...] in die
Geschichte der Welt eingegriffen.”
Als positives Gegenstück zu denjenigen
„Führerpersönlichkeiten”, die das Unmögliche wollten und die Vorsehung provozierten, baut
August Töpperwien Karl den Großen auf (29.1.44). Dieser nämlich war „kein
titanischer Himmelsstürmer”; er hatte „Sinn für das Mögliche”, sah „die Wirklichkeit der Welt, wie sie
innerhalb ihrer Gesetze und unter den Gesetzen Gottes sich gliedert u. bewegt.” Hitler wird in diesem Zusammenhang
als „das Gegenteil” bezeichnet. Nachträglich wird das Attentat auf Hitler aus
dieser Perspektive als eine Art Strafe an dessen Hochmut verstanden (21.7.44).
Das Unmögliche wollen – das ist „die Ursache
sovielen Elends unserer Geschichte” (15.2.44). Daher die Verdammung
Hitlers: „Ist nicht Hitlers Maßlosigkeit im Innersten begründet in seinem
Abfall von der christlichen Religion.” Bestätigt findet Doktor Töpperwien
seine Mutmaßungen nach der Lektüre von
Mommsens „Römischen Geschichte”: „Caesar ist vielleicht der einzige
unter jenen Gewaltigen, der den staatsmännischen Takt für das Mögliche u.
Unmögliche bis an das Ende seiner Laufbahn sich bewahrt hat u. nicht
gescheitert ist ...” (25.9.44). Die Ambivalenz der Haltung wird jedoch durch
den herannahenden Zusammenbruch aufrechterhalten (28.8.44): „Je mehr das
Schwere heranrückt, desto mehr fühlt man sich an den Führer gebunden!!”
Die ,Handsteuerung’ der Geschichte vom Absolutum ist in den Tagebucheintragungen leitmotivisch immer präsent und sie
steckt auch in der Frage: „Welche Wege will Gott unser Volk führen?” (4.7.44)
Das zustimmende Zitieren aus dem „Briefe eines jungen Nationalsozialisten”
(30.10.43), nämlich mit der Akzentsetzung auf Hitlers Ehrfurcht „,vor den hohen
und höchsten Dingen und den waltenden Mächten’”, mit dem Hinweis auf dessen Bevorzugung des Begriffs „Vorsehung”,
weil ihm „,das Wort ,Gott’ zu hoch ist’”, läßt den Gedanken aufkommen, daß der Tagebuchautor das Zeitgeschehen
einer christlichen Reinterpretation zu unterwerfen versucht. Aufhorchen
dagegen läßt der durch den Aufschrei über die „buchstäbliche(e)” Ausrottung
der Juden relativierende Verweis des Autors auf Hitlers Rede im Löwenbräukeller
vom 8.11.43. Infolge der komprimierenden Zitierung scheint es, als ob der Autor
„Hitlers Religion” (22.11.43) letztendlich doch in Frage zu stellen versucht.
Der Querverweis auf die vorletzte (!) Eintragung vom 5.5.45, nämlich die
Konstatierung zu Hitlers Tod/Selbstmord, daß „dieser Mensch [...] selbst über
sich bis ins Letzte (bestimmt), in der Überzeugung, „daß Gott nicht seinen
Willen tun würde!!”, könnte das Nachhinein bestätigen. Auch an anderen
Stellen (vgl. 25.3.45) wird Hitlers Religiosität Ambivalenz abverlangt.
„Adolf Hitlers Größe und Fluch des neuen Menschen” (27.3.44) –
zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die
axiologische Einordnung Hitlers in einen geschichtlichen Weltlauf, die
nach Vorstellungen christlicher Teleologie
organisiert ist. Selbst in Paul Ernsts Reflexionen meint Töpperwien
Beispiele dafür gefunden zu haben, „daß der moderne Mensch nicht zur Kirche finden kann” (7.6.1944). Diese
Sinnkonstruktionen sind Beispiele dafür, was der Tagebuchschreiber selbst als
Verzweiflung thematisiert (25.9.1944): „Es ist furchtbar: Ich sehe keine
Möglichkeit der Rettung! das jetzt gepredigte ,Glauben’müssen ist verzweifelter Krampf!!” Ist die Eintragung vom
6.11.44 – „Je deutlicher es wird, daß Hitler nicht der Gott ist, den die
Menschen anbeteten, desto mehr fühle ich mich an ihn gebunden. – nicht ähnlich
zu verstehen?! Oder eine andere (28.1.45): „Ich klage den Führer nicht an!
Niemand außer ihm fand den Mut, zum Handeln. Gottes Gericht gilt uns allen!”
Indem August Töpperwien am Gründonnerstag (!) 1945 Hitler zitiert („...bis am
Ende auch hier, u. zwar noch in diesem Jahr die geschichtliche Wende
eintritt”), bringt er wiederholt seinen Zweifel und seine Hoffnungen zum
Ausdruck: „Ein ungeheuerlicher Glaube des Menschen – an sich selbst! – Wie wird
Gott walten?”
In den letzten Kriegstagen taucht dann die Formel von Hitler als
„heroischen
Menschen” auf, als Inbegriff
des Hochmuts, nämlich als eines „Gottversuchers”. „Wir erleben – so der Autor
am 9.4.45 – die Dämonie des heroischen
Menschen!” Die Nachricht von Hitlers Tod
(2.5.45) läßt den Tagebuchverfasser zusammenschrecken: „Das Paradigma
des heroischen Menschen ist zu Ende gespielt!” Und er bewältigt es (4.5.45)
nicht ohne Schwierigkeit: „Dies erfüllt mich angesichts des Todes des Führers:
Ehrfurcht vor menschlicher Größe, Schauder vor der Gottesferne des natürlichen
Menschen.” Mit dieser Formel dürfte auch die
leitmotivisch wiederholte Frage nach Hitlers moralischem „Status”,
seinem historischen Stellenwert, seiner geschichtlichen „Sendung” sowie nach
dem Sinn der Kriegführung, deutlicher erscheinen.
Erinnert sei, daß die Eintragungen, bei
aller ethisch- geschichtsphilosophischen Selbstdisziplinierung des
Tagebuchautors, von verschiedensten Tageserfahrungen, Stimmungen und
Augenblickserlebnissen mitbedingt waren. Daher dieses Hin-
und-Her-Gerissenwerden, der ,verzweifelte Krampf’ zwischen sinngebendem
Vertrauen und sinkender Hoffnung wie es die Eintragung vom 18.2.45 erkennen
läßt: „Der Sieg aus der Kraft der Schwerter ist nicht mehr möglich. – Wie lange
weiterzukämpfen, erfordert die Ehre unseres Volkes?
Gebe Gott, daß der Führer weise entscheidet! Ich kann es nicht! Jeder
Tag des Kampfes legt eine Stadt in Trümmer.” Diese geschichtsphilosophische
Positionssuche wäre wohl kaum einer eingehenden Reflexion wert, wenn sie, wirklichkeitsfremd,
als Stammtischstrategie verlaufen würde oder lediglich in einer
Kaffehaus-Atmosphäre erfolgt wäre. Das ist nun aber nicht der Fall.
Die Sinngebung bzw. Sinnsuche bildet das
legitimierende Fundament (fast) aller Einzelentscheidungen im Kriegsalltag
des Doktor Töpperwien, vor allem aber der moralisch prinzipiellen
Entscheidungen über Leben und Tod der Mitmenschen: der Kriegsgefangenen, der
Soldaten. Spielt nicht dabei, bei der
Selbstfindung, der Protestantismus die entscheidende Rolle, das Pochen auf die persönliche Verantwortung?
Die Lektüre des Kant-Breviers (3.8.43)
läßt den Schreiber feststellen: Kant habe das Evangelium „zum
moralischen Gesetz des im Grunde (trotz aller relativen Einschränkungen) selbstmächtigen
Menschen.” Denn in seiner Selbstwahrnehmung bezeichnet er sich als „eine
moralische Natur” (9.8.43). Letztendlich also dürfte die Sinnstiftung als von
der Autorität der protestantischen Tradition hergeleitete verstanden werden.
August Töpperwien hat Entscheidungen getroffen, die eindeutig über den
Bereich seiner Dienstbefugnisse hinausgingen. Sie entsprangen seiner
protestantischen Moral und stellten im bestimmten Sinne seine axiologisch angehauchte Geschichtsphilosophie in
Frage. Die „virtuos ausgebildete Indirektheit” – so Robert Musil – des Beamtenhandelns
war bei ihm also nicht intakt; die „Zweiteilung des menschlichen Gewissens in
gebilligten Zweck und in Kauf genommene
Mittel” ließ sich für auf die Dauer nicht aufrechterhalten.
Es ist also ein Aufbäumen vor der Teilnahme an weiteren Verbrechen,
trotz der verbalisierten Geschichtsphilosophie.
Doktor Töpperwien weigert sich schon recht früh, gewisse Befehle
automatisch auszuführen. Englische Kriegsgefangene versuchen aus dem Oflag zu
fliehen (4.11.41): „Heute Abend großer Ärger! Der Abwehroffizier hatte befohlen, nach Appell ein Schriftstück zu
verlesen, in dem englische Offiziere als Halunken u. Diebe bezeichnet wurden...
Da ich Gefahr für im Verzuge halte, bin ich auf eigene Verantwortung nachher
noch einmal ins Lager gegangen u. habe Lagerältesten u. meinen Betr.. – u.
Kompanieoffizieren erklärt, daß dieses Schriftstück 1) nicht meine Meinung
ist...” Kein Wunder, daß es bei der Inspektion von General von dem Hagen
(7.1.42) „schwerer Angriff auf uns Lageroffiziere erfolgt! ,Sie
fraternisierten (!!!) mit den Engländern...’”
An der Ostfront angekommen bemüht sich
Doktor Töpperwien als Lagerkommandant die Lage in „seinem” Dulag zu
verbessern (30.7.42): „Wir haben unser erstes K.Gef.-Lager errichtet! Dulag 124
hatte etwa 50.000 K.Gef. von der Gendarmerie übernommen, die in einem
ungeschützten Talkessel unwürdig zusammengepfercht waren. Dulag 155 übernahm
die Aufgabe, bis zu 20.000 dieser Leute menschenwürdiger in einem
ordnungsmäßigen Lager (Ziegelei!) unterzubringen. Die Aktion nach 3 Tagen
abgebrochen!!! Intrigenspiel!... Wie erschreckend wenig schlichtes Handeln aus
reinem Pflichtempfinden!! Überall, wohin ich in meinem Dienstbereich sehe:
Wildes Geltungsbedürfnis, Ehrgeiz, Ranküne, Eigensucht! Wie bedarf diese Welt der
Erlösung! In meiner Not bin ich einsam unter den Kameraden!” Wenige Tage später
(14.8.42) muß sich August Töpperwien vor seinem Vorgesetzten, einem Oberstleutnant,
wegen menschlicher Behandlung von Gefangenen schriftlich rechtfertigen
(16.8.42) „Ich will die Leute so gut behandeln, wie die Kriegsgesetze es
zulassen.”
Während des panikartigen Rückzugs in der
Südukraine, aus Furcht eingeschlossen zu werden, faßt er „den schwerwiegenden Entschluß, die Kgf. freizulassen”
(9.9.43), da er „keine Möglichkeit mehr”
sieht, „sie durch den sich schließenden feindl. Ring durchzubringen.”
Der Verfasser ist sich der Einmaligkeit
seines Handelns bewußt: „Abfahrt mit LK.W. die Kgf. merken nicht, daß ich die Wachen einzog: alles liegt auf dem
Feld im Erschöpfungsschlaf. Unheimliche Stunde!” Solch eine Entscheidung
kann nicht ohne Folgen bleiben. Auch von
Kriegsgericht (13.9.43) ist die Rede. Der Tagebuchautor meint über
triftige Ausreden bzw. Argumente zu verfügen, so und nicht anders richtig gehandelt
zu haben: „Lügen Bericht eingereicht. [...] Ich habe ganz ruhiges Gewissen!
Weitermarsch hätte bedeutet: Zusammenstoß mit russischen Panzerkräften, Verlust
aller Kgf., Verlust aller Leute”. Die Tatsache, daß sich der Oberstleutnant
„persönlich sehr anständig” verhält, festigt Doktor Töpperwien in seiner
Entscheidung.
Mit Nachdruck unterstreicht August Töpperwien seine moralische
Integrität (15.9.1943): „Ich hatte
weiter ein ruhiges Gewissen.
Kriegsgerichtsverhandlung wird wohl kommen. Sollte dekoriert werden mit Kriegsverdienstkreuz. Dekoration in
dieser Situation unterbleiben.” Einen Monat später schreibt er beruhigt in sein Tagebuch
hinein: „die Armee [hat] mein Verhalten in
der Nacht 7/8 September ohne jede Einschränkung gutgeheißen.” Die im
Familienarchiv aufbewahrte Abschrift des „Lügenberichtes” von Doktor August
Töpperwien (12.9.43) zeichnet die ethischen Konturen des Vorfalls auf.
Eine weitere Entscheidung trifft Töpperwien in seiner Eigenschaft als
Lagerleiter. Auf das Flehen einer ukrainischen Frau entschließt er sich „ihren
Mann aus dem Lager herauszugeben” (9.3.44). Auch in diesem Falle läßt er sich
vom Gewissen leiten: „Ich konnte nicht anders, als die standhafte Treue dieser
Frau belohnen, obwohl die Bestimmungen es mir verboten.” Es ist ein Handeln
gegen Befehl.
In den letzten Kriegstagen steht der Verfasser vor seiner wohl
schwierigsten Entscheidung: Zum Tode erschöpfte und verhungerte
Kriegsgefangene sind auf den Fußmarsch „von Lamsdorf nach Wolfersdorf” zu bringen (13.2.45): „Schwere
Aufgabe!” Er ist sich, desillusioniert, voll im Klaren, was sich dabei
abspielt: „Sehr erschöpfte Menschen. Seit 10 Tagen Wassersuppe, um möglichst
viel im Lager eingehen zu lassen!” Erschöpfte – so wird ihm mitgeteilt –
werden „auf der Dorfstraße erschossen”. Er unternimmt den Versuch „zusätzliche
Verpflegung zu beschaffen”. Erschöpfte Kriegsgefangene werden „zum Stalag
zurückgeschickt.” Denn die Entscheidung, zu der August Töpperwien meint kommen zu müssen, lautet: „Erschießen will ich
nicht!”
Aus polnischer Kriegsgefangenschaft im Jahre 1949 zurückgekehrt, ging
August Töpperwien, verschlossen, seinen Pflichten nach. Seine Schwiegertochter
berichtet verknappend über die letzten sieben Lebensjahre: „Schule –
Verständnisbereitschaft für die ihm begegnende Jugend – Ringen um die Aufbereitung der Lernstoffe – Dienst in
der Ortsgemeinde (Kirche) waren Inhalt und Ziel
seines Lebens.”
[1] „Erschießen will ich nicht!” Aus dem Ostfront-Tagebuch des deutschen Wehrmachtsoffiziers Dr. August Töpperwien von 1939 bis 1945. In: Märkische Oderzeitung, 4. 5. 1995; Hubert Or³owski: Aus der Ukraine nach Galizien. Zum Landschaftsdiskurs des Wehrmachtsoffiziers Dr. August T. In: Die Habsburgischen Landschaften in der österreichischen Literatur, Hg. Stefan H. Kaszyñski, S³awomir Pi¹tek, Poznañ 1995.
[2] Vgl.
Hans-Adolf Jacobsen: Kommissarbefehl und Massenexekutionen
sowjetischer Kriegsgefangener, in: Anatomie
des SS-Staates, München 1979, 2.Bd., S.140.
[3] Jörn
Rüsen: Zeit und Sinn. Strategien
historischen Denkens, Frankfurt/M. 1990, S. 9.
[4] Ebd., S. 11.