Orbis Linguarum Vol. 16 (2000)

Ernst Josef Krzywon

Neubiberg

Die Verlängerung

„Langsam, langsam!” – hörte ich die freundliche Stimme des Schaffners in die sonntägliche Bahnhofsstille des klaren Märzmorgens rufen. „Wir haben noch eine Minute Zeit bis zur Abfahrt. Und ohne Sie, Hochwürden, bliebe der Zug schließ­lich leer.” Noch bevor ich mich von meinem Sitz erheben und zur Tür eilen konn­te, hörte ich auf der Plattform des Waggons eine Plastiktüte zerplatzen und sah Orangen mit Bananen über den Boden rollen. Hilfsbereit eilte ich hinaus und er­blick­te zwei riesige, offensichtlich schwer gefüllte Reisekoffer und dahinter, er­schöpft an die eben ins Schloß geknallte Waggontür gelehnt, einen jungen Geist­lichen im grauen Lodenmantel und mit schwarzer Baskenmütze auf dem Kopf. Mit wenigen Handgriffen war das zerstreute Obst eingesammelt, die Koffer unter den Sitzen verstaut, Mantel und Mütze abgelegt. Der junge Geistliche bedankte sich für meine Hilfe und fragte, ob er mir gegenüber Platz nehmen dürfe. Kaum hatte er sich in das Polster fallen lassen, kam auch schon der Schaffner, kontrollierte unse­re Fahrkarten und zeigte sich erstaunt, daß der junge Geistliche unterwegs nach Polen war. „Nach Oberschlesien!”, verbesserte ihn freundlich der Kleriker. „Sehr interessant”, bemerkte ich, nachdem der Schaffner das Abteil verlassen hatte. „Auch meine Eltern stammen aus Oberschlesien, haben dort sogar noch heute Ver­wandte, aber ich weiß nicht genau in welchem Ort. Schade, daß ich nicht mit Ihnen reisen kann. Gern möchte ich die Heimat meiner Eltern kennenlernen.” – „Ja, scha­de, einen so hilfsbereiten und freundlichen Reisegefährten könnte ich gut gebrauchen, vor allem einen so kräftigen Kofferträger.”

Wir lachten herzhaft und führten bald ein anregendes Gespräch. Draußen glitt eine noch stark verschneite Landschaft vorbei. Föhren, kandiert, lugten zum ver­eisten Fenster herein, auf dem die letzten Eisblumen langsam dahinwelkten. In gleichmäßigen Wellen begleiteten uns die frostbelegten Leitungsdrähte von Mast zu Mast. Wie ein leises Echo von gleicher Wellenlänge floß ein leichtes Fieber durch meinen Körper, das mich seit einigen Tagen plagte und sich jetzt, vielleicht angeregt durch das Gespräch mit dem jungen Geistlichen, noch zu steigern schien.

„Ich möchte Ihnen eine Gefälligkeit erweisen”, unterbrach er plötzlich die Stil­le. „Sie waren mir gegenüber so zuvorkommend und hilfsbereit. Darf ich mich da­für bei Ihnen revanchieren mit einem Bericht über meine Reise nach Oberschle­sien, der vielleicht auch Ihre Eltern interessieren wird? Geben Sie mir bitte Ihre Anschrift, und nach meiner Rückkehr will ich Ihnen gern schreiben, wie es mir ergangen ist.” Überrascht und erfreut zugleich stimmte ich dankbar zu und über­reichte ihm – nicht ohne Zweifel – meine Anschrift, die er eilig einsteckte, denn schon begann der Zug zu bremsen. In Nürnberg, wo der junge Geistliche in den Zug nach Prag – Warschau umsteigen mußte, verabschiedeten wir uns herzlich wie alte Bekannte.

Es war schon lange nach Ostern, als mich eines Tages ein dicker Brief erreich­te. Wie überrascht war ich, als ich im Absender jenen jungen Geistlichen wieder­erkannte. „Es war eine höchst seltsame Reise”, begann sein maschinegeschrie­be­ner Brief, „hinweg über schmerzende Grenzen, die mir unvergeßlich bleiben wird. Gleich hinter Marktredwitz und Schirnding passierte ich die erste Grenze. Links und rechts der Bahngleise wuchsen plötzlich steile Drahtwände aus dem schmutzi­gen Schnee, vor- und nachgelagert Drahtverhaue und Drahtrollen, dazwischen Stahlkreuze und Gräben, dahinter in Baumgruppen und Waldfetzen verborgene Beobachtungstürme. Im Zug tiefes Schweigen. Als der Zug unmittelbar hinter dem Eisernen Vorhang hielt, tauchten die ersten Patrouillen auf. In regelmäßigen Ab­ständen beiderseits entlang des Zuges standen Uniformierte mit schußbereiten Ma­schinenpistolen und beobachteten scharf jede Bewegung an Türen und Fenstern. Je zwei Uniformierte schritten die Vorder- und Hinterfront des Zuges ab und schau­ten unter jede Achse. Auch auf dem Waggondach hörte man Schritte. Endlich, nach peinlicher Durchsuchung und Kontrolle der Reisepässe, nach Registrierung der Geldbeträge und Fotoapparate, nach langem Aufenthalt also, setzte sich der Zug langsam in Bewegung – der nächsten Grenze entgegen. Aber ich darf nicht unterschlagen, daß ein Pilsener Bier, mir dargereicht von einem tschechoslowa­ki­schen Fahrgast, den soeben erlebten Schmerz der Grenze linderte und – über alle Sprachgrenzen hinweg – in Menschenfreundlichkeit verwandelte. Als Deutscher fühlte ich mich zutiefst beschämt von der Güte eines Menschen, dessen Eltern, Geschwister, Verwandte oder Landsleute vielleicht von Deutschen Not oder gar Tod erlitten hatten. Meine angebotenen Astor, Orangen und Bananen waren eine recht bescheidene, wenn auch freundlich und dankbar angenommene Gegengabe. Aber auch sie wurde mir in Prag während des fahrplangemäßen Zwischenaufent­halts reichlich vergolten mit einem 20-Kronen-Schein, den mir derselbe Fahrgast, nachdem er mir zuvor die Prager Altstadt gezeigt hatte, beim Abschied in die Hand drückte – damit ich mir etwas Warmes kaufe.

Im Morgengrauen des nächsten Tages erreichte der Zug die polnische Grenz­station Zebrzydowice. Ein Zollbeamter, dessen Kollege die Reisepässe einsammel­te und zur Kontrolle ins Bahnhofsgebäude mitnahm, interessierte sich ausschließ­lich und gründlich für meinen Fotoapparat, ein Geschenk für meinen Onkel. Im Gegensatz zu dem polnischen Mütterchen, das in Prag ihren mit einer Tschecho­slowakin verheirateten Sohn besucht hatte, wurde ich ausgesprochen freundlich behandelt. Auch die beiden Damen vom Geldwechsel, die PKO-Binden am Ober­arm trugen und ein korrektes, wenn auch hartes Deutsch sprachen, waren sehr zu­vorkommend, als sie mir den Gegenwert in polnischer Währung auszahlten: dicke rote, blaue und gelbe Scheine mit dem Bildnis eines Bergmanns geschmückt. We­nig später – nach Aushändigung des kontrollierten Reisepasses und nach Abfahrt des Zuges – erschien der Fahrkartenkontrolleur. Ungeniert fragte er mich nach deutschem Geld und schalt mich wegen des bereits zu niedrig vollzogenen Geld­wechsels. Er hätte mir – wie auf dem Schwarzmarkt – das Doppelte dafür gezahlt. Ein verlegenes Lächeln war meine Antwort.

Schweigsam stand ich am Fenster und schaute neugierig in die morgendliche Schneelandschaft hinaus. Schwarze Rauchschwaden hüllten die verschneiten Häuser wie in Trauerflor. Die verrußte Industrielandschaft wirkte auf mich wie ein schmutziges Blatt Papier mit Tintenklecksen. Ich war froh, als der Zug im Katto­witzer Hauptbahnhof endlich hielt, wo mich mein Bruder in seine kräftigen Berg­mannsarme schloß und herzlich an seine Brust drückte. Mit einem von Freunden geliehenen „Moskwitsch” ging es dann auf schwarz verschlammten, durch unzäh­lige Schlaglöcher schier unpassierbar gewordenen Straßen nach Hause, wo schon Eltern und Angehörige meiner warteten. Aber zuvor war noch eine Anmeldung bei der zuständigen Miliz-Dienststelle notwendig, an der unser Weg direkt vorbei­führ­te. Sichtlich überrascht von meinem Erscheinen, wurde ich für den nächsten Tag be­stellt, weil der für mich zuständige Beamte nicht anwesend sei, lautete die Begründung.

Als ich tags darauf wieder erschienen war, mußte mein Bruder im Vorzimmer bleiben, während sich meiner zwei Beamte freundlich annahmen und aufmerksam meinen Reisepaß studierten. 'Wie spricht man denn in der Bundesrepublik Ihren polnischen Namen aus? Wollen Sie ihn nicht ändern, wie es bereits viele Aussied­ler getan haben?' – 'Ich bitte Sie, der Name meiner Vorfahren ist seit Jahrhunderten in Oberschlesien unter den Piasten, Habsburgern, Hohenzollern und sogar unter den Nazis ohne Änderung geblieben, weshalb sollte ich ihn gerade jetzt, in einer frei­heitlich-demokratischen Republik lebend, leichtfertig ändern?' – 'In Ihrem Reise­paß lautet Ihr Geburtsort Rokittnitz. Einen solchen Ort gibt es hier nicht und kennt hier auch niemand. Sie sind hier in Rokitnica!' – 'Das mag zutreffen. Dennoch bin ich in Rokittnitz geboren und werde wahrheitsgemäß weiter daran festhalten.' Als ich endlich das Dienstzimmer der Miliz verlassen durfte, bekam ich das Ver­spre­chen mit auf den Heimweg, diese zwei Beamten, deren Namen man mir nannte, würden mich während meines Aufenthalts in Oberschlesien betreuen. An sie kön­ne ich mich mit jedem Anliegen vertrauensvoll wenden.

Genau eine Woche später erschienen beide Betreuer in der elterlichen Wohnung und wünschten mich allein, ohne jeden Zeugen, zu sprechen. Sie erkundigten sich nach meinem Befinden, fragten, wie es mir hier gefalle und ob ich mich gut ein­gelebt habe, ob ich eventuell irgendwelche Wünsche hätte. Sofort nutzte ich die Gelegenheit und äußerte den Wunsch, eine zweiwöchige Besuchsverlängerung zu beantragen, weil ich gern in Warschau, Posen, Gnesen und Krakau polnische Ar­chive besuchen möchte, um dort Materialien über meine heimatliche Pfarrge­mein­de zu finden, worüber ich ein Buch zu schreiben beabsichtige. Meine Betreuer zeigten sich sehr erfreut, sagten mir ihre Hilfe zu und vereinbarten mit mir ein Treffen für den nächsten Montag auf dem Hindenburger Bahnhofsvorplatz.

Als ich dort eintraf, warteten schon meine Betreuer und begleiteten mich, wie vereinbart, zum Polizeipräsidium, wo ich die Visumsverlängerung erhalten sollte. Plötzlich, auf halbem Wege dorthin, hielten sie an und erklärten, es sei gar nicht notwendig, ins Polizeiprädisium zu gehen. Alles könne man gemütlich bei einem Gläschen Wein, z. B. im Café 'Unter der Traube' – vor dem wir gerade standen – erledigen. Ich war sprachlos vor Überraschung. Meine Bedenken, ob eine solche Amtshandlung, in einem Café vollzogen, denn legitim und wirksam sei, versuchten sie, lautstark und heftig gestikulierend, zu entkräften. Halb verwundert, halb neu­gierig folgte ich ihnen ins Café. Die Bedienung empfing uns auffallend freundlich und geleitete uns zielstrebig in eine Ecknische an einen offenbar reservierten Tisch. Meine Verwunderung darüber, am Vormittag eines Werktags so viele Männer im besten Alter hier anzutreffen, übergingen meine Betreuer mit Schweigen. Ebenso­wenig kamen sie meiner Bitte nach, mir ihren Dienstausweis zu zeigen, nachdem ich ihnen zuvor meinen Reisepaß vorgelegt hatte. Mein Mißtrauen wuchs und stei­gerte meine Wachsamkeit. 'Wissen Sie', begann der ältere Betreuer mich aufzu­klä­ren, 'die Verlängerung Ihres Visums können wir weder hier noch auf dem Polizei­präsidium beantragen, sondern nur in Kattowitz bei der Wojewodschaft. Aber be­vor wir mit Ihnen dort am kommenden Donnerstag um zehn Uhr auf Zimmer 218 zusammentreffen, um Ihnen behilflich zu sein, bitten wir Sie, uns noch einige Fra­gen zu beantworten, z. B. ob Sie Mitglied der Landsmannschaft sind und ob man in Ihrer Stadt die polnische oder die russische Sprache lernen kann.' Ungeduldig unterbrach ich seinen Redefluß und gab ihm gereizt zur Antwort, ich sei weder Mitglied irgendeiner Landsmannschaft noch brauche ich die polnsiche Sprache zu lernen, die ich ebensogut beherrsche wie jeder polnische Abiturient. Schließlich habe ich hier bis 1958 gelebt und das polnische Abitur gemacht. Im übrigen schei­ne ich hier kostbare Zeit zu vergeuden. Ich stand auf und wollte mich entfernen, wurde aber von beiden sehr gekonnt daran gehindert. Ungehalten setzte ich mich wieder und bemerkte erst jetzt, daß der jüngere Betreuer auf einer Papierserviette Notizen machte, während der ältere auf mich beschwichtigend einredete, wieder­holt auf die Notwendigkeit des vorgeschlagenen Treffens auf der Kattowitzer Wo­je­wodschaft hinwies und um die Fortsetzung des unterbrochenen Gesprächs bat. Ich entschuldigte mich mit dringenden Geschäften, die ich unbedingt und sofort zu erledigen hätte, versprach jedoch wiederzukommen, was beide akzeptierten und mich schließlich gehen ließen. Ich eilte zum Bahnhof, wo ich eine Fahrkarte nach Warschau löste, und wollte noch einen Friseur aufsuchen, als mein Blick auf ein freies Taxi fiel. Blitzschnell entschloß ich mich, sofort nach Kattowitz zu fahren, um persönlich und ohne Hilfe meiner Betreuer auf der Wojewodschaft den Antrag auf Verlängerung des Visums zu stellen.

Als ich das mir empfohlene Dienstzimmer aufgesucht und meinen Wunsch vor­getragen hatte, wurde mir ein Antragsformular ausgehändigt mit der Bitte, es im Vorzimmer auszufüllen. Bei Rückgabe des Formulars fand ich den Beamten in ein intensives, mit Kürzeln verschlüsseltes und von heftigem Kopfnicken begleitetes Telefongespräch verwickelt, während seine neugierigen Augen mich unentwegt beobachteten. Die dunkle Ahnung, es könnte von mir die Rede sein, beschlich mich. 'Ihr Antrag', wandte er sich nach beendetem Telefongespräch an mich, 'muß dem Ministerium in Warschau vorgelegt werden, aber ich werde auf eine beschleu­nigte Erledigung drängen. Kommen Sie bitte am nächsten Donnerstag um zehn Uhr wieder. Ich hoffe, dann einen positiven Bescheid zu haben.'

Leider war der Bescheid negativ. Enttäuscht verabschiedete ich mich und ver­ließ eilig das Wojewodschaftsgebäude. Als ich in die nächste Querstraße einbog, stieß ich mit dem älteren Betreuer fast zusammen. Er begrüßte mich überaus höf­lich und fragte mit feiner Ironie: 'Haben Sie die gewünschte Verlängerung erhal­ten?' – 'Sie wissen ganz genau, was los ist. Sonst wären Sie doch gar nicht hier!' – 'Ja, Hochwürden, hätten Sie uns damals im Café nicht sitzen lassen, vielleicht wären Sie jetzt im Besitz der begehrten Verlängerung.' – 'Ich habe lediglich die mir einzig sinnvolle Konsequenz aus Ihrem dubiosen Verhalten gezogen. Hätten Sie mir Ihren Dienstausweis gezeigt, wären Sie meines Vertrauens würdig gewesen.' – 'Schwamm drüber, noch ist nichts verloren. Versprechen Sie mir, daß Sie am näch­sten Montag um zehn Uhr wieder hier sind, und Sie bekommen innerhalb von zehn Minuten die Verlängerung des Visums.' – 'Ich bewundere Ihre außergewöhnliche Machtbe­fug­nis, die offensichtlich die des Minsteriums noch zu übertreffen scheint. Nein, dan­ke, darauf lasse ich nicht mehr ein.' Ich wandte mich von ihm ab, aber mit routi­nier­ter Taktik versperrte er mir den Weg und beschwor mich erneut so lange, bis ich end­lich einwilligte, den vorgeschlagenen Termin wahrzunehmen – als letzte Chance.

Alles geschah wie vereinbart. Beide Betreuer erwarteten mich am Hauptein­gang des Wojewodschaftsgebäudes, begrüßten mich wie einen guten Bekannten und führten mich durch Gänge und Räume, bis mir der Reisepaß mit verlängertem Visum ausgehändigt wurde. Mir fiel auf, daß der unterschreibende Beamte jeden Buchstaben genüßlich wiederholte und gleichsam im Fettdruck ausführte. Meine Bemerkung, nun müsse ich ausgerechnet am ersten Osterfeiertag spätestens die polnische Grenze überschreiten, quittierte er mit einem vieldeutigen Schmunzeln. Wortlos verließ ich das Amtszimmer.

Draußen auf der Straße klärte mich der ältere Betreuer auf, ich müsse noch für eine volle Woche den fälligen Tagessatz von DM 30,- am PKO-Schalter einzahlen, wohin er mich nun führen wolle. Für die zweite Woche entfalle der übliche Tages­satz – von ihm ein Geschenk für mich. Allerdings würde er sich freuen, wenn ich noch seine Einladung zu einer Tasse Kaffee annehmen wollte. Dankbar für die ge­währte Verlängerung des Visums willigte ich ein, zumal ich gespannt war, was noch weiter folgen könnte. Denn inzwischen hatte ich gelernt, auf Überraschungen gefaßt zu sein. Aber auch während dieses Gesprächs im Café kehrten dieselben Fra­gen wie beim ersten wieder, machte der jüngere Betreuer seine Notizen auf der Papierserviette. Neu war lediglich die Einladung für das nächste Jahr: 'Sie könnten hier drei Monate lang auf unsere Kosten und befreit vom Zwangsumtausch in pol­ni­schen Archiven forschen, vielleicht sogar ihr Buch vollenden und ver­öffent­lichen.' – 'Ich will es mir gern überlegen. Das ist ein verlockendes Angebot. Nun aber muß ich gehen. Ich danke Ihnen sehr für die fürsorgliche Betreuung. Vielleicht kommen Sie einmal in die Bundesrepublik und geben mir Gelegenheit, Ihnen alles zu ver­gel­ten.' Lächelnd schieden wir voneinander.

Als am nebelverhangenen Abend des Ostersonntags der Zug aus Warschau in Richtung Prag mit 120 Minuten Verspätung im Kattowitzer Hauptbahnhof eintraf, war ich der einzige Fahrgast am Bahnsteig. Lediglich wenige Meter rechts von mir erkannte ich im fahlen Licht der Bahnsteiglaternen drei Uniformierte, vermutlich Grenzbeamte, die zur Grenzstation Zebrzydowice mitfahren wollten. Überrascht und ein wenig ängstlich ging ich von Abteil zu Abteil, die allesamt leer waren. Ich fuhr also mutterseelenallein in einem vollkommen leeren Waggon. Doch kaum hatte ich mich in einem mittleren Abteil bequem niedergelassen, als die Tür heftig aufgerissen wurde. Vor mir standen die drei Uniformierten, die mir am Bahnsteig aufgefallen waren. Der erste von ihnen postierte sich breitbeinig im Türeingang, der zweite verlangte nach Reisepaß und Zolldeklaration, die er aufmerksam prüfte, und der dritte befahl mir barsch, das Reisegepäck zu öffnen. Es begann eine pein­lich genaue Durchsuchung. Während einer von ihnen mich von oben bis unten sorg­fältig abtastete, keine Tasche in Mantel, Sakko und Hose ausließ, ja sogar Socken und Schuhe sowie Unterhemd und Unterhose gründlich untersuchte, wühl­te der andere in meinen Koffern. Die belichteten Dia-Filme wurden – trotz meines Protestes und Hinweises auf die geltenden und von mir gewissenhaft beachteten Zollbestimmungen – aus den Kapseln und aus dem Fotoapparat gezogen. Die bei­den Osterschinken, Geschenke meiner Eltern und Verwandten, wurden ausgepackt und jeweils halbiert. Schallplatten mit Werken von Moniuszko und Chopin sowie Bücher über polnische Kunst und Malerei, deren Kauf ich mit Quittungen belegen konnte, wurden genau inspiziert. Sogar die nur am oberen Rand eingeklebten Kunst­druckblätter wurden auf der Rückseite sorgsam geprüft. Auch mein Brevier wurde zum Gegenstand einer minuziösen Kontrolle. Erbost fragte ich die eifrigen wie rücksichtslosen Kontrolleure: 'Wonach suchen Sie eigentlich? Ich führe weder Ge­heimakten noch Staatsgeheimnisse mit mir. Was ich gesehen, gehört und erlebt habe, ist nirgends aufgeschrieben, sondern hier in meinem Kopf und Gehirn ge­speichert – und jederzeit abrufbar.' Schweigsam, durch meine gereizte Bemerkung in ihrem Eifer noch bestärkt, setzten sie ihre Wühlarbeit emsig fort. Als offensicht­lich alles durchsucht war, auch meine Wäsche, und nichts Verdächtiges zu finden war, wurden meine bespielten Tonbänder beschlagnahmt, obwohl ich beschwören konnte, daß sie nur Aufzeichnungen harmloser Familiengespräche sowie Volks- und Chorgesänge aus meiner Heimatkirche enthielten. Ich wurde belehrt, daß nach erfolgter Abhörung die Tonbänder von meinen Angehörigen gegen Vorlage der mir ausgehändigten Quittung beim zuständigen Zollamt abgeholt werden können. End­lich verließen sie mein Abteil, doch nur wenige Augenblicke später kehrte einer von ihnen zurück und durchsuchte gründlich Aschenbecher, Sitze und Fenster­vor­hänge des Abteils. Endlich allein, ergriff mich eine unbeschreibbare Wut. Momentan war ich versucht, die auf den Sitzen verstreuten Sachen mitsamt den durchwühlten Kof­fern zum Fenster hinauszuwerfen in die dunkle Nacht der mir plötzlich so fremd gewordenen Heimat. Warum nur diese teuflisch genaue Durchsuchung? Müssen Grenzübergänge so entwürdigend, Grenzen so schmerzend sein?

In Prag angekommen, wurde ich von einem Uniformierten, der mich offenbar er­wartet hatte, freundlich begrüßt. Aufgrund der Verspätung, suchte er mir in schwer­fälligem Deutsch klarzumachen, sei mein Zug nach Nürnberg bereits abgefahren. Ich müsse in Prag übernachten, am günstigsten wohl im Hotel Consul am Wenzels­platz. Morgen früh könne ich dann meine Reise pünktlich fortsetzen. Er wünschte mir einen angenehmen Aufenthalt in Prag und fragte – nach allen Seiten umher­schauend – mit leiser Stimme: 'Haben Sie deutsches Geld zum Tausch?' Vorge­warnt durch meine polnischen Erlebnisse, verneinte ich kopfschüttelnd und wandte mich von ihm ab. Im Weggehen hörte ich noch sein leises 'Schade' nachklingen, dessen Echo mich vorwurfsvoll bis ins Hotel begleitete.

Pünktlich konnte ich tags darauf meine Rückreise antreten und fortsetzen. Ich war guter Stimmung. Die Erinnerung an die freundlichen Begegnungen in Prag sowie auf der Hinfahrt machten mich frohgemut. Interessiert lauschte ich den Ge­sprächen der Mitreisenden, wovon ich jedoch nur wenig verstehen konnte, suchte in der vorbeifliehenden Landschaft dem Frühling auf die Spur zu kommen, träumte von Mozarts Reise nach Prag, die Mörike so einzigartig nachempfunden hatte.

Der Aufenthalt in Eger währte auffällig lange. Zuerst wurden sämtliche Reise­pässe eingesammelt, zur Kontrolle und zum Stempeln ins Bahnhofsgebäude ge­bracht, dann wieder an die Fahrgäste zurückgegeben, was alles recht lange dauerte. Ich war schon eine Weile im Besitz meines Reisepasses, aber noch immer wartete der Zug. Auf wen wohl? Neugierig stand ich am offenen Fenster und blickte den Zug entlang bis hin zum Bahnhofsgebäude, das soeben zwei Uniformierte verlas­sen hatten. Fenster und Türen aufmerksam im Blick, schritten sie gelassen die lange Front des Zuges Waggon um Waggon ab, kamen immer näher und bestiegen plötzlich die Stufen zur letzten Waggontür, hinter der sie verschwanden. Mich überkam ein ungutes Gefühl. Ich wandte mich vom Fenster weg, hin zur Tür, die im selben Moment zurückgeschoben wurde. Vor mir standen die beiden Unifor­mierten. 'Darf ich nochmals Ihren Reisepaß sehen?' Verwundert folgte ich der Aufforderung, die mehr Befehl als Bitte war. Der ersichtlich Ranghöhere blätterte aufmerksam Seite um Seite in meinem Reisepaß, hielt beim letzten Stempeleintrag inne und versuchte mir in gebrochenem Deutsch klarzumachen, daß mein Durch­gangsvisum seit gestern verfallen sei. Ich dürfe nicht mehr weiterreisen. Erregt erklärte ich ihm die Verspätung des Warschauer Zuges, die mich unverschuldet zu einem ungewollten Zwischenaufenthalt in Prag gezwungen hatte. Meine Erklärung machte wenig Eindruck. Immer wieder wies er mit dem Zeigefinger auf das Datum des Stempels hin und wiederholte mehrfach das Wort 'ungültig'. Ich war ratlos. Ver­zweifelt nahm ich plötzlich meinen Reisepaß aus seiner Hand, was er über­rascht geschehen ließ, blätterte die Seite auf, wo der Stempel des Prager Hotels prangte, in dem ich die letzte Nacht unfreiwillig verbracht hatte, und bedeutete ihm, er könne sich telefonisch mit dem Hotel in Verbindung setzen, um meine Aussage zu überprüfen. Endlich, nach langem Zögern und voller Mißtrauen im Blick gab er mir den Reisepaß zurück und verließ mit seinem Begleiter wortlos das Abteil. Erschöpft ließ ich mich auf den Fensterplatz fallen und wagte nicht mehr, zum Fenster hinauszuschauen. Ängstlich wartete ich ab, was weiter geschehen würde. Die Wartezeit dehnte sich zu einer Ewigkeit, wie mir schien. Endlich setzte der Zug sich in Bewegung, fuhr langsam am Bahnhofsgebäude vorbei, das ich nur verstohlen anzuschauen wagte. Wie angewurzelt blieb ich auf meinem Platz sitzen. Erst als der Zug den Eisernen Vorhang passiert und das Niemandsland verlassen hatte, wagte ich wieder in die Landschaft hinauszuschauen. In der Mittagshelle dieses unvergeßlichen Frühlingstages war es mir, als wäre ich endgültig in der Hei­mat angekommen.

Mit der freundlichen Begrüßung durch die deutschen Grenz- und Zollbeamten waren auch die schmerzenden Grenzen restlos überwunden. Aber im Herzen blieb ein Dorn haften, der weiterhin schmerzt. Nie mehr, so gelobte ich mir, werde ich je dieselbe Fahrtroute nehmen. Auch der höflichen Aufforderung des deutschen Grenzbeamten – 'Sie waren in der Wolfhshöhle und haben viel erlebt, hoffentlich geben Sie alles an die entsprechenden Stellen weiter' – werde ich wohl nie Folge leisten. Aber alles Gesehene, Gehörte und Erlebte werde ich zeitlebens in Erinne­rung behalten und in meinem Herzen aufbewahren. Allein Ihnen gegenüber will ich mein gegebenes Versprechen halten und habe alles Erlebte getreu beschrieben. Hier also ist mein Bericht.

Ich schließe ihn mit einer merkwürdigen Begebenheit. Als ich nach meiner Rückkehr aus Oberschlesien an der hiesigen Bahnhofsbuchhandlung vorbeikam, fiel mir ein Buch ins Auge, auf dessen Umschlag ein weißer polnischer Adler – ohne Krone – auf rotem Feld abgebildet war. Neugierig trat ich näher ans Schau­fenster und las zu meinem Erstaunen: Reise nach Polen. Ein Bericht von August Scholtis. Welch ein Zufall! Sofort kaufte ich das Buch, eilte nach Hause und las es mit wachsendem Interesse in einem Zug durch. Ich übersende es Ihnen mit ge­trenn­ter Post in der Hoffnung, daß es Ihr Interesse für die oberschlesische Heimat Ihrer Eltern weiter wachhält und auch Sie selbst vielleicht zu einer Reise dorthin anregt, woher ich soeben zurückgekehrt bin. Empfangen Sie dieses Buch zugleich als Erinnerung an unsere Begegnung, an die ich gern und dankbar zurückdenke.”

Nachdenklich legte ich den langen Brief aus der Hand. Vielleicht sollten diesen Reisebericht auch meine Eltern lesen, die gelegentlich den Wunsch äußerten, ge­meinsam mit mir in ihre oberschlesische Heimat zu reisen. Voller Spannung er­war­tete ich die Ankunft des versprochenen Buches.