Orbis Linguarum Vol. 9 (1998)
Siegen
Ein Blick auf Konrad Weiß und seine Lyrik[1]
Im ausgehenden 19. Jahrhundert und bis zur Mitte des 20. wurde die die
katholische Literatur ,modernisierende’ Bewegung (die sich mit dem Begriff des
renouveau catholique verbindet, aber
doch noch weiterreicht als dieser und nicht auf Frankreich begrenzt ist) von
nicht wenigen namhaften europäischen Autoren
getragen. Ihr Schwerpunkt liegt in der französischen Literatur, wo sie
zahlreiche Werke von weltliterarischem Rang und internationaler Resonanz hervorgebracht hat: Werke von Léon Bloy,
Paul Claudel, Francis Jammes, Charles Péguy, George Bernanos, Francois Mauriac
und Julien Green. Der deutsche Zweig hatte
ein weit geringeres Gewicht. Aber es gab doch auch in den deutschsprachigen Ländern
lebhafte Bemühungen, eine (nach dem zeitgenössischen
Maßstab) ,moderne’ katholische Literatur zu fördern, eine religiöse Literatur mit Kunstanspruch, die über
die Grenzen einer rein
konfessionell definierten Literaturszene hinaus alle literarisch Interessierten
ansprechen und sich mit den allgemein beachteten Werken anderen Ursprungs
messen konnte. Diese Bemühungen lassen sich anhand von Zeitschriften verfolgen,
von denen ich exemplarisch „Hochland”, „Der weiße Reiter” und „Orplid” nenne.[2] Die bekannteste und erfolgreichste
unter ihnen, „Hochland”, wurde 1903 von Carl Muth gegründet. Diese publizistischen Aktivitäten kamen einer
langen Reihe von Autoren aus mehreren Generationen und aus mehreren Ländern
zugute. Als Exempel nenne ich hier nur einige Frauen aus der deutschen (d.h. deutschsprachigen) Literatur: Enrica von
Handel-Mazzetti, Gertrud von LeFort, Elisabeth Langgässer, Ruth Schaumann; sie haben sich im literarischen Leben
ihrer Zeit jeweils einen Namen gemacht und stehen zugleich für eine deutsche
Literaturtradition aus katholischem Geist,
die noch im Werk von Heinrich Böll Spuren hinterlassen hat.
Die merkwürdigste Gestalt innerhalb dieser deutschen Tradition ist ein
wenig bekannter und nicht sehr erfolgreicher Autor aus der Münchner
Literaturszene: der Schwabe Konrad Weiß (1880-1940) – kein Autor der
,Weltliteratur‘, aber auch kein regional geschätzter Autor innerhalb
irgendeiner ,Provinz’. Er hat kreuz und quer Deutschland bereist, hat es aber
nur ein einziges Mal (für eine Italienreise) verlassen. Er wurde weder
prominent wie der Salzburger Festspieldichter Hofmannsthal (mit dem er Kontakte
hatte) noch populär wie der katholische Stückeschreiber Max Mell (mit dem
„Apostelspiel”). Er kokettierte nicht mit
seiner Marginalität und erwies sich doch als selbstbewußt und
unbeirrbar. Er lebte nicht abseits von den Literaturzentren und vom
publizistischen Treiben und steht doch in
auffälliger Weise für sich. Er fand immer wieder Verlage für sein Werk,
das auch heute noch ,auf dem Markt’ ist, für eine Leser- ,Gemeinde’ mit
glänzenden Namen, und doch begegnet sein Name so gut wie gar nicht im
öffentlichen Literaturgespräch. Die Frage stellt sich, wie diese Doppelgesichtigkeit
von literarischer Einbindung und Singularität, von Zeitgenossenschaft und
Zeitfremdheit, von Anerkennung (bei wenigen) und Nichtbeachtung (bei fast
allen) zu beschreiben und zu erklären ist und was sie für die
literarhistorische Verortung und Einschätzung von Weiß bedeutet. Das Folgende
versucht, sie (auch anhand essayistischer Texte von Weiß) im Hinblick auf seine
Lyrik zu beantworten.
Geboren ist Weiß am 01.05.1880 in dem Ort Rauenbretzingen bei
Schwäbisch-Hall, als Sohn eines Kleinbauern, der seine Familie (mit zehn
Kindern) nur mit Mühe durchbringen konnte. Konrad, der älteste, konnte trotzdem
(dank der Unterstützung durch einen Verwandten) eine höhere Schule besuchen und
in Tübingen, München und Freiburg/Br. zuerst Theologie, dann Kunstgeschichte
und Germanistik studieren. Den Plan, Priester zu werden, gab er auf. Er verließ
die Universität ohne ,Abschluß’ und fand 1905 einen Unterschlupf in München in
der Redaktion von Carl Muths „Hochland”, d.h. im publizistischen deutschen
Zentrum der katholischen ,Literaturerneuerung’. Er war zunächst
Redaktionssekretär, später Redaktionsmitglied für bildende Kunst. Ein
Essayband, aus seiner „Hochland”-Publizistik erwachsen, erschien 1919: „Zum
zeitgeschichtlichen Gethsemane”. Seine Ehe
mit Marie Reichl (der Tochter seiner Vermieterin), 1917 geschlossen, blieb
kinderlos. Sein gespanntes Verhältnis zu Muth veranlaßte ihn, 1920 als Kunstkritiker an die „Münchner Neuesten
Nachrichten” überzuwechseln, deren Mitarbeiter er von da an geblieben ist. Der
,Gotiker’ Weiß sah sich in der Nachfolge romantischer Denker zwischen Herder
und Hegel (Novalis, Friedrich Schlegel, Görres) und vertrug sich als
hartnäckiger Kritiker des ,klassischen Typus’ (Goethe eingeschlossen) auf die Dauer schlecht mit dem bildungsbürgerlichen,
der ,Klassik’ stärker verpflichteten Muth. Ich zitiere aus seinem Tagebuch vom
27. Dezember 1916, ein (grammatisch verworrenes, im Sinn aber dennoch klares)
Notat über die Frontbildungen innerhalb der „Hochland” Redaktion: „Muth (...) Ich
bin mir ganz klar, mehr als je, daß mehr als je notwendig, etwas Festes zu
haben und zu halten, mehr wie nur je, daß das Klassische gegenüber der Wirrnis
und Unklarheit etc. und was Flaskamp will, das Romantische, der falsche Weg
ist. Wir müssen alle Romantik abschütteln etc. – Ich ließ damit das Gespräch
ungereizt ausgehen. Es beginnt also der Kampf zwischen Klassik und Romantik,
zwischen neuem falschen, endgültig festen Punktstreben
und der Hingabe und Opfer an Geschichte (...). Ich vielleicht mit Willen
und wider Willen zum Führer dieser Romantik und Beispiel der Geschichtshingabe
bestimmt (...).”[3] Weiß suchte nach ,gotischen’
Elementen im Expressionismus (von dem er sich – aus anderen Gründen – ebenso
distanzierte wie von der ,Klassik’); er schrieb 1927 über „Das Gegenwärtige (!)
Problem der Gotik”. Als Kunstkritiker bekannte er sich zu Corinth, Munch, van
Gogh und Karl Caspar, seinem Münchner Malerfreund. Er übersetzte Boethius (den
er in einem seiner Texte als Gegenfigur zu Theoderich auftreten läßt) und arbeitete an einer historisch-kritischen Ausgabe der lateinischen Schriften von Meister Eckhart mit. 1933
mußte Weiß (nach einer Angabe von Franz Carl Müller) die aktuelle Kunstkritik
abgeben; er blieb aber den „Münchner Neuesten Nachrichten” auch danach weiter
verbunden. Seine Artikel über altdeutsche Kunst und Schilderungen seiner
Kunstreisen wurden gesammelt und in mehreren Bänden 1950 und 1958 publiziert,
in denen die Romantik gegenüber der Gotik an Gewicht gewinnt. 1933 fand er in dem Landarzt Franz Schranz
einen Freund und Gönner, der sich seiner (und später seiner Witwe) annahm,
seine Kunstreisen durch Deutschland möglich machte und 1933 den Druck des
Traktats „Der christliche Epimetheus” finanzierte.
Der Lyriker in Konrad Weiß kam relativ spät, im Ersten Weltkrieg, zum Durchbruch.
Sein erster Gedichtband, „Tantum dic verbo”, erschien 1918.[4] Im Laufe der 20er und 30er Jahre
folgten weitere Sammlungen: „Die cumäische Sibylle" (1921) , „Das Herz des
Wortes” (1929) und „Das Sinnreich der Erde” (1939). Nachgelassene Gedichte
wurden in die beiden Gesamtausgaben 1948/49 und 1961 aufgenommen (die letztere
herausgegeben von Friedhelm Kemp, der sich
wie kein anderer editorisch und publizistisch für ihn eingesetzt hat). Ein
Werk von Weiß – das Erzählgedicht „Die kleine Schöpfung” von 1926 – fand Anklang in weiteren Kreisen; es
wendet sich nicht nur, aber auch an Kinder und wurde 1937 gekürzt als Inselband
verbreitet (mit Illustrationen von Karl Caspar, dessen Töchterchen Felicitas es
gewidmet war); es eignet sich nach wie vor als ,Einstieg’ in die Weiß-Lektüre.
In die 20er Jahre fallen außer der Lyrik kontemplative Erzähldichtungen:
„Die Löwin”, 1928, „Tantalus”, 1929. Eine
Funkdichtung „Das kaiserliche Liebesgespräch”
(über den Tod Heinrichs II. ) wurde 1934 einmal gesendet. Eine Tragödie von
1938, „Konradin von Hohenstaufen”, blieb unaufgeführt, wurde aber zum
Gegenstand germanistischer Interpretation.[5]
Kein spektakulärer Lebenslauf; keine Persönlichkeit, die als solche
die Zeitgenossen in ihren Bann geschlagen
hat. Immerhin hatte Weiß Beziehungen zu einzelnen Wissenschaftlern,
Schriftstellern, Verlegern von
intellektuellem Rang und bekanntem Namen: unter ihnen Carl Schmitt und Josef Pieper, Anton und Katharina Kippenberg,
Peter Suhrkamp, der Germanist Josef
Dünninger; und er hatte Zugang zu mehreren intellektuellen Gruppen: so
zu dem rheinisch-katholischen Dichterkreis um den „Weißen Reiter”, zu den Münchner „Piper-Abenden” um den Verleger Reinhold
Piper und zu den Symposien von
Theodor Haecker, mit dem er befreundet war (trotz konträrer Anschauungen – etwa
über die Einschätzung der
griechisch-römischen Antike – und daraus resultierender Spannungen). Weiß
war politisch konservativ; er hielt
es nicht nur mit der altdeutschen Kunst, sondern auch mit dem „Germanischen” und der „deutschen
Weltanschauung”; aber diese Punkte können wir hier zunächst außer acht lassen,
da gerade sie nichts zu seiner Singularität beitragen und seine Gedichte davon
kaum berührt werden.
Ein Konrad-Weiß-Forscher aus der Schweiz
hat ihn von einer Bemerkung
Friedrich Theodor Vischers über die schwäbische
Geistigkeit her zu erschließen versucht. Diese Geistigkeit der Württemberger vereinige paradoxerweise ,moderne’
kritische Reflexivität und die „Kräfte des Mittelalters”; sie sei
charakterisiert durch „das Moment der Reflexivität in sich (...) in der Form
der Naivität.”[6] Ob diese Bemerkung auf die Württemberger
generell (heute oder zu Vischers Zeit) zutrifft, sei dahingestellt; ein paradoxes
Moment der angedeuteten Art wohnt aber dem Denken und Schreiben Weiß’
sicherlich inne (wir werden darauf zurückkommen); es muß sich aber noch anders
fassen lassen, um etwas für Weiß Spezifisches zu bezeichnen.[7]
Clemens Heselhaus hat es unternommen,
Konrad Weiß literarhistorisch einzuordnen, und ihn (wie den
Naturlyriker Oskar Loerke) als Nachexpressionisten
klassifiziert.[8] Er läßt dabei außer acht, daß Weiß
(wie Loerke) zur gleichen Generation wie die Expressionisten gehört, daß sein
erster Gedichtband in einem Verlag der Expressionisten erschienen ist (bei
Kurt Wolff in Leipzig) und daß die Gedichtbände Weiß’ (wie noch der Nachlaß)
zahlreiche Gedichte enthalten, die bereits zwischen 1914 und 1918 entstanden
sind, also während des
,expressionistischen Jahrzehnts’, nicht danach. Weiß sieht sich selber
als Vertreter einer Position, die sich sowohl von der klassisch-humanistischen
Tradition wie auch vom zeitgenössischen Expressionismus mit Entschiedenheit
abgrenzt. Blickt man nicht auf die Entstehungs-, sondern auf die Erscheinungsdaten
seiner Gedichte, so gehören diese mehrheitlich nachexpressionistischen Epochen
an, in denen zunächst
neusachlich-soziozentrische, danach faschistische Tendenzen dominierten.
Blickt man aber auf die Haltung und das Selbstverständnis Weiß’ in der Zeit, in
der er seinen Weg gefunden und theoretisch bestimmt hat (zwischen 1914 und der
Mitte der 20er Jahre), so steht er für einen Gegenexpressionismus, der sich christlich-theologisch begründet. 1920
schreibt Weiß in einem Aufsatz „Die neue Lyrik” über die Expressionisten:
„Gerade die ethische Einstellung der expressionistischen Dichtung auf Brüder,
Völker, Menschheit, Internationalität hat dieses Wesentliche, Stellvertretende des christlich-gesellschaftlichen
(gotischen) Geistes nicht errungen. (...) Das Ich und immer wieder das Ich ist
Anfang und Mitte heutiger Dichtung. Das ist ein anderes Ich als das Ich der humanistischen, sich eine schöne Welt
bis in die Nähe Gottes angliedernden Persönlichkeit. (...) Aber wie die
idealistische Dichtung, pantheistisch mit Gott verbunden und darum ohne den
vollen Schuldkern von Menschen und Dingen und ohne die reiche Dinglichkeit, so
auch der heutige Dichter ein Gottesschicksal. Diese neue ohnmächtige Vergottung
ist luziferischer ohne die bürgerliche Sättigung der idealistischen Humanität
(...).” Weiß wünschte sich damals, der anthropozentrische und egozentrische
Expressionismus möge umschlagen in seinen religiösen Gegenexpressionismus,
indem vielleicht „aus dem Expressionismus der leere Schrei ,Ich bin!’
anschwellen werde, „zu dem Glaubenston einer großen Dichtung”.[9]
Weiß ist bewußt, daß seine ,gotische’ Gegenposition ihr Ziel nicht in einer
einfachen ,Restauration’ finden konnte, die
den Geschichtsgang umkehren und irgendwo anhalten will; es gibt auch
für Weiß keine gegengeschichtliche Nachahmung eines „Urbilds” in einer früheren
Stilepoche. Die Auseinandersetzungen zwischen Mittelalter und Antike, Barock
und Renaissance, Romantik und Klassik bezeichnen einen geschichtlichen Prozeß,
der aufzuarbeiten und fortzuführen ist, so daß eine gegenwärtige ,Gotik’ – d.h. die Wahrnehmung der
christlich-gesellschaftlichen Aufgabe unter den Bedingungen der eigenen Zeit –
zu neuen Formen führe. „Die Vergangenheit gibt uns nur den Maßstab der
Größe, aber eigentlich kein nachgestaltbares
Vorbild.”[10]
Daraus ergibt sich aber für Weiß noch keine geschichtliche Auflösung der
überepochalen Unterschiede zwischen christlichem und nichtchristlichem
Menschen- und Geschichtsbild, christlicher und nichtchristlicher Kunst und
Ästhetik. Das Christentum habe die verantwortliche und verlassene Seele
individualisiert und gegenüber ,klassischer’ Typik und Statik den Pulsschlag der Geschichte beschleunigt. Die nichtchristliche
Kunst bleibe dadurch hinter der größeren
„Vollkommenheit der christlichen Kunst” zurück, der aus der Einmaligkeit des Geschichtlich-Menschlichen
und aus der Spannung zwischen geschichtlich-gekreuzigter Natur und Übernatur
eine „zerfurchte Form” zukomme als Zeugnis
sowohl „seelischer Erfülltheit” in der heilsgeschichtlich-sakralen
Anbindung wie auch „seelischen Mangels”. „Mangel” herrsche in der Natur wie in
der Geschichte. Auch das Naturverhältnis sei mitbetroffen durch Sündenfall und
Heilsgeschichte; es sei wandelbar und hänge von der existentiellen Situation
und der geistlichen Kraft der Menschen ab. Weiß kritisiert die Naturverklärung
in der neueren deutschen Naturpoesie als „Naturverstrickung”. „Als Christus auf
einem hohen Berge stehend, die Herrlichkeit der Erde zu seinen Füßen sah,
verschmähte er sie anzubeten: denn sie hat keine Schönheit und Größe aus sich.”[11]
Trotzdem wird die Natur bei Weiß vielfach
zum Motiv, aber gleichnishaft, aus theozentrischer Perspektive. Das Gott-Mensch-Verhältnis erscheint
gespiegelt im Bild der Hirschjagd (vgl. Weiß’ Gedicht
„Aktäon”) und des Fischfangs. Dazu Beispiele aus der Gedichtfolge
„Wettlauf des Knechtes mit Gott, mit der
Erde und dem Menschen”:
III [Gott als Angler]
(...)
Indes die Lüfte schallen,
o weh das Korn muß fallen,
es hat in tiefen Flüssen
sich in den Mund gebissen
ein Fisch die Angel ohne Wend und End.
Wie zitterte die Saite,
die Spanne wuchs vom Neide,
die Luft stand wie im Fluche,
als ob Gott sich versuche,
der Fischer, der ein Spiel dem Fische gönnt.
V [Gott/Christus als Greifvogel]
Der meine Seele übermannt,
der mich mit starkem Flügelschlag
hinausträgt in das helle Land,
die Seele hilflos übermannt,
bis sie ihm gleich dem vollen Tag
wie Beute unterm Herzen lag,
von Gott die Seele übermannt
wird schwerer mit dem gleichen Schlag.[12]
Die Naturbilder weisen über sich hinaus,
so sinnlich-konkret sie bisweilen gestaltet sind. Natur ist bei Weiß nichts
Autonomes, in sich Ruhendes, für sich Seiendes, bergend Gegenbildliches zur geschichtlichen Welt und zum
geistig-geistlichen Geschick.
Das geschichtliche Dasein ist hier ein
Dasein des gespaltenen Bewußtseins, der Endlichkeitserfahrung, der
Schuldhaftigkeit, kurz: des „Mangels”, von dem schon die Rede war. Der „Mangel”
wird im „Hunger” erfahren. „Mangel” und „Hunger” sind zentrale Vokabeln im
Denken und Schreiben Weiß’. Ihre Bedeutung beschränkt sich nicht auf Soziales
und Biologisches; dieses wie jenes ist bei
ihm zugleich Sinnbild, Figur, Zeichen für die metaphysisch begründete
Bedingtheit und Bedürftigkeit des Menschen in Natur und Geschichte. Die
Geschichte ist für Weiß einerseits bestimmt durch den Verlust des Paradieses,
andererseits durch die Menschwerdung Gottes und das fortdauernde Gethsemane”. Der
„Logos” ging ein in das „Fleisch”. Daß der „Logos” im „Menschensohne durch den
Tod” gegangen ist[13], macht für Weiß die Mitte der Geschichte
aus, in seiner Sprache: die „Lücke
Gottes in der Welt”, die der Mensch
nicht dadurch ausfüllen dürfe, daß er sich
absolut setzt, sich mit seinem Sinnanspruch ins Zentrum der Geschichte
stellt. Gegen Kant gesprochen, heißt das:
„Zwischen dem ewigen Gesetz in uns und dem gestirnten Himmel über uns waltet
noch ein Drittes, nämlich das geschichtliche Kampfgesetz, vor welchem keine
Ausgleichung (...) stattfindet.”[14] Vor ihm sind die Menschen „disiecta
membra” einer zerspaltenen Welt ohne
ausgleichende Mitte, ohne rational faßbaren „Zusammenhang”; aber ihre
Geschichte ist trotzdem „Heilsgeschichte”.
Das Welt- und Menschenbild Weiß’ konstituiert sich aus Paradoxen: die Mitte
als Lücke, der Zusammenhang als Trotzdem, die irdische Zukunft als Gewissheit
des Ungewissen. So kommt es für Weiß zu
einer Positiviät des Negativen, einer Negativität des Positiven, zur
existentiellen Situation des Dazwischen, der
Wunde, der Spannung. Während der Expressionismus nicht imstande sei, im
„Widersinn” blind zu vertrauen, so daß er die negativen Pole nicht zugleich
als positive erfahren könne, und „Blindheit” gegenüber der Zukunft für ihn nur
Finsternis sei, nicht Vertrauen, beziehe sich der versöhnungsgläubige
Humanismus nur auf die positiven Pole: Mitte, Zusammenhang, Sinn. Goethes
„aussprechbare Welt” leide „nicht mehr an dem Mangel in sich”, nicht mehr an
dem Gegensatz von „Wort und Bild”. Bei Brentano dagegen sieht Weiß „Bild und
Wort auf zwei Wegen, und die Seele ist wahllos dazwischen gestellt; bei Goethe
treten sie zusammen, und das menschliche Wesen findet in ihnen seine
Unterkunft.”[15]
Daß Weiß damit Kritik an Goethe übt, wäre dem Zitat, stünde es isoliert,
nicht zu entnehmen. Für Weiß aber steht fest, daß sich „Bild und Wort” erst im
Vollzug der Heilsgeschichte vereinigen. Die beiden Begriffe sind bei ihm
bedeutungsüberladen[16] („Dem Bild ist das Wort verheißen”, das
Wort wird in der „Fülle der Zeit zum Kern des Bildes”, „Bild und Wort, Maria
und Sohn” etc.). Seiner Poetik von Wort und Bild hat Weiß einmal in Versen von
täuschender Eingängigkeit Gestalt gegeben: in Versen des Minnesängers
Tannhäuser im Konradin-Drama:
So geht der Reim und geht des Reimers Gang:
Ein Fahrender geht er von Bild zu Bild,
er spricht und horcht, als such er einen Weg
zu einem Ziel, von dem er Worte weiß,
und fremd ist doch das Ziel, nur Widerhall,
darin der Atmende sich selbst behorcht,
und weil er horcht, wird es ihm wieder stumm.
So geht er tastend hin, und immer zieht
er in der Richtung eines Mangels fort.
Als sei geteilt im letzten Grund,
als sei, was lebt, in Schuld vor einem Bild,
so geht er hin und trägt des Reims Gesetz,
der Reimer immer selber unbehaust,
und trägt das Wort, das lebt, wie einen Fluch,
und trägt doch einer Treue blindes Maß,
und ist im Bild gewiß, je mehr er irrt.
Dies ist wie Fluch, und dies ist all sein Glück.[17]
Das Verhältnis zwischen Bild und Wort ist verknüpft mit dem Verhältnis von
Natur und Geschichte, Natur und Übernatur, Sinnlichem und Geistigem, Endlichem
und Unendlichem. Die „Zeit unseres Daseins auf der Erde” verläuft im
Spannungsfeld von Bild und Wort. Der Mensch und die Menschheit sind Wanderer
auf diesem Weg zwischen den Polen. Gedichttitel wie „Wanderer”, „Vorübergang”,
„Vom Weg”, „Die Wege”, „Sinngang” usw. erklären sich aus diesem
Sinnzusammenhang. Weg konnotiert bei Weiß mit Sinn (im Rückgriff auf das
Althochdeutsche). Ein Gedicht von Weiß dazu
klingt so faßlich im einzelnen wie
dunkel im ganzen (und ist damit
auch ein charakteristisches Exempel für das Verhältnis von Bild und Wort und
Leser):
Jeder Sinn ein Ungenügen,
Mangel und die Unrast rang,
bis der Mangel war Empfang
und das Ziel ein Unterliegen,
bis der Menschkern Gott entstiegen
und sein Wesen war ein Gang.[18]
Das klingt so konkret wie abstrakt. In dem
Gedicht „Anima Reclusa” (es bezieht sich auf die cumäische Sibylle als
erschlossene, nackte Seele) wird noch deutlicher, wie der theologischen
Dialektik formal eine komplizierte Verschränkung von Syntax und Versbau
entspricht.
Anima Reclusa
Daß in mir aufersteht, der ich begrabe,
was in mir west, und ich bin nur sein Neid,
in mir entsteht schon knospengleich befreit,
und ich bin schmacklos nur die Honigwabe,
ich auferstanden voller Kummerhabe,
ich wachse nicht, bin Zelle nur der Zeit,
die Honig gießt, und der Erbarmen schreit,
Mutter aller Dinge sieh dein Knabe,
dein Kelch ich im Genuß dem Menschensohn.
Wie darf dies Wort sein eignes Wesen dulden
und schrickt nicht in mich voll von Erdenhohn.
Es schrickt und wird im Schrecknis selber rein,
da trägt der Kelch nun eines Menschen Schulden,
wie ist der letzte Kern so arm und klein.”[19]
Diese Art von Satzbau, im Widerspiel mit
Vers- und Strophenbau, wirkt auf Leser, die mit Weiß gar nicht vertraut sind, eher unbeholfen als
kunstvoll. Aber sie wird von Weiß ganz ohne Zweifel
gesucht, gemäß seinem Stilwillen. Mit
Heselhaus zu sprechen: „Die theologische Deutung ist nicht nur als
Inhalt oder als Glaubensinnn vorhanden, sondern auch als Form (...). Konrad Weiß ist der Ansicht,
daß der logische Zusammenhang um den [theologischen] Sinn des Ganzen bringt
(entsprechend dem „Vorwort” in „Das Sinnreich der Erde”: ,Was im einzelnen
gefügt / Wort ist und nicht mehr kann rücken, / daß es nicht im ganzen trügt, /
geh du fort auf Traumes Stücken –’). Daher bevorzugt Weiß diesen merkwürdig
gebrochenen Stil, der einer magischen Berückung gleicht, um über die einzelnen
Sprünge und Risse den Sinn zu finden.”[20] Daß Weiß auch Lyrik anderer Art
schreiben konnte, solange er es wollte, zeigt das früheste Gedicht aus dem
ersten Gedichtband:
Nachtlied
Leicht wallt Gewölke vor dem Mond hin,
weißen Atem haucht die Nacht aus,
leise flüstern die Blätter dem Wind nach,
die Seele tritt aus ihrem dunklen Bild heraus.
Frage ist auf Frage Antwort nur,
schied die letzte, zittert noch der Mund,
stößt die Seele jäh auf den verborgnen Grund;
nächtens weckt die Mutter auf ihr Kind.[21]
Hier decken sich Satz- und Versbau; die
Parataxe herrscht vor; jede neue Zeile der ersten Strophe bringt ein neues
Bild. Offensichtlich hätte Weiß’ Weg von hier aus auch in ganz andere
Richtungen führen können als hin zu dem sperrigen theologisch-dunklen
Figuralstil, dessen lyrische Stilmittel (Anklänge an Barock und Romantik,
Alliteration, Binnenreim, Strophenbau,
Kehrreim, ziehender und stockender Rhythmus) durchwegs in den Dienst
eines theologischen Sinns gestellt sind. Zwar gibt es auch später noch
scheinbar einfache, emotional anrührende, zuweilen fast liedhafte Gedichte mit
Anleihen bei ländlicher Alltagssprache und mit vertrauten biblischen Erzählmotiven
(wie die Heilige Familie im Stall, oder die Flucht nach Ägypten). Aber wenn
durch deren erste Strophen das Leservertrauen aufgebaut ist, kommt fast unfehlbar
der theologische Hintersinn zum Vorschein; das Gedicht wird abstrakt und
entfremdet sich gerade demjenigen Lesertyp, den es zunächst angelockt hatte. Als
Beispiel die ersten drei Strophen von „Gott in der Krippe”.
Ich dachte an jenes Haus,
Wirtshaus des Herrn,
die heilige Nacht war zur Mitte
fortgeschritten, die Hütte
leuchtete still noch, und froh
lag das Kind auf dem Stroh,
mein Auge blick um dich und lern,
der Hunger betrübt uns.
Ich sehe den hölzernen Trog,
die Mulde geleert,
auf seinem gekreuzten Paar Füßen
wie wird der Fuhrmann ihn grüßen,
den man vor die Schenke ihn stellt,
wenn er seinen Aufenthalt hält,
der Metzger wird also geehrt,
der Hunger betrübt uns.
Dann trägt man den Trog vor die Tür,
den Rößlein ihn zu,
unsere Augen, das sind die zwei Rosse
mit Sprüngen und sind an die Sprosse
gefesselt und eilen zum Streit,
so fährt mit uns in die Zeit
unser Wagen weltein ohne Ruh,
der Hunger betrübt uns.[22]
Brechen wir ab und fragen uns, wo nun Weiß nach allem Gesagten zu
,verorten’ ist und welche Konklusionen sich für uns ergeben. Weiß schreibt
offensichtlich nicht kunstaristokratisch wie George, dem er altersmäßig ebenso
fern oder nahe steht wie der neuen Autorengeneration der 20er Jahre. Weiß hat
sich nie einen „Dichter” genannt, sehr im Unterschied zu den Symbolisten und
Expressionisten. (Selbst ein politisch engagierter Expressionist wie der junge
Johannes R. Becher hat nach der russischen Revolution einen „Gruß des
deutschen Dichters an die Russische
Föderative Sowjet-Republik” gesandt.) Weiß sprach von sich als „Reimer” (wie an
den zitierten Tannhäuser-Versen abzulesen ist) oder – noch häufiger – als
„Schreiber”. Das wenigstens verbindet ihm mit dem „Stückeschreiber” Brecht, so
wie ihn der Beruf des Journalisten mit vielen Autoren der Neuen Sachlichkeit
(zwischen Tucholsky und Kästner) verbindet. Er wohnt wie sie in der Stadt; er bedient sich wie sie der gewohnten
Gedicht-, Vers- und Strophenmuster; er meidet wie sie eine Fremdwörterhäufung á
la Benn; und er hat wie sie auch für Kinder geschrieben („Die kleine
Schöpfung”). Dennoch ist er, selbstverständlich, von der
neusachlich-politischen Autorengeneration womöglich noch mehr geschieden als von der klassisch-humanistischen
Tradition oder vom Expressionismus der Formzertrümmerer. Das religiöse Formenarsenal
bei Brecht und Mehring (Messe, Gebet, Litanei, Hauspostille, Brevier etc.) oder
religiöse Motive wie Weihnacht (z.B. bei Klabund) haben keine theozentrische,
sondern eine soziozentrisch-kritische Zielsetzung und eine
ästhetisch-parodistische Funktion. Und das ,inhaltliche’ Motiv des Engels (bei Älteren wie Else Lasker-Schüler und
manchen Jüngeren) hat außerhalb der konfessionellen Literaturströmung
märchenhaft-mythische Züge im Kontext einer subjektiven Stimmungs- und
Ausdruckslyrik. Diese Autoren und Richtungen funktionieren Motive und Formen
der christlichen Literaturtradition für neue, nichttheologische Zwecke um,
während Weiß versucht, theologische Traditionen, die bis ins Mittelalter
zurückreichen, durch poetische Formen und Motive neu zu beleben.
Weiß’ Lyrik ist geistliche Dichtung
eines schwersinnig-vergrübelten Bauernsohnes, verhaftet einer
archaischen Sprachvergangenheit, die mit semantischem Eigenwillen erneuert
wird, aber bei aller Anstrengung um das
genaue Wort der ästhetischen wie der
religiösen Aufnahme seiner Gedichte im Wege steht. Sein Werk erinnert an die
Dialektik einer bestimmten schwäbischen
Geistestradition, aber sie unterscheidet sich von dieser (die von Bengel
und Oetinger bis zu Hegel und Vischer
protestantisch-pietistisch geprägt
ist) durch eine Katholizität, die sich im
Mittelalter verankert, zwischen Hrotsvith von Gandersheim und Meister
Eckhart, vor allem in der geistigen
Welt der Gotik, um von diesem Grund her das
Verhältnis von Ursprung und Gegenwart,
Mensch und Gott, Natur und Geschichte durchzudenken
und den „christlichen Dualismus”' in der Spannungs- und „Mangel”-Situation
einer geschichtlichen Existenz ins Wort zu bringen.
Die typischen Gedichte Weiß’ sollen
syntaktisch-formal, semantisch-metaphorisch eine theologisch „fordernde
Lücke” sein; aber der typische Leser des Einzelgedichts (der nicht schon das
Gesamtwerk erforscht hat) wird überfordert, wenn die Chiffren, durch die das
Gedicht figurativ spricht, zeichenhaft
verweisend, für ihn undurchsichtig bleiben und damit ihre Funktion nicht
erfüllen können. Sie nehmen wider ihren Sinn den Charakter einer
subjektiv-hermetischen Symbolik an; sie
weisen den Leser ab, den sie fordern;
sie schließen ihn aus, obwohl ihr Sinn es
ist, ihn einzulassen. So bleibt für diesen Leser die Faszination durch
eine Dunkelheit, die er aber nicht ästhetisch als solche zu genießen vermag
(wie bei anderen Gedichten des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts, die
auf den Reiz der Dunkelheit hin angelegt sind), weil ihm frustrierend bewußt
wird, daß er damit den Sinn des Gedichts verfehlt. Gerade von dieser Ambivalenz
geht aber offenbar auf einzelne – die Weiß-,Gemeinde’
– der Zwang aus, an dem Gedicht und Autor festzuhalten, zu ihm zurückzukehren,
um den Mangel der ersten Begegnung
auszugleichen und den Hunger nach dem eigentlichen Sinn zu stillen.
1926 machte die „Neue Zürcher Zeitung”
eine Umfrage nach verkannten Dichtern. Rudolf Borchardt schrieb in
seiner Antwort (die in der unkritischen Weiß-Literatur viel zitiert wird) an Eduard
Korrodi: „(...) Sie und ich werden wir
ein Buch des völlig unbekannten Konrad Weiss, etwa die ,Cumäische Sibylle’ zur Hand
nehmen, nach wenigen Seiten gewahren, daß aus dem unberührtesten altdeutschen Deutschland noch einmal ein
,gottverworrener Mund aus deutschem Samen’ (...) aufbricht – jawohl ein
Dichter, dunkel aus Demut, und undurchdringlich aus echter Bescheidenheit.”[23]
„Gottverworren, dunkel, undurchdringlich”:
Selbst der kleine Kreis der Kenner und Freunde von Weiß oder seinem Werk
kapitulierte offenbar vor der Schwierigkeit des Verstehens, ohne sich dadurch in seiner Zuwendung beirren zu
lassen. Einer daraus – Joseph Bernhart – schrieb 1930 über Weiß’ Prosawerk „Die
Löwin”: „Ein neues Prosawerk des Autors, Die
Löwin. Vier Begegnungen, setzt
mich in Verwirrung. Ich bin benommen von einer dunklen Gewalt, aber
außerstande, mehr als diese zwei Wörter zu sagen.”[24] Bernhart ist katholischer
Philosoph, Borchardt ein poeta doctus, Mittelalterkenner par excellence,
sprachlich, literarisch und historisch im staufischen Mittelalter zu Hause wie
vielleicht kein anderer Dichter der neueren Zeit. Aber selbst sie werden, wie
wir gesehen haben, von Weiß nicht
angezogen, weil sie ihn verstehen, sondern weil sie einer „dunklen Gewalt”
verfallen, mit dem Willen zu
verstehen.
Literarhistorisch
betrachtet, steht Weiß zunächst im Zeichen des Gegenexpressionismus; danach fungiert er bis ans Ende der
Weimarer Republik als ein wider Willen monologischer Patriarch der theozentrischen Richtung der Zeit, die
freilich als Nebenrichtung im Schatten der soziozentrischen und biozentrischen
Richtungen stand, für die der Name Bertolt Brecht
exemplarisch stehen mag. In der Zeit
des ,Dritten Reiches’ zählte er zu den ,Stillen im Lande’, denen die
Zeitschrift „Das Innere Reich” offenstand, in der auch Weiß publiziert hat. Rezeptionssoziologisch betrachtet, ist
er – trotz der Neuausgaben nach dem Krieg und einiger tief in ihn
eindringenden, aber auch apologetischen Dissertationen
– ein gescheiterter Autor. Aber die Art seines Scheiterns und der
Anspruch seines eigentümlichen Werkes werden
wohl auch in Zukunft immer wieder die Aufmerksamkeit einzelner Leser und
Forscher auf sich ziehen.
Das gilt für den Dichter Weiß. Anders steht es
mit dem Essayisten, Publizisten und
Journalisten Weiß. Dessen Genres können nicht wie die Dichtungen eine
„zerfurchte Form” aus christlichem Gehalt für sich beanspruchen. Sie sind
Medien der rationalen Kommunikation. Man mag die ,dichtesten’
theologisch-philosophischen oder ästhetisch-poetologischen Partien der Essays
noch ähnlich behandeln wie solche Gedichte, die nach dem Selbstverständnis
ihrer Autoren um der Kunst willen (und nicht um irgendwelcher Leser willen) geschrieben sind, indem man sie hinnimmt,
als wären sie um der Erkenntnis des Autors
willen geschrieben worden (und nicht für den Leser). Zumindest der
Journalismus der Tagespresse steht aber unter einem anderen Gesetz. Daß Weiß
jahrzehntelang in einer Großstadtzeitung Artikel schreiben konnte, die ihre
Leser unmöglich zu erreichen vermochten, nimmt der Schriftsteller Hans Brandenburg
(der Weiß von den „Piper-Abenden” her kannte), als sicheres Indiz für die
soziale Funktionslosigkeit der journalistischen Kunstkritik: „Ja, dieser ganz
Unvolkstümliche hatte etwas frühzeitlich Volkhaftes und Archaisches, er war
ein frommer Knecht, und das Lallen seiner Schriften kam wie aus einer Krypta. (...)
Obwohl er seine Feder zu keinem Journalismus schmeidigen wollte und konnte,
berief man ihn als Kunstkritiker an die Münchener Neuesten Nachrichten. (...) Unbegreiflich
war es, daß sich die Leser seine fast völlig unverständliche Schreibweise durch
lange Jahre gefallen ließen, und es legte den Gedanken nahe, daß die Kunst
schon damals niemanden anging als diejenigen, die sie machten und die über
sie schrieben, oder daß man in der Zeitung ebenso gut gewollten Unsinn hätte
drucken können, ohne bei der allgemeinen Gleichgültigkeit auch nur Empörung
hervorzurufen. Ohne Frage besaß Konrad Weiß zu manchen Dingen ein tiefeigenes,
ja hellsichtiges und divinatorisches Verhältnis, (...) aber selbst wenn ich
seine Sprache, die noch nicht oder nicht mehr Sprache war, erahnte, ward ich
den Eindruck des Schizophrenen nicht los.”[25]
Daß Brandenburg hier überspitzt, belegt die folgende Begebenheit. Als Weiß
am 01.02.1932 einen Lichtbilder-Vortrag des Architekten und Kunstpädagogen Paul
Schultze-Naumburg in einem nicht unverständlichen „Bericht” kritisierte,
reagierte der namhafte ,Rassehygieniker’ Fritz Lenz, damals Münchner, ab 1933
Berliner Universitätsprofessor, unverzüglich mit einem empörten Brief an die
Redaktion. Der Redner war vom nationalsozialistischen „Kampfbund für deutsche
Kultur” eingeladen worden und sprach in einem überfüllten Hörsaal und in
einer „parteimäßigen Atmosphäre”.[26] Die Wiederholung des Vortrages
wurde von dem NS-Ideologen Alfred Rosenberg eingeleitet. Weiß besuchte beide
Veranstaltungen. Er protestierte gegen nichtchristliche Interpretation
berühmter christlicher Skulpturen (der Bamberger und Naumburger Figuren) Schultze-Naumburgs: „Mit Worten von ,Rasse’ und ,nordischem Heldentum’ ist da
nichts getan.” Auch verteidigte er die „germanischen Künstler” Corinth, Munch,
van Gogh gegen die Vorwürfe, die Schultze-Naumburg gegen den Expressionismus
und sein historisches Umfeld gerichtet
hatte. Im übrigen aber brachte Weiß Schultze-Naumburg
doch so viel Verständnis entgegen, daß es kaum noch überrascht, Weiß
1933 als politischen Publizisten zwar nicht im Lager der Nationalsozialisten,
aber doch im Lager der konservativen Rechten zu finden. Ich beziehe mich auf
den Traktat „Der christliche Epimetheus”. Der Text enthält geschichtsphilosophische
Partien, die im gegenwärtigen Zusammenhang außer acht bleiben können. Er
enthält aber auch Tagebuchnotate zur „Hindenburg-Wahl” 1932 und zeitgeschichtlich-politische
Passagen zur Machtübergabe an den „Volksführer” Hitler. In ihnen finden sich
auch Sätze, die weniger verknorzt und verschroben sind als noch die Hindenburg-Notate
im gleichen Buch: „Das neue Jahr [1933] begann alsbald mit einem schnellen
Schritte. Auf den praktischen, zwischenparteilichen Präsidialbegriff des Generals
von Schleicher, vom Umlaufe der politischen Bewegung weggeschoben, folgte am
Januarende von einem Tage zum andern das Kabinett Hitler als Reichskanzler
mit Papen als Vizekanzler, die Gemination des konservativen Deutschtums mit dem
faktischen neudeutschen Parteistrome, damit die größere Ungewissheit und die
nähere Größe von Entscheidungen. Der Reichstag wurde wieder aufgelöst, das Heer
Hitlers erschien auf der Straße; das Reichstagsgebäude brannte, in dessen Folge
der Druck auf die Linksorganisationen bis zu einer gewissen Ausschaltung verschärft
wurde; die nord-süddeutsche Frage spielte dazwischen. Hindenburgs Gestalt ist
mit einer stummen Ruhe außerhalb des Wahlkampfes. (...) Die Reichstagswahl am
5. März hat den Nationalsozialisten rund 44 Prozent der Stimmen gebracht; mit
den Konservativen unter den alten Reichsfarben zusammen die Mehrheit. Diese Bewegung,
seit einem Jahre der politische Angelpunkt, ist nun auf legitimem Wege geschehen;
wenn man so sagen will nach alter Weise der Deutschen eine Bewegung des
Fußvolkes.”[27] Der Traktat beruft sich auf Carl
Schmitt und enthält abfällige Bemerkungen über die Demokratie; er ist voller
Vorbehalte auch gegenüber der Politik des katholischen ,Zentrums’ und seiner Regierungen; er ignoriert die verletzten
politischen Grundrechte und sieht als Opfer
der Hitlerschen Macht nur ,Organisationen’, die ,ausgeschaltet’ werden.
Von den betroffenen Menschen ist gar nicht die Rede: weder von Emigranten noch
von Juden noch von politischen Häftlingen. Nach dem sogenannten „Röhm-Putsch”
aber fürchtete Weiß sogar um sich selbst, im
Wahne, die ,Partei’ habe seinen
„Christlichen Epimetheus” gelesen und
womöglich für gefährlich befunden. Der Verlag berichtete zu dieser
Zeit, er habe 116 Rezensionsexemplare verschickt und 43 Exemplare verkauft. Wenn
dennoch ein Parteifunktionär ein Exemplar in die Hand bekommen hätte (was
schwerlich der Fall war), dürfte ihn das, was ihn interessiert und was er
verstanden hätte, ausreichend zufriedengestellt haben. Denn die unmittelbar
politischen Parteien sind offensichtlich aus der Perspektive des Hindenburg-Sympathisanten
und damit derjenigen „Konservativen”
geschrieben, die Hitler 1933 zu der erwähnten ,Legitimität’ verholfen haben. Das
heißt aber, daß Weiß in der gegebenen Situation an diesen Stellen wenn nicht als Schreiber, der sich um
Verständlichkeit bemüht, so doch als christlicher Publizist und als Mitmensch
versagt hat.
[1] Dieser
Versuch enthält redigierte Auszüge aus einer
Vorlesung, die ich im Wintersemester 1967/68 an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken gehalten habe. Seither
erschienene Publikationen zu Weiß wurden durchgesehen und punktuell
berücksichtigt. Die wichtigsten von ihnen
sind das „Marbacher Magazin” 15/1980 (Sonderheft Konrad Weiß) sowie die Löwener Dissertation (1959) von Ludo
Verbeek: Kondrad Weiß. Weltbild und
Dichtung. Eine Untersuchung nach dem inneren Zusammenhang der ersten Schaffensperiode
(1909-1920), im Druck Tübingen 1970. Zur Bibliographie der Schriften von
und über Weiß vgl. Verbeek und das „Marbacher Magazin” (s.o.). Aus der älteren
Weiß-Forschung hebe ich noch hervor (neben dem schon erwähnten Engagement
Kemps) die Dissertation von Carl Franz Müller: Konrad Weiß. Dichter und
Denken des „geschichtlichen Gethsemane”. Freiburg/Schweiz 1965, das Konrad-Weiß-Kapitel bei Clemens
Heselhaus: Deutsche Lyrik der Moderne
von Nietzsche bis Yvan Goll. 2. Aufl. Düsseldorf 1962, und den Aufsatz von
Heselhaus über Weiß in Otto Mann (Hg.): Christliche
Dichter im 20. Jahrhundert. 2. Aufl. Bern/München 1968.
[2] Vgl.
Evelyn Viehoff-Kamper: ORPLID. Analyse
und Diskussion des literarischen Kommunikationsraumes der „katholischen”
Zeitschrift „Orplid”. Frankfurt/Main 1993. Auf protestantischer Seite entsprach den erwähnten katholischen
Zeitschriften am ehesten die Zeitschrift „Eckart” mit Beiträgern wie Rudolf
Alexander Schröder.
[3] Vgl.
den Tagebuchauszug im „Marbacher Magazin” (s. Anm. 1), S. 51, 54.
[4] Zur
Bedeutung des Titels vgl. im Marbacher Magazin (s. Anm. 1), S. 41, den Brief
Weiß’ an den Kritiker Hans Hennecke.
[5] Vgl.
Müller: Konrad Weiß (s. Anm. 1).
[6] Vgl.
Müller (s. Anm. 1), S. 11.
[7] Das
ist natürlich auch Müller (s. Anm. 1) bewußt, wie seine Interpretationen und
Belege zeigen, auf die ich mich im Folgenden stütze, bei anderem Ansatz und
anderer (ambivalenter) Einschätzung Weiß’.
[8] Vgl.
Heselhaus: Oskar Loerke und Konrad Weiß. Zum
Problem des literarischen Nachexpressionismus. Der Deutschunterricht 6,
1954, H. 6.
[9] In:
„Literarischer Handweiser” 56. Jg. Nr. 5/1920, S. 219ff.
[10] Wanderer in den Zeiten. Süddeutsche Reisebilder. Hg. v. F. Kemp. München 1958, S. 31.
[11] Vgl.
Zum geschichtlichen Gethsemane. Mainz
1919, S. 185f.
[12] Vgl.
Weiß: Gedichte 1914-1939. Hg. v. F. Kemp. München 1961, S. 188ff. Auch
der widergöttliche „Neid” (S. 188) gehört zu den wiederkehrenden Schlüsselvokabeln Weiß’. Mit dem Bild des Anglers
schließt Weiß an die alte Motivtradition
des „Menschenfischers” an. Daß Weiß’
Gebrauch des Jagdmotivs in der religiösen Literatur der Jüngeren Wirkungen
oder Parallelen hatte, mögen die folgenden Beispiele von Ruth Schaumann
(1899-1975) deutlich machen, die aber auch zeigen, wie die Motive bei Schaumann
sich leichter erschließen und ins Romantische hinüber spielen.
Der Pfeil
Engel, bewahrt ihr noch den Pfeil,
der so verwunden kann wie nichts,
den Pfeil aus Licht des höchsten Lichts?
Engel, ich weiß ein Wild dafür,
es liegt so bang im Wald der Welt,
von Hunden großer Jagd umbellt.
Engel, der Bogen ist gespannt,
Ob auch die stumme Hinde klagt,
Ein Ziel ist Sinn von jeder Jagd.
O Blitz aus höchstem Himmelreich,
Abgrund, Berg aus süßem Schmerz,
Engel – die Hinde ist mein Herz.
Oder vergleiche in dem Gedicht „Bergung” aus dem
Band „Die Kathedrale”, 1920, die zweite Strophe:
Ich werd mich wie ein armes Wild
Warm, aber stumm und hungerlos verhalten.
Nur wunde Glieder aus den Schmerzen falten,
Denn deine Finsternis ist keusch und mild.
[13] Vgl.
Der christliche Epimetheus Berlin
1933, S. 12.
[14] Vgl.
Deutschlands Morgenspiegel, Bd. 2,
München 1950, S. 135.
[15] Ebd.,
S. 151, S. 139
[16] Das
zeigt auch, vielleicht gegen ihre Absicht, die Zürcher Dissertation von Hans
Peter Holl: Bild und Wort. Studien zu
Konrad Weiß, Berlin 1979.
[17] Vgl. Konradin
von Hohenstaufen, Leipzig 1938. Vgl.
auch das folgende Widmungsgedicht:
„Reime suchen Wort und Klang,
einer horcht auf unsern Gang,
Reim um Reim verfolgt sich reg,
einst war einer unser Weg.”
Gedichte 1914-1939, hg. v. F. Kemp, München 1961, S. 672.
[18] Vgl.
Gedichte 1914-1939, hg. v. F. Kemp,
München 1961, S. 143.
[19] Anima Reclusa, ebd., S. 67.
[20] Heselhaus:
Deutsche Lyrik der Moderne. 2.
Auflage. Düsseldorf 1962, S. 383.
[21] Gedichte 1919-1939. München 1961, S. 9.
[22] Ebd.,
S. 185.
[23] Vgl.
Rudolf Borchardt: Handlungen und
Abhandlungen. Berlin 1928, S. 210.
[24] Vgl.
Joseph Bernhart in: Münchner Dichterbuch.
München 1928, S. 206f.
[25] Vgl.
Brandenburg im „Marbacher Magazin” (s. Anm. 1), S. 67.
[26] Vgl.
dazu und zum Folgenden den Anhang von Konrad Weiß: Wanderer in den Zeiten. München 1958, S. 209-216.
[27] Vgl.
Weiß: Der christliche Epimetheus. Berlin
1933, S. 91-93. Diese Stelle wird m. W. in den Dissertationen über Weiß weder
zitiert noch erwähnt.