Orbis Linguarum Vol. 16 (2000)

Herbert Klauser

Wien

Thematik, Weltanschauung, Form und literarische Gestaltung in den Werken Ferdinand von Saars

Jede meiner Novellen ist ein Stück österreichischer Zeitgeschichte, und es ist gera­de­zu unbegreiflich, daß man dies von seiten der Kritik gar nicht bemerkt – oder doch wenigstens nicht hervorhebt[1]

schrieb der Dichter Ferdinand von Saar in einem Brief vom 8. Februar 1889 aus Blan­sko in Mähren an Fürstin Marie von Hohenlohe, mit der er lange Zeit hin­durch einen regen Briefwechsel über literarische und künstlerische, aber auch über per­sönliche Themen und Probleme führte. Saar gibt in seinen Werken ein sehr leben­diges Bild der Donaumonarchie im Zeitalter Kaiser Franz Joseph I., er zeichnet ein faszinierendes Psychogramm der Gesellschaft einer zu Ende gehenden Epoche. Das war wohl auch der Grund dafür, daß dieser Dichter lange und vielfach noch heute, vor allem als Chronist einer vergangenen Zeit angesehen und gewisser­maßen als solcher abgestempelt wurde. Da könnte sich leicht die Frage stellen, was ein so brillanter Schilderer von Menschen und Verhältnissen einer Ära, die vor vielen Jahrzehnten ihr Ende fand, den heutigen Lesern, nahezu an der Schwelle eines neu­en Jahrtausends zu bieten hat: Ferdinand von Saar ist viel mehr als nur der Gestalter des viefältigen Panoramas der Welt der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Heute erst beginnt man, diesen meisterhaften Schilderer des Menschen und sei­ner Motive in all ihrer Komplexität eingehend zu würdigen, wozu der Germanist Karl Konrad Polheim durch seine Forschungsarbeit wesentlich beigetragen hat, der Saar so charakterisiert:

Es gilt, einen Dichter neu zu entdecken, der, indem er zwischen dem 19. und 20 Jahr­hundert steht, die Errungenschaften und Techniken jenes beherrscht und gleich­zeitig den neuen Strömungen in diesem den Weg bereitet.[2]

Saars Werk wird erfreulicherweise von der germanistischen Wissenschaft in zu­neh­mendem Maße erforscht.[3] Saar gelingt es vor Sigmund Freud und Arthur Schnitzler die Sphäre des Unbewußten und Unterbewußen, das „weite Land” der Seele in sei­nen Dichtungen darzustellen und vor allem die Problematik unglücklicher, unbe­frie­digter Frauen zu gestalten; ganz bewußt nannte er sich daher einen „Seelen er­gründenden Dichter”.

Ein Thema war es, das er immer wieder behandelte, die Liebe in all ihren Er­scheinungsformen, vom Gefühl inniger Zärtlichkeit bis zur bloßen Sexualität; und in diesem Bereich zeigt er die Menschen im Banne des Eros und der Triebe und er bricht als ein Dichter des 19. Jahrhunderts viele Tabus seiner Zeit, vor allem auch in der schrankenlosen Gestaltung der Sehnsucht der frustrierten, nicht attraktiven Frau nach sexueller Erfüllung. Neben der Liebe, die bei Saar selten glücklich ist, steht oft der Tod: Er hat das Motiv von Eros und Thanatos, das bei Schnitzler so­wohl in seinen Novellen wie auch in seinen Dramen dominiert – man denke nur an „Spiel im Morgengrauen”, „Sterben”, „Der Schleier der Beatrice” oder „Der ein­same Weg” – häufig gestaltet.

Sowohl in seiner pessimistischen Weltanschauung, die von Resignation und der Überzeugung der Vergänglichkeit und der Gefährdung des Menschen geprägt wird, wie in formaler Hinsicht durch seinen oft impressionistischen Stil und durch Ver­wendung des „inneren Monologs” in seinen Novellen zeigen sich bei Saar so viele Parallelen zu Arthur Schnitzler, daß man ihn geradezu als einen „Schnitzler vor Schnitzler” bezeichnen könnte. Allerdings gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen beiden Dichtern: Schnitzlers Werke haben Weltruhm erlangt und seine Dramen werden auch heute noch auf vielen Bühnen mit großem Erfolg gespielt und seine Novellen erreichen wie eh und je hohe Auflagen, wogegen bei Erwäh­nung von Saars Namen auch von informierten und gebildeten Lesern sehr häufig die Frage gestellt wird: „Wer ist Saar?”. Der wesentliche Beitrag Ferdinand von Saars zur österreichischen Literatur in der Periode des bürgerlichen Realismus sind neben seiner Lyrik seine „Novellen aus Österreich”, wobei „Innocens”, „Die Stein­klopfer”, „Marianne”, „Tambi”, „Dissonanzen”, „Schloß Kostenitz” und „Leutnant Burda” zu den bekanntesten zählen. Sie bilden zweifellos ein faszinierendes Kultur- und Sittenbild aus dem österreichischen Leben von 1850 bis zur Jahrhundertwende.

Dichter haben seit jeher ein ausgeprägtes Sensorium dafür, hinter der bloßen Oberfläche der Erscheinungen das Wesentliche zu erkennen und oft auch gleich dem Seher in das Dunkel der Zukunft zu blicken. Dies gilt auch für Ferdinand von Saar, der in seinem Gedicht „Austria” schon Jahrzehnte vor dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie seiner düstere Vision des Untergangs dieses mächtigen Reiches, das mehr als fünfzig Millionen Einwohner zählte und über viele Länder Europas herrschte, gestaltete.

Die Thematik[4] in Saars Werken umfaßt einen weiten Bereich vielfältiger Moti­ve unter anderem den Verlust der Macht in den Novellen „Das Haus Reichegg”, „Vae victis!” und „Schloß Kostenitz”, den raschen Wechsel künstlerischer Strö­mungen in „Ninon” und „Der Hellene”, die soziale Not in „Die Steinklopfer”, „Die Troglodytin” und „Die Pfründner”, den Aufstieg einer neuen Klasse in „Dissonan­zen” und „Die Familie Worel”, die Frauenemanzipation in „Geschichte eines Wie­nerkindes”, Erotomanie und sexuelle Hörigkeit in „Conte Gasparo”, „Hymen” und „Sappho” sowie das Problem jüdischer Assimilation und des Antisemitismus in „Seligmann Hirsch”.

Allerdings gibt es immer wiederkehrende Motive, die durch die dominierende Überzeugung des Dichters von der Vergänglichkeit und Unbeständigkeit unseres Daseins und aller Erscheinungsformen und Verhältnisse bedingt sind. Saar gestal­tet dieses Phänomen in der Sphäre des Persönlichen ebenso wie in jener der Ge­meinschaft. Dieses Bewußtsein der „insecuritas humana”, des Ausgeliefertseins des Menschen und seiner Schutzlosigkeit gegenüber dem Schicksal, führt dazu, daß in vielen von Saars Werken ein Grundton von Melancholie mitschwingt, denn er zeigt, daß auch Menschen und Einrichtungen, die stark und unerschütterlich er­scheinen, der Vergänglichkeit preisgegeben sind. Im politischen Bereich geht es da­bei um das Thema vom Sturz der Mächtigen, der Individuen ebenso wie der staatlichen Systeme, in der privaten Sphäre zwischenmenschlicher Beziehungen um deren Instabilität und Brüchigkeit. Ferdinand von Saar, der sich dem Adel ver­bunden fühlte, und jahrzehntelang als Gast in den Schlössern von Adeligen wohnte, gestal­tet in vielen seiner Novellen die Haltung und Weltanschauung von Aristokraten, aber auch den Machtverlust dieses Standes. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahr­hunderts mit der Zäsur des Revolutionsjahres 1848 wurde die Position des Adels der k. und k. Monarchie durch politische, wirtschaftliche und soziale Verände­run­gen sehr stark betroffen. Saar hat dieses Phänomen in den bereits oben erwähnten Novellen thematisiert, vor allem in „Das Haus Reichegg”, „Schloß Kostenitz”, „Der Burggraf”, „Dissonanzen” und „Die Familie Worel”. Ebenso wie bei ande­ren zeitgeschichtlichen Tendenzen verdeutlicht der Dichter auch den Struktur­wan­del im Bereich der Aristokratie durch die Darstellung des Schicksals von Persön­lichkeiten, die als Repräsentanten bestimmter Kräfte gelten können. Besonders eindringlich zeigt er dies am Beispiel des Grafen Reichegg, des Vertre­ters einer Ordnung, in der dem Adel die führende Rolle zukommen sollte, der seiner Ansicht nach gemeinsam mit der Kirche und dem Militär das Fundament des Staates bil­dete. Der Staatsrat Reichegg, der den militärischen Sieg über die Revolution von 1848 begeistert begrüßt hatte, mußte schließlich schmerzlich den Niedergang der feudalen Machtstruktur erleben:

Durch die Zeitereignisse gestürzt, den Untergang alles dessen erlebend, was er be­grün­den half. (...)[5]

Denn durch die Industrialisierung, den Liberalismus, das Aufkommen des Parla­mentarismus und durch die Entwicklung einer Geldaristokratie sowie durch den Aufstieg einer neuen Klasse, der Arbeiter, war eine völlige Wandlung der Macht­struktur eingetreten. Sehr deutlich beschrieb Kronprinz Rudolf in seiner im Jahre 1878 anonym erschienenen Veröffentlichung „Der Oesterreichische Adel und sein constitutioneller Beruf” die österreichische Aristokratie, die ihm fast wie die Ruine eines vormals stolzen Gebäudes (...)[6] erschien und ihre Macht verliere:

Wer nur den Zustand der österreichischen Aristokratie in das Auge fasste, der müsste glauben, es habe der Adel seine Rolle im öffentlichen Leben bereits ausgespielt und mit den einstigen Privilegien auch seine Bedeutung im Staatsleben völlig verloren.[7]

Am deutlichsten aber manifestiert Saar diesen grundlegenden gesellschaftlichen Strukturwandel durch die Stellungnahme des Grafen Erwin zu diesem Problem in den Novellen „Die Familie Worel” und „Dissonanzen” durch dessen Feststellung:

Daß die alte Gesellschaftsordnung im Absterben begriffen ist, erkenne ich sehr wohl, und es fällt mir nicht ein, für sie eine Lanze brechen zu wollen.[8]

Ein Thema, das in Saars Novellen einen breiten Raum einnimmt, ist die Stellung der Armee in der Gesellschaft der k. und k. Monarchie und vor allem die Position des Offiziers. Dies ist keineswegs überraschend bei einem Autor, der selbst mehr als ein Jahrzehnt im kaiserlichen Heer diente. Offiziere spielen in vielen seiner Erzählungen eine wichtige Rolle, in „Innocens”, „Leutnant Burda” und „Ginevra” ebenso wie in „Schloß Kostenitz”, „Conte Gasparo” und „Außer Dienst”. Häufig schildert Saar die von ihm selbst erlebte Problematik vom „glänzenden Elend in Uniform”, mit der vor allem Offiziere niedriger Ränge konfrontiert waren. Sie ge­nossen wohl hohes gesellschaftliches Ansehen, da sie die Macht des Staates reprä­sentierten, waren jedoch schlecht besoldet, was in vielen Fällen, auch bei Saar wäh­rend seiner Militärzeit, zu arger Verschuldung führte. In der Novelle „Vae victis!” bilden Glanz und Machtverlust der Armee neben der Problematik einer unglücklichen Ehe das Zentralthema. General Brandenberg, ein Offizier, der nach der Niederwerfung der Revolution von 1848 durch das Militär und nach den sieg­reichen Schlachten Radetzkys in Italien rasch Karriere gemacht hatte, mußte aber auch den Verlust des Ansehens des Heeres nach den Niederlagen von Solferino und Magenta im Feldzug gegen Piemont miterleben; er erscheint in Saars Novelle gewissermaßen als Repräsentant dieser Armee. Mit dem Stilmittel des Kontrasts entwirft der Dichter ein eindrucksvolles Bild dieses Wandels, zunächst durch die Betonung des großen Prestiges, das die Armee nach Radetzkys Siegen genoß:

Es war damals eine Zeit, wo der Militärstand sich des höchsten Ansehens erfreute. Alles übrige konnte sich nur bedingt und nebenher geltend machen; selbst die Bureau­kratie, einst so mächtig im Staate, war dem Schwerte untergeordnet.[9]

In schärfstem Gegensatz hiezu schildert Saar die nach einem Jahrzehnt völlig an­ders geartete Situation nach den Niederlagen in Italien im Jahre l859. Nun war die früher so hoch geachtete Armee im Reichsrat der schärfsten Kritik der Parlamen­tarier ausgesetzt, die General Brandenberg geradezu als persönlichen Angriff emp­fand. Er hatte das Gefühl, „daß nach dem Friedensschlusse von Villa Franca etwas in seinem Innern gebrochen und vernichtet war (...)”[10]

Im militärischen Bereich hatte das Duell große Bedeutung, denn jeder Offizier war verpflichtet, seine „Ehre” gegen jegliche Beleidigung, so geringfügig sie auch sein mochte, zu verteidigen. Saar lehnte das „Verwerfliche und Widersinnige des Duells”[11] schärfstens ab:

Nur blind fanatische Anhänger des sogenannten ‘Ehrenpunktes’ können für die Auf­rechterhaltung jener barbarischen Unsitte eintreten.[12]

In seiner Novelle „Leutnant Burda” thematisierte Saar die Problematik des Duells. In mehreren Novellen gestaltete der Dichter die großen ökonomischen Verände­run­gen, die sich in einer Welt im Wandel in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr­hunderts ereignet hatten. Saar schildert den Niedergang des Bürgertums in seinen Erzählungen „Geschichte eines Wienerkindes”, „Die Brüder”, „Doktor Trojan” und am ergreifendsten in einem seiner letzten Werke „Die Pfründner”. Seine Sym­pathie gehörte „den Handwerkern und Kaufleuten, welche der Gewerbe­freiheit und dem hastenden Wettkampfe der Industrie zum Opfer gefallen (...).” [13]

Sie verkörperten für den Dichter die Welt des soliden Bürgertums und eine Wert­ordnung, in der Anständigkeit, Verläßlichkeit und Aufrichtigkeit im persön­li­chen und auch im geschäftlichen Bereich sehr geschätzt wurden. Zahlreiche klei­ne­re und mittlere kaufmännische Betriebe konnten mit den großen Unterneh­mun­gen der Gründerzeit nicht konkurrieren und gingen bankrott, wofür der Wiener Bör­senkrach des Jahres 1873 mit seinen katastrophalen Auswirkungen ein depri­mierendes Beispiel bot. Zur gleichen Zeit entwickelte sich im Zuge einer überhitz­ten Konjunktur mit den zahlreichen Großprojekten von Eisenbahnbauten und Fa­brikanlagen in vielen Teilen der Monarchie, für deren Finanzierung bedeutende Kapitalmengen benötigt wurden, eine neue Schicht des meist jüdischen Großbür­gertums. Saar, der diesen Gesellschaftskreis durch seinen jahrelangen Kontakt mit den Familien Wertheimstein, Todesco und Gomperz sehr gut kannte, schildert die Welt der durch den Monarchen geadelten Angehörigen der Finanzaristokratie sehr lebendig in der Novelle „Seligmann Hirsch”. Dadurch, daß für die industriellen und kaufmännischen Großprojekte im weitläufigen Gebiet der k. und k. Monarchie enorme Summen erforderlich waren, gab es dabei auch sehr hohe Gewinnmög­lich­keiten, was die Bankiers in die Lage versetzte, den Lebensstil der Adeligen anzu­nehmen und Palais und Schlösser zu erwerben. Als ein Vertreter der Gesellschaft dieser Neureichen erscheint der Baron Sigi Conimor, von dessen riesigen Spiel­ver­lusten der Ich-Erzähler in der Novelle „Geschichte eines Wienerkindes” berichtet:

Er hatte gerade die Nacht zuvor im Wienerclub an einen hohen Aristokraten zweimal hunderttausend Gulden im Spiel verloren (...)[14]

In der im Jahre 1889 erschienenen Novelle „Seligmann Hirsch” gestaltete Saar ein damals sehr aktuelles Zeitproblem, die Position des Judentums in der k. und k. Mo­narchie in den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts und das Problem des Antisemitismus. Er zeichnete ein sehr lebendiges Bild der jüdischen Gesellschaft Wiens, besonders der Finanzaristokratie. Er demonstrierte an einzelnen Personen der Novelle die oft gegensätzliche Einstellung der Orthodoxie, des Festhaltens an der Tradition sowie Tendenzen zur möglichst völligen Assimilierung, die schließ­lich auch zur Konversion zum Christentum, zur Taufe, führen konnten. Dieses Stre­ben nach völliger Anpassung verursachte einen Konflikt zwischen den Generatio­nen, was Saar durch den Gegensatz zwischen dem alten Seligmann Hirsch und seinem Sohn, dem geadelten Baron Hirtburg thematisiert.

Saars Position bei der Gestaltung dieses Themas war gewiß nicht einfach, denn er war jahrzehntelang von führenden jüdischen Repräsentanten der Wiener Geld­aristokratie, von den Familien Wertheimstein, Todesco und Gomperz, großzügig gefördert worden und mußte daher als Autor bei einer eventuellen Kritik jüdischen Verhaltens sehr vorsichtig sein. Er fand eine Lösung des für ihn heiklen Problems durch die Einführung eines jüdischen Antisemiten im letzten Teil der Novelle „Se­ligmann Hirsch”, der sich bei seinen oft sehr aggressiven und kritischen Äußerun­gen kein Blatt vor den Mund nahm. Ein zeitgenössisches Modell für ein derartiges Verhalten war zweifellos der jüdische Philosoph Otto Weininger, dessen Werk „Ge­schlecht und Charakter” von einem geradezu fanatischen Haß gegen das Ju­den­tum erfüllt war.

In der Novelle „Seligmann Hirsch” nimmt Saar durch Äußerungen von Hirsch, der von Soireen und Empfängen seiner Schwiegertochter spricht, zur Problematik des jüdischen Mäzenatentums und der Möglichkeit völliger Assimilierung und Gleichberechtigung Stellung:

Alles, was in Wien irgendwie hervorragt, soll sich in ihrem Hause versammeln: Staats­männer, Gelehrte, Künstler und Schriftsteller. Und die meisten kommen auch – obgleich man noch immer sehr gegen uns eingenommen ist – und diejeni­gen, die es sich nicht merken lassen wollen, sind es am meisten. Alle diese Leute erschei­nen wohl im Salon, setzen sich auch nicht ungern an die Tafel – sobald sie aber wieder draußen sind, schütten sie sich schon auf der Treppe gegen die Juden aus.[15]

Saar, der ein sehr ausgeprägtes Sensorium für die entscheidenden Wandlungen im sozialen und politischen Gefüge der Monarchie besaß, gestaltete den Aufstieg einer neuen Klasse, der Arbeiter, und die Entwicklung des Sozialismus vor allem in seinen Novellen „Die Familie Worel” und „Dissonanzen”. Besonders signifikant ist wohl die Feststellung des Grafen Erwin über die geänderte Haltung der Bevöl­kerung zu den Grundherrn, die auch Besitzer von Erzlagern und Hochöfen waren und eine Eisenindustrie aufgebaut hatten:

Von meilenweit kamen die Leute herbeigeströmt, um Arbeit zu suchen und zu fin­den. Waren die Löhne auch gering, mußte auch bei der Errichtung so manchen Ob­jekts noch die Robot mithelfen: man segnete den unternehmenden Gutsherren und nannte ihn den Wohltäter der Gegend. Heute nennt man uns die Ausbeuter.[16]

In der Erzählung „Die Familie Worel” vertritt Saar die Ansicht, daß im frühen Stadium der Industrialisierung die Lebensbedingungen der Arbeiter in Fabriken, Hüttenwerken und Unternehmungen, die Adeligen gehörten, wo gewissermaßen noch patriarchalische Verhältnisse existierten, wesentlich günstiger waren als die der Angehörigen des städtischen Proletariats, wo oft großes Elend herrschte. Er exemplifiziert dies am Beispiel Worels, der ursprünglich als Hausfaktotum und Tischler auf dem Gut des Grafen gearbeitet hatte, aber später mit seiner Familie nach Brünn gezogen war. Gerade diese Novelle wie auch manche andere („Tam­bi”, „Doktor Trojan” , „Die Troglodytin”) zeigt, wie sehr Ferdinand von Saar, der viele Jahre als Gast der Fürstin Salm auf Schloß Blansko und Raitz verbracht hat­te, durch seine Eindrücke in Mähren beeinflußt war, worauf Emil Soffé in seiner Untersuchung „Mähren in Saars Dichtung” besonders hingewiesen hat.[17]

Am Beginn der Novelle „Die Familie Worel” bezieht sich der Dichter auf Un­ruhen, Streiks und Demonstrationen in Brünn im Jahre 1869:

In der Landeshauptstadt waren Arbeiterunruhen entstanden, die sich mehr und mehr steigerten und auch auf die benachbarten Fürstlich Roggendorffschen Eisenwerke über­zugreifen drohten. (...) Inzwischen aber war es in der Stadt zum Äußersten ge­kommen. Man hatte Militär aufbieten müssen; die bei solchen Anlässen unver­meid­lichen Opfer hatten geblutet, worauf eine dumpfe, unentschiedene Ruhe eingetreten war.[18]

In der Novelle „Dissonanzen” werden in der kontroversiellen Auseinanderset­zung zwischen dem feudalen Grafen Erwin und dem progressiven Sozialpolitiker Pro­bleme der Arbeiterbewegung und des Sozialismus diskutiert. Vor allem in „Ge­schichte eines Wienerkindes”, „Sappho”, „Hymen”, aber auch in zahlreichen Ge­dichten („Stella”, „Die Postelevin”), die am Ende des vorigen Jahrhunderts ent­standen, hat sich Saar mit einem sehr aktuellen Thema der Zeit, mit Frauenfragen und Emanzipation, beschäftigt. Er vertritt dabei jedoch eine sehr widersprüchliche Haltung: Während er in vielen seiner Werke den Reiz der Frauen und ihre Attrak­ti­vität glorifiziert, macht sich in seiner Einstellung gegenüber den Bestrebungen der Frauen nach Gleichberechtigung oft eine ablehnende und geradezu feindselige Po­sition bemerkbar. Ein wichtiger Grund[19] hierfür ist der, daß der Dichter die Frau vor allem als das rätselhafte, triebhafte Wesen ansah, deren einziges Glück in der Erfüllung sexueller Liebe bestand. Saar meinte, die Frau würde durch eine beruf­li­che Tätigkeit und durch Beschäftigung mit Kultur und Wissenschaft ihren Reiz für den Mann und damit ihre Zufriedenheit verlieren. Besonders signifikant für diese Haltung Saars ist sein Gedicht:

An die Frauen

(...)

Glücklich werdet ihr stets nur werden

Durch eure Schönheit –

Glücklich nur, so lang sie dauert.

Denn zu tief verknüpft mit der Natur

Ist euer Schicksal,

Und zu dem alten Fluch des Geschlechts,

Dem kaum eine entgeht,

Zu den Leiden getäuschter Liebe

Werden gesellen sich noch

Getäuschter Ehrgeiz,

Verfehltes Wirken,

Fruchtloses Ringen,

Die Qual des Denkens –

Und all die tausend Leiden und Kämpfe des Mannes...

Reizt euch das Ziel?[20]

Zu den wichtigsten Motiven in Saars Dichtungen gehören neben dem Thema der Vergänglichkeit in allen Bereichen unseres Lebens die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau. In der Darstellung der Liebe wirken in Saars frühen Novellen „Innocens”, „Marianne” zweifellos noch Einflüsse der Bie­dermeierliteratur nach, wodurch eine idealistische Haltung bedingt ist, wo­gegen in seinen späteren Erzählungen „Der Exzellenzherr”, „Vae victis!”, „Ninon”, „Requiem der Liebe”, „Conte Gasparo” und „Hymen” die Skepsis gegenüber der Liebe do­mi­niert; die Liebe zwischen den Gestalten der Novellen Saars ist fast nie eine glück­liche und oft steht neben ihr drohend der Tod: Eros und Thanatos!

Liebe ist für Saar – abgesehen von „Ginevra” – fast nie das Gefühl der Zärt­lich­keit und Hingabe an den Partner, sondern geradezu eine gefährliche Macht, von der die jungen Offiziere beim Diner des General Brandenberg in „Vae victis!” kei­ne Vorstellung hatten:

Sie ahnten noch nicht die Abgrundtiefe weiblicher Empfindung, nicht den furcht­ba­ren Ernst jener dunklen Naturgewalt, die im Leben unter so unfaßbaren Wider­sprüchen zutage tritt und von den Menschen Liebe genannt wird.[21]

Einen Grund dafür, daß viele Beziehungen zwischen Mann und Frau oft von An­fang an den Keim der Vergänglichkeit in sich tragen, sieht Saar in den Charakter­eigenschaften der Partner, in der mangelnden Verläßlichkeit der jeweiligen Per­sönlichkeit. Dies gilt für den Mann ebenso wie für die Frau. Besonders klar spricht Alexis, der seiner Geliebten Ludivica untreu geworden war, in der Novelle „Die Geigerin” von der Instabilität der Gefühle:

Aber sie will nichts hören, will nicht begreifen, daß Gefühle vergänglich sind, daß neue Eindrücke ebenfalls ihre Rechte fordern.[22]

Eine sehr ähnliche Haltung des Zweifels an der Beständigkeit von Gefühlen for­mu­lierte Arthur Schnitzler in seinem „Buch der Sprüche und Bedenken”[23]; „Die Geigerin” erschien 1875, Schnitzlers Aphorismensammlung 1927.

Weltanschaulich ist Saars Schaffen außerordentlich stark durch die Philosophie Schopenhauers beeinflußt, ein Phänomen, das Gerta Waitz[24] eingehend analysiert hat. So wie in vielen europäischen Hauptstädten wurden in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch in der Haupt- und Residenzstadt Wien die Werke des Philosophen, seine „Welt als Wille und Vorstellung” und die „Parerga und Para­li­pomena” mit Interesse gelesen und diskutiert. Die Wirkung der pessimistischen Schriften Schopenhauers auf Saar war so groß, daß man bei manchen Passagen in den Erzählungen Saars meinen könnte, es handle sich um modifizierte Zitate aus den Publikationen des Philosophen, der einmal erklärt hatte:

Wenn man, soweit es annährungsweise möglich ist, die Summe von Noth, Schmerz und Leiden jeder Art sich vorstellt, welche die Sonne in ihrem Laufe bescheint, so wird man einräumen, daß es viel besser wäre, wenn sie auf der Erde so wenig, wie auf dem Monde, hätte das Phänomen des Lebens hervorrufen können.[25]

Geradezu frappierend ist die Ähnlichkeit dieser Feststellung mit der Erklärung des Schriftstellers Walberg, am Schluß von Saars Novelle „Die Geigerin”, der nach dem Selbstmord Ludovicas seine äußerst pessimistische Weltanschauung zum Aus­druck brachte, wobei er noch die Determiniertheit und Prädestination des menschlichen Daseins unterstrich:

Dann aber, wenn man erkennen wird, daß der Mensch nichts anderes ist, als eine Mi­schung geheimnisvoll wirkender Atome, die ihm schon im Keime sein Schicksal vor­ausbestimmen: dann wird man, glaube ich, auch dahinter gekommen sein, daß es, trotz aller geistigen Errungenschaften, besser ist, nicht zu leben![26]

Saar hat sich in vielen seiner novellistischen, aber auch lyrischen Schöpfungen mit der pessimistischen Weltanschauung des Philosophen identifiziert und ihm auch das Gedicht „Arthur Schopenhauer” gewidmet. Von besonderer Bedeutung für den Wiener Dichter wurde seine nahezu uneingeschränkte Übernahme der Grund­thesen von der Notwendigkeit alles Geschehens und von der untrennbaren Korrelation zwischen Charakter und Schicksal, die Schopenhauer so formulierte:

(...) so ist jede Tath eines Menschen das nothwendige Produkt seines Charakters und des eingetretenen Motivs. Sind diese beiden gegeben so erfolgt sie unausbleiblich.[27]

Schopenhauer, der so oft auf die Zwangsläufigkeit der Ereignisse hinweist, legt aber auch besonderes Gewicht auf die Unveränderlichkeit des menschlichen Charakters:

Seine sämmtlichen Handlungen, ihrer äußeren Beschaffenheit nach durch die Motive bestimmt, können nie anders als diesem unveränderlichen individuellen Charakter ge­mäß ausfallen: wie Einer ist, so muß er handeln.[28]

Da Saar von der Determiniertheit des menschlichen Schicksals durch die Grund­kom­ponenten seines Charakters absolut überzeugt ist, legt er in allen seinen erzäh­lenden Werken außerordentlich großen Wert auf genaue Darstellung der Charak­tere. Häufig ist von der Unabwendbarkeit des Geschehens die Rede, so etwa in der Novelle „Leutnant Burda”, wo sich der Freund des Titelhelden zunächst Gedanken darüber macht, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, diesen rechtzeitig zu war­nen und von seiner gefährlichen Täuschung zu befreien:

Nein, es war nicht möglich! Es mußte alles so kommen, wie es kam: er war, wie je­der, dem unerbittlichen Schicksale seiner Natur verfallen.[29]

Der Zufall erscheint in Saars Werken als eine unentrinnbare Macht, von der Graf Poiga-Reuhoff bei seiner Begegnung mit der Schloßherrin von Kostenitz erklärt:

Der Zufall ist nichts anderes, als geheimnisvolle Notwendigkeit (...)[30]

Der Exzellenzherr in der Novelle mit dem gleichen Titel spricht über

(...) die unabwendbare Notwendigkeit alles Geschehenen und Geschehenden (...)[31]

Daß Menschen der Struktur ihres Charakters wehrlos ausgeliefert sind und über­haupt nicht anders handeln können, zeigt Saar in der Novelle „Die Troglodytin” am Beispiel der arbeitsscheuen schönen Maruschka, in „Conte Gasparo” durch das Verhalten des Grafen Nardini, der ein Opfer seiner Erotomanie wurde und durch das traurige Schicksal der nymphomanisch veranlagten Schriftstellerin in der Er­zählung „Sappho”. In seinen letzten Novellen hat Saar unter dem Einfluß der Schrif­ten von Charles Darwin auch Faktoren der Vererbung behandelt; dadurch wurde der Spielraum der freien Entfaltungsmöglichkeit des Individuums noch weiter ein­geschränkt. Saar, der alle Entwicklungen seiner Zeit mit großem Interesse ver­folg­te, befaßte sich auch mit Darwins Evolutionstheorie. Probleme der Vererbung wer­den in „Seligmann Hirsch” und „Der Burggraf” erörtert.

Charakteristisch für Saars Weltanschauung ist auch sein Konservativismus. Es geht dabei jedoch nicht um die Feststellung einer politischen Position, sondern vor allem um die Bindung an Vertrautes – so trauerte er in seinen „Wiener Elegien” dem Zauber des stillen, verträumten Altwiens nach – um das Bewahren der Tra­di­tion in vielen Bereichen des Lebens. Saar wehrte sich gegen einen abrupten Bruch mit Institutionen der Vergangenheit und lehnte den um die Jahrhundertwende ge­ra­dezu fanatischen Glauben an den Fortschritt auf allen Gebieten ab. Claudio Magris hat Saars Haltung treffend charakterisiert:

Man kann bei ihm von einem geistigen Konservativismus sprechen, von einer Bin­dung an die alten Werte und vor allem an eine feste und unzersplitterte mensch­liche Dimension, die ihr rechtes Bewegungs- und Gefühlsmaß kennt und ihr Leid nach außen hin nicht verrät.[32]

Saars „Novellen aus Österreich” sind nicht Novellen im traditionellen Sinn der klas­sischen Novellentheorie des 19. Jahrhunderts, wobei man im Sinne Goethes an eine sich ereignete unerhörte Begebenheit dachte oder nach der Ansicht von Lud­wig Tieck als wesentliches Kennzeichen „(...) den sonderbaren auffallenden Wen­de­punkt (...)”[33] erwartete oder wie es Paul Heyse verlangte, von der Novelle das Specifische forderte, wodurch sie sich von allen anderen Erzählungen unver­kenn­bar abhob. Saar war sich dieser Tatsache wohl bewußt; er selbst veröffentlichte manche seiner erzählenden Werke, von denen viele zunächst in Beilagen von Zei­tungen oder in Zeitschriften erschienen, ursprünglich nicht als „Novellen”. Er be­zeichnete „Innocens” als „Ein Lebensbild”, „Die Steinklopfer” als „Eine Geschich­te”. „Der Hellene” erschien im „Neuen Wiener Tagblatt” mit dem Untertitel „Eine Künstlergeschichte” und „Hymen”, eines der letzten Werke Saars, in der Oster­bei­la­ge der „Neuen Freien Presse” aus dem Jahre 1905 als „Eine Geschichte in Arabesken”.

Die rigorose Unterscheidung zwischen Erzählung und Novelle, die früher in li­teraturtheoretischen Arbeiten gemacht wurde, wird in der Germanistik gegenwärtig nicht mehr postuliert, so zieht Benno von Wiese in seinen Untersuchungen an Stel­le des Terminus „Novelle” die Formulierung „(...) novellistisches Erzählen (...)”[34] vor. Wiese weist auch auf die Schwierigkeit einer strikten Unterscheidung zwi­schen Erzählungen und Novellen hin:

Manche Geschichten, die die Dichter selbst ‘Novellen’ nennen, sind oft bloße ‘Er­zäh­lungen’ und so auch umgekehrt. Beide, Novelle und Erzählung, haben den be­grenzten Spielraum miteinander gemeinsam. Aber die Erzählung kann dabei auf den profilierenden oder gar artistischen Stil der Novelle verzichten. Es wäre sinnlos, von jener zu verlangen, daß sie eine ‘Silhouette’ haben muß, während eben dieser Begriff für die Novelle sehr fruchtbar sein kann.[35]

Saars erzählende Werke haben häufig einen Rahmen. Es ist dies eine Form, wo­durch der Leser mit den Lebensumständen und dem Milieu des Helden vertraut gemacht wird. Durch eine genaue Darstellung seines Lebensbereichs kann schon sehr viel über den Charakter und über die Einstel­lung des Protagonisten zum Leben ausge­sagt werden, wie etwa in der Novelle „Inno­cens”, wo der Umfang des Rahmens sehr groß ist. In Rahmenerzählungen tritt der Ich-Erzähler häufig als Freund des Helden auf, was ihm auch die Möglichkeit bietet, das Schicksal eines Menschen im Verlauf eines längeren Zeitraums zu schildern. Durch die Wahl der Form der Rah­mennovelle kann der Dichter auch größere Glaubwürdig­keit erzielen. Hellmuth Himmel wies in seiner „Geschichte der deutschen Novelle” bei Saars Erzählungen auf die Differenzierung zwischen Erinnerungsnovellen, Be­kannt­schafts­novellen und Zuschauernovellen hin.[36]

Für Saar ist die Darstellung der Landschaft und der Umwelt seiner Gestalten sowie der Witterung oft ein Ausdrucksmittel psychischer Vorgänge und ein wesentliches Kompositionselement; er erzielt durch die Verwendung des Kontrasts oder der Ähn­lichkeit eine Intensivierung der Grundstimmung des Protagonisten. Hier sei nur als ein Beispiel für die Schilderung der Natur als ein Spiegelbild von Gefühlen eine Passage aus der Novelle „Innocens” beim Begräbnis Friederikes angeführt, deren plötzlicher Tod ihren Bräutigam in hoffnungslose Verzweiflung gestürzt hatte:

Ein kalter Wind jagte dabei graues, zerrissenes Gewölk mit flüchtigen Regen­schau­ern am Himmel hin und her und löschte fast die qualmenden Leichenfackeln aus.[37]

In zahlreichen Novellen verwendet Saar das Stilmittel der Vorausdeutung, Vorah­nung oder Voraussage, wodurch einerseits Hinweise auf künftige Ereignisse gege­ben werden, anderseits jedoch auch die Zwangsläufigkeit des Geschehens betont wird, was Erasmus von Klass in seiner Publikation „Der analytische Aufbau der Novellen Ferdinand von Saars” untersucht hat.[38] Dies geschieht zum Beispiel durch die Warnung an den Heilpraktiker in der Novelle „Doktor Trojan”, er werde ein­mal als Kurpfuscher verfolgt werden, wenn er seine unerlaubte Heiltätigkeit nicht auf­gäbe[39] oder durch die bösartige Prophezeiung des Theaterdirektors an den glück­losen Dramatiker Bacher in „Tambi”, daß es ihm nie mehr gelingen werde, ein Drama zu vollenden;[40] das gleiche gilt für den Maler griechischer Motive in der Er­zählung „Der Hellene”, dem ein erbitterter Gegner seinen baldigen völligen künst­le­rischen Mißerfolg voraussagte.[41] Alle diese Voraussagen bewahrheiteten sich früher oder später.

Besonders wichtig im Bereich der literarischen Gestaltung ist bei Saar die häu­fige Verwendung der Verörtlichung, wobei der Raum als ein wesentliches gestalt­bildendes Element der Erzählkunst benützt wird.[42] Der Dichter gibt durch die „Schil­derung der Umwelt eines Menschen, durch das Haus, in dem dieser wohnt und durch die Ausgestaltung der Räume oft schon eine sehr lebendige Darstellung von dessen Charakter, wie etwa in der Novelle „Innocens”. Hier werden durch die Beschreibung des alten Forts, in dessen Bereich der Geistliche seinen Wohnsitz hat, bereits Hinweise auf seine Einsamkeit und das Motiv der Isolierung gegeben:

Am südlichen Ende Prags, auf einem gegen die Moldau felsig abstürzenden Hügel, erhebt sich ernst und düster Wyschehrader Zitadelle. Es läßt sich im Umkreise einer großen, volkreichen Stadt nichts einsam Abgeschiedeneres denken, als dieses alte, ziem­lich ausgedehnte Fort.[43]

Durch die genaue Schilderung des Hauses des Geistlichen und dessen Einrichtung und durch den Hinweis auf einzelne Gegenstände und Bücher erfährt der Leser sehr viel über die Geisteshaltung und die vielfältigen Interessen der Titelfigur.

Sehr eindrucksvoll nützt Saar das Prinzip der Verörtlichung in der Novelle „Das Haus Reichegg” durch eine detaillierte Beschreibung des Arbeitsraums des Staats­rats und Grafen Reichegg, um so die konservative, fromme Haltung dieses Vertre­ters der Feudalaristokratie zu kennzeichnen:

Zwischen zahlreichen Bücherschränken stand ein einfacher Betschemel mit einem klei­nen Kruzifix aus Ebenholz. An den Wänden sah man, sorgfältig gruppiert, in Litho­graphien die Bildnisse des Herrscherpaares, der Marschälle Windisch-Grätz und Radetzky, dann der Fürsten Metternich und Schwarzenberg, sowie anderer her­vor­ragender weltlicher und geistlicher Würdenträger.[44]

Durch dis Auswahl der Bilder ist eine klare Deklaration der Einstellung des Grafen Reichegg gegeben, der sich damit als Gegner der freiheitlichen Tendenzen von 1848 bekennt. Die häufige Verwendung von Symbolen kennzeichnet die literari­sche Gestaltung vieler Schöpfungen Saars; oft beziehen sie sich auf den Bereich des Eros. Dies manifestiert sich bereits in Saars erster Novelle „Innocens”, wo die Gefahr der Versuchung des jungen Geistlichen zur Liebe zu Ludmilla, der schönen Tochter des Zeugwarts, auf dem Fort Wyschehrad durch das Bild des Falters ver­sinnbildlicht wird, der um das Licht der brennenden Lampe fliegt, bis er schließ­lich in ihrer Flamme umkommt. Auch der Blumenstrauß, den Innocens als Dank von Ludmilla für die Pflege ihrer kranken Mutter erhält und den er leidenschaftlich küßt, wird zu einem Dingsymbol für die Liebe des Priesters. In der Novelle „Die Troglodytin” gibt es zwei wichtige Symbole: die Hitze, die starken Durst hervor­ruft, und die Quelle, die die Möglichkeit bietet, ihn zu stillen. An einem drückend heißen Sommertag macht der Forstadjunkt Pernett einen Kontrollgang durch das Revier. Es war

(...) bereits nahe an Mittag und die Hitze, schon am Morgen höchst empfindlich, hat­te sich inzwischen bis zum Unerträglichen gesteigert. Aus dem Nadelholz rings her­um drang eine betäubende Glut und schien jeden Laut zu ersticken. (...) Ich hatte mei­nen Rock ausgezogen und lechzte wie mein Hund, der mit heraushängender Zun­ge dicht hinter mir herschritt.[45]

Hier ist die unerträgliche Hitze nicht nur eine Frage der Temperatur, sondern sie kennzeichnet die starke sexuelle Erregung, die bei Pernett durch mehrere Begeg­nungen mit der verlockend schönen Maruschka hervorgerufen wird; der Durst ist nicht nur der Wunsch nach Wasser, sondern auch das Verlangen nach sexueller Befriedigung. James Lee Hodge hat den Symbolcharakter in Saars „Schloß Koste­nitz” genau analysiert und er weist darauf hin, daß die Bändigung des schönen, wi­derspenstigen Pferdes im Schloßhof durch den Rittmeister Graf Poiga-Reuhoff, die Klothilde vom Fenster aus beobachtet, einen Akt sexueller Eroberung bedeutet.[46]

Ferdinand von Saar hat in der im Jahr 1892 veröffentlichten Erzählung „Schloß Kostenitz” vor Schnitzlers berühmter Monolognovelle „Leutnant Gustl”, die im Jahr 1900 erschien, schon die Form des „inneren Monologs” vorweggenommen, nämlich die Darstellung fluktuierender Gedanken, Überlegungen und Stimmungen, allerdings hat Schnitzler dieses Stilelement viel konsequenter angewandt. Dabei geht es um keine exakte Präsentation von Fakten, sondern um eine Scheinrealität, um ein durch Erinnerungen, Überlegungen, Zweifel, Hoffnungen und Befürchtun­gen modifiziertes Bild der Umwelt. Die Innenwelt, der Schauplatz der Seele, be­kommt mehr Gewicht als die äußere. Bei der Schilderung des unkontrollierten Be­wußtseinsstroms, des „stream of conscioubes”, wobei vom Dichter das Stilmittel des „inneren Monologs” oder der „erlebten Rede” gewählt werden kann, geht es darum, Bewußtseinsvorgänge ohne chronologischen Zusammenhang wiederzu­ge­ben, mit dem Wechsel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dabei sind die formalen Unterschiede, wie der Gebrauch der ersten oder dritten Person, nicht entscheidend.

In dem eindrucksvollen Beispiel der Zeichnung des Bewußtseinsstroms durch das Stilmittel der „erlebten Rede” in Saars Novelle „Vae victis!” aus dem Jahr 1883 erlebt General Brandenberg in der Form ungeordneter Gedanken Möglich­keiten der Lösung eines ausweglosen Dilemmas, die vor dem inneren Auge des Generals wie auf einem Bildschirm vorbeiziehen, wobei nach der niederschmet­ternden Erkenntnis des Ehebruchs seiner Gattin Corona mit dem Parlamentarier die Gedanken zwischen Selbstmord, Duell und schließlich wieder Selbstmord, fluktuieren.[47]

Ferdinand von Saar, der auch in dieser Novelle den Leser in das „weite Land” der Seele führt, erweist sich durch seine interessanten Psychogramme als Pionier in der Darstellung des Bewußtseinsstroms durch Verwendung der „erlebten Rede” viele Jahre vor Schnitzler. Er ist nicht nur ein hervorragender Repräsentant öster­reichischer Literatur, dessen Werke einen Bogen von der Mitte des vorigen Jahr­hunderts bis zum Fin de siècle umspannen, sondern auch ein bedeutender Wegbe­reiter der literarischen Moderne.



[1]        Anton Bettelheim: Fürstin Marie zu Hohenlohe und Ferdinand von Saar. Ein Brief­wech­sel, Wien 1910, S. 195.

[2]        Karl Konrad Polheim: Ferdinand von Saar. Ein Wegbereiter der literarischen Moderne. Festschrift zum 150. Geburtstag mit den Vorträgen der Bonner Matinee und des Londoner Symposions sowie weiteren Beiträgen, Bonn 1985, S. 6.

[3]        Vgl. unter anderem: Ferdinand von Saar: Kritische Texte und Deutungen. Hrsg. von Karl Konrad Polheim und (ab 1996) Jens Stüben., Bonn 1980 ff., Tübingen 1987ff. Bd. 1: Ma­rianne. Kritisch hg. und gedeutet von Regine Kopp, 1980; Bd. 2: Die Geigerin. Kritisch hg. und gedeutet von Heinz Gierlich, 1981; Bd. 3: Seligmann Hirsch. Kritisch hg. und ge­­deutet von Detlef Haberland, 1987; Bd. 4: Innocens. Kritisch hg. und gedeutet von Jens Stüben, 1986; Bd. 5: Herr Fridolin und sein Glück. Kritisch hg. und gedeutet von Ly­dia Beate Kaiser, 1993; Bd. 6: Ginevra. Kritisch hg. und gedeutet von von Stefan Schrö­­der, 1996; Bd. 7: Leutnant Burda. Kritisch hg. und gedeutet von Veronika Kribs, 1996; Bd. 8: Hymnen. Kritisch hg. und gedeutet von Nikolaus Nowak, 1997; Bd. 9: Dissonan­zen, Die Familie Worel. Kritisch hg. und gedeutet von Günter Karrasch, 1999; Jens Stüben: In­terpretation statt Kommentar. Ferdinand von Saar und Marie von Ebner-Eschenbach: „Kri­tische Texte und Deutungen”. In: Kommentierungsverfahren und Kommentarfor­men. Hrsg. von Gunter Martens, Tübingen 1993, S. 99-107; Jean Charue: Ferdinand von Saar, Ecrivain autrichien, Lille 1979; Karlheinz Rossbacher: Literatur und Liberalismus. Zur Kultur der Ringstraßenzeit in Wien.,Wien 1992; Kurt Bergel: Ferdinand von Saar. In: Ma­jor Figures of Turn-of-the-Century Austrian Literature. Edited with an Introduction by Do­nald G. Daviau. Riverside, California 1991, S. 169-406; Herbert Klauser: Ein Poet aus Österreich. Ferdinand von Saar – Leben und Werk. Wien 1995; Herbert Klauser: Ferdi­nand von Saar. Innocens. In: Österreich in Geschichte und Literatur (Wien), Jg. 21. H. 1 (Jan./Febr. 1977)), S. 28-41; Klaus Heydemann: Aus einer Habsburgischen Provinz. Fer­di­nand von Saars „mährische” Novellen. In: Grenzgänge. Literatur und Kultur im Kon­text. Hrsg. von Guillaume von Gemert u. Hans Ester. Amsterdam u.a. 1990 (= Am­ster­da­mer Publikationen zur Sprache und Literatur 88), S. 251-277; Kurt Bergel (Hg.): Ferdi­nand von Saar. Zehn Studien. Riverside, California 1995; Jens Stüben: Der „Stolz der Schwäche”. Zu Ferdinand von Saars Novelle Vae Victis! In: Bergel, Studien, S. 170-192; Herbert Klauser: Verörtli­chung und Symbolik in den Novellen Ferdinand von Saars. In: Bergel, Studien, S. 108-130; Herbert Klauser: Form und literarische Gestaltung im Werk Ferdinand von Saars. In: Karlheinz F. Auckenthaler (Hg.) Lauter Einzelfälle. Be­kanntes und Unbekanntes zur neueren österreichischen Literatur. Bern, Berlin, Frankfurt a.M., New York, Paris, Wien 1996, S. 169-192; Ernst Kobau: Rastlos zieht die Flucht der Jahre... Josephine und Franziska von Wertheimstein – Ferdinand von Saar. Wien, Köln, Weimar 1997; Jens Stüben: Poetishe Reflexionen über Völker und Staaten Euro­pas im Werk von Ferdinand von Saar. In: Europavisionen im 19. Jahrhundert. Vorstel­lungen von Europa in Literatur und Kunst, Geschichte und Philosophie. Hg. von Wulf Segebrecht. Würzburg 1999, S. 54-70.

[4]        Vgl. Kasim Eğit: Ferdinand von Saar. Thematik und Erzählstrukturen seiner Novellen. Li­te­raturwissenschaftliche Schriften. Bd. 7, Berlin 1981.

[5]        SW VII, S. 222, 223.

[6]        Der Oesterreichische Adel und sein constitutioneller Beruf. Mahnruf an die aristo­kra­ti­sche Jugend. Von einem Österreicher. München 1878, S. V.

[7]        Ebenda.

[8]        SW XII, S. 12/13.

[9]        SW VIII, S. 19.

[10] SW VIII, S. 21.

[11] SW XII, S. 151.

[12] SW XII, S. 151.

[13] SW VII, S. 157.

[14] SW IX, S. 272.

[15] SW IX, S. 99.

[16] SW XII, S. 12.

[17] Emil Soffé: Mähren in Saars Dichtung. In: Zeitschrift des deutschen Vereines für die Ge­schichte Mährens und Schlesiens (Brünn). Jg. 11, H. 1-4 (1907).

[18] SW XII, S. 11.

[19] Vgl. Walter Feiner: Ferdinand von Saar im Verhältnis zu den geistigen, kulturellen, ge­sell­schaftlichen und politischen Problemen seiner Zeit. Diss. Wien 1936, S. 109-139.

[20] SW II, S. 83/84.

[21] SW VIII, S. 28.

[22] SW VII, S. 186.

[23] Arthur Schnitzler: Buch der Sprüche und Bedenken. Wien 1927, S. 100.

[24] Gerta Waitz: Ferdinand von Saar. Seine Weltanschauung im Verhältnis zur Philosophie Schopenhauers. Diss. Wien 1947.

[25] Arthur Schopenhauer: Sämmtliche Werke in 6 Bänden. Hg. von Eduard Grisebach. Leipzig 1891. Bd. V, S. 312.

[26] SW VII, S. 197.

[27] Schopenhauer. Werke. Bd. III, S. 436.

[28] Schopenhauer. Werke. Bd. III, S. 558.

[29] SW IX, S. 73/74.

[30] SW IX, S. 312.

[31] SW VIII, S. 49.

[32] Claudio Magris: Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur. Salzburg 1966, S. 195.

[33] Ludwig Tieck: Schriften. 1829. Bd. II, S. LXXXVIIIff.

[34] Benno von Wiese: Novelle. Stuttgart 1967, S. 13.

[35] Benno von Wiese: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen. Düs­sel­dorf 1968. Bd. II, S. 22.

[36] Vgl. Hellmuth Himmel: Geschichte der deutschen Novelle. Bern und München 1963, S. 325, 327, 328.

[37] SW VII, S. 62.

[38] Erasmus von Klass: Der analytische Aufbau der Novellen Ferdinand von Saars. Diss. Frank­furt a.M. 1953. S. 44. Vgl. Eğit, Thematik, S. 123ff.

[39] SW X, S. 188.

[40] SW VIII, S. 86.

[41] SW XI, S. 159.

[42] Vgl. Herbert Klauser: Ein Poet aus Österreich. Ferdinand von Saar – Leben und Werk. Wien 1995, S. 224-226. Jurij M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte. München 1972. Friedbert Aspetsberger: Die Typisierung im Erzählen Ferdinand von Saars. In: Zeitshrift für deutsche Philologie. Berlin 1968. 87. Bd. 2. Heft, S. 249f.

[43] SW VII, S. 17.

[44] SW VII, S. 212.

[45] SW IX, S. 134.

[46] James Lee Hodge: The Novellen of Ferdinand von Saar: Anticipations of Twentieth Century Literary Themes and Techniques. Diss. Pennsylvania State Univ. 1961, S. 179.

[47] SW VII, S. 34/35.