Orbis Linguarum Vol. 9 (1998)
Bochum
Der Große
Bericht von ,68’
Deutsche Geschichte der 60er Jahre
in der Konkurrenz der Diskurse
Derzeit zieht zumindest in Westdeutschland wieder einmal das nabelbeschauende
,Jubiläum’ von ,68’ herauf, das dreißigste
mittlerweile. Die Maschinen der Kommunikationsindustrie laufen mit hoher Geschwindigkeit.[1] Und es scheint
in der Tat einigen Grund zum Feiern zu geben, denn obwohl die „Urenkel”
manche salzige Suppe auszulöffeln und manchen berechtigten Zorn herunterzuschlucken
haben, beherrschen die ,68er’ scheinbar unangefochten die Szene. Symptomatische Bedeutung kommt in
dieser Situation der 98er Bundestagswahl zu: Wer immer sie gewinnen wird, es
wird (wieder) ein „Enkel” sein; die ,68er’ machen die Sache unter sich aus. Die
„Söhne” (etwa in Gestalt von Jochen Vogel) wie die „Urenkel” (etwa in Gestalt
des Verlierers der Niedersachsen-Wahl Christian Wulff) sind aus dem Blickfeld
verdrängt oder zumindest an dessen Rand gerückt worden. Dabei kommt der Politik
eher eine symptomatische Bedeutung zu; die ,68er’ dominieren mehr oder minder
alle Felder des gesellschaftlichen Lebens Westdeutschlands, und das heißt
angesichts der derzeitigen Verhältnisse: ganz Deutschlands. Die „Enkel” besetzen fast konkurrenzlos
die Schaltstellen, und das nicht allein aus biologischen Gründen. Der ,Lange
Marsch durch die Institutionen’ scheint eine Erfolgsstory zu sein, und
zumindest äußerlich haben sich die einstigen Blütenträume für die ,68er’
erfüllt wie wohl für noch keine
Generation in der deutschen Geschichte. Selbst die Wiederherstellung der
nationalen Einheit, deren Verlust sie allerdings nicht sonderlich beunruhigt
hat, ist ihnen – jedenfalls unter gewissen Vorzeichen – nachgerade in den
Schoß gefallen!
Diese Situation zu
bedenken, scheint auf den ersten Blick die
Aufgabe von Soziologen, Geschichtswissenschaftlern oder Politologen zu
sein; der Literaturwissenschaftler, der von Berufs wegen nichts als Wörter sieht und diese Wörter als die Sache
selbst nimmt, scheint dabei einigermaßen fehl am Platze und überflüssig zu
sein. Und doch könnte möglicherweise auch er etwas zum Thema beitragen, und
zwar gerade weil er geneigt ist, die Wörter für die Sache selbst zu halten!
Denn was ist dieses ,68’ überhaupt? Wer sind diese ,68er’, die sich selbst
unter diesem Signum als ,Generation’ scharen oder auch nur darunter
zusammengepfercht werden?
Um es ohne Umschweife
zu sagen: ,68’ ist ein erzählerisches Konstrukt; ,68’ ist überhaupt erst durch
ein Reden erzeugt worden, das historische
Daten und spezifische Erfahrungen aufgegriffen und unter historischen
Vorzeichen in ,Geschichte’ umgearbeitet hat. In der Rückschau ist dieses Reden über ,68’ möglicherweise viel interessanter
als jene Ereignisse und Vorfälle, die der Rede als Material gedient haben. Der
Karfreitag des Jahres 1968 hat so – zusammen
mit den Pariser Mai-Demonstrationen – für das westdeutsche politische
Bewußtsein weit über die seinerzeit unmittelbar Beteiligten hinaus eine
geschichtsträchtige Bedeutung bekommen.
Schon die Datierung
auf 68 erweist sich als ein Akt narrativer Setzung. Die spektakulären
Ereignisse, die der Erinnerung hätten Halt geben können, lagen nämlich früher,
so etwa der 1. Januar 1967: Gründung der >Kommune 1< in Berlin, oder
der 5. April 1967: Festnahme von elf Studenten als Vorbeuge-Maßnahme
anläßlich des Hubert Humphrey-Besuches in Berlin
(die als vereiteltes >Pudding-Attentat< unrühmlich in die
deutsche Polizei-Geschichte eingegangen ist), 24. Mai 1967: KdW-Flugblatt
mit anschließendem Prozeß, endlich der 2. Juni 1967: die Erschießung Benno
Ohnesorgs. Dennoch gaben nicht diese Daten
der ,Arbeit am Mythos’ den Stoff, sondern Daten des Jahres 1968, vor
allem der 11. April 1968, als Josef Bachmann auf Rudi Dutschke schoß und Axel Cäsar Springer mit seiner Bild-Zeitung als das Zentrum der
gewalttätigen Reaktion lokalisiert wurde, und eben der Karfreitag des Jahres
1968, als die durch die drei Schüsse auf Rudi Dutschke ausgelösten
Anti-Springer-Demonstrationen vor allem in Berlin, Frankfurt, Köln und Essen
den Sturm einer Revolte über die in der Großen Koalition politisch stillgestellte Bundesrepublik bliesen. Sie
bekamen symbolische Bedeutung:
Drei Kugeln auf Rudi
Dutschke [sang damals Wolf Biermann]
Ihm galten sie nicht allein
Wenn wir uns jetzt nicht wehren
Wirst Du der Nächste sein.[2]
Eine solche Stimmung
des (pseudo)revolutionären Aufstands ist schon seit langem genauso verflogen
wie der Zwangsmechanismus von Aktion und Reaktion der 70er Jahre und der Rest
an bürgerlichem Ungehorsam gegen den
>Nato-Doppelbeschluß<; allenfalls im Widerstand gegen die
>Castor-Transporte< glimmt der Funke noch. ,68’ hat sich mittlerweile
aufgelöst in die vage Erinnerung an einen großen Aufbruch, in dem
(West)Deutschland zu dem geworden sei, was es geworden sei. Nur Jubiläen und
Photobände halten diese Erinnerung fest.
Wenn man nun nach
30 Jahren (wieder) fragt, was davon
geblieben ist, dann dieses: Zum einen, daß die Geschichte der
Bundesrepublik während der zweiten Hälfte der 60er Jahre auf das Signet ,68’ zugespitzt
worden ist, welches dann einer ganzen Generation zwischen Flensburg und
Garmisch, Helmstedt und Aachen, zwischen Werkbank und Chefsessel, Frühverrentung und C4-Professur, Donald-Duck-Fan und Woody-Allen-Freak als
,Markenzeichen’ aufgeklebt worden ist; ihm wird ein einigermaßen geschlossener
,Habitus’ (wie die Kultursoziologen der Schule Pierre Bourdieus das nennen)
zugeschrieben, ein umrissenes Ensemble von Lebensgewohnheiten und lebensweltlichen
Einstellungen, das den Wandel der Zeiten überdauert. Und zum andern, daß jene
Jahre als die Zeit eines ungeheuren, den
Gang der Dinge nachgerade interruptierenden Aufbruchs angesehen werden, in
welchem die Bundesrepublik beherzt an die Schwelle des neuen Jahrtausends
gestoßen worden sei. Das Bemerkenswerte an ,68’ ist der uneingeschränkte
Erfolg dieser erzählenden Formierung, und selbst die gläubigsten Bekenner der
neuen, der >Berliner Republik< zweifeln nicht daran, daß die Erzählungen
über die ,68er Generation’ ,wahr’ sind. ,68’ ist das Road Movie
Westdeutschlands.
Der Erfolg solcher
narrativen Selbstidentifikation hat sich
bisher nicht wiederholen lassen, mit der an sich griffigen Formel vom >Bleiernen Herbst< 1977 nicht und schon gar nicht mit der hoch- und
breitgeredeten >Wende von
1989<, deren Nachdrücklichkeit sogar
mit einem nationalen Feiertag bewehrt worden ist. Die ,68’er Geschichte
weist übrigens auch die Zuzügler aus der DDR ab, deren Prag-Proteste,
Biermann-Bekundungen oder Montagsdemonstrationen
gegen die geschlossene Großerzählung ,68’ nicht
ankommen; sie stiften allenfalls regionale oder milieuspezifische
Identität. Neben ,68’ kann allein noch die Rede von ,Wiederaufbau’ und
,Wirtschaftswunder’ (oder deren Kehrseite: die Rede von den ,öden 50er
Jahren’) bestehen.
Das bedeutet: sich
nicht zu ,68’ in Beziehung setzen zu können, heißt geschichtslos zu sein.
Selbst die SPD, die sich über Jahrzehnte verzweifelt gegen den Verdacht wehrt,
sie sei eine revolutionäre Partei, versucht ihre (ja durchaus erfolgreiche) ,Reformpolitik’
der 60er Jahre in den Schatten von ,68’ zu rücken und muß deswegen die
Ausschlüsse von SDS und SHB, die >Stamokap-Debatte<, den >Unvereinbarkeitsbeschluß<
oder die Berufsverbote vergessen, die
einen solchen Anschluß an ,68’ arg behindern. Auch
in den Regionen wird aus Anlaß des
Jubiläums allenthalben mehr oder minder bang die Frage nach der
Beteiligung an ,68’ gestellt. Der Ruf von Berlin oder Frankfurt ist durch
nichts zu erschüttern – aber anderswo? Wie steht es zum Beispiel mit dem
Ruhrgebiet, das sich so gerne als Landschaft des ,Postindustriellen Wandels’
sieht? Oder mit Hamburg, dem weit geöffneten ,Tor zur Welt’?
Hinter dieser Frage
steht angesichts der zentralen Bedeutung von ,68’ für eine Geschichte Deutschlands womöglich die Befürchtung,
,das Revier’ (usw.) könnte – wie die
,Beitrittsländer’ – aus dem grand récit ausgeschlossen sein, der (aus westlicher
Perspektive) die deutsche Nachkriegsgeschichte ausmacht; sind ,wir im Revier’
womöglich die ,ehemalige DDR’ der ,alten
Bundesrepublik’? Mag sein, daß ein eifriges Studium alter
Polizeiberichte solche Deklassierung
abwehren und einem solcherweise gekränkten Selbstbewußtsein etwas
aufhelfen könnte, aber auf die Höhe Berlins und Frankfurts, ja selbst Freiburgs
und Heidelbergs wird es sich nachträglich wohl kaum hochdiskutieren lassen.
Mit dem Label ,68er’ trug sich die erste Generation der
originären Bundesrepublikaner in das Buch der deutschen Geschichte ein. Nur vor diesem Hintergrund läßt sich
überhaupt verstehen, warum so viele ungleiche Brüder verbal unter einen
einzigen Deckel passen. Es bleibt im Rückblick erstaunlich, welche in ihrem
Ursprung heterogenen und in ihren Ansätzen
verschiedenen Richtungen unter dem Signet ,68’ zusammengezogen worden
sind! Das Spektrum reicht vom Pazifismus
der Ostermarsch- und Anti-Atomtod-Bewegung über radikaldemokratische Traditionen bis hin zum im
Anti-Vietnam-Protest manifest gewordenen
Antikolonialismus amerikanischer Prägung und zur antiindustriellen Flower-Power kalifornischer Herkunft. Deren
kleinster gemeinsamer Nenner besteht allenfalls in einer subjektiv
radikalisierten Oppositionshaltung.
Noch erstaunlicher
bleibt, mit welcher Intensität individuelle
Lebensläufe in dieses Signet hineinkonstruiert wurden und werden. Die
Biographien, die ihre Berechtigung aus der Mitteilung ziehen, Arm in Arm mit
Rudi Dutschke in einer Demonstrationskette der Polizeigewalt ins Auge geblickt
oder doch wenigstens am 12. April 1968 auf dem Husemann Platz die
revolutionären Massen agitiert zu haben, zählen in die 100.000e. Solche
Erzählungen schaffen ganz offensichtlich Identität und stiften Lebens-Sinn.
(Warum eigentlich? Mit Heinrich Böll Mutlangen blockiert zu haben, leistet das
lediglich in marginalen Gruppen der deutschen Gesellschaft.)
Solcher
autobiographischen Selbstgebärung scheint auch die milde Ironie nichts anhaben
zu können, mit der solche Geschichten oft angehört und zuweilen sogar erzählt
werden. Möglicherweise sogar im Gegenteil;
die Ironie macht solche
Geschichten mittlerweile um so leichter erzählbar.
So lieferte kürzlich z.B. Hans Traxler mit einer seiner Kurzgeschichten in der FAZ einen pünktlichen Beitrag zum
anstehenden 68er Jubiläum,[3]
der symptomatisch zu sein scheint für die gegenwärtige Lage: „Ausländischen
Geschäftsfreunden zeigt Dr. Schreiber gern den Pflasterstein, den er 1968
auf einen Wasserwerfer der Polizei schleuderte, wo er leicht einen nicht ganz
unbeträchtlichen Blechschaden hätte
anrichten können. ,Und dazu steh’ ich noch heute!’” Auf dem Cartoon, der diese Lebensgeschichte in nuce illustriert, sieht man einen beleibten
älteren Herrn, der drei weitgereiste Gäste
vor das Sacrum seines plüschigen Lifestyle Ambientes führt: vor einen
auf einer Stele unter einem Glassturz aufgebahrten Pflasterstein!
Das ist richtig
getroffen, denn die andächtig-trotzige 68er Gedächtnisrede gipfelt (auch für pazifistische Friedensmarschierer) in der
,Aktion’. In ihr findet der Bericht seinen krönenden Höhepunkt und einen
erzählerisch befriedigenden Abschluß. Gegen die Helden-Geschichten aus dem
Kursker Bogen, die die Väter nicht nur zu vorgerückter Stunde zum Besten
gaben, und gegen die entsagungsvollen Aufbautiraden der Trümmerfrauen setzte
der als Coca-Cola-Wirtschaftswunderkinder
hintangesetzte Nachwuchs die heroischen Berichte von der Ecke Uhlandstraße/Kurfürstendamm
(resp.)! Sich der geistigen Atmosphäre der Nachkriegszeit anpassend, in der das
(nur zu oft absichtsvolle, weil die Geschichte verdrängende) Handeln, das
,Die-Ärmel-Aufkrempeln’, den höchsten Wert
abgab, setzten sich ausgerechnet diejenigen, die als Studenten die
Verhältnisse allenfalls erklärten, als jene in Szene, welche die Verhältnisse
verändern würden. Worauf es bekanntlich ankömmt. Auch wenn der Schulterschluß
mit den werktätigen Massen nicht recht gelingen wollte, gerierte sich die akademische
Jugend (noch einmal) als hegemoniale Gruppe an der Frontlinie des historischen
Prozesses. Im Vorbeigehen rechtfertigte sie übrigens mit ihrer Vorreiter-Rolle
auch die von Hause aus reformistische Ausrufung des ,Bildungsnotstands’ (und beförderte
solcherweise als schönen Nebeneffekt, daß für den in späteren Jahren einsichtsvoll
propagierten ,Marsch durch die Institutionen’ eine materiell hinlänglich
unterfütterte Straße gepflastert war).
Wenn
das Label ,68’ mit Ausdrücken wie ,Studentenbewegung’ oder ,Kulturrevolution’
qualitativ gefüllt wird, dann markieren
solche Bezeichnungen sehr deutlich sowohl den sozialen Ort, auf den die Erzählung von ,68’ die
Aufbruchsgeschichten projiziert, als auch das ideologische Programm, das der Bewegung dominant
zugeschrieben wird. Es ist gleichgültig, von
wem die folgende Marx-Paraphrase stammt, wir identifizieren sie in
Deutschland reflexartig hinsichtlich des
kulturellen Milieus wie des gedanklichen Zusammenhangs mit ,68’: Die Gesellschaft „hat es geschafft,
alles so einzurichten, daß jeder gezwungen ist, mitzumachen oder in der
Gosse zu verrecken. [...] Wir müssen anstelle der Konkurrenz und des Individualismus unsere proletarische
Solidarität setzen, und unsere Bedürfnisse, die sich im Kampf herausbilden
werden, so befriedigen, daß wir Menschen werden, die ihre Geschichte in die
Hand nehmen, um unsere eigene Geschichte zu machen.” (Der Satz stammt
übrigens von Michael „Bommi” Baumann, aber das ist nachgerade gleichgültig.)[4]
Anders als in den revolutionären Planschriften der Lenin, Trotzki oder
Malaparte während der revolutionären Phase unseres Jahrhunderts ging es hier
(den Programmschriften der ,Konservativen Revolution’ der 20er Jahre nicht ganz unähnlich) nicht um die Organisation
des Staatsstreichs; der Aufbruch zielte auf eine Veränderung der gesellschaftlichen
Basisregeln (mag denn auch die Veränderung
der Produktionsverhältnisse deren basaler Teil sein). Mit dem Ausdruck ,Kulturrevolution’ wurde
der beabsichtigte Aufbruch nicht nur an das während der 60er Jahre
erfolgreichste Umgestaltungsmodell angeschlossen, an die antikolonialen Bewegungen und den Aufstand der Dritten Welt, für die Maos Versuch der Umstrukturierung Chinas beispielhaft stehen
sollte; der Ausdruck ,Kulturrevolution’ schreibt der Bewältigung der
forcierten Modernisierungskrise vor allem eine globale Dimension zu und
schließt sie an das politische Verlaufsmodell von 1789 an.
Auf diese Weise wird
hinter den Anekdoten, zu denen sich die Biographien kondensieren, ein weltgeschichtliches
Projekt zum Leuchten gebracht. Auf dieses – zumindest im Munde linker
Geschichtserzähler – hegelianische historische Konzept hin werden die
Divergenzen innerhalb der 68er Bewegung egalisiert: sie verhalfen – so die
Botschaft – neuen Lebensverhältnissen zum Durchbruch, ob nun an der Sexfront,
in Universität, Mode und Kunst oder in den alltäglichen Umgangsformen.
Die Erzähler dieser Generationsgeschichte vergessen aber eine
Kleinigkeit; und ohne diese ,Vergeßlichkeit’ würde der Große Bericht nicht
funktionieren: Wenn es in der deutschen Geschichte im letzten halben Jahrhundert überhaupt eine ,Kulturrevolution’
gegeben hat, dann hat sie in den 50er Jahren
stattgefunden. Man mag von der ,Westbindung’ der Bundesrepublik und von der ,kulturindustriellen Nivellierung’ amerikanischer
Prägung halten, was man will: Sie haben die alltäglichen Lebensverhältnisse in
der Bundesrepublik und die gesellschaftlichen Normierungen wirklich verändert,
und zwar tiefgreifend, wenn nicht gar
fundamental. Ohne Scherings ,Anti-Baby-Pille’ und ein flächendeckendes TV wäre auch die große Erzählung
von ,68’ nur eine halbe Sache gewesen. Das kommunikationsillusorisch
hergestellte Gefühl, an den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen von
weltgeschichtlicher Bedeutung, an den Revolten in Berkeley oder an den Unruhen
in Chicago unmittelbar teilzunehmen, nährte nicht zum wenigsten die Emphase,
selbst – als Subjekt der Geschichte, so wie Bommi Baumann das formulierte – am
Webstuhl der Geschichte zu arbeiten. Es hinderte möglicherweise auch daran, den
Blick ins gleichzeitige Prag oder gar ins Warschau des März 1968 zu richten!
(Der Schwung, den diese Illusion vermittelte, den Wind der Geschichte [im
Rücken] zu spüren, und die Enttäuschung, als man sich dieser Illusion bewußt
wurde, erklären möglicherweise zumindest teilweise das Abdriften einiger der
Akteure in das, was sie die ,direkte Aktion’ nannten.)
Wo die großen
Erzählungen von ,68’ sich nicht ins
Anekdotische verlieren, bleiben sie sehr allgemein. Dagegen setzen sich
– jedenfalls bislang noch – andere Versionen der Geschichte (West)Deutschlands
während der 60er Jahre nur sehr schwer durch. Eine Region wie etwa das
Ruhr-Gebiet, in dem sich die Dramatik des forcierten Modernisierungsprozesses
jener Jahre exemplarisch vollzogen hat,
findet sich darin kaum wieder. Es fehlt ihr bereits der kulturell hegemoniale Erzähler, der der
Geschichte von ,68’ gemäß ist. Es gibt hier
kaum ein ,bürgerliches’ Bildungsbürgertum, und dessen schmaler Nachwuchs
studierte außerhalb der Region. Die hiesige(n) Universität(en) war(en) bewußte
Neugründung(en), und sie initiierte(n) andere Geschichten als die Berliner oder
Frankfurter Hochschulen. Sie sind in kompensatorischer Absicht gegründet
worden, sie sollten bildungsstrukturelle Defizite ausgleichen.
Das
Ruhrgebiet erfuhr die Modernisierungskrise
in den 60er Jahren als dramatische Phase der Strukturkrise der
Montanindustrie. Zu deren Bewältigung wurden andere Szenarien entworfen als in Berlin, Frankfurt, Paris oder
Berkeley, und es werden andere Geschichten erzählt, vor allem solche, in denen der geglückte Anschluß an die ,bürgerliche’ Industriegesellschaft gelingt und deren Held die
studierende Arbeitertochter
ist. Die kommt in
der Großen Erzählung von ,68’ allerdings überhaupt
nicht vor!
[1] Ganz
oben auf dem Treppchen dürfte der
dreibändige, großformatige 1808seitige von 2001 vertriebene Wälzer
stehen: Wolfgang Kraushaar, Frankfurter
Schule und Studentenbewegung. Eine Chronik 1945 bis 1995, Frankfurt/M.
1998.
[2] Wolf
Biermann, Drei Kugeln auf Rudi Dutschke, in: W.B., Mit Marx- und Engelszungen, Berlin 1968,
S. 75.
[3] Frankfurter
Allgemeine Magazin, H. 937, 7. Woche, 13. Febr. 1998, S. 20.
[4] >Bommi<
Baumann, Wie alles anfing,
Frankfurt/M. 1976, S. 86f.