Orbis Linguarum Vol. 10 (1998)
Paderborn
Italienbilder im deutschen Roman der 50er Jahre. Am Beispiel von Stefan Andres’ Die Sintflut und Werner Bergengruens Der Großtyrann und das Gericht
Das deutsche Italienbild ist daher zugleich ein Schlüssel zur Seelengeschichte des deutschen Volkes, so daß manche sogar gesagt haben, ein Deutscher ohne Italienerlebnis sei gar kein Deutscher. [Wilhelm Emrich, 1959][1]
I. Ich stelle zwei
Bilder, zwei Bildmuster, zwei Klischees, zwei Zitate an den Anfang. Werner
Bergengruen:
Was ist mir der Inbegriff Italiens? [...] Ein Mailänder, der vor Sehnsucht nach Hannover stirbt, gehört nach italienischer Auffassung ins Irrenhaus, und nach der unsrigen ebenfalls. Die deutsche Sehnsucht nach Rom und nach Italien überhaupt schmeichelt dem Italiener, und er erklärt es sich leichthin mit religiösen, klimatischen, ästhetischen Motiven. Ihre tieferen Hintergründe, aber auch ihre Dimensionen, sind ihm unverständlich. [...] Wüßte er, was im Deutschen vorgeht, wenn er nur die Worte Rom oder Umbrien hört, so würde er die ganze Nation beurteilen wie jenen Mailänder: Verrückte, allenfalls gut dazu, daß man sie ins Land kommen läßt und ihnen das Geld abnimmt. Ich sagte einmal, vielleicht ein wenig zu impulsiv, zu einem gebildeten Italiener, wirklich glücklich sein könnte ich nur in Italien. Ich vergesse nicht den Blick vollkommener Verblüffung, ja Fassungslosigkeit, mit dem er mich ansah [...][2]
Mein zweites Beispiel stammt von Stefan Andres:
Die Tatsache, daß die besten Kellner und Friseure Europas Italiener sind, wird manchmal unbegreiflicherweise auf Servilität des Italieners zurückgeführt, statt auf seine besondere Diskretion und den angeborenen Sinn für die äußere Form. [...] Das Ziel selbst des kleinen Mannes ist es, einmal den Signore machen zu können, und wäre es nach zwanzig oder dreißig Jahren Kellnerdienst! [...] Besonders trifft man diese verborgenen Signori in den Bibliotheken und Bücherläden, in den Museen und an den Ausgrabestätten – und man erkennt in diesen geformten Gesichtern eine geistige Herrenschicht, die sich bewußt in das Halbdunkel zurückzog [...][3]
Zitate, wie Wespennester, in die man
hineingreift. Was da nicht alles aufschwirrt an Stereotypen, Klischees,
Vorurteilen, an uraltem Staub von Vorstellungen und Bildern, die mehr über
die Festlegung des eigenen Blicks auf Italien und die Italiener verraten als
über den Gegenstand, der in den Blickfang gerät. Ist das alles nur Oberfläche
und eindimensional, oder gibt es tatsächlich die „tieferen Hintergründe”, von
denen Bergengruen spricht? Und wenn es sie gibt, lassen sie sich eruieren,
beispielsweise an den Texten, in die ihre Italienerfahrung eingegangen ist, in
denen sie ihre Bildmuster weitergesponnen und strukturiert haben oder auch nur
ausgewalzt, was sich ihnen an überkommenen Klischees angeboten hat? Ich will
mich im folgenden auf die Spurensuche begeben.
Die beiden Autoren, mit denen ich mich beschäftigen werde, waren beide
Großschriftsteller der 50er Jahre, hochgerühmt und vielgelesen und mit vielen
Texten damals fest kanonisiert. Andres’ Erzählung Wir sind Utopia hatte ebenso ihren festen Platz im Lektürekanon der
Oberstufen der Gymnasien wie Werner Bergengruens Roman Der Großtyrann und das Gericht. Wilhelm Grenzmann, einer der damals
populären Literaturwissenschaftler und einer der wenigen, die sich mit der
jüngsten damaligen Gegenwartsliteratur beschäftigten, freilich unter dem
bezeichnenden ideologischen Dach Dichtung
und Glaube, schrieb seinerzeit über Andres:
Das neue Werk, Die Sintflut, [...] macht ihn zu einem der Ersten unseres gegenwärtigen Schrifttums [...] er ist ein Dichter römisch-klarer Gesinnung, ein Kind seiner Heimat und ihrer Nachbarschaft, ein Liebhaber [...] Italiens, wo er Jahre hindurch seinen Wohnsitz fand [...] – ein Mann universaler Sehweise, der die von allen Seiten auf ihn einströmende Weltfülle zu ergreifen, zu durchdringen und zu deuten versucht.[4]
Kein Geringerer als Emil Staiger nahm Werner
Bergengruen in der Grabrede, die er 1964 auf den Verstorbenen hielt, geradezu
hymnisch in den Pantheon der großen Autoren auf:
Und eben so, indem er das alte Wahre auf seine Art anfaßte und mit der ganzen lauteren Kraft des zielbewußten Willens vertrat, ist Werner Bergengruen zu einer unverwechselbaren Gestalt der neuen Literatur geworden und wird er die Zeit überdauern, weil er wußte, was er ihr schuldig war, sich aber ihrem Gesetz nicht beugte. [...] Er hat einmal an Eichendorff gerühmt, daß Mensch und Dichter eine vollkommene Einheit gewesen seien, der Dichter so ehrenhaft und klar wie der Mensch, der Mensch so beschwingt wie der Dichter. So war er selbst. Das schärfste Auge hätte in seinem Wesen keinen unmusischen Zug zu entdecken vermocht.[5]
Es fällt einem schwer sich zu verdeutlichen, daß
erst drei Jahrzehnte seit diesem Ritterschlag vergangen sind. Andres ist aus
der Perspektive von heute ebenso gnadenlos vergessen wie Werner Bergengruen,
dessen literarisches Renommee auf seine kunstgewerbliche Novellistik
geschrumpft ist, während Andres immerhin noch mit einigen Erzählungen, vor
allem dem Band Positano. Geschichten aus
einer Stadt am Meer[6] und seiner Autobiographie Der Knabe im Brunnen, im gegenwärtigen
literarischen Leben präsent ist. In der Darstellung von Elisabeth Endres Die Literatur der Adenauerzeit[7] sitzen beide auf der Galerie, haben
nichts mehr auf der Literatur-Bühne verloren, die sie doch einmal so zu
beherrschen schienen. Sie werden als literarische Auslaufmodelle behandelt,
als opportunistische Traditionalisten, die mit ihren teilweise während der
Nazizeit veröffentlichten Arbeiten – Andres’ Wir sind Utopia erschien 1943, Bergengruens Der Großtyrann und das Gericht wurde bereits 1935 erstmals veröffentlicht
–, die dennoch als Widerstandstexte eingestuft wurden, ihren literarischen
Erfolgsweg ungerührt fortsetzten.
Ich will hier nicht die Widersprüche und
Untiefen der Rezeptionsgeschichte thematisieren, sondern hier nur kurz anleuchten.
Mein Interesse ist, wie gesagt, ein anderes. Es geht mir um ihre Beschäftigung
mit Italien und die Strukturen ihres Italienbildes, die sich möglicherweise in
ihren literarischen Texten abgebildet haben. Und natürlich auch um die Frage,
inwieweit sich in diesen Bildmustern Italiens Vorstellungen abbilden, die im
Kontext der 50er Jahre schon längst etablierte Klischees einfach fortschreiben
oder diese Klischees aufbrechen und verändern. Mentalitätsgeschichtlich geht
es dabei auch um den Sachverhalt, welche kollektiven Sehnsüchte sich in dieser
Italien-Imagologie dokumentieren.
II. Stefan Andres,
1906 geboren, hat als junger Mensch den Durchmarsch des Nationalsozialismus in
Deutschland miterlebt, war sicherlich kein sympathisierend bewegter Mitläufer,
aber auch kein politischer Gegner, eher ein unbeteiligter ,bystander’, der sich aus allem herauszuhalten versuchte. Und es
fällt daher auch schwer, seinen Rückzug nach Süditalien in die Gegend des
Golfes von Salerno nach Positano, wo er von 1937 bis 1949 lebte, als
Widerstandsgeste zu deuten, als Akt einer politisch motivierten Emigration. Denn
dieses Italien war ja kein Hort der Demokratie, sondern gewissermaßen das
Kernland des faschistischen Aufbruchs und das bereits zu einer Zeit, bevor die
politischen Weichenstellungen in Deutschland eindeutig in diese Richtung wiesen.
In einer dezidiert politischen Perspektive präsentierte sich Italien bereits
Mitte der 20er Jahre, als der „Duce” nach überwältigendem Wahlerfolg die
politische Opposition in Italien eliminierte und seine Diktatur etablierte[8], so, wie es Erich Mühsam in seiner
Goethe-Parodie Mignon 1925 gezeichnet
hat:
Kennst du das Land, wo die Faschisten blühn,
im dunklen Laub die Diebslaternen glühn,
ein Moderduft von hundert Leichen weht,
die Freiheit still und hoch der Duce steht?
Kennst du es wohl? Dahin! Dahin!
möcht ich mit dir, mein Adolf Hitler, ziehn!”[9]
Liest man den einzigen umfangreichen theoretischen
Text, den Andres über Italien geschrieben hat, den – mit seinen eigenen Worten
– „kleinen charakterologischen Cicerone über die Italiener” (S. 3) Umgang mit Italienern, der während des
Krieges 1943 erschien und 1949 unverändert nachgedruckt wurde[10], so ist der Eindruck imperativ, daß der
politische Zustand Italiens nahezu vollständig ausgeblendet ist. Italien ist
auch 1949 in dem neuen Vorwort, das Andres der Zweitauflage beigesteuert hat,
für ihn „das schöne Antlitz Europas” (S. 3). Nur an einer Stelle kommt er zu
sprechen
auf die böse Zeit [...], da die Deutschen als Feinde im Lande waren, rühmte man oft am deutschen Soldaten jener Zeit seinen sozialen Gerechtigkeitssinn und – es hört sich seltsam an – seine Disziplin! Am andern nämlich Werte zu bewundern, die man selber nicht besitzt, [...] das ist auch eine typisch italienische Eigenschaft. (S. 4)
Keine Rede davon, daß diese deutschen Soldaten ja
vorher weitaus länger als Bundesgenossen im Lande waren, keine Rede auch von
der schlimmen eigenen Verstrickung Italiens, und wenn sie dann einmal kurz
erwähnt wird im Vorwort, dann wird sie als Krankheitsherd sozusagen regional
eingegrenzt und als bedauernswerte Verirrung deklariert:
Ich wies auch auf den wesentlichen Unterschied zwischen Faschismus und Nationalsozialismus hin, und darüber hinaus vergaß ich nicht der bösen Grausamkeiten zu gedenken, die die Norditaliener im letzten Stadium des Krieges einander im ekelhaftesten Brudermord zufügten. Der Süditaliener schüttelte aber schließlich nach solchen Erklärungen abstandnehmend den Kopf. (S. 4)
Andres filtert seine Eindrücke
und Erfahrungen, retuschiert sein Bild Italiens in einer Weise, daß nur die zu
bewundernde große kulturelle Ikone zurückbleibt, die als Ewigkeitsdimension
eine künstliche Distanz zur aktuellen politischen Geschichte herstellt. Die
Gewaltsamkeit einer solchen Perspektive läßt sich auch an jenen Stellen
erkennen, wo sich im Kontext der 40er Jahre die Präsenz der deutschen Soldaten,
damals Bundesgenossen des Duce, in Italien nicht völlig ignorieren läßt. So
berichtet er an einer Stelle von einer Gruppe junger deutscher Marinesoldaten,
die von Livorno aus nach Florenz gekommen waren, um unter der
kunstgeschichtlichen Anleitung ihres Leutnants die Uffizien in Florenz zu
besuchen:
Sie schritten hinter ihrem Leutnant – auf Zehenspitzen – über das Parkett und gingen leise von Bild zu Bild. [...] Sie folgten ihm anderthalb Stunden lang: aufmerksam; schweigend; saubere, adrette Jungen, denen nie die Gelegenheit gegeben worden war, sich in diesen Gebieten hinreichende Kenntnisse zu verschaffen. Dafür hatten sie um so größeren Respekt vor der ihnen fremden Welt, ja sogar Ehrfurcht: sie schauten, schwiegen und gingen. (S. 8)
Das mag ja eine authentische
Episode sein, aber im Kontext von Andres’ Darstellung wird ihr die Tendenz
implantiert, als habe die künstlerische Aura Italiens selbst den
durchschnittlichen deutschen Landser in einen potentiellen Kunstverehrer
verwandelt und als sei diese künstlerische Aura Italiens ihre eigentliche Essenz.
Ein von allen kruden historischen Zusatzstoffen gereinigtes Seelenbild
Italiens, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat und eher als
Sehnsuchtsprojektion des Autors erscheint.
Dieser sich hier andeutende Umgang mit Italien und den Bildern über
Italien, die aus Andres’ Erinnerung aufquellen, läßt sich auch in seinem Roman Die Sintflut erkennen, auf dessen
ersten Teil Das Tier aus der Tiefe[11] ich im folgenden eingehen will. Keine
Frage, daß Andres in dieser voluminösen Romantrilogie sein Hauptwerk gesehen
hat, seinen ‘Doktor Faustus’ sozusagen, den epischen Entwurf einer historischen
Darstellung und Analyse von Fausti politischer Höllenfahrt im Kontext von
Hitler-Deutschland. Er historisiert dabei und metaphorisiert, er transponiert
alles auf eine parabelhafte Gleichnisebene, auf der er bildhaft aufzuzeigen
versucht, was sich einer theoretischen Analyse so kompliziert und
widersprüchlich darbot, daß sich einfache Antworten von vornherein verboten. Die
Normer, die sich unter ihrem Propheten und Propagandisten Leo Olch, dessen Lieblingslektüre
Nietzsches Wille zur Macht ist,
sektenhaft ausbreiten und in dem ehemaligen Theologieprofessor Moosthaler ihren
populistisch begabten Messias und Führer finden, sind eine Metapher für die
Nationalsozialisten, deren sich etablierendes Herrschaftssystem Andres episch
so kodiert, daß sich zahlreiche Momente der realen Machtstruktur ohne
Schwierigkeiten entziffern lassen. Kurioserweise spielt dabei die italienische
Variante des Faschismus kaum eine Rolle für ihn. Wenn das Italien Mussolinis
erwähnt wird, dann beispielsweise in der verhüllenden Formulierung „das
liktoristische Italien” (S. 226). Die Italienberichte, die Joseph Roth in der
zweiten Hälfte der 20er Jahre für die „Frankfurter Zeitung” schrieb, sprechen
eine ganz andere Sprache, wenn es z.B. Ende 1928 in dem Artikel Diktatur im Schaufenster[12] heißt:
In den Schaufenstern [...] in den Restaurants und in den kleinen und großen Kaffeehäusern: überall also, wo sich die Öffentlichkeit trifft und manifestiert und der dekorative wie häusliche Sinn des Volkes zum Vorschein kommt: überall sieht man das Porträt Mussolinis. (S. 1096)
Und über die Situation des Italienbesuchers stellt
Roth in seinem Bericht Erste Begegnung
mit der Diktatur[13] unmißverständlich fest:
In Italien ist man darauf eingerichtet, es der harmlosen Gattung von Reisenden so bequem zu machen, wie es im Rahmen einer Diktatur überhaupt möglich ist; und es den anderen so unbequem zu machen, wie es nur im Rahmen einer Diktatur möglich ist. (S. 1092)
Dergleichen wird bei Andres ausgeblendet. Aber es
kommt noch etwas anderes hinzu: Andres beginnt in der zweiten Hälfte der 40er
Jahre zu schreiben – der zweite Band Die
Arche erschien 1951 und der dritte Band Der
graue Regenbogen schließlich 1959 –, ästhetische Verschlüsselung hat wirkungsgeschichtlich
bei ihm nicht mehr die Funktion, die vielleicht auf Bücher wie Bergengruens Der Großtyrann und das Gericht 1935 oder
auf Ernst Jüngers Auf den Marmorklippen
1939 noch zutraf. Diese Bücher nahmen für sich in Anspruch, in einem
ästhetischen Widerstandskode verschlüsselt worden zu sein, den die politischen
Zeitumstände nahelegten. Bei Andres entfällt diese Voraussetzung. Warum also
die Historisierung der Entstehungssituation des Faschismus in der Geographie
und historischen Erfahrung Italiens? Ist es der Hinweis auf Italiens historische
Vorläuferrolle? Ist es die bewußte Anknüpfung an eine machiavellistische Methode
der Machtausübung, die von Lessings Emilia
Galotti bis hin zu Bergengruens Großtyrann-Roman
reicht? Oder ist diese süditalienische Stadt Città morta, die Tote
Stadt, nicht von vornherein als allegorischer Ort konzipiert, eher beiläufig
mit italienischen Kulissen-Versatzstücken ausgestattet und viel eher in der
Nachbarschaft jener parabelhaft konstruierten Stadt hinter dem Strom zu sehen in Hermann Kasacks gleichnamigem
Roman, der, 1947 erstmals erschienen, eines der vielgelesenen Bücher der frühen
Nachkriegszeit war? Viel überzeugender als die gleichnishaft intendierte
Inszenierung einer totalitären Bewegung am Beispiel der Normer sind die Gegenfiguren
zu Olch, Moosthaler, Zeisig und Pratz, die das Machtkartell der Bewegung strukturieren,
die beiden Brüder Clemens nämlich, der Architekt Gabriel und der blinde
Goldschmied Emil, der mit seiner Nichte Charis aus einem Deutschland, das sich
politisch zunehmend zu verfinstern beginnt und ihn persönlich mit Verfolgung
bedroht, in das von seinem Bruder erworbene Kastell nach Città morta
kommt, in eine Arche Noah, in der er die Sintflut, die als Wetterkatastrophe am
Anfang des Buches konkret beschrieben wird, aber sich viel stärker auf die
politische Katastrophe bezieht, zu überstehen versucht. Italien ist also
zugleich die Gegenwirklichkeit, ist der „Pansbereich” (S. 201), in dem die
Gegenwartsdimension der Zeit in der Erfahrung der Gleichzeitigkeit aufgeht. Clemens,
der einen Tempel ausgraben will und den Bruder in Deutschland um finanzielle
Mittel dafür bittet, während jener warnend auf die Gefährdungen der aktuellen
Zeitsituation verweist, gibt folgende Begründung für seine Absicht:
Für ihn gebe es keine Gegenwart und somit auch keine Nachkriegszeit und keine sozialen Probleme. Diese Querschnittfläche im Baum der Zeit, auf die Emil starre, verwandle sich jeden Augenblick, und nur einer, der gleichzeitig bei den Wurzeln der Vergangenheit weile und im Wipfel der Zukunft den entlegensten Weltwind wittere, wisse wirklich, wie diese scheinbar so offen daliegende Fläche der Gegenwart aussehe. (S. 202)
Und er hält dem Bruder beschwörend vor:
Schick mir das Geld, ich will meinen Tempel haben. Will sehen, wie das ist, wenn man die Erde forthebt, und die Vergangenheit erscheint und beweist, daß sie noch da ist, daß alles gleichzeitig ist! Du müßtest am Meer leben, eine Zeitlang nur! Die Gleichzeitigkeit! Die Wellen, welche die Schiffe der Griechen, der Phönizier, der Römer in diesem Wasser hinterließen, kommen soeben an meinen Strand. [...] Für mich hat Gegenwart einen anderen Sinn: alles sei jederzeit gegenwärtig, wie jeder Stern in jeder Nacht. (S. 202/3)
Italien ist also primär ein heilsgeschichtlicher
Ort, in dessen kulturgeschichtlicher Vielfalt, in der sich die Jahrhunderte
vereinen, und naturgeschichtlicher Zeitenenthobenheit der Sog einer völlig
politisierten Gegenwart gebrochen wird. Es ist zugleich der Ort einer Identitätsfindung
jenseits funktionaler gesellschaftlicher Kategorien, abendländischer
Kulturgrund und Mutterboden, in dem das Ich verwurzelt scheint.
Das wird ganz analog von Bergengruen in seinem Römischen Erinnerungsbuch[14] am Beispiel von Rom beschrieben:
Wir betreten Rom in einer erhöhten Verfassung des Gemüts, wie keine andere Stadt des Erdkreises sie unserer Natur abzunötigen vermöchte, und etwas von dieser Verfassung wird uns für immer zurückbleiben. Dies Zurückbleibende ist mehr als eine Summe vom Gedächtnis aufbewahrter Dinge: es ist ein neuer, freilich in der Anlage vorbegründeter Bestandteil unserer selbst. (S. 9)
Gewiß, dieses abendländische Humanum, auf dessen
Zeitlosigkeit man so insistierte, erfüllte auch eine verdeckte ideologische
Funktion: Der Blick sub specie aeternitatis ließ die aktuellen Verfehlungen
der Zeitgeschichte und die mögliche eigene Verstrickung darin zur
Bedeutungslosigkeit schrumpfen. Und das ist eine Haltung, die in den frühen
50er Jahren weitverbreitet war. Unter dieser Perspektive war der
Mussolini-Faschismus wie eine Schlechtwetterfront hinweggezogen und gab wieder
den Blick auf jenes imaginäre Kultur-Museum frei, in dem man seine eigentliche
Seelenheimat entdeckte.
Eine von diesem ideologischen Firnis befreite Italien-Erfahrung findet man
denn auch viel eher in den Geschichten und Beschreibungsskizzen von Andres’
1957 erstmals erschienenem Erzählband Positano.
Geschichten aus einer Stadt am Meer. Schon in der ersten Geschichte Die beiden Pharaonen wird leitmotivisch
mit dem Einbruch des Zivilisationsmenschen Bouterwek in die arkadische Idylle
der uralten Stadt am Meer, deren Einwohner „über einen ungeheuren Vorrat an
Zeit” (S. 5) verfügen, die Kollision der beiden unterschiedlichen Welten und
ihres ganz anderen Zeitmaßes dargestellt. Über das Zeitmaß dieser archaischen
naturgeschichtlichen Welt heißt es:
Der Zeiger auf der Campanile-Uhr wies innerhalb ihres goldenen Kreises immerzu auf den ewigen Augenblick, die Glocken verkündeten ihn jede Viertelstunde. (S. 5)
Die moderne industrielle Welt, für die Zeit Geld
darstellt und den Aufruf zu unermüdlicher Betätigung einschließt, wird in
Bouterweks Schweizer Armbanduhr verbildlicht. Die Bewohner Positanos befürchen
zu Recht, daß ihre geruhsame friedliche Welt von diesem Zeitmaß zerstört wird:
denn sie fürchteten sofort, daß die kleine Stadt am Meer sämtliche Privilegien, die sich aus einer eigenen Zeitrechnung ergaben, verlustig gehe. (S. 6)
Die poetische Kraft des Buches zeigt sich darin,
daß es Andres immer wieder gelingt, diesen ewigen Augenblick, der im Tier aus der Tiefe als Pansbereich
beschrieben und über den aus der Perspektive von Gabriel Clemens nur räsoniert
wird, aus punktuellen Beschreibungen aufleuchten lassen. Ich zitiere aus dem
letzten Drittel des Buches das folgende Beispiel, das sich der vorher
herangezogenen Stelle aus dem Roman gleichsam als Parallelstelle zuordnen
läßt:
Die Stimme des Meeres ist leise geworden. Die Brandung kommt mit einem Ton, wie ihn die Feder hervorbringt [...] Man wird das Meer betrachten und das wechselnde Licht auf den Kuppeln dieser Stadt. Man wird zu den Türmen, Apsiden und Steinblumen dieser Bergkathedralen im Umkreis aufschauen, zu ihren silbergrauen Schroffen, die wie Orgelpfeifen aus den breiten Halden aufsteigen, aus Halden, die wie vermooste Dächer stehen. Man wird den Weg des Orion betrachten und die fernsten Farben des Sirius, welche auch die reinsten sind, durch den dunklen Türspalt lassen. Ja, man wird sich mit den großen und den ganz kleinen Dingen befassen [...] Man wird! (S. 169)
Die Wahrnehmung beginnt sich
hier in Sprache zu verwandeln und eine Wirklichkeitserfahrung sichtbar zu
machen, die mit dem Bilde Italiens elementar verbunden ist.
III. In Bergengruens Roman
Der Großtyrann und das Gericht wird
die Historisierung Italiens auf einer allegorisch-parabelhaften Ebene viel
konsequenter eingesetzt. Dazu trägt nicht zuletzt bei, daß Bergengruen die
Handlung seines Romans in eine zurückliegende Geschichtsphase verpflanzt, die
historisch nicht einwandfrei identifizierbar ist, jedoch mit der
geschlossenen Machtstruktur eines italienischen Stadtstaates vage auf die
Renaissance verweist. In seinem Buch Schreibtischerinnerungen[15], in dem er ausführlich auf die
Entstehungsgeschichte seines Romans eingeht, hat er über die Wahl seines
Stoffes ausgeführt:
Ich stellte mir ein deutsches Duodezfürstentum der Barockzeit vor, eins der russischen Teilfürstentümer aus der Zeit vor dem moskowitschen Großreich und mehr dergleichen; aber das alles wollte nicht passen (...) ich bedurfte, um alle Konsequenzen der Geschehnisse sichtbar machen zu können, eines abgeschlossenen Gemeinwesens, eines nicht zu großen, aber beispielsweise alle Volksschichten [...] umschließenden Stadtstaates. So etwas fand ich in der reinsten Ausprägung im alten Italien; ich entschied mich also in dieser Richtung und will gern zugeben, daß meine große Liebe zur italischen Welt an dieser Entscheidung ihren Anteil gehabt haben mag. (S. 170/1)
Die Hauptteile des Romans entstanden in den Jahren 1933 und 34, als sich
der Nationalsozialismus in Deutschland etablierte, und Bergengruen betont im
Rückblick, daß sich ihm selbst die Parallelität zwischen Romanhandlung und
politischem Geschehen im damaligen Deutschland unübersehbar aufdrängte:
Plötzlich hatte die geplante Romanhandlung eine unheimliche, eine fürchterliche Aktualität. Einer ganzen Nation stellten sich die Fragen, die ich den Gestalten meines Buches zu stellen dachte. Allenthalben erwies sich die Leichtverführbarkeit der Unmächtigen und Bedrohten. (S. 174)
Wenn das tatsächlich in die Darstellungsabsicht
des Buches einging, bleibt dennoch die Frage, wieso die ästhetische Kodierung
so ambivalent ausfiel, daß der Roman bei seinem Ersterscheinen – Bergengruen
berichtet selbst darüber[16] – im „Völkischen Beobachter” als „der
Führerroman der Renaissancezeit” hochgerühmt werden konnte und die
persönliche Hochschätzung Alfred Rosenbergs[17] fand. Wer entlarvt sich hier? Die Dummheit der Machtvertreter, die die
Verschlüsselungsstrategie des Romans nicht durchschauten, oder die ästhetische
Formgebung des Buches, die sich offenbar so widerstandslos einer ideologischen
Ausdeutungsabsicht unterwerfen ließ? Wird nicht durch diese
wirkungsgeschichtliche Janusköpfigkeit auch die so überschwengliche Auslegung
des Romans als ein Werk des Widerstandes gegen die Nazizeit in der frühen
Nachkriegszeit merkwürdig zwiespältig? Handelt es sich nicht um ein neues
Manöver ideologischer Manipulation, diesmal nur unter umgekehrten Vorzeichen,
aber strukturell doch sehr parallel angelegt? Läßt sich daraus nicht
möglicherweise folgern, daß in der ästhetischen Form eines Textes etwas nicht
stimmt, wenn sich dieser Text unter solch gegensätzlichen Perspektiven
widerstandslos vereinnahmen läßt? In seinen Schreibtischerinnerungen äußert Bergengruen an einer Stelle:
Ich bin manchmal gefragt worden, ob ich mit der Figur des Großtyrannen ein Bild Hitlers habe geben wollen, wobei die Frager wohl in erster Linie von äußeren Merkmalen ausgingen, etwa von der Kinderlosigkeit und der Baulust meines Helden. (S. 180)
Er weist diese Möglichkeit emphatisch zurück,
indem er Hitler, „einem verbrecherischen Narren, der zum schmutzigsten Bodensatz
der Menschheit gehörte” (S. 180), den Großtyrannen als einen „Mann reicher
Gaben und herrscherhaften Anstandes” (S. 180) gegenüberstellt:
Und wie hätte ich denn auf den Gedanken kommen sollen, ein Hitler könnte eine seelische Umkehr erfahren und erschüttert sich selber vor das Gericht des eigenen Gewissens stellen? (S. 180)
Tatsächlich ist die Situation wesentlich
komplizierter. Machiavelli hat in seinem wirkungsmächtigen Traktat Der Fürst gerade mit dem Blick auf das
Italien des 15. und 16. Jahrhunderts den Immoralismus und die Doktrin des
Machterhalts um jeden Preis zum Prinzip erhoben und gefolgert:
Viele haben sich Republiken und Fürstentümer ausgedacht, die niemals gesehen worden, noch als wirklich bekannt gewesen sind. Denn die Art, wie man lebt, ist so verschieden von der Art, wie man leben sollte [...] Daher muß ein Fürst, der sich behaupten will, imstande sein, schlecht zu handeln, wenn die Notwendigkeit es erfordert.[18]
Bergengruen verhält sich in seiner Darstellung genau
so, wie Machiavelli es im ersten Satz beschreibt. Er entwirft im Großtyrannen
einen Idealtypus, der weder mit der gesellschaftlichen Realität der italienischen
Renaissancezeit noch der Realität Hitler-Deutschlands direkt korrespondiert,
aber unterschwellig – und das macht die ideologische Gefährlichkeit aus –
sehr wohl. Er salviert gewissermaßen den verbrecherischen Gewaltherrscher,
indem er ihn zur allmächtigen, allgegenwärtigen immer überlegenen Autorität
erhöht, bei der man nahezu vergißt, daß der Mord an Fra Agostino ja vom Großtyrannen
ausgeführt worden ist und daß der seinem Polizeichef Nespoli erteilte Auftrag
zur Aufklärung ja nur ein grausames Manipulationsritual darstellt. Dieses
Bild des Großtyrannen ist weitgehend positiv akzentuiert. So heißt es, um nur
einige Beispiele zu geben:
„Sein schönes und geistiges Gesicht lag ganz in der Helle.” (S. 11) „Er hob sein schönes Grüblergesicht von den Papieren und lächelte.” (S. 37) „So gewaltig war der Schatten, welchen der Großtyrann über alle Lebensverhältnisse in Cassano warf, daß kaum die vertrautesten Menschen abschätzig oder auch nur urteilerisch von ihm zu reden wagten. Alle hatten sie das Gefühl seiner möglichen Gegenwart.” (S. 60) „(...) der Großtyrann wurde nun häufig durch allerlei Zurufe begrüßt [...] Denn er wurde vom einfachen Volke geliebt (...)” (S. 77) „Der Großtyrann, dessen Gepflogenheit es ja war, unangemeldet und überraschend einzutreten, wo es ihm beliebte, glich auch hierin nicht den Vornehmen, (...) indem er es keineswegs verschmähte, sich unter Handwerker, Krämersgattinnen oder Landleute zu mischen”. (S. 145)
Der Großtyrann ist der von Schönheit und
Geistigkeit geadelte allwissende und allgegenwärtige Herrscher, über allen
Ständen und Klassen, beim einfachen Volke beliebt, von einer Autorität, die in
den Fähigkeiten seiner Person ruht und nicht primär auf seinem Polizei- und
Überwachungsapparat, den er sicherlich auch hat. Nimmt man noch hinzu, was er
als sein Credo verkündet, man müsse nämlich auf die Jugend vertrauen und sie
heranziehen:
Ich wollte und sollte wohl eine Anzahl starkmütiger junger Leute um mich sammeln wie eine Bruderschaft und jeden zu einem ungemeinen Zweck bilden [...] (S. 67),
überrascht es keineswegs, daß der Rezensent des
„Völkischen Beoachters” hier den großen Führer-Roman der Renaissance erkannte. Mit
dieser veredelten Herrscher-Ikone konnte man seinen Hitler ohne weiteres
affirmativ assoziieren. Man vergleiche damit nur das entlarvende Innenbild
absolutistischer Macht, das Lessing in seiner Emilia
Galotti am Beispiel
seines Prinzen Hettore Gonzaga entwirft.[19] In der Rezeption nach 1945 legte man dann
den Akzent auf die moralische Erschütterungsfähigkeit des Großtyrannen, und
auch damit identifizierte man sich gern. Die irritierende Doppelgesichtigkeit,
die Bergengruens Buch in seiner Wirkungsgeschichte hat, ist nicht ein Beleg
für willkürliche Vereinnahmung, sondern ist die Konsequenz inhaltlicher und
formaler Anfälligkeiten, die sich in der Struktur seines Textes entdecken
lassen.
Dazu gehört auch unter dem Aspekt punktueller Stilanalyse ein
historisierender Sprachgestus, der historische Distanz in der Sprachform
umzusetzen versucht, aber dabei häufig in die Stilblüte umkippt. Nur einige
Beispiele. Wenn ein Diener den Vorhang vorm Fenster wegzieht, liest sich das
so: „[...] und lud mit einigen Griffen ein überhebliches, noch von keiner Sonne
gütiggemachtes Tageslicht ins Zimmer.” (S. 10) Eine Kindergruppe, in der der
Ältere die kleinen Geschwister an der Hand führt, wird so beschrieben: „das
größte schritt in der Mitte, in obsorglicher Ordnung die Geschwister an den Händen
führend.” (S. 46) Über Nespoli, dem ein Einwurf des Großtyrannen die Sprache
verschlagen hat, heißt es: „Nespoli bedurfte eines Zeitmaßes, um die Herrschaft
über seine Stimme wiederzugewinnen.” Über Diomede Confini, der den gegen seinen
Vater geäußerten Mordverdacht empört zurückweist, heißt es: „Diomede war nicht
vermögend, eine Anrede des Großtyrannen abzuwarten.” (S. 139)
Ist das der große Meister der deutschen Sprache, den Emil Staiger so
gerühmt hat? Oder sind das nicht eher Hinweise auf sich immerzu ereignende
Stildefekte beim Versuch, der verw[20]endeten
Sprache historische Patina zu verleihen? Auch dies gibt sich hier als Indiz für
eine angestrengte Künstlichkeit zu erkennen, die sich auf anderer Ebene auch in
den Beschreibungen abbildet, die das Hier und Jetzt der italienischen
Wirklichkeit zu veranschaulichen versuchen. Cassano wird gleich zu Anfang als
eine Art San Gimignano beschrieben, von einem Campanile aus betrachtet, mit den
hochragenden Geschlechtertürmen, mit der Enge des Stadtkerns, mit der grünen
und ockerfarbenen Landschaftsumrahmung[21]. Aber wird das nicht schon bald zur
bloßen historischen Kulisse ausgedünnt, in der eine parabelhaft verallgemeinerte
Handlung abläuft, die sich nur auf einen konstruierten scheinbaren Kriminalfall
bezieht? An einer anderen Stelle wird dieser Landschaftseindruck fast aus einer
touristischen Perspektive beschrieben:
Sie ritten im Galopp bis auf die Höhe oberhalb des Hohlweges. Hier hielt der Großtyrann an, und indem er die Hand als Blendschirm über die Augen legte, betrachtete er, sich langsam im Sattel wendend, die seinen Blicken rundum überlassene Landschaft: steinige und bewaldete Berge, sonnenversengte Weidehügel, Dörfer, Gärten und Felder, von Wegen und Straßen durchschnitten, welche er angelegt oder doch gebessert hatte; Ölbaumhaine und Weinpflanzungen, hier und da eine Burg, die er in sicherer Hand wußte; endlich die Stadt Cassano mit der Vielfalt ihrer Türme und dem wuchtigen Kastell. Im Süden verlor sich die unausmeßbare Ebene im Dunst. ,Ein schönes Land, Massimo!’ sagte er. (S. 70/1)
Rechtfertigt eine solche bloß registrierende
Aneinanderreihung von Eindrucksmomenten den am Schluß appellativ angesprochenen
Eindruck von Landschaftsschönheit? Wohl kaum. Die Sprache gibt ihn nicht her. Es
bleibt bei einer katalogartigen Aufzählung. Die sinnliche Verdichtung
Italiens, die Stefan Andres in seinen Positano-Geschichten
mitunter erreicht, läßt sich bei Bergengruen nirgendwo annähernd erkennen. Man
vergleiche nur damit, wie Wolfgang Hildesheimer in seinem Roman Marbot aus der Perspektive seines
Protagonisten in einer einzigen Satzbewegung ein Bild Urbinos entwirft:
Die Stadt lag da, wie sie heute daliegt, auf ihrer windigen Höhe, kompakt und doch ausgebreitet, als habe ein einziger architektonischer Gedanke hier ein weitläufiges und doch einheitliches Bauwerk entworfen und aus honigfarbenem Ziegel geformt.[22]
Italien hat bei Bergengruen weitgehend die
Funktion einer historischen Kulisse. Die politische Aufklärungsfunktion,
bezogen auf den Faschismus, die Andres in seiner Sintflut-Trilogie bewußt in Anspruch genommen hat und die man
Bergengruen unterstellte, ist in beiden Roman-Vorhaben nicht wirklich
eingelöst worden. Bergengruen, der seinen Roman während der Nazi-Zeit schreibt
und veröffentlicht, schafft unfreiwillig eine Art ästhetisches Alibi für
totalitäre Macht, indem er die Herrscherfigur des Großtyrannen indirekt
glorifiziert, während Andres immerhin Moosthaler als Scharlatan darstellt.
Von daher mutet es denn eher als Kuriosität an, daß der Roman, der, nach
dem Krieg in alle wichtigen Kultursprachen übersetzt, Ende der 50er Jahre
bereits in 900.000 Exemplaren verbreitet war[23], 1960 im totalitären Spanien Francos auf
den Index gesetzt wurde[24]. Nicht nur ist der Großtyrann selbst zu
moralischer Einsicht fähig, sondern Bergengruen hat in dem einfachen
aufrechten Priester Don Luca und der opferbereiten Märtyrer-Figur des Färbers
Sperone zugleich jene christlich inspirierten Heilsfiguren entworfen, mit denen
sich die religiös zerknirschten Leser der frühen Nachkriegszeit bereitwillig identifizieren
konnten. Das gilt übrigens auch für den abgerissenen Arme-Leute-Priester Don
Evaristo in Andres’ Das Tier aus der
Tiefe. Die Ausdünnung Italiens als Handlungsort zu einer bloß parabolischen
Historien-Kulisse wiegt umso schwerer, als dieses Italien selbst in den
Faschismus verstrickt war zu einer Zeit, als beide Autoren, in Italien reisend
und lebend, ihren Enthusiasmus für dieses Land auf eine Weise bekundeten, als
habe es Mussolini und seine Bewegung, die Italien damals eingreifend
veränderte, nicht gegeben. Das sind gewiß keine Einzelerscheinungen. Erhart
Kästner, der mit der deutschen Wehrmacht 1943 nach Kreta kam, erkundet die
Insel in seinem Kreta-Buch, als sei er ein individualistischer Bildungsreisender
des 19. Jahrhundert. Seine Begleiter sind die Gestalten der griechischen
Mythologien und nicht die Offiziere der deutschen Besatzung[25]. Christoph Meckel beschreibt in seinem
autobiographischen Buch Suchbild. Über
meinen Vater, wie dieser, im Frühjahr 1944, mit seiner Truppe als
Oberleutnant nach Marina di Campo auf Elba verlegt, hier seine private
Ferien-Idylle inszeniert:
Alles übrige war Süden und Sommer, Bukolik, Atemholen und Korrespondenz, Rudern in Felsenbuchten und Schwimmen im Meer, Träume unter Pinien, Siesta und Wein.[26]
Italien fungiert als naturgeschichtliches und
kulturgeschichtliches Narkotikum, mit dem man die Gegenwart betäubt. Es ist
die Entlastungsdroge, die das geschundene Gegenwartsbewußtsein in eine
Euphorie versetzt, die über Schuldbelastungen und historisches Fehlverhalten,
über Wunden und noch immer schmerzende Narben tröstend hinwegträgt. In diesen
Mentalitätskontext gehören Andres und Bergengruen hinein, einen Mentalitätskontext,
der sich auf der untersten Ebene noch mit jener gefühlstriefenden Canzone
berührt, die damals durch die deutschen Haushalte als kollektive
Sehnsuchtsmelodie dröhnte, Rudi Schurickes „Wenn bei Capri die rote Sonne im
Meer versinkt.”
[1] Das Bild Italiens in der deutschen Dichtung,
in: W.E., Geist und Widergeist. Wahrheit
und Lüge der Literatur. Studien, Frankfurt 1965, S. 258-286, Zitat S.
163/4.
[2] Dichtergehäuse. Aus den autobiographischen
Aufzeichnungen. Mit einem Nachwort von Emil Staiger, Zürich 1966, S. 367.
[3] Umgang mit Italienern, Berlin 1949, 1. Aufl. 1943, S. 19 u. 21.
[4] Dichtung und Glaube. Probleme und
Gestalten der deutschen Gegenwartsliteratur, Bonn 1950, S. 272/3.
[5] Zitiert nach dem Nachwort von Emil Staiger (Anm.
1), S. 431.
[6] In der
Reihe Piper (wie auch die anderen Bände): München 1990.
[7] dtv München 1983.
[8] Vgl. das Kapitel Die Anfänge des faschistischen Regimes in der Mussolini-Biographie
von Denis Mack Smith: Mussolini,
München 1983, S. 145 ff.
[9] Zitiert
nach Italien-Dichtung II, hg.v.
Gunter Grimm, Stuttgart 1988, S. 278.
[10] Zitate
im folgenden nach der 2. Auflage von 1949 (wie Anm. 2).
[11] München
1949. Ich danke dem Lektor des Piper
Verlages, Dr. Uwe Heldt, daß er mir die Archivexemplare des Verlags zur
Verfügung gestellt hat.
[12] In:
Werke. Bd. III, Köln 1976, S. 1096-1100.
[13] Anm.
11, S. 1092-1096.
[14] Zürich
1966.
[15] Zürich 1961.
[16] Vgl.
Anm. 14, S. 182 ff.
[17] Vgl.
Bergengruen, Anm. 14, S. 185.
[18] Zitiert
nach der Ausgabe Frankfurt 1990, mit einem
Nachwort von Horst Günter, S. 78.
[19] Vgl.
dazu im einzelnen M. Durzak: Das
Italienbild in Lessings „Emilia Galotti” – historisierende Parabel-Konstruktion
oder präzise historische Analyse?, in: Deutsche
Aufklärung in Italien, hg. v. I.M. Battafarano, Bern 1992, S. 191-204.
[21] Vgl. S. 23.
[22] Frankfurt
1984, S. 228.
[23] So
die Information auf dem Waschzettel der Ausgabe im Rahmen der Gesamtausgabe des
Verlages Die Arche, Zürich o.J.
[24] Vgl.
dazu auch die Ausführungen Werner Welzigs: Der
deutsche Roman im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1967, S. 129 f.
[25] Vgl.
Kreta. Aufzeichnungen aus dem Jahre 1943,
Frankfurt 1975.
[26] Frankfurt 1990, S. 51.