Orbis Linguarum Vol. 9 (1998)

Reinhard Bienek

Oerlinghausen

Fünf Jahre Austausch zwischen Oerlinghausen – Bischofswerda – Legnica. Rück- und Ausblicke mit vielen persönlichen Färbungen

Vieles, das uns älteren Erwachsenen im politischen und gesellschaftlichen Rahmen noch bis zum Ende der 80er Jahre unmöglich erschien, ist 1997 zu einer solchen Selbstver­ständlichkeit geworden, daß Jugendliche und junge Erwachsene es gar nicht mehr thema­tisieren. Dies gilt auch für diejenigen, die den Prozeß der Transformation miterlebt haben; dies gilt – welch positive Perspektive – unabhängig von der nationa­len Zugehörigkeit für alle Jugendlichen in gleichem Maße. Schulische Bildungsver­su­che, die das Bewußtsein über die Geschichte der eigenen Nation zu prägen ver­suchen, relativieren sich vor der Macht des Alltäglichen, Globalisierung oder doch „nur” Europäisierung werden zunehmend stär­ker als die „Nationalisierung” erlebt und verinnerlicht. Weist dies darauf hin, daß Inhalte des Geschichtsunterrichts im­mer noch zu national geprägt sind und damit in der Vermittlung nicht besonders er­folgreich, bleibt dennoch zu hoffen, daß Perspektiven internationaler Entwicklungen auch auf der Grundlage nationaler Identifikation entstehen werden.

Während des internationalen Austausches entwickeln sich diese Betrachtungen zwischen den Teilnehmern stetig und ungeplant. Für die Leitenden sind sie in Ein­zel­gesprächen of­fen erkennbar, Gespräche darüber werden ohne Barrieren geführt. Se­mi­naristische Einhei­ten strukturieren und reflektieren sie; gleichzeitig tragen sie dazu bei, daß ein großer Teil ih­rer individuellen Bedeutung und individuellen Lebenser­fahrung nicht immer für alle Teil­nehmer deutlich gemacht oder allen ver­mittelt werden kann.

Austausch befindet sich in dieser Balance. Austauscherfahrungen können die Rahmenbe­dingungen für alle Teilelemente in der Planung so gestalten, daß individu­elles und struktu­riertes Lernen möglichst unbeschwert stattfinden. Sie entbinden die Veranstalter aber nicht von einer Schwerpunktsetzung.

Der hier geschilderte Austausch hat sich durch die Form der Unterbringung in Familien primär für den Bereich des individuellen Lernens entschieden. Die Teil­nahme­bedingungen – 12. Jahrgangsstufe; Vorbereitung und Nachbereitung auch in der Freizeit; Teilnahme an den Projekten in der BRD und in Polen; Unterricht im ge­sellschaftswissenschaftlichen Be­reich – sollen reflektierendes Lernen sichern.

Die Berichte von Schülern spiegeln dies wider; die Texte müssen vor diesem Hin­ter­grund ge­lesen wer­den.

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Barbara Dupuis (Oerlinghausen)

Am 15. März, um 11.30 Uhr sind 13 Schülerinnen und 2 Schüler (5 aus dem GK Päd­a­gogik und 10 aus dem GK Sozialwissenschaften) 2 Lehrer (Kleinemenke und Bienek) und ich selbst nach Liegnitz gefahren. In Bischofswerda stiegen 6 Schüle­rin­nen, zwei Schüler und 1 Lehrer, die auch an dem Austausch teilnahmen, zu. Lieg­nitz liegt in Polen, in Schlesien, ca. 70 km entfernt von Breslau.

Nach einer langen Reise kamen wir um 22 Uhr in Liegnitz an und wurden sofort von unse­ren Partnern mitgenommen. Jeder Schüler hatte nämlich einen Betreuer, Ger­manistikstu­dent bzw. -studentin aus dem Fremdsprachenkolleg, bei dem er wohn­te (entweder bei der Familie oder im Wohnheim).

Am Sonntag verbrachte jeder Schüler die Zeit mit seinem Partner. Es war die Ge­legenheit, sich gegenseitig kennenzulernen. Die Schüler haben unterschiedliche Sachen gemacht, Stadtbesichtigung, Freunde besucht, waren im Café usw.

Von den Familien wurden wir sehr gut empfangen, die Eltern waren sehr besorgt, freundlich und die gute polnische Küche haben wir schon am Sonntag in großen Mengen genossen.

Montag Vormittag haben wir uns im Kolleg getroffen und dort hospitiert. Ge­mein­sam haben Germanistikstudenten und Muttersprachler Übungen gelöst. Nach­mittags gab es eine Stadtführung durch Liegnitz, die von den Studenten mit Erfolg geleitet wurde.

Dienstag gab es auch eine Stadtführung, aber diesmal in Breslau. Die Studenten berichte­ten über den Dom, die St. Ägidiuskirche. Beim schönen Wetter haben wir auch den schö­nen Marktplatz, das Rathaus und das Zentrum gesehen.

Das gigantische Panoramagemälde, das die Schlacht zwischen Polen und Russen bei Rac³awice (1794) darstellt, haben wir auch besichtigt. Mittwoch war der längste, intensivste und anstrengendste Tag. Den ganzen Tag waren wir mit dem Bus unter­wegs, wir sahen Schloß Fürstenstein mit der Orangerie, das KZ Groß-Rosen und die schöne evangelische Kirche, Friedenskirche genannt, in Jawor. Abends war die Stim­mung ein wenig düster, das KZ war keinem gleichgültig. Es war ja kein Schuld­ge­fühl, sondern man fragte sich, wie sol­che Grausamkeiten möglich waren und dachte: „Nie wieder.” In der Zukunft darf es nicht mehr geschehen.

Donnerstag haben wir in einer Oberschule hospitiert, im Deutsch- und Englisch­unterricht. Eins kann man sagen, die Schüler wie die Lehrer beherrschen schon gut die deutsche Sprache. Bravo!

Nachmittags haben wir Geld ausgegeben, polnische Spezialitäten gekauft (Bon­bons, Wodka) oder billige Waren (Schmuck, Zigaretten). Es war der letzte Tag.

Während dieser 5 Tage haben wir viel gesehen, Vorurteile abgeschafft, die Gast­freundlich­keit und die Freundlichkeit der Polen überhaupt genossen, neue Freunde gefunden, einen anderen Lebensstil kennengelernt und sehr gut (und viel!) gegessen. Die polnischen Stu­denten haben sich viel Mühe gegeben, haben viel erzählt und viel gezeigt. Danke!

Wir waren alle von der Reise begeistert und freuen uns schon auf den Besuch der Polen im Mai. Polen und Oerlinghausen haben sich nämlich gut verstanden. Zu be­dauern ist aber, daß Schüler aus Oerlinghausen und aus Bischofswerda sich wenig kennengelernt haben.

Von 20 Uhr bis 3.42 Uhr, Zeit der Abfahrt, wurde gefeiert. Man kam um 13.23 Uhr in Oer­linghausen an, und jeder fragte sich, was er zuerst machen sollte, TV gucken, duschen, schlafen oder sofort auf die Waage gehen ...?

 

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Nadine Volgmann, Nike Müller und Barbara Riesche (Oerlinghausen)

Lieg­nitzfahrt ´97... oder die Angst vor der polnischen Gastfreundschaft

15.3.-21.3.97, für manche ein unbedeutendes Datum in den kosmischen Sphären der Neunziger, für uns ein Meilenstein der Ost-West Begegnung.

6 Tage „survival training“ oder doch eine unverzichtbare Erfahrung auf dem Weg des Erwachsenwerdens?

Wir sind ja für alles offen, und wir wollten auch ohne Vorurteile an die Sache rangehen – aber dann diese gut gemeinten Ratschläge .

„ . . . Zucker als Gastgeschenk. Das haben die da nicht.“

„Nimm nicht so viele Sachen mit! Wer weiß, wie weit du deine Sachen vom Bahn­hof tragen mußt . . .“

„Iß doch noch ‘ne Banane! So was kriegst du die Woche nicht.“

„Rechnet mal damit, daß die ihr Ehebett für euch räumen und alle zusammen in der Küche schlafen.“

„Das ist alles nicht so wie hier – es ist eben anders.“

Und wie ist anders? Wir gingen der Sache auf den Grund und befragten an­schließend unsere Gruppe.

 Unsere Interviewpartner waren Brendan (18), amerikanischer Austauschschüler in Oerlinghausen, Saskia (18), Ines (18), alle drei im Studentenwohnheim unter­ge­bracht; Christiane (17), wohnte in einer Gastfamilie.

 Warum hast du an dem Austausch teilgenommen?

Brendan: Ich wollte das Land kennenlernen. Es hat mich interessiert, weil es anders ist.

Ines: Wir haben uns vorher schon mit den Polen aus dem anderen Semester ge­troffen, als die im Dezember im Hedwigshaus waren. Mit denen haben wir auch schon viel Spaß gehabt. Ich wollte sowieso Polen mal sehen, weil meine Oma da original herstammt.

Saskia: Erstmal war ich noch nie in Polen und dann finde ich auch wichtig, unter­einander für ein besseres gegenseitiges Verständnis zu sorgen. Auf so einem Austausch kann man Vorurteile gegenüber dem Osten abbauen.

Christiane: Fremdes Land und fremde Leute, schulfrei und Party machen. So mit allen zusammen wegzufahren ist ja auch nett.

Welche Erwartungen hattest du?

C.: Nicht unbedingt so hohe Erwartungen, was den Lebensstandard betrifft. Aber, daß die Polen gastfreundlich sind, wurde uns schon von allen Seiten versichert.

I.: Ich hab’ gedacht, wenn wir dahin fahren, ist alles kaputt und grau. Aber weil wir uns mit den Polen vorher so gut verstanden hatten, dachte ich, wir werden viel Spaß haben. Sonst hatte ich keine Erwartungen.

S.: Meine Vorstellung war ähnlich.

B.: Ich dachte, daß das schlimmer wäre, daß die Polen ärmer wären. Ich glaubte in den Städten sähe es älter aus und insgesamt ländlicher.

C.: Ja, aber Angst hatte ich auch (lacht), ein bißchen Angst hatten wohl alle. Wir hatten ein leicht mulmiges Gefühl. Man weiß ja auch nicht, wo man hin­kommt. Alle hatten Angst – bis auf Brendan.

Wie ließen sich Kontakte knüpfen (im Studentenwohnheim / in den Familien)?

S.: Im Studentenwohnheim war der Kontakt von Anfang an sehr gut. Die Polen haben uns total nett aufgenommen.

I.: Als wir abends angekommen sind, war gleich Party angesagt.

S.: ...und das ging die ganze Woche auch so weiter! Mit den anderen Studenten konnten wir uns auch sehr gut verständigen.

C.: Mit meiner Austauschschülerin habe ich mich gleich gut verstanden. Wir hat­ten viel Gemeinsamkeiten und uns ist nie der Gesprächsstoff ausgegangen. Ich hatte bloß immer das Gefühl, sie ist viel intelligenter als ich (lacht). In der Familie wurde ich herzlich aufgenommen. Die Mutter hat ein ganz bißchen Deutsch gesprochen, der Vater und die Schwester gar nicht. Von sich aus haben sie mich gefragt, wie’s bei uns ist, und Marta hat alles übersetzt.

Dein Kommentar zum Programm:

B.: Mir hat eigentlich alles ganz gut gefallen. Die Friedenskirche in Jawor, Bres­lau und das KZ in Groß-Rosen fand ich besonders interessant.

C.: Es waren zuviele Informationen an dem einen Tag, man konnte sich gar nicht alles merken, obwohl sich die Studenten bei der Vorbereitung so viel Mühe gegeben haben.

I.: Mit Bischofswerda möchte ich auch nicht mehr fahren. Ich kann auch nicht sagen, warum solche Konflikte aufgetreten sind, aber ich fand’s am Ende nicht mehr so lustig mit denen. Die Deutschen haben sich untereinander gar nicht verstanden.

S.: Ich würd’ auf jeden Fall wieder mit Bischofswerda fahren. Solche Konflikte muß es ja nicht jedesmal wieder geben. Es gibt leider immer noch Vorurteile zwi­schen Ost und West, aber ich z.B. habe mich hinterher mit ein paar Leuten aus Bischofswerda sogar ganz gut unterhalten.

I.: Ein bißchen mehr gemeinsame Freizeit wäre schön gewesen, weil die, die nicht in Liegnitz gewohnt haben, immer so schnell wieder wegmußten.

Welche Erfahrungen nimmst du mit zurück nach Deutschland?

C.: Ich war doch ein bißchen erstaunt darüber, daß Marta ihren eigenen Fern­seher hatte. Gerade was elektrische Geräte betrifft, haben die eigentlich ziemlich viel und immer das Neuste. Eigentlich hat es für mich nur Positives gegeben.

I.: Das wichtigste war, daß der Kontakt mit Polen aufrechterhalten bleibt.

Es war eine gute Erfahrung, zu sehen, daß z.B. eine Familie 300 DM im Monat zur Verfügung hat. Ich sehe den Luxus hier jetzt mit anderen Augen.

S.: Man sollte sich auf keinen Fall von Vorurteilen abschrecken lassen und eigene Erfahrungen machen.

B.: Es war interessant zu sehen, was es in Kultur, Gedanken und gesellschaft­licher Einstellung für Unterschiede zwischen Polen, Deutschland und den USA gibt. In der kurzen Zeit, die ich in Polen war, schienen mir die Menschen dort nicht so ober­fläch­lich wie in Deutschland; die Deutschen kommen mir aber immer noch weniger ober­fächlich als die Amerikaner vor. Unsere Gesellschaft ist verwöhnt. In Ländern, wo, wie in Polen, nicht so viel Überfluß herrscht, gibt es ein viel besseres Gemeinschafts­gefühl.

Unser Fazit: . . . . so anders kann Polen sein

 

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Ines Meusel (Bischofswerda)

GO EAST

Studienreise nach Polen? Und wir sollen mitfahren? Na aber klar doch! Da gibt es ja wohl gar nichts zu überlegen. Nach dieser Entscheidung packen 8 Schüler und 1 Lehrer des Goethe-Gymnasiums Bischofswerda ihre Taschen und machen sich am Samstag, den 15. März 1997 auf den Weg nach Legnica in Polen. Der Empfang am Bahnhof war sehr herzlich, mehr als wir gedacht hatten. Schnell wurde aufgeteilt, wer zu wem kommt und auf ging es in unsere Familie für eine Woche. Alle waren sehr nett zu uns und wir fühlten uns sofort pudelwohl.

Den Sonntag hatten wir zu unserer freien Verfügung, so daß wir unsere neue Heimat besser kennenlernen konnten. Während die einen sich kulturellen Attraktionen hin­gaben, amüsierten sich die anderen in Cafés und Kinos.

Am Montag wurden wir zu kleineren Gruppen eingeteilt und nahmen am Unter­richt im Kolleg teil. Es war sehr interessant, aber ich kann mir nicht vorstellen, den ganzen Tag in einer Fremdsprache zu lernen. Am Nachmittag führten uns dann die polnischen Studenten durch Legnica. Mit Vorträgen brachten sie uns die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten der Stadt näher. Schade war nur, daß diese Vorträge bei fast keinem deutschen Schüler große Beachtung fanden.

Am Dienstag sind wir mit dem Zug nach Breslau (poln.: Wroc³aw) gefahren. Dort haben wir uns eine berühmte Kathedrale angesehen, die selbst der Papst im Mai be­suchen wird. Deshalb wurde in und um die Kirche überall gebaut, was deren Schön­heit nicht gerade hervorhob. Später besichtigten wir noch das „Panorama”, ein über­dimensionales Bild, was Ausschnitte aus dem Krieg der Polen gegen die Russen zeigte.

Am Mittwoch ging’s zum Schloß Fürstenstein (nicht unbedingt sehenswert) und danach zum KZ Groß-Rosen. Dort war es sehr interessant, allerdings kommt man sich etwas komisch vor, wenn von den Greueltaten der Deutschen an den Polen be­richtet wird und man unter lauter polnischen Studenten sitzt.

Abends fuhren wir noch nach Jawor und sahen uns die dortige, sehr bekannte Friedenskirche an.

Am Donnerstag nahmen wir am Unterricht in einem Gymnasium teil. Wir dachten, daß es dort wahrscheinlich große Verständigungsschwierigkeiten geben würde, aber da wir nur in die Englisch- und Deutschstunden gingen, trat dieses Problem gar nicht erst auf. Den Nachmittag hatten wir frei, so daß wir in der Stadt unseren letzten Z³oty „auf den Kopf hauen” konnten. Ab 20 Uhr feierten wir dann Abschied von der tollen Zeit hier in Polen. Es war eine prima Fete, die ab halb 2 Uhr im Studentenwohnheim fortgesetzt wurde. Um 3 Uhr fuhren die Oerlinghausener der Heimat entgegen und so konnten wir während ein paar Stunden Schlaf noch etwas Kraft tanken. Um 8 Uhr setzten auch wir uns in den Zug und ließen eine super Woche hinter uns. Wir haben uns aber fest vorgenommen, unsere neu gewonnenen Freunde noch einmal zu be­suchen und wir hoffen, daß die polnischen Studenten auch zu uns nach Bischofs­werda kom­men können.

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Candy Irmsch (Bischofswerda)

 

Der Schmerz der Vergangenheit...

... gelindert durch die Verständigung der Gegenwart und der Zukunft

Wieder ein Schritt in die richtige Richtung

Polen?! – Städte im kommunistischen Neubautenstyle, voll von Dreck und Lärm? Mafia? Heruntergekommene ländliche Gegenden? Langweilige Jugend? Was weiß ich eigentlich wirklich über Polen? Noch bis vor ein paar Wochen kannte ich – ab­gesehen von all den Vorurteilen – nichts und niemanden und hatte mich auch über­haupt nicht mit diesem Land beschäftigt. Da ich aber immer offen für Neues bin, kam mir natürlich das Angebot der Studienfahrt nach Liegnitz gerade recht, und ohne weitere Überlegungen war ich dabei.

Noch bevor es überhaupt richtig los ging, hörte ich von vielen Leuten aus meinem Umkreis so manche Bedenken und Zweifel dieser Fahrt und vor allem diesem Land gegenüber. Doch man soll ja nicht alles glauben, was erzählt wird, und deshalb bin ich mit fast keinen Erwartungen oder Vorstellungen in das, mir bis dahin doch noch ziemlich unbekannte, Nachbarland gekommen. Aber jetzt nach meinem Polenbesuch kann ich mit ruhigem Gewissen behaupten, daß, selbst wenn ich irgendwelche Vor­stellungen gehabt hätte, diese wahrscheinlich bei weitem übertroffen worden wären. Denn was einen wirklich erwartet sind super nette Leute (von denen die meisten prima Deutsch sprechen!), eine tolle Gastfreundschaft (Danke noch einmal für alles!), ein wunderschönes Land mit Kirchen, Schlössern und historischen Städten, sehr gutes und vor allem reichliches Essen und das Gefühl immer und überall willkommen zu sein.

Die Besuche der zahlreichen Kirchen, die Besichtigung vieler historischer Stätten und die umfassenden Informationen dazu von den Studenten, die das auch mehr oder weniger freiwillig aber auf jeden Fall sehr gut gemacht haben, waren schon ganz schön anstrengend. Manch einem brummt vielleicht jetzt noch der Kopf von all den Zahlen, Daten und Namen. Aber anderseits will man ja schließlich auch etwas sehen von einem fremden Land und die Kultur ein wenig kennenlernen! Und dazu hatte man wirklich ausgiebig Gelegenheit: Liegnitz, Breslau, Schloß Fürstenstein, Jawor... Man mußte eben nur wollen. Das für mich beeindruckendste Erlebnis war aller­dings das KZ Gross-Rosen. Die historische Beziehung zwischen Polen und Deutsch­land war für mich der einzigste Punkt, über den ich mir im Vorhinein doch schon Gedanken gemacht hatte. Ich meine, jeder kennt die Geschichte des Dritten Reichs und weiß, welch großes Unheil damals von den Deutschen ausgegangen ist.

Natürlich ist auch klar, daß unsere Generation heute nicht die Schuld von damals auf sich nehmen muß, kann oder braucht. Trozdem war es schon ein sehr eigen­artiges Gefühl, inmitten von Polen zu sitzen, während ein älterer ihrer Landsmänner von der menschenunwürdigen Behandlung berichtet, die ihm damals im Konzentrationslager durch die Nazis zugekommen war. „Verzeihen, aber nicht vergessen!” – Das wurde in den anschließenden Gesprächen untereinander immer wieder deutlich. Daneben habe ich persönlich auch die Sicherheit gewonnen, zu wissen, daß ich als Deutsche nicht unbedingt die Lasten vergangener Zeiten auf mich nehmen muß, um zu zeigen auf welcher Seite ich stehe, weil ich auch so verstanden und angenommen werde.

Ohne jetzt vom eigentlichen Thema Polen-Deutschland abzudriften und auf das deutsche Problem Ost-West-Konflikt zu kommen, will ich an dieser Stelle nur kurz eine Be­merkung dazu machen. Es ist schon schade, daß es erst am letzten Abend zu ersten richtig guten Gesprächen zwischen Oerlinghausenern und Bischofswerdaern gekom­men ist. (War da Alkohol im Spiel?) Aber die Hoffnung bleibt, daß es irgend­wann einmal nicht mehr Ossi und Wessi heißt. Wenn beide Seiten etwas dafür tun. Deshalb sollte man diesen „Dreiertreff”– Westdeutschland, Polen, Ostdeutschland –auch weiter­hin beibehalten. Denn schließlich verbinden gemeinsame Erlebnisse.

Viele neue Freunde gefunden, interessante Menschen getroffen, Einblicke in die polnische Kultur und Geschichte gewonnen und vor allem eine Menge Spaß gehabt... was will man mehr? Na klar, mehr Zeit wäre schon schön, denn die Woche war wirk­­lich viel zu kurz. Aber sonst war diese Studienfahrt eine gelungene Sache. Egal ob in Deutsch, Polnisch, Englisch, Französisch oder mit anderen Verständigungs­mitteln, ein weiteres Beispiel in Sachen Völkerverständigung haben wir gegeben und hof­fen, so alle übrigen Skeptiker von ihren Vorurteilen befreien zu können.

 

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Reinhard Bienek

Dies sind aktuelle Erfahrungsberichte, die nach dem Austausch 1997 entstanden sind. Aus der Sicht desjenigen, der seit 5 Jahren dieses Programm mitbegleitet, mit­plant, mitgestaltet, folgen Ergänzungen, die den gesamten Zeitraum erfassen. Die Vor­überlegungen spiegeln Grundtendenzen wider. Entstanden ist der Austausch durch persönliche Kontakte der Lei­tenden, die im Hedwigshaus in Oerlinghausen ge­knüpft worden sind. Hier entstand auch der Plan, den Austausch in der Dreier­begegnung durchzuführen. Die Zielsetzung bestand darin, Gesellschaften, die sich im Umbruch befanden oder sich mit den Umbruchprozessen auseinandersetzen mußten, eine ge­meinsame Perspektive aus historischer Verantwortung heraus zu ermöglichen: fried­volles Miteinander durch gegenseitiges Verstehen.

Die Programmgestaltung resultiert aus den Reflexionen vorhergehender Aus­tausche, so daß wir davon ausgehen, unsere Zielsetzung gut verfolgen zu können. Im Dezember jeden Jahres findet in Zusammenarbeit mit dem Hedwigshaus in Oerling­hausen ein ein­wöchiges Seminar mit historischen, sozialwissenschaftlichen und päda­gogischen In­hal­ten statt. Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres findet der Aus­tausch in Legni­ca mit den Programmpunkten statt, die in den Berichten geschildert werden. Die Exkursionen werden mit der gesamten Gruppe an den jeweiligen Abenden aus­gewertet.

Es gelingt leider zu selten, zeitgleich ein Seminar in Legnica und Bischofswerda mit jeder Dreiergruppierung zu gestalten. Fand es statt, so war es ein Erfolg.

Die Überwindung von Gegensätzlichkeiten scheint immer weniger der zentrale Punkt zu sein. Insofern relativiert sich das, was ich vor 3 Jahren formuliert habe: „...die Schule aller­dings wird unterschiedlich erfahren. Ergebnisse der Bildungs­re­form im Westen sind für bundesrepublikanische Jugendliche in polnischen Schulen nur zum Teil erkennbar. Unter­richtende besitzen eine erkennbare Autorität, Institutionen scheinen generell dem Einzel­nen eine höhere Achtung abzuverlangen als sie es in der Bundesrepublik tun.

Gleiches wird im Bereich der Religion diskutiert. Doch auch hier scheint eine Li­beralisierung in der Form stattzufinden, daß die Funktion der Kirche und ihre Bedeu­tung für das Indivi­duum hinterfragt werden.

Das Zusammenleben der Generationen in polnischen Familien erstaunt unsere Ju­gendli­chen. Das Heiratsalter wird als kultureller Unterschied empfunden. Die Berufs­planung der polnischen Gastgeber, die sich an der Sprachbeherrschung orientiert, und die Bedeutung einer Fremdsprache werden von unseren Jugendlichen nicht in dieser Bedeutung für die Lebenschancen erkannt. ...”

Diese Unterschiede verflachen immer mehr. Je nach Wohnort der Gastgeber wer­den sie von den Gästen unterschiedlich ausgeprägt wahrgenommen, der Wohnort scheint auch die Verankerung der Elemente im Alltag zu bestimmen. Die europäische Orien­tierung, die Selbstverständlichkeit offener Grenzen, die Ungebundenheit junger Er­wachsener entklei­den den Austausch des ehemals völlig Unbekannten.

Dennoch bleiben für unsere Teilnehmer die Gastfreundschaft und die Offenheit der Gast­geber, deren materielle Lebenssituation und die Lebensfreude Erfahrungen, die sie in unse­rer Gesellschaft in dieser Ausprägung nicht vorfinden. Individua­lisie­rungs- und Pluralisie­rungsprozesse der Gesellschaft der BRD stehen dagegen und müssen in den Gesprächen überwunden werden. Dies ist stets schnell möglich und führt zu interessanten Gesprächen. Das Thema Fastenzeit und Verhaltens­erwar­tun­gen der katholischen Kirche innerhalb dieser Zeit sind allein deshalb ein gutes Bei­spiel, weil der Besuch in Legnica in diesen Zeitraum fällt. Fällt es auf, daß die deutschen Teilnehmer wenig über die religiösen Hintergründe wissen und dieses All­gemein­wis­sen vermittelt werden muß, so ist ebenso auffällig, daß die polnischen Teilnehmer sich immer weniger diesen Hintergründen verpflichtet fühlen. Den­noch wird von allen tolerantes Verhalten gezeigt.

Diese Toleranz entsteht während des gesamten Austausches durch die Bereit­schaft, offen und weitgehend vorurteilsfrei miteinander umzugehen. Diese Toleranz wächst während aller Teileinheiten des Gesamtaustauschprogrammes durch die Vertiefung der Bekanntschaften und die Erfahrungen, die die Teilnehmer in unterschiedlichen Situationen und an unter­schiedlichen Orten miteinander machen. Wie notwendig ge­rade diese Entwicklungen sind, zeigt sich immer wieder daran, daß zwischen den Teilnehmern aus Oerlinghausen und de­nen aus Bischofswerda weitaus mehr Energie aufgewandt werden muß, um zu vorurteilfs­freier Kommunikation zu gelangen, als zwischen den anderen Teilnehmern, gleich welcher Kombination. Leider gelingt es planerisch nicht immer, schon im Dezember die Frühjahrs­gruppe insgesamt zusam­menzubringen. Ein großes Hindernis liegt auch in der unter­schiedlichen Dauer der gymnasialen Schulzeit.

Zwischen denjenigen, die das Programm leitend gestalten, spielen sich ähnliche Prozesse ab, allerdings ohne das Problemfeld alte und neue Bundesländer. Die guten Bekanntschaf­ten und Freundschaften, die sich zwischen den Kollegen und Kollegin­nen gebildet haben, ermöglichen über die Dauer des Austausches auch sehr persön­liche Erfahrungen. So sol­len die abschließenden Gedanken auch verstanden werden.

Wer nicht nur Interesse an gesellschaftlichen Veränderungen hat, sondern sie in seinem Bereich mitgestalten möchte, der wird durch diesen Dreieraustausch auf­leben. Die Einheit in Deutschland ist formuliert worden, sie wird auf der Grundlage des gegenseitigen Ver­ständnisses gelebt werden müssen. Dabei gilt es, Realitäten in ihrer Entstehungsgeschich­te zu erläutern und so die Gegenwart zu verstehen. Die Gespräche bleiben nicht bei den Themen Abitur, Fachcurricula, Lehrerkonferenzen, Schülerverhalten und der 12- bzw. 13jährigen Schuldauer stehen. Wie häufig neh­men wir den Vorsatz mit, unseren Schülern und Schülerinnen vielleicht doch mehr Fakten zu vermitteln und bei ihnen mehr Verständ­nis für die „Schulgemeinschaft” zu wecken. Wie fühlen wir uns auf der anderen Seite in un­serer Methodik bestätigt, wenn wir sehen, daß an polnischen Schulen und Kollegs gleiche Vermittlungsformen mit Erfolg angewandt und eingeübt werden.

Wie bewundern wir die Fähigkeit der polnischen Kollegen und Kolleginnen, im gesamten Arbeitsablauf Zeit füreinander und für die Lernenden zu haben, ohne daß die Arbeit darun­ter leidet. Wie beachtenswert ist die Bereitschaft, sich an den Pro­jekten zu beteiligen und in vielen Bereichen der spontaneren Planung zu persönlich verantwortbaren Lösungen zu gelangen. Im Schulbereich scheinen Autorität und Kollegialität, Anordnung und eigen­ständige Entscheidung durch die Gesprächs­be­reitschaft gut nebeneinander existieren zu können.

Die Lebensplanung einzelner polnischer Kollegen und Kolleginnen, die sich nicht immer an den Relationen von Einkommen und Ausgaben, wie wir sie erleben, orien­tiert und orien­tieren kann, sollte für den Austausch ein Zeichen des Optimismus und der Perspektive sein, daß Leben nicht nur in unseren Kategorien denkbar, geschweige nur in unserer Art lebbar ist. Dies kann auch die Schule „lehren”.