Orbis Linguarum Vol. 16 (2000)
Ernst Günther Bleisch
München
Als Gerhart Hauptmann siebzig wurde...
Eine Erinnerung
Gerhart Hauptmann war dem Breslauer allein vom
Namen her insofern vertraut, als es in seiner Stadt, schon zu des Dichters
Lebzeiten, ein Gerhart-Hauptmann-Theater gab und auch eine
Gerhart-Hauptmann-Oberrealschule. Der Dichter selbst hatte seinen Hauptwohnsitz
(das schloßähnliche Haus Wiesenstein) in Agnetendorf im Riesengebirge, und es
gab kaum einen (literaturfreudigen) Breslauer, der, in den “großen Ferien”
zumeist, nicht wenigstens einmal ehrfürchtig vor diesem Haus gestanden hätte. Vor
einigen Jahren hatte ich selber die Freude, durch die prächtigen Räume gehen zu
können.
Die Breslauer “Vereinigten Theater” hatten immer wieder seine Stücke auf
dem Spielplan, die volkstümlichen vor allem, so den “Biberpelz”, “Die Ratten”,
“Rose Bernd”, “Fuhrmann Henschel”, zumeist hervorragend, ganz authentisch
besetzt und inszeniert, was das Ambiente und die Sprachkultur anging. Frau
Margarete Hauptmann hatte übrigens noch in hohem Alter die Besetzung der
Premieren der Stücke ihres Mannes im Gedächtnis; ich saß ihr an ihrem
Alterswohnsitz, einem Sanatorium im Isartal unweit München, gegenüber, ihr
berühmter Pagenkopf war jetzt schneeweiß, sie rauchte eine Zigarette nach der
anderen und nahm begeistert daran Anteil, als ich ihr von einer denkwürdigen
Aufführung der “Ratten” im Wiener Burgtheater mit Käthe Dorsch in der
Hauptrolle erzählte.
Gelegentlich gab der Dichter persönlich der Stadt seiner Jugend, eben
Breslau, die Ehre, bei Erstaufführungen seiner Stücke oder bei seinen runden
Geburtstagen. Aus einem solchen Anlaß hatte auch ich einst, als Gymnasiast, das
Erlebnis, ihn selber von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Es war sein
siebzigster Geburtstag, und eine große Feier zu seinen Ehren fand im Saal der
Hermann-Loge am Museumsplatz in Breslau statt, dort, wo sich einst das
stattliche Gebäude des Museums der bildenden Künste befand – und wo heute Ödnis
dominiert.
Es hatten sich damals die namhaftesten Persönlichkeiten aus dem Kulturleben
der schlesischen Metropole eingefunden, und für den Festvortrag war der seinerzeit
wohl brillanteste akademische Redner, Prof.
Dr. Eugen Kühnemann, gewonnen worden. Er war ein enger Freund des Jubilars und
ein Experte von hohem Rang, das Œuvre Hauptmanns betreffend.
Was Wunder also, daß so etwas wie eine Sternstunde für eine Laudatio zu erwarten
stand. Und es wurde eine solche; eine Veranstaltung von festlichem Glanz
erwärmte das exquisite Auditorium.
Noch heute, über sechzig Jahre später, habe ich den rauschenden
Schlußbeifall im Ohr, das Publikum stand geschlossen auf – und vor der ersten
Sitzreihe umarmten sich Dichter und Redner, beide silberhaarige, würdige Alte,
beide große Herren im Zenit ihres Ruhms. Es war ein unwiederholbarer,
unvergesslicher Augenblick in der an Glanzlichtern gewiß nicht armen
Kulturgeschichte des alten Schlesien.