Orbis Linguarum Vol. 15 (2000)

Eberhard Berger

Berlin

Erkundungen zu Carl Hauptmanns Sonnenwanderer[1]

Wann Carl Hauptmann zu dichten begonnen hat, ist nicht genau bekannt. Das älteste erhaltene Zeugnis, ein Gedicht, stammt vom 11.6.1881. Damals war Hauptmann dreiundzwanzig Jahre alt und Student im ersten Semester in Jena. Im Juni 1885 legt er in Zürich ein Buch an, in das er neben Versen von Klopstock und Schiller, Hölderlin und Heine, Chamisso und Lingg auch eigene Gedichte schreibt. Auf dem Umschlag findet sich die Notiz: „Deine Gedichte zeigst du niemand.”[2]

1894 erscheint „Marianne. Schauspiel in drei Akten”, 1896 „Waldleute. Schau­spiel in vier Akten”. Davor, bereits 1891 und 1893, in der „Freien Bühne” „Son­nen­wanderer”, „Frühlingsnacht” und „Kahnfahrt”, alle drei als „Skizze von Ferdi­nand Klar” g­ezeichnet, dann 1896 „Der erste Abschied” in „Die Welt am Mon­tag”. Aus demselben Zeitraum finden sich im Nachlaß einige längere Prosatexte, Naturbilder wie Charakterstudien im Stil der Skizzen. Und dann gibt es dort noch Fragmente eines Romans über Kindheit und Jugend der Thienemann-Schwestern sowie Er­zäh­lungen für einen geplanten Zyklus „Totentänze”.

Der erste Prosaband Carl Hauptmanns, „Sonnenwanderer”, erscheint 1896, vor­datiert auf 1897. Er wird in den gängigen Literaturgeschichten und -lexika günsti­gen­falls erwähnt. Auch Walter Goldstein schenkt in seiner Monographie „Carl Haup­tmann. Eine Werkdeutung” (Breslau 1931) dem Band mit keinem Wort Be­achtung. So ist „Sonnenwanderer” das völlig vergessene und niemals gewürdigte Werk Hauptmanns und ist gerade das wichtigste Zeugnis aus jenem Jahrzehnt, in dem er – zwischen dem 31. und 38. Lebensjahr – den Schritt ging, der ihn von einer hoffnungsvoll begonnenen Laufbahn als naturwissenschaf­tlich ausgebildeten Philosophen in die unsichere (und wenig e­rfolgreiche) Bahn eines Künstlerlebens führte.

Es ist schwer möglich, die Entstehungsgeschichte der Sammlung, besser gesagt, der einzelnen Skizzen und Erzählu­ngen, zu schreiben, denn dieser Band war nicht von Anbeginn konzipiert, sondern wurde als ein Kompromiß im Herbst 1896 in der uns vorliegenden Form zusammengestellt. Die drei Skizzen mit biographi­schem und landschaftlichem Hintergrund in der Schweiz gehören zusammen. Erzählun­gen aus dem Riesengebirge sind „Erlöser Tod” und „Der Freigeist in den Bergen”. Einzeln stehen in der Sammlung „Der erste Abschied” und „Fahrendes Volk”. Die Verklärung einer Frauengestalt ist das Verbindende der Erzählungen „Liebe” und „Träume”. Hauptmann unterschied zwischen Stimmungsskizzen (den vier zuerst ge­schriebenen Te­xten) und Charakterskizzen (den Erzählungen von 1895 und 1896).

Vier Skizzen enstanden zwischen 1890 und 1894 sporadisch neben dem wissen­schaftlichen Werk „Beiträge zu einer dynam­ischen Theorie der Lebewesen” (Teil I: „Die Metaphysik in der modernen Physiologie”), fünf Skizzen resp. Erzählungen 1895 und 1896 neben der Weiterführung der wissenschaftlichen Arbeit in Teil II: „Grundbegriffe einer Theorie der Lebewesen”*.

Da zwischen der Niederschrift der ersten und der letzten literarischen Arbeit sechseinhalb Jahre liegen, der Erlebni­shintergrund sogar noch um Jahre zurück­liegt, dazwischen die beiden Dramen, etwa vier Dramenfragmente und fast ein Dut­­zend weitere Prosaarbeiten entstanden, kann über die Genese der einzelnen Texte von „Sonnenwanderer” nur berichtet werden, wenn die oft schwierige Le­bens­situation des Dichters in diesem Zeitraum wenigstens andeutend dargestellt wird und dabei die Bezüge zu den anderen Arbeiten beachtet werden.

So müssen drei Abschnitte im Leben des Dichters betrac­htet werden: Die Jahre 1884 bis 1889 in Zürich, Jena und Zürich als Voraussetzung, die Zwischenzeit in Berlin 1889 bis 1891, in der die erste Skizze entsteht, schließlich die frühen Jahre in Schreiberhau mit dem wichtigen Einschnitt des Aufenthalts in Jena im Frühjahr 1896. Eingeschlossen in diese Jahre sind die Monate der sechs Dienstzeiten als Reservist der königlich sächsischen Armee. Für die ersten Jahre lassen sich mannig­fache literarische und künstlerische Einflüsse durch Bücher, Bilder und Menschen nachweisen, die späteren Jahre sind durch sein Bemühen geprägt, eine enge Be­ziehung zur neuen Heimat im Riesengebirge, vor allem zu den Menschen, zu finden.

Voraussetzungen

Carl Hauptmann war mit Büchern groß geworden. Die Bibliothek des Vaters und die Breslauer Schulzeit hatten ein gutes Fund­ament gelegt; wesentliche Werke der antiken und klassischen deutschen Literatur waren ihm vertraut. Natürlich dann die Lektüre der Jünglingsjahre: Felix Dahn („Ein Kampf um Rom”), Wilhelm Jordan („Die Nibelungen”), daneben Shakespeare und Schiller, schließlich Gustav Freytag („Die verlorene Han­dschrift”). Zutiefst verehrt er Gottfried Keller, aber zu einer Offenbarung werden ihm 1884 die Werke Iwan Turgenjews.

Am 18.1.1883, kurz vor der Promotion in Jena, schreibt Hauptmann an seine Braut Martha Thienemann: „Mich schlägt der Gedanke nieder, dass das, was ich mir an Wissen erworben, mein Herz nicht erfüllt. [...] Was ist alles Ringen im Leben nach totem Wissen! Alles muss Leben gewinnen. [...] Ach – ich muss ein anderes Gebiet ergreifen, was menschliches Ideal durc­hdringen und verwerthen kann. Tausend feurige Geister schreien in mir nach Brot und – ich habe nur Steine gesammelt, die den Hunger nicht stillen.”[3] Dieser Brief ist Ausdruck des Unbe­hagens an der empirischen Naturwissenschaft. Vielleicht ist es die verstärkte Be­schäftigung mit Philosophie, vielleicht auch schon das Sehnen, sich in einem ganz anderen Bereich zu ve­rwirklichen, in dem der Kunst.

Carl und Martha Hauptmann lebten von Oktober 1884 bis September 1886, dann wieder von November 1887 bis Mai 1889 in Zürich. Die Aufenthalte in der Schweiz standen unter dem A­spekt der Hinwendung Hauptmanns zur positivisti­schen Philo­so­phie Richard Avenarius' und der Ausweitung der Studien auf die Ge­biete Mathematik, Chemie und Medizin, später dann der Ps­ychologie und Patho­logie. Endziel war die geplante und begonn­ene Arbeit im Grenzbereich zwi­schen Philo­so­phie und Physiologie und damit, obwohl nur selten direkt ausge­sprochen, die Scha­ffung einer Basis für eine akademische Laufbahn.

Doch Briefe an den Maler-Freund Hugo Ernst Schmidt zeigen schon 1885 Hauptmanns intensive und leidenschaftliche Ausei­nandersetzung mit Problemen der Kunst: „Schmerz und Leiden u­nter großen begeisterten Gesichtspunkten er­fassen mag einen tiefen nachhaltigen Kunsteindruck machen ...”, er aber sucht in der Kunst „die Menschenseele, über die man sich nicht genug wundern kann”. Ganz zugespitzt dann am 22.12. 1885: „Den Kampf gegen den vermeintlichen Na­turalismus nehme ich mit auf. Aus der Theorie der Wissenschaft geboren ist er eben ein graues elendes Kind. Es ist und bleibt eine negative Kunst, ein U­nding ...” [4]

Deutlicher wird Hauptmanns Anteilnahme an Fragen der Kunst während der Jahre 1888/1889, die im geringen Schrifttum über Carl Hauptmann die 'Züricher Periode' genannt werden. Es ist die Zeit, in der anfangs sein Bruder Gerhart mit Familie neun Monate bei Carl und Martha Hauptmann lebt, wo sie, nach Gerharts Worten, eine „platonische Akademie” in ihrem Hause in Hottingen führen: Hier trägt Karl Henckell seine Gedichte vor, John Henry Mackay liest aus seinem Ro­man-Manuskript „Die Ana­rchisten”, Otto Erich Hartleben aus dem „Studenten­ta­ge­buch”, Gerhart Hauptmann aus einem autobiographischen Fragment. Frank We­de­kind singt Lieder zur Laute. – Die Diskussionen kreisen um Nietzsches „Also sprach Zarathustra”, um Henrik Ibsens Stücke, um Bjarne P. Holmsens (A.Holz/J.Schlaf) „Papa Hamlet” sowie um Leben und Werk von Lenz, Büchner und Grabbe. – Re­gel­mäßige G­äste der Abende sind auch die Familien Avenarius und Forel, sind Franz Blei und Maurice von Stern, Bruno Wille und Wilhelm Bölsche.

In seinen Erinnerungen an diesen Kreis schreibt Karl He­nckell im „Buch der Saat”: „Carl Hauptmann verkörperte ein g­elungen schwankendes Gemisch von strenger Philosophie, der er als Schüler und Freund von Richard Avenarius [...] huldigte, und von heimlich aufquellendem, fast schamhaft verhaltenem Dichter­tum, dessen Spuren nur in vertrautester Stunde zum Vo­rschein kamen.”[5]

Während der zweiten Dienstzeit als Reservist im Juni 1888 in Döbeln/Sachsen beginnt Carl Hauptmann, Tagebuch zu schre­iben. Er trägt kaum Tagesereignisse ein, sondern Gedanken, R­eflektionen und Pläne. „Ich hasse aus tiefster Seele die­sen Rest unseres Barbarenthums [...]. Ich gehöre nicht unter die Militairpartei. Ihre Ziele sind nicht die meinen.”[6]

Neben diesem Tagebuch führt er ein Buch „Von Carl Haup­tmann für Gerhart Hauptmann gesammelt”. Es enthält Gespräch­sfetzen, Menschenschilderungen minu­tiöser Art, Biwak-Schild­erungen von Soldaten und Mägden, bestimmt für die natural­istisch-poetischen Zwecke des jüngeren Bruders.[7]

Das eigene Tagebuch enthält ebenfalls Notierungen von G­esprächsfetzen von Soldaten und Offizieren, Situationsschild­erungen, auch Notizen von Gesprächen mit Gerhart und den Ne­ffen, daneben Zitate aus Werken von Goethe, Schopen­hauer und Diesterweg sowie Gedichte, so auch Heines „O löst mir das Rä­tsel des Lebens, / das qualvoll uralte Rätsel”.

Während der dritten Reservistenübung (Juli bis September 1889) erwähnt Haupt­mann in Briefen die Lektüre von Tolstois „Krieg und Frieden” und Gedich­ten Gott­fried Kellers. Am 18.8. 1889 erhält er von Gerhart ein Exemplar des Dramas „Vor So­nnenaufgang” mit einer Widmung, die ihn glücklich macht.[8] Zwei Monate danach erlebt er die von Tumult begleitete Urau­fführung in Berlin.

Anfang Januar 1890 schreibt er „Familie Hauptmann am Sy­lvester. Novellisti­sche Skizze á la ...”* mit den einleitenden Worten: „Seinem Bruder Gerhart als exacter Beweis dafür geli­efert, dass das Leben in Sonnen oder Mond-abschnitten zufällig festgehalten noch kein Kunstwerk ist, sondern nur Rohmaterial, was der Künstlergeist erst formen muss zu sich selbsterkläre­nden, weil in sich ruhenden Gebilden. Es fehlt eben hier das Geheimniss des Brennglases, welches die Strah­len der coloss­alen Sonne empfängt und zu einem winzigen, aber heissen, bren­nen­den Bilde sammelt.[9]

Das Manuskript – etwa 65 Heftseiten, zweimal durchgea­rbeitet – war mit den festgehaltenen Gesprächen – harmlosem G­eplauder, Familienklatsch und etwas Ulk – kein bloßer Spaß, sondern durchaus als eine deutliche Meinungsäußerung gegen den vermeintlichen Naturalismus gedacht.

Die Stimmungsskizzen

Die vierte Dienstzeit von März bis April 1890, die erste als Offizier der Reserve, fordert bei schlechtestem Winterwetter Carl Hauptmanns Kräfte in ganz besonde­rem Maße. Am 24.3.1890 schreibt er seiner Frau: „So tief angeekelt wie diesmal hat mich das Militair noch nie. Ich bin seelisch rein wie ze­rschlagen.” Seine Ge­danken kreisen um die Fortführung der wi­ssenschaftlichen Arbeit, um die Durch­führung einer Expedition zu sozial-psychologischen Forschungen unter brasilia­ni­schen Indianern. Neben spezieller ethnologischer Fachliteratur liest er Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse” und verfolgt die l­iterarischen Beiträge von A. Gar­borg und L. Marholm, G. Brandes und O. Brahm, A. Holz und J. Schlaf, E. Zola und H. Tovote in der „Freien Bühne”.

Erstaunlich, daß Carl Hauptmann in diesen Wochen, unter diesen Bedingungen, beinahe im Zustand der Überforderung, zu schreiben beginnt:

Am dritten Tag in Döbeln, am 3.3.1890, schreibt Hauptmann an seine Frau: „Den­ke über eine Arbeit (Mussearbeit) nach”, am 20.3.: „Ich arbeite an der klei­nen Arbeit, die ich mir vorg­enommen.” Am 23.3.1890, Hauptmann hatte dienstfrei und ve­rbrachte den Tag bei seinem vertrauten Freunde Karl Erdmann in Dresden, schreibt er: „Ich sammle gute Gedanken, werde einiges pseudonym veröffentlichen.”

Am 24.4.1890 endet die Dienstzeit. Hauptmann nimmt in Berlin sofort die wis­senschaftliche Arbeit wieder auf. Doch daneben gehören Stunden seiner Musse­arbeit. Die letzte Han­dschrift der „Sonnenwanderer” trägt die Datierung: Charlot­ten­burg, April 1890.[10] – Ein Jahr später erst gibt er die Arbeit aus der Hand. Sie erscheint im Mai 1891 in der „Freien Bühne”; im selben Heft sind Beiträge von Ju­lius Hart und Paul Schle­nther, und es beginnt der Abdruck von Strindbergs „An of­fener See”. – Martha Hauptmann schreibt zwanzig Jahre später in „Mein Lebens­faden”, Gerhart Hauptmann habe spontan an die Schriftleitung geschrieben: „Wo habt ihr das kleine Kunstwu­nder 'Die Sonnenwanderer' her?”[11]

Und dies ist der Erlebnisbereich dieser autobiographisch gefärbten Skizze:

Im Mai 1889 geht für Carl Hauptmann die Züricher Periode zuende. Das eigent­liche Studium ist abgeschlossen, die Niede­rschrift der großen Arbeit muß voran­ge­trieben werden, die f­inanzielle Situation erzwingt, den Aufenthalt in der Schweiz zu beenden. Martha Hauptmann übersiedelt Anfang Mai nach Erkner. Für zwei Monate bleibt Carl noch in Zürich.

Acht bis zehn Stunden schreibt er täglich, um nichts g­eringeres als ein Gesetz des individuellen lebensthätigen Org­anismus [zu finden], seine psychischen Funktionen mit inbegri­ffen[12]. Am 27.5.1889 übergibt er ein erstes Kapitel an Pro­fessor Avenarius.

Im Herbst 1891 wird er sich an diese Wochen erinnern: „Er hatte wieder den ganzen Tag gearbeitet und gerungen. Er wollte das Räthsel lösen. Aber denken ist schwer. 'Sie haben die Welt aus dem Ich gesponnen', sagte er vor sich hin, 'ich will das Ich aus der Welt spinnen.' Er wollte denken lernen, was man Persönlichkeit nennt. Es wallte in ihm und er war oft warm, und warm wie im Fieber vergaß er alles andere. [...] Nun war er wieder aufgewacht und mit der Dunkelheit begann es auch in ihm zu dämmern von Sinnenglück.”[13]

Am 1. Juni 1889, beim Abendseminar im Hause von Professor Avenarius in Hottingen, wird Carl Hauptmann mit der polnischen Philosophiestudentin Josepha Krzy¿anowska bekannt. Der Ei­ndruck, den das Mädchen auf ihn macht, muß über­wältigend gew­esen sein: „Zu Füssen desselben grossen Lehrers hatten sie sich be­gegnet. – Und schon als sie das erste Mal ihre weiche Stimme ergoß und leise und schüchtern und doch so sonnig klar und voll tiefer Ahnung ihr Inneres ausbreitete, da war es ihm g­ewesen, als ob er nie ein geistigeres Menschenauge gesehen, als ob sein bestes Hoffen und reinstes Fühlen in ihr ein schöneres Leben angenommen hätte.”[14]

Umgehend schreibt Hauptmann von dieser Begegnung an seine Frau, am 19.6.: „Ich komme jetzt oft mit ihr zusammen und g­ewinne sie immer lieber; ein präch­tiges ideales und überaus kluges Mädchen.” Zehn Monate später wird Hauptmann in „Son­nen­wan­derer” schreiben: „Wenn sie gingen und sprachen, war ihnen wohl. – Sie hatten das Schönste für einander: einen wa­ndellosen Glauben ohne alle Grün­de, ohne dass sie mehr von ei­nander wussten, als was sie sich waren. Nie war ihnen wohler gewesen, als in diesem grundlosen Vertrauen. – So hatten sie sich gefunden. – Aber sie hatten nie davon gesprochen, weil das Leben sie trennte. – Sie wußten selbst kaum darum.”[15]

Im Mai 1899, exakt zehn Jahre später, notiert Hauptmann in einer tiefen Schaf­fenskrise in sein Tagebuch: „... meine Sonnentage mit Josepha – und wie sie mich theoretischen und unaktiven Menschen zum menschlichen Interesse und zur poli­ti­schen Theilnahme wecken wollte.”

Am 27.6.1889 meldet sich Hauptmann polizeilich in Zürich ab, am 28.6. folgt er Josepha nach Andermatt, wohin sie sich fluchtartig zurückgezogen hatte. Das sind, real, die Tage der „Sonnenwanderer”.

Anfang Juli verläßt Hauptmann die Schweiz. Josepha Krz­y¿anowska reist kurz darauf ihrer Studien wegen nach Berlin. Sie ist mehrmals in Erkner zu Gast und ge­winnt spontan die Zuneigung Marthas und der anderen Hauptmanns. Am 8.7.1889 schreibt ihr Carl Hauptmann, bevor er zum Reservistendienst einrückt: „Denken Sie meiner, beste Freundin Josepha, wenn Sie Ihren Blick aufrichten zu dem Ge­birgsdome an der Furca, in dem Paradies, was wir – unbedacht verlassen haben.”[16]

Die vier erhaltenen Manuskripte der „Sonnenwanderer”, darunter nur ein „Ar­beitsmanuskript”, lassen bereits die typ­ische Arbeitsweise erkennen, die Haupt­mann bis etwa 1902 beib­ehalten hat: Der Text ist in den einzelnen Abschnitten lang durchgeschrieben und enthält reale Namen, hier Reuss und Z­ürich. Ein paar einzelne Textstellen, darunter eine Traumpass­age, sind nachträglich gestrichen.

Keine naturalistische Attitüde: „In allem Erlebniss nicht das Erlebniss, nur den Glanz und die Wärme des Erinnerns we­cken, [...] die ewige Idee der erlebten Zu­stände wahr und wir­klich machen.” – Impressionistische Stilelemente dominieren da­her, denn Hauptmann gibt subjektive Eindrücke und Stimmungen wieder, gestal­tet einmalige, vorübergehende Augenblicksbew­egungen, Seelenzustände und Emp­findungen. Er differenziert durch fein unterscheidende Beiwörter und Bilder, nutzt Sat­zzeichen zur Rhythmisierung,für Tempo und Pausen, und faßt das Nebenein­an­der der Komponenten durch die Folge der vielfach nur angerissenen Sätze.

Lou Andreas-Salomé schreibt 1897 an Hauptmann: „... daß hier der Inhalt und die Form sich wunderbar decken, wie es so vollendet gewiß nur selten gelingt. Inhaltlich handelt es sich ja um die zarteste, weil seelischste, Berührung zweier Men­schen, die flüchtig aneinander vorübergleiten können ohne sich im äußern Leben aneinander festzuklammern, weil das Zartseel­ische zugleich das Tiefste gewesen ist, durch das der Mensch am Menschen den Gott erlöst und deshalb des Menschen entrathen kann. Und hinsichtlich der Dichtungsform haben Sie ja ... das Bestreben durchgeführt, alle Dinge nur an ihren zartesten Se­elenwerthen zu erfas­sen und gerade dadurch etwas Tieferes zum Erklingen zu bringen, als nur die mehr stofflichen oder g­edanklichen Lebensbeziehungen zwischen den Dingen.”[17]

Die zweite Prosaarbeit, die Hauptmann zum Druck gibt, ist „Frühlingsnacht”, geschrieben im September 1891 in Schreibe­rhau, kurz nach dem Bezug des Hauses, kurz nach einem Besuch von Josepha Krzy¿anowska; Anstoß war möglicherweise diese Wi­ederbegegnung. Der Text, ursprüngliche Titel „Im Frühling” und „Im Traum”, entsteht mühevoll und mit vielen Anläufen; allein 17 verschiedene An­fangspassagen sind erhalten.[18] Die Skizze erscheint im Oktober 1891 in der „Frei­en Bühne”.

Von nahestehender Seite erhält Hauptmann Zuspruch. Sein Freund Alfred Ploetz schreibt am 15.1.1892 aus den USA, „So­nnenwanderer” und „Frühlings­nacht” hät­ten ihm zu „wirklicher Erhebung verholfen”, und er schließt mit den Worten: „Laß Dich vom Schreiben nicht abhalten.”[19]

1891 erschienen auf dem deutschen Büchermarkt u.a. die Romane „Unwieder­bring­lich” von Theodor Fontane, „Stopfkuchen” von Wilhelm Raabe, „Die Mit­tags­göttin” von Wilhelm Bölsche, die Dramen „Einsame Menschen” von Gerhart Hauptmann und „Frü­hlings Erwachen” von Frank Wedekind.

Die Jahre 1891 und 1892 sind über die Maßen erfüllt von den Anstrengungen zur Fertigstellung der großen Arbeit „Die Metaphysik in der modernen Physiolo­gie”. Nach monatelangen Korrekturarbeiten erscheint das Buch endlich im Dezem­ber 1892. Wilhelm Bölsche bemerkt in seiner 17-seitigen Rezension in der „Freien Bühne”: „Ein wesentlicher Reiz der Hauptmann'schen Studie [besteht] darin, daß der Vorkämpfer der Philosophie tatsächlich ein geschulter Naturforscher ist. Er treibt sein Spiel ins allerminutiöseste Detail hinein, bis in eine Sp­ezialkritik, wie sie [...] in dieser Weise noch keinem Vorgä­nger zur Verfügung gestanden hat.” Bölsche lobt, daß sich die Darstellung „kapitelweise mit einer fast künstlerisch-dram­atischen Lebendigkeit [steigert], die jeden fesseln muß, der eine ernste Lek­tü­re nicht scheut.”[20]

Für Hauptmanns ist jetzt die Zeit für eine Erholung g­ekommen. Im April 1893 reisen sie nach Rom. Dort besuchen sie all die berühmten Kunststätten mit ihren bedeutenden Schätzen aus Antike und Renaissance. – An die Eltern schreibt Carl: „Was durch den Aufenthalt in mir rege und lebendig geworden ist, das drängt zu eigener Gestaltung und desshalb gehen wir auch unmittelbar von hier in eine Ein­samkeit am Vierwaldstä­dter See. Wenn ich mein Kunstopus und dazu ein Kunst­opusculum fertig habe, drängen sich schon wissenschaftliche Pläne die Menge.”[21]

Die unmittelbaren Eindrücke des Aufenthalts in Rom wird Hauptmann erst 1904/1905 in dem Fragment gebliebenen Roman „Das silberne Buch” einbe­ziehen[22]. Doch in Meggen beginnt er Ende April mit den Vorarbeiten und der Niederschrift des 1. Aktes zu einem Schauspiel „Irdische Liebe”, das er später „Die Heimath­lose”, zuletzt schlicht „Marianne”[23] nennt und Jos­epha Krzy¿anowska widmet, – und er schreibt als Opusculum die Skizze „Kahnfahrt”[24], wieder eine Reminiszenz an die letzten Wochen in Zürich, und mit einer Hauptgestalt, die unschwer als Josepha zu erkennen ist. Die Skizze erscheint im Heft 4/1893 der „Freien Bühne”. – Hauptmann liest in dieser Zeit Erzählu­ngen Strindbergs, die er „trostlos elende dürre, duftlose Ab­stractions­dichtung” nennt. „Ich hasse diese Art und ich sehne mich nach der Dichtung aus mir.”

Wieder ist es Alfred Ploetz, der ihm brieflich aus den USA Mut zuspricht. Zwar gibt er zu bedenken, „Kahnfahrt” sei „ein zu exclusives Stück Poesie, als dass viele sie wert­hschätzen können”, doch er fährt fort: „So halte ich Deine B­egabung für ausgesprochen lyrisch, in Böcklin'scher Richtung. Es ist die natürliche Lyrik eines philosophierenden Naturwi­ssenschaftlers”, und schließt: „Ich erinnere mich der Fahrt damals noch sehr genau.”[25]

Mit „Marianne” wendet sich Carl Hauptmann einem neuen Stoffkreis zu: Es sind Erinnerungen seiner Frau und der Schwägerinnen, sind eigene an die Salz­brunner Kindheit, an die Breslauer Schulzeit, an die Studienjahre in Jena und die glücklichen Wochen in Hohenhaus. Die Stoffe sind angesiedelt in Thüringen, Sachsen und Schlesien; als er „Waldleute” b­eginnt, wird auch das Riesengebirge erstmals Ort der Handlung. – Und es ist die Erfahrung des Todes ihm nahestehen­der Me­nschen. Was Carl Hauptmann jetzt schreibt, ist auf andere Weise erlebt und erfahren. „Der erste Abschied” hat daher zwischen „Marianne”, den Fragmenten des „Caecilie”-Romans und „Waldle­ute” seinen Platz.

Zu dem, was den thematischen Wechsel ausgelöst haben könnte, ist aus den Tagebüchern nur dies ersichtlich: Am 3.12. 1892 besucht Hauptmann das Grab der Schwägerin Frida Thien­emann in Dresden: „Sie wird aufleben in meiner 'Ver­trei­bung aus dem Paradies' [„Caecilie”]”. – Am 31.1.1893 verstirbt in Lei­pzig Martha Hauptmanns einziger Bruder, Gottlob Thienemann. – Am Ende des Jahres erleben dann Hauptmanns die leidenschaf­tliche Hinwendung Gerharts zu Margarethe Mar­schalk und das Ze­rbrechen seiner Ehe. – Carl und Martha sind tief erschüttert über die Flucht Marie Hauptmanns mit den Kindern nach Amerika im Januar 1894. – Am 19.1.1894 verstirbt, 28-jährig, der ihnen befreundete Arzt Georg Ashelm aus Erkner, am 8.2. erfahren sie vom Selbstmordversuch des Freundes Otto Prings­heim. In di­esem Zeitraum liest Hauptmann Turgenjews düstere Erzählung „Mein Nachbar Radilow”.

„Caecilie. Eine Mädchengeschichte”, geschrieben Ende J­anuar, Anfang Februar 1894, ist zunächst das in sich abg­eschlossenes Kapitel („Die Heimathlose”) eines geplanten Romans über Kindheit und Jugend der fünf Thienemann-Schwestern. Zwei weitere Kapitel, die nicht vollendet werden, entstehen im Frühjahr 1894: „Wie Frühlingswasser verrauscht” über Marthas Schulzeit in der Herrnhuter Ge­meinde Neudietendorf und „Einst im Januar”, worin Carl Hauptmann seinen ersten Besuch auf H­ohenhaus und den Tag seiner Verlobung mit Martha Thienemann beschreibt.[26]

„Der erste Abschied”, geschrieben im Juni 1894, verarbe­itet den „trostlosen Eingang” ins Milieu der Schülerpension des Oberamtmanns Gadewolz, wo Carl Hauptmann während der ersten beiden Schuljahre in Breslau wohnte. Die Skizze gibt das b­edrückende Erlebnis von Krankheit und Tod der Pensionsgeberin im Herbst 1873 wieder. Der Kernsatz: „Immer wenn ich vom Tode höre, fällt mir die Nacht ein, wo mir – in der Fremde, mutte­rseelenallein – der 'Hauch des Todes' zum ersten Mal centne­rschwer auf die Seele fiel.”[27]

Die Stilmittel sind – wieder – impressionistisch. Die b­evorzugte Darstellung der optischen und akustischen Empfindu­ngen, die Stimmungsmalerei, die Traum­sequenz, die kurzen, abg­esetzten Sätze. Und die im Motto der Skizze bereits an­gelegte „Verklärung” der Muttergestalt, der eigenen Mutter: „Wie eine Blume im Garten Gottes”.

Totentanz-Erzählungen / Charakterskizzen

Viel Kraft und Zeit verwendet Carl Hauptmann im Bemühen, eine Aufführung von „Marianne” zu erreichen. Er verhandelt in Be­rlin, schreibt nach Wien und erbittet ein Urteil des großen d­änischen Wegbereiters realistischer Kunst Georg Brandes. – Eine Aufführung kommt nicht zustande, und Brandes' Brief enttäuscht Hauptmann tief: „Der Grundfehler des Stückes ist für mich, dass die Diction allzu deutsch ist. [...] Alle geben sich al­lzu sentimentalisch in ihren Gefühlen.”[28] – Der Versuch, mit dieser Kritik fertigzuwerden, gipfelt in Hauptmanns Ausbruch: „Red mir nicht von Gefühlen, red mir lieber von Gansvierteln.” Das Schauspiel „Waldleute” ent­steht von Sommer 1894 bis Frühjahr 1895. – Im September 1895 gibt Hauptmann das Man­uskript (der Dialektfassung) an den Cotta-Verlag, gleichzeitig druckt der Theaterverlag Entsch als Bühnenmanuskript eine Fa­ssung, die der Hochsprache an­genähert ist. – Am 31.10.1895 ist die Uraufführung der „Waldleute” am Raimund-Theater in Wien. – Die Theatererfahrungen sind entmutigend, und die Rezensio­nen spre­chen von „Untüchtigkeit” und „künstlerischem Epigonentum”[29]. Dennoch be­ginnt Hauptmann den Einakter „Der Wildschütz”.

Die sechste Reservistenübung (August/September 1895) e­ndet mit einem vier­wöchigen Manöver im Erzgebirge. Diese für Hauptmann strapaziöse Zeit ist den­noch für ihn anregend: In der geringen Freizeit liest er Jacobsons „Frau Marie Grub­be” und Dramen von Grabbe. Er schreibt spontan eine Skizze, „Dor­fliebe”*[30], notiert mundartliche Redewendungen und erlebt Nächte, wie er eine 1912 in der miniature „Auf Feldwache”*[31] beschreibt.

Das Tagebuch (November/Dezember 1895, Dresden) enthält die Erstnieder­schrift zweier Skizzen, deren Stoffe Hauptmanns Erinnerungen an Menschen und Schicksale in Salzbrunn entsta­mmen: „Frau Radeck”* (ursprünglicher Titel: „Wie eine Blume auf dem Felde”) und „Frau Hantke”* (ursprünglicher Titel: „Verlo­dert”). – Am 5.11.1895 legt er eine Manuskriptmappe an für „Männercharaktere. Skizzen”, hierin Fragmente und Notizen zu „Fahrendes Volk”, „Vater Haekel”*, „Haß” und „Erlöser Tod”[32]. Wenige Tage später hält Hauptmann Ideen zu einer weiteren Sammlung fest: „Frauenköpfe”. Die Notiz nennt Titel möglicher Ge­schich­ten, auch die Namen von Menschen aus seiner Bekann­tschaft und den Satz: „Jedes geschilderte Leben muss im Scheine einer grossen Illusion verlaufen – eine grosse Passion da­rstellen. Hoffen – Hoffen – Glauben – Liebe.”

In Gedanken ordnet Hauptmann Ende 1895 die Stoffe zu e­inem Zyklus, den er „Skizzenbuch aus der Heimath” nennen will. – Er liest in diesen Wochen Erzäh­lungen von Dostojewski und Tolstois Roman „Anna Karenina”.

Hauptarbeit der Jahre 1894/1895 ist aber die Weiterfü­hrung des Werkes, das eine gesicherte bürgerliche Existenz e­rmöglichen soll. Im September 1895 (wäh­rend der Manöverwochen) wendet er sich an Avenarius wegen der beabsichtigten Habi­lita­tion: Der 2. Band der „Beiträge ...”, „Grundbegriffe einer Theorie der Lebewesen”*, liege im Manuskript fast fertig vor. Doch die abschließende Arbeit, die sich immer mehr ins Hist­orische und Soziologische verlagert, verlangt noch eine A­rbeitsperiode an einer Universität. Vom 26.2. bis zum 6.5.1896 übersiedeln Hauptmanns dann in eine Pension in Jena.

In diesen zehn Wochen schreibt Hauptmann Tagebuch, tä­glich und minutiös. Er hält Erlebnisse und Begegnungen fest, Gespräche und wissenschaftliche wie künst­lerische Auseinande­rsetzungen, Urteile und Pläne.

Er besucht Vorlesungen, arbeitet in der Bibliothek und pflegt Beziehungen mit den ihm näher bekannten Professoren. Wissenschaftliche wie philosophische Fragen erörtert er vor allem mit dem Philosophen Rudolf Eucken, dem Botaniker Ernst Stahl und dem Physiologen Max Verworn. Er beklagt am 29.2. die Unsicher­heit der Naturwissenschaftler im Theoretischen und die fehlende Bereitschaft zu Spekulation und Folgerung: „Jeder Denker meidet über Principienfragen das Ge­spräch”, und ent­täuscht stellt er am 28.3. fest: „Semon hat mein Buch nicht ge­lesen. Verworn hat es benutzt – aber nicht genannt. Hertwig desgleichen. [...] ja für wen schreibt man das Zeug? [...] Da lob ich mir die Kunst! Das greift ins Menschen­wesen ganz hi­nein. [...] Das wendet sich an den Menschen schlechthin. [...] Zum Menschen spricht man, den Menschen rührt man, dem lebend­igen, ursprünglichen Leben reicht man lebendiges Geisteserei­gniss.”

So grübelt er neben der wissenschaftlichen Arbeit über Fragen der Literatur. Die Theorie des Dramas beschäftigt ihn ebenso wie die Funktion der Kunst in der bürgerlichen Gesel­lschaft. Wichtig sind ihm die Gespräche im Hause des Histor­ikers Alexander Brückner über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte. Seine Lektüre umfaßt Werke über Shakespeare und Biographien von Sonja Kowa­lewski, Ralph Waldo Emerson und Savonarola, daneben Lou Andreas-Salomés Erzählung „Ruth”.

In den befreundeten Kreisen liest Hauptmann „Marianne” und „Waldleute”, „Der erste Abschied” und „Kahnfahrt” vor. Als ihn der alte Schuster Carl Bi­schof besucht, ein eigenwi­lliger Freigeist, den Hauptmann aus der Studentenzeit kennt, da notiert er am 15.3. dessen Erzählungen als Novellenproblem.

Auslösendes Moment zu neuer, neuartiger künstlerischer Arbeit wird ihm dann aber die Begegnung mit zwei amerikan­ischen Musikschülerinnen in der Pension. Aus beobachtender Teilnahme wird bald ein verklärendes Verhältnis zu der 18-jä­hrigen Alice Webber. Als ihn seine Frau zur Rede stellt, an­twortet er: „Nicht Objekt ist mir die blondlockige Alice – ein Stück meines Wesens ist sie geworden. Wochen später heißt es im Tagebuch: „ ... der Gedanke an ihre Verklärung im Kunst­werk allein ist mir Trost.” – Und noch eine Frau tritt in diesen Wochen in das Leben der Familie Hauptmann: Im Hause Brückner lernen sie am 26.3. die 35-jährige Anna Teichmüller kennen.

Nach Jena folgen ruhelose, unstete Wochen: Ein kurzer Aufenthalt in Dresden bringt Hauptmanns mit vielen bildenden Künstlern zusammen. Dann fährt Carl allein nach Schreiberhau, vor Pfingsten bereits flieht er zunächst nach Berlin. Eine Kunstausstellung mit Werken von Ludwig von Hofmann, Bruno Li­ljefors und Karl Mediz, die er täglich besucht, berührt ihn tief. Die Stadt aber ekelt ihn an, und er ver­spricht Martha: „Wie will ich aber nun arbeiten, wenn ich erst den Culturstaub von den Pantoffeln geschüttelt.”

Im Juni 1896 fährt Hauptmann von Berlin aus nach Graal an der Ostsee. Im Ta­gebuch der Grund: „Ich habe einen Widerwillen in gewohnheitliche Umgebun­gen zurückzukehren; das macht, ich will meinen Menschen von gestern und ehe­ge­stern nicht weiter pflegen und üben. Er hat mir keine Frucht getragen.” Er liest er­neut und zergrübelt Turgenjews Erzählung „Mein Nachbar Rad­ilow” und schreibt die lebensfrohe Skizze „Waldbruder! Mensch!”[33] Am 14.6. dann an Martha den festen Vorsatz: „Etwas Tücht­iges, Kühnes, Eigenes – oder nichts”, am 20.6. dann das Ab­schütteln des Bisherigen: „Etwas Banales, das darfs nicht mehr werden, es muss Wucht, Kraft und Schönheit haben, und Nothwe­ndigkeit und Wahrheit oben­drein.”

Ein Notizblatt jenes Sommers 1896 enthält den Plan eines Erzählzyklus' „To­ten­tänze”[34]. Hierin will Hauptmann vom L­eben und Sterben ihm bekannter Menschen berichten, über Frida Thienemann und Georg Ashelm, den einstigen Breslauer Mit­sch­üler Dominick und den Schwiegervater Bertold Thienemann, auch über Schrei­berhauer Häusler und den Schuhmacher Bischof.

Dieses Notizblatt gibt zu jedem Namen eine Kennzeichnung in fast formelhaf­ter Form: „Leben und Tod ein Traum” (Frida Thienemann), „Leben und Tod ein Grauen” (Pläschke), „Leben Last und Tod Freund” (Haekel), „Leben kindlicher Liebesdienst / Tod eine Art eigener Verklärung” (Ida Radeck) etc., dazu die Notiz: „Der Lebensinhalt muss immer und giebt hier immer einen tiefen Grund, auf dem sich die Art des Todes und das Denken ­über den Tod abhebt.”

„Das Denken über den Tod ...” Auch die Notizen in Form von Formeln: Hier beweist sich Hauptmann noch als Denker.

Im Juli 1896 schreibt Hauptmann zwei der Geschichten, die er bereits in „Män­nercharaktere” in Dresden entworfen und b­egonnen hatte, erneut. Das Tagebuch enthält volkskundliche N­otizen sowie charakteristische Ausdrücke und Redewen­dungen der bäuerlichen Bevölkerung.

„Erlöser Tod” ist die Geschichte vom einsamen Sterben des Armenhäuslers Blochmann. Das Motiv des Ausgestoßenseins, der Austreibung, klingt hier erst­mals an. Eine der Textfassungen heißt „Es möchte kein Hund so länger leben”, die Gedankenfo­rmel Hauptmanns: „Leben grabendste Entbehrung – Tod Erlösung”[35].

Im Juli 1896 schreibt Hauptmann auch „Fahrendes Volk” e­rneut. Drei der Ar­beitshandschriften beinhalten nur den Santa­-Rocca-Teil, zwei nur die Zigeuner­begegnung. – Aus dem Tagebuch erhellt, daß Carl Hauptmann im Juli 1896 über diese Geschichte das Gespräch mit dem Bruder Gerhart suchte.

Das ist der Erlebnishintergrund zu „Fahrendes Volk”: Auf einer Fahrradtour von Berlin aus durch Brandenburg und Mec­klenburg am 21./22.6.1895 trifft Haupt­mann auf einen Landstre­icher, der sich Graf di Santa Rocca nennt und mit dem er ins Gespräch kommt. Hauptmann ist so fasziniert, daß er dessen Antworten und das Lied in seinem Schreibblock notiert und sie vollständig und nahezu wört­lich in den Text der Skizze übe­rnimmt.

Ein frühes Titelblatt von Hauptmanns Hand lautet: „Ein Landstreicher. / 'Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre König.' G. E. Lessing. Nathan d. W. / Skizze von Carl Hauptmann”. Ein anderes Blatt enthält die formelhafte Cha­rakterisierung: „Graf di Santa Rocca, der Culturflüchtige, Menschen hassende – Welt und Gott liebende Mensch”. Eine Rei­nschrift des Textes trägt das Motto: „Weiten Wegs muss ich noch zieh'n, / Bis dass ich erreich mein Grab, / Ohne dass ich Stiefeln hab. (Zigeunerwort)[36].

Anfang August bietet Hauptmann „Fahrendes Volk” Cäsar Flaischlen zur Ver­öffentlichung in „PAN” an. Als der aber ei­nschneidende Änderungen wünscht, or­dert Hauptmann am 9.9. das Manuskript zurück: „Gerade in der lockeren Einung, die durch Sommertag und 'fahrendes Volk' darin geschaffen ist, erblicke ich den wesentlichsten Reiz der Arbeit, um die ich sie nicht bringen möchte.”[37]

Am 20.8.1896 schickt er „Erlöser Tod” an Samuel Fischer zum Abdruck in „Deutsche Rundschau”. Doch Fischer lehnt ab, bietet aber an, das ganze „Skizzen­buch” zu übernehmen. Haup­tmanns Absage: „Vielleicht ist es in meinem ethischen Interesse gelegen, dass ich nirgends Gerharts Wege gehe.”[38] Am 30.9. 1896 sen­det er „Erlöser Tod” zum Preisausschreiben des „Si­mplizissimus” um die „beste No­velle, in der die sexuelle Liebe keine Rolle spielt”, ein. Hauptmann ist nicht unter den Prei­strägern.

Im August 1896 entsteht „Der Freigeist in den Bergen”, im September „Liebe”, also ein Stoff aus dem „Totentanz”-Plan.

„Der Freigeist in den Bergen” (verworfener Titel: „Co­lporteur Hertel”) hat ge­lebt, Hauptmann hat ihn gekannt. Not­izen und verworfene Textpassagen im Manu­skript sind voller D­etails in der Wiedergabe der persönlichen Vorgeschichte des Mannes, in der Ausmalung von Szenen, in der Beschreibung des häuslichen Mi­lieus[39]. Und das Tagebuch (Dezember 1897) ve­rzeichnet, daß Hauptmann dem Häusler und Colporteur Hertel die Geschichte vorliest.

Über den Hintergrund von „Liebe” ist nichts bekannt. Es ist nur eine Vermu­tung, daß das Gut Illnisch bei Breslau als Schauplatz dargestellt sein könnte und daß Hauptmann als Gy­mnasiast das elterliche Gut seines Klassenkameraden Alf­red Ru­precht besucht habe. Die zarte Liebesgeschichte mit dem durchgehenden Motiv des Volkslieds könnte aber inspiriert sein durch Paula Cohn. Nicht nur ihre herrliche Stimme bezauberte den Mann und Dichter.

Carl Hauptmann hatte sie, die Tochter des Berliner Ve­rlagsbuchhändlers Albert Cohn, zu Pfingsten 1895 in Schreiberhau kennengelernt. Sie wohnte nicht weit entfernt „zur Pen­sion” und wurde in den folgenden Wochen in den „trauten Kreis” um Hauptmanns aufg­enommen. Die Malerin Sabine Reicke ist von ihrer Schönheit so gefesselt, daß sie sie mehrfach porträtiert. – Als Paula Cohn im September 1896 erneut kommt, wird sie täglicher „Logirgast” bei Hauptmanns[40]. – Carl Hauptmann notiert im Tagebuch: „Frl. Paula hat durch ihr anschmiegsames und liebevolles Wesen zu mir und durch ihre Anlehnung an mich [...] den höchsten Unwillen er­regt.” Martha Hauptmann in „Mein Lebensfaden”: „Bisher hatte Z[arle] alle lei­denschaftlichen Gefühle, die er an andere ve­rschenkte, nicht vor mir verborgen.” Jetzt aber wurde er „der hinter­häl­tige Ehemann, wo er vorher mein Freund ge­wesen war.” – Paula Cohn ist die „Liederbraut”, die durch die ansonsten magere Carl-Hauptmann-Literatur geistert[41].

Nach Paulas Abreise Ende September verläßt Martha Haup­tmann für einige Zeit Carl. In diesen Wochen entsteht „Träume”, die Geschichte, in der Alice Webber und die Frühlingstage in Jena ihre Verklärung erfahren.

Aus den Manuskripten zu schließen, bereitete diese Erzä­hlung dem Autor be­son­dere Schwierigkeiten. Die Zahl der verwo­rfenen Texte und Varianten ist groß. Und was dem Achtunddre­ißigjährigen besondere Schwierigkeiten macht, das ist in jenem Herbst das dichterische Erfassen der eigenen „Frühlingssti­mmung” in der Gestalt des sterbenden Wissenschaftlers. Ihm legt er Texte unter, die sich wörtlich im „Jenaer Tagebuch” finden, so das durch den Amselgesang ausgelöste, schier lebensbedr­ohende Sehnen. Denkwürdig aber ist, daß er eigenes, im Tagebuch fest­gehaltenes Erleben dem Mädchen Ray zuordnet, den Spazie­rgang an der Lomme und auch das genierliche Fußbad.[42]

„Träume” ist die letzte der fertiggeschriebenen, druc­kreifen Erzählungen vom Herbst 1896.

Der Sammelband – Rezeption – Nachklang

Carl Hauptmann braucht eine schnelle Veröffentlichung. Es ist fraglich, ob die vier erstentstandenen Skizzen („Etwas Banales darfs nicht mehr werden ...”) für die jetzt gedachte Buchau­sgabe vorgesehen waren. Sie werden in keinem Entwurf er­wähnt. Doch im September 1896 überarbeitet Hauptmann die vier Texte, indem er ihnen jetzt den rhythmisch-expressiven Zeilenfall gibt. – Und er muß noch über die Anordnung der jetzt neun druckfertigen Texte befinden. Die Aufeinanderfolge zielt auf Kontraste, dabei setzt Hauptmann die beiden Skizzen an Anfang und Ende, zu denen er den meisten Zuspruch der Leser erhofft.

Zwei Geschichten aus dem Plan des „Totentanz”-Zyklus' – „Vater Haekel”* und „Der Schuhmacher Lausebaum”* – erscheinen nie im Druck, nur die über den al­ten August Pläschke wird mit dem Titel „Haß” 1904 in „Miniaturen” aufgenommen.

Am 9.10.1896 schreibt Hauptmann an den Cotta Verlag: „Ich beabsichtige, Ihnen ein kleines Buch: 'Erschautes und Geträu­mtes. Skizzenbuch' anzubieten.” Am 19.10. sendet er die Man­uskripte ab, am 30.10. fordert er telegraphisch einen definit­iven Bescheid des Verlags[43]. – Anfang November ist das Mat­erial bereits bei Samuel Fischer, der es offenbar sofort zum Satz gibt und am 4.11.1896 1000 Mark überweist.[44]

Carl Hauptmann hält sich vom 15. bis 23.12.1896 in St.P­eter/Ording auf. Von dort aus bittet er seine Frau, mit Fischer über den Bucheinband zu verhandeln: „ ... schwarz vielleicht mit einer Blumenarabeske”. Die letzte Korrektur (Revision) geht am 18.12. von St.Peter nach Berlin.

Gewidmet ist der Band „Fräulein Paula Cohn”, der „holden Freundin”; mit sechs Zeilen lyrischer Prosa beschwört er die Erinnerung an gemeinsame Herbsttage in den Bergen herauf.

Datiert mit „Berlin, 24.XII.96” versendet er zum Wei­hnachtsfest die ersten Exemplare. Eins ist für Theodor Fontane bestimmt, weitere für Anna Teichmüller und Karl Erdmann. Am 6.1.1897 geht ein Band nach Rom an Hugo Ernst Schmidt, den er einerseits um ein anerkennendes Wort bittet, dem er andere­rseits aber voller Selbstvertrauen schreibt: „Die Menschheit erwartet etwas. – Und die deutsche Menschheit hat allen Grund einiges aus der verborgenen Tiefe zu erwarten.”

Am 28.4.1897 trägt Hauptmann in Canobbio (bei Lugano) seine nächsten Vor­haben ins Tagebuch ein. Als Punkt 4 nennt er „drei neue Skizzen für die 'Sonnen­wanderer’”: „Meister Zeiss” über den Schuhmacher Carl Bischof in Jena, „Der erste weibl­iche Abiturient” und „Schneider Windholz”, beides Lebensg­eschichten, die ihm Maria Avenarius erzählt hat. – Realisiert ist lediglich „Der Schuhmacher Lausebaum”*.

Nach einem Treffen mit seinem Bruder im Mai 1897 notiert Carl verbittert in sein Tagebuch: „Gerhart hat den Siegespreis eingestrichen, ich bin einstweilen überrannt – denn was sind die 'Sonnenwanderer' gegen die 'Glocke'.”

1896/1897 erschienen auf dem deutschen Büchermarkt u.a. die Romane „Der Stechlin” von Theodor Fontane” und „Die Akten des Vogelsangs” von Wilhelm Raabe, die Dramen „Florian Ge­yer” und „Die versunkene Glocke” von Gerhart Hauptmann sowie drei Bände „Erzählungen” von Ricarda Huch und die Skizzen „Wie ich es sehe” von Peter Altenberg.

Einige persönliche Briefe zu „Sonnenwanderer” erreichen den Dichter:

Karl Erdmann am 31.12.1896: „Mit innigem Behagen habe ich jetzt täglich Dei­ne zarte und feine Kunst genossen [...]. Von den neuen Skizzen gefällt mir 'Er­löser Tod' und 'Fahrendes Volk' am besten – ich bin überzeugt, daß Du zur Zeit 'Träume' und 'Liebe' am meisten schätzest.”[45]

Marie Hauptmann am 14.1.1897: „Mein Lieblingskind sind die 'Sonnenwan­de­rer', ich kann die Erzählung wieder und immer wieder lesen, jedes Wort entzückt mich darin [...]. Meinem Herzen zu zweit stehen 'Träume', ein Dir eigener, seltsa­mer, melancholischer Stimmungszauber haftet an diesen in gehauchten Umrissen gezeichneten Liebenden. Die Zartheit in dem Seelenl­eben Deiner Menschen, die echten, bunten Farben in Deinen N­aturbildern, die liebe ich sehr”, und: „Nun ist das Buch sei­tdem Gerhart fort ist verschwunden, ich vermuthe er hat es mit­genom­men.”[46]

Lou Andreas-Salomé schließt ihren Brief mit dem „herzl­ichen Dank für die klei­nen Sonnendichtungen, bei denen ich viel geträumt und viel gelernt habe!”[47]

Ulrich Simon am 22.10.1897: „Mit welcher Liebe schildern Sie auch da noch Menschen und Menschliches, wo ein Anderer oberflächlich nur Nacht und Schat­ten oder überhaupt nichts mehr sieht.”[48]

Franz Blei am 20.6.1897: „... was mich an Ihrem Buche sehr gefreut hat, ist die warme Innigkeit und Ehrlichkeit, die aus jeder Zeile spricht. Die Inhalte sind so menschlich ei­nfach und ungesucht. Und nun das Artistische. Ich finde die mehr realistischen Stoffe voll herausgekommen, alles erscheint mir hier stilistisch ge­bän­digt, was gesagt werden muss. Nicht ganz so kann ich dies bei den andern Sa­chen, die mehr das I­nnere geben, finden, besonders nicht bei den 'Träumen'. Hier tritt mir nichts plastisch genug vor die Augen. Woran der Stil Schuld hat. [...] Die Stimmung, die im Lesenden erst erzeugt werden soll, ist durch die Art der Darstel­lung schon vorweg genommen, so dass ich um die unmittelbare Wirkung komme und mit einer reflekierten ersetzen muss. [...] Zwischen dem Künstler und seinem zu Kunst gewordenen innern oder äussern Erlebnis muss ich eine weite Distanz fühlen, die dem Künstler eine beschauliche Ruhe giebt, fast eine Heiterkeit, wenn auch eine schmerzliche. Dies erscheint mir in dem ersten Prosag­edicht getroffen. [...] Gestört hat mich die Armenhausgeschic­hte 'vom Tode', und anderes realisti­schen Inhalts, nicht der Form wegen, denn diese ist hier [...] voll und rund, aber ihre Inhalte passen nicht mit dem übrigen, was das Buch enthält -” [...] „Damit schüttle ich Ihnen herzlich die Hand für die So­nnenwanderer und freue mich auf Ihr nächstes Wanderziel, auf Ihr nächstes Buch.”[49]

Georg Reicke schreibt in der „Vossischen Zeitung”: „Die Novellen oder Skiz­zen, sind nicht ganz leicht zugänglich. [...] Man muß sich ganz hingeben, man muß hinhören, hinho­rchen; mit dem dritten Ohr, das in der Sprache den Ton und in dem Ton die Seele vernimmt. Es ist nur Seele in dem Buche – vielleicht zu viel Seele. Alles Fallartige ist überwunden, a­lles Stoffliche fast ängstlich vermieden. [...] Aber dieses Buch ist geschaut, von Anfang bis Ende. [...] Nirgends ein nur Ge­dachtes, Gemachtes, alles ein Gelebtes, Geschautes. Und a­lles ein Einfaches, ewig Dage­wesenes. Aber das Buch enthält die Kunst, das Tägliche zum Gegensatz des All­täg­lichen hinaufzuh­eben. [...] Vielen wird diese Kunst vielleicht sogar zu fein, zu intim sein. Es sind alles Halbtöne, gebrochene Farben. Freilich nicht im Aeußeren. Im Gegentheil: da wird derb und oft gar nicht zimperlich zugegriffen, kraftvoll gefaßt und kraftvoll gestaltet. [...] Es ist Interpretationskunst, die der Dichter von uns fordert. [...] Der Dichter will sich mehr ahnen lassen, als er sich giebt. Daher wird auch das Urtheil über die einzelnen Geschichten sehr verschieden ausfallen. Ich stelle die erste am höchsten: 'Sonnenwanderer'; ein Meiste­rstück feinster See­lenmalerei, obwohl kaum ein Wort über die Seelen gesagt wird.”[50]

*

1897 und die folgenden Jahre gehören für Hauptmann wieder dem Ringen um die Bewältigung der dramatischen Form. „Die Brau­tfahrt nach der Sonne”, „Das ewige Erbe” sowie „Ein Somme­rnachtstraum”, ein Lustspiel um Hohenhaus, bleiben Fragmente[51]. Erst „Ephraims Breite” gelingt und bringt ihm 1899 einen gewissen Durchbruch.

Und dann folgt, nach einer schweren Krise, 1899 und 1900 das „Erlebnis Worps­wede” mit der freundschaftlichen Verbindung zu Otto Modersohn. Weite Gänge ins Moor, intensiver Gedanke­naustausch, besonders über Kunst:

„Aller Glanz liegt in dem Sinnlich fassbaren draussen. Und an jeder Zufällig­keit muss man freudig anpacken und das tiefe Gefühl entschleiern darin.” – „Man muss die Welt an der sinnlichen Seite sicher packen, das oder kein Kunstwerk.” – „Für mich, wenn ich einmal wieder Novellen mache, ist klar, dass sich darin ein gut Stück Landschaftsleben aussprechen muss.” – „Novellenmotive, die zum ein­heitlichsten Landschaft­sgesang sich auswachsen könnten in Hülle und Fülle”, notiert Carl Hauptmann im Juni 1899 in sein Tagebuch.

Die „Sonnenwanderer” hat er in keinem seiner Briefe oder Tagebücher jemals wieder erwähnt. Sie sind aber als wichtige Stufe zu werten, die ihn zu den Erzäh­lungen „Aus Hütten am Hange” und „Miniaturen”, schließlich zu dem Roman „Ein­hart der Lächler” führte.



[1]        Die vorstehende Arbeit beruht auf Erkundungen, die zwischen 1994 und 1999 zur Erfor­schung des Lebens von Carl Hauptmann geführt und in Eberhard Berger, Elfriede Berger, „Carl Haup­tmann. Chronik zu Leben und Werk”, Stuttgart – Bad Cannstatt 2000 (Supplement zu „Carl Hauptmann, Sämtliche Werke”) niede­rgelegt wurden.

         Im Text genannte Titel, die bisher noch nicht gedruckt wurden, sind mit einem Stern gekenn­zeichnet. – Die Zitate we­rden in der originalen Schreibweise wiedergegeben. Texte (auch einzelne Wörter) von Carl Hauptmann sind kursiv gesetzt.

         Abkürzungen:

         CHA: „Carl Hauptmann Archiv” in der „Stiftung Archiv der Akademie der Künste” Berlin.

         SCH: „Sammlung zum Carl-Hauptmann-Archiv” in der „Stif­tung Archiv der Akademie der Künste” Berlin.

         DLA: Deutsches Literaturarchiv Marbach.

         CH-SW: Carl Hauptmann, Sämtliche Werke. Stuttgart – Bad Cannstatt, 1997 ff.

[2]        CHA, Konvolut 100, 'Tagebuchartige Manuskript-Bände'.

[3]        Sämtliche Zitate und Angaben aus Briefen Carl Hauptmanns an Martha Hauptmann, ein­schließlich der Brautbriefe, sind entnommen aus CHA, Konvolut K 205, 'Carl Hauptmann an MH'.

[4]        Die Zitate aus Briefen Carl Hauptmanns an Schmidt sind entnommen aus „Carl Haupt­mann und der Maler Hugo Ernst Schmidt” von Eberhard Semrau in: „Der Wanderer im Riesen­gebirge”, 58/1938, Nr. 5.

[5]        Vgl. hierzu Gerhart Hauptmann, „Das Abenteuer meiner Jugend”, Berlin 1937; Martha Hauptmann, „Mein Lebensfaden” (Typoskript, verwahrt im DLA, Carl-und Martha-Hauptmann-Sammlung Marianne Nitsche); Walter Goldstein, „Carl Hauptmann. Ein Lebensbild”, Schweidnitz 1931; Hansgerhard Weiss, „Die Schwestern von Hohenhaus”, Berlin 1949.

[6]        Alle Zitate und Angaben aus den Tagebüchern Carl Haupt­manns sind entnommen aus CHA, Konvolut 99, 'Tagebuchbände' und Konvolut 100, 'Tagebuchartige Manuskript-Bände' sowie aus SCH, Konvolut 89, 'Tagebücher' und Konvolut 90, 'Tagebuch/Notizen'.

[7]        Erwähnt in: Goldstein, a.a.O., S. 45. Die Aufzeichnungen gel­ten als verschollen.

[8]        Die Widmung lautet: „Seinem alten, lieben, treuen Bruder, Freund, Berater und Förderer Zarle mit innigem Gruss”.

[9]        Das Original befindet sich im Gerhart-Hauptmann-Museum Erkner.

[10] CHA, Konvolut 79/3, 'Stimmungsskizzen. Sonnenwanderer'; Konvolut 79/4, 'Sonnen­wan­derer. Früh­lingsnacht'.

[11] Martha Hauptmann, „Mein Lebensfaden”, a.a.O.

[12] Carl Hauptmann, „Leben mit Freunden. Gesammelte Briefe”. Leipzig 1928. S. 31 (an Carl Duisberg, 23.11.1888).

[13] CHA, Konvolut 79/2, 'Frühlingsnacht', verworfene Textpassage.

[14] „Sonnenwanderer”, in: CH-SW, VII.1, S. 5.

[15] „Sonnenwanderer”, in: CH-SW, VII.1, S. 5.

[16] CHA, Konvolut 84/9, 'Aufzeichnungen und Briefentwürfe'.

[17] CHA, Konvolut K 9, 'Lou Andreas-Salomé an CH'.

[18] CHA, Konvolut 79/2, 'Frühlingsnacht'.

[19] CHA, Konvolut K 121, 'Alfred Ploetz an CH'.

[20] „Freie Bühne für modernes Leben”, IV/1893, Heft 4.

[21] CHA, Konvolut K 4, 'Sammlung Robert Hauptmann'.

[22] CHA, Konvolut 66/1, 'Das silberne Buch'.

[23] CHA, Konvolut 1/1 bis 1/7, 'Marianne'.

[24] CHA, Konvolut 79/5, 'Kahnfahrt'.

[25] CHA, Konvolut K 121, 'Alfred Ploetz an CH'.

[26] CHA, Konvolut 83a/1, 'Materialsammlungen. Entwürfe wohl aus den Jahren 1894-1899'; Faszikel 2, 'Wie Frühlingswasser ver­rauscht', Faszikel 3, 'Die Heimathlose', Faszikel 4, 'Einst im Januar'.

[27] „Der erste Abschied”, in: CH-SW, VII.1, S. 35.

[28] CHA, Konvolut K 31, 'Georg Brandes an CH'.

[29] DLA, Sammlung Cotta, Faszikel Carl Hauptmann.

[30] CHA, Konvolut 83a/1, 'Materialsammlungen. Entwürfe wohl aus den Jahren 1894-1899'.

[31] CHA, 81/1 'Auf Feldwache'.

[32] CHA, Konvolut 74/9; Faszikel 2, 'Männercharaktere'.

[33] Carl Hauptmann, „Aus meinem Tagebuch”, München 1910, S. 127-130; vgl. auch S. 89-92 und 94-97.

[34] CHA, Konvolut 74/9, Faszikel 2, 'Männercharaktere'.

[35] CHA, Konvolut 74/9; Faszikel 2, 'Männercharaktere'; Konvolut 79/7, 'Erlöser Tod'.

[36] CHA, Konvolut 74/9, Faszikel 1, 'Ein Landstreicher'; Faszikel 2, 'Männercharaktere'; Konvolut 75/25, 'Fahrendes Volk'.

[37] DLA, Standort: A: Flaischlen/PAN 1896.

[38] DLA, Standort: A: C. Hauptmann.

[39] CHA, Konvolut 79/7, 'Der Freigeist in den Bergen'.

[40] Martha Hauptmann, „Mein Lebensfaden”, a.a.O.

[41] Goldstein, a.a.O., S. 70ff.; Carl Hauptmann, „Aus meinem Tagebuch”, 1910, S. 25.

[42] „Träume”, in: CH-SW, VII/1, S. 54ff.

[43] DLA, Sammlung Cotta, Faszikel Carl Hauptmann.

[44] DLA, Standort: A: Carl Hauptmann.

[45] CHA, Konvolut K 53, 'Karl Erdmann an CH'.

[46] CHA, Konvolut K 208, 'Marie Hauptmann an MH'.

[47] CHA, Konvolut K 9, 'Lou Andreas-Salomé an CH'.

[48] CHA, Konvolut K 190, 'Verschiedene Institutionen an CH'.

[49] CHA, Konvolut K 24, 'Franz Blei an CH'.

[50] „Vossische Zeitung” vom 18.7.1897

[51] CHA, Konvolut 42/3, 'Die Brautfahrt nach der Sonne', Konvolut 37/1 bis 37/4, 'Das ewige Erbe', Konvolut 34, 'Ein Sommer­nachtstraum'.