Orbis Linguarum Vol. 10 (1998)
Berlin
Bölls erste Publikation: Ein Schlüssel zu seinem Werk?
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: 'Sie haben sich gar nicht verändert.' -
'Oh!' sagte Herr K. und erbleichte.
Brechts bekannte Keuner-Geschichte[1] steht für ein Moment genereller
Fragwürdigkeit meines Vorhabens: Leben heißt auch für die Literatur
Veränderung – und wäre ein erster Text die Vorwegnahme eines ganzen Oeuvres;
man müßte dieses von vornherein für tot erklären.
Da ist aber auch noch ein Aspekt spezifischer Fragwürdigkeit:
Jahrelang galt die in der Kölner Zeitschrift „Karussell” im August 1947
veröffentlichte Kurzgeschichte Die
Botschaft als Bölls erste Veröffentlichung[2]. Ein Heimkehrer bringt dort einer jungen
Frau die Nachricht – die „Botschaft” eben -, daß ihr Mann in Gefangenschaft
verstorben ist. Langezeit ist man der Versuchung erlegen, den Titel zugleich
als Ankündigung eines Programmes zu lesen, das man in dem Satz entdecken zu
können meinte: „Da wußte ich, daß der Krieg niemals zu Ende sein würde, solange
noch irgendwo eine Wunde blutete, die er geschlagen hatte”[3] – das Programm eines Autors, der, durch
den Krieg geprägt, den Krieg zum Thema gewählt hatte und dabei zu bleiben
gedachte, bis sämtliche Folgen überwunden waren.
Nun erscheint dies ja als gar nicht so falsch: Schließlich ist der Krieg
Thema oder wenigstens Hintergrund sämtlicher frühen Kurzgeschichten, wie auch
des ersten Romans Wo warst du, Adam.
Und auch später – ja bis hin zu Bölls
letzten Publikationen im Jahre 1985.- werden Figuren und Ereignisse seiner
Fiktion immer wieder zurückbezogen auf „die Wunden des Krieges”, wie es in Die Botschaft heißt.
Nun wissen wir spätestens seit Bölls Interview mit Christian Linder[4], daß Böll selbst das Kriegserlebnis ganz
und gar nicht als Schreibmotivation ansah.
Die Botschaft der Botschaft ist also gar nicht Bölls
Programm.
Daß Die Botschaft zudem auch gar
nicht Bölls erste Veröffentlichung ist, macht die Fehleinschätzung perfekt.
Nun ist die besondere Aura eines literarischen Debüts eher in der
Konvention und in Erwartungen der Leser als in der Qualität des Werkes
begründet und im Falle Bölls ist die Chronologie der frühen Publikationen
ohnehin ein Produkt des Zufalls: Er hatte schon einige Dutzend Erzählungen und
zwei oder drei Romane geschrieben, ehe sein erster Text gedruckt wurde. In
solche Zufälligkeit besondere Programmatik und thematische Präferenzen
hineindeuten zu wollen, wäre schiere Willkür.
Wenn ich vom „Schlüssel” zum Werk Bölls rede, meine ich etwas anderes. Böll selbst spricht von einer durchgehenden Problematik [...] ,die immer präsent ist[5]< im Werk jedes Autors, von grundlegenden
Einschätzungen, die schon früh festliegen. Solche Dinge müßten an jedem
beliebigen Text sichtbar gemacht werden können, verändert, abgewandelt – oder
wie Böll das formuliert hat „fortgeschrieben”[6], der Realität nachgeschrieben. Ich habe das Beispiel der erstpublizierten Kurzgeschichte gewählt, weil sich an ihr
Bölls durchgängige Thematik ebenso sichtbar machen läßt wie wichtige
Charakteristika seiner Schreibweise und weil sie darüber hinaus noch in
mehrfach anderer Hinsicht informativ ist.
Werfen wir einen Blick auf den Text[7]: Aus
der „Vorzeit” – ein seltsamer Titel, was heißt hier „Vorzeit” – noch dazu
in Anführungszeichen. Hier geht es um den Kasernenalltag offenbar im dritten
Reich, geschildert aus der Perspektive eines einfachen Soldaten, der als
Ordonnanz, also so etwas wie ein Aushilfskellner, im Offizierskasino
beschäftigt ist. Das militärische Milieu, das „ich bin tot” (Z. 7), die auch
noch typografisch hervorgehobene Gruft (Z.
7) deuten auf den Krieg, möglicherweise ist die Kompanie (Z. 1) zur Front
abgerückt. Aber solcher Hinweis ist sehr indirekt, im Zentrum steht überhaupt
nicht der Krieg als Schlacht, es ist von ganz anderen Dingen die Rede:
ordentlich sortiert, Absatz für Absatz von einem neuen Aspekt, der zumeist
schon im Schriftbild hervorgehoben ist: Es geht um
| - Ordnungsdienst | 3. Absatz | |
| - marionettenhaftes Exerzieren auf einen Pfiff | 4. Absatz | |
| - der militärische Gruß (Verhöhnung) | 5. Absatz | |
| - das sogenannte Singen | 6. Absatz | |
| - die Sünden des Kasinos | 8. Absatz |
Dazwischen der
einzelne Satz über den lächelnden Frühlingshimmel.
Ein deutlich
konstruierter Aufbau – zu deutlich, um ästhetisch zu befriedigen.
Böll hatte ja sehr bald den Ruf, ein
naiv-realistischer Abschilderer erlebter Wirklichkeit zu sein, der Alltagssprache so verwendete, wie er sie in seiner Umgebung beobachtete.
Er hat sich da immer falsch eingeschätzt gefühlt und bemühte sich, zum
Beispiel durch Veröffentlichung seiner geradezu architektonischen
Konstruktionszeichnungen zu Romanen wie Gruppenbild
mit Dame[8] oder Katharina
Blum diesem Image sein Selbstbild als „poetischer”, d.h. als schaffender,
zusammensetzender, Fiktionen entwerfender Dichter entgegenzusetzen. Er
beharrte darauf, daß das, was den Leuten als Wirklichkeit erschiene, geschaffene Wirklichkeit sei, und daß
es sich bei der scheinbaren Alltagssprache um das Produkt komplizierter künstlerischer Vorgänge handele.
Hier können wir anscheinend Werkstattspuren eines Anfängertextes erkennen;
das erleichtert dem Literaturwissenschaftler das Geschäft, und so erschließt
sich auch das Ziel dieser Konstruktion relativ leicht: Im letzten Absatz erreicht
Renatus das Kasino „wie einen rettenden Hafen”. Das weist zurück auf den 2.
Absatz, Z. 13: „Es war wie eine Erlösung,
als er den untersten Flur erreichte und Stimmen aus der Schreibstube hörte.” Die „Erlösung” dort bezieht
sich auf die Grabesgefühle, die Leere und Einsamkeit hervorrufen: Menschliche
Stimmen versprechen Gemeinschaft, Leben. In den Absätzen 3 – 6 wird diese
Gemeinschaft konkretisiert: Sie ist entmenschlicht, ist die Zwangsgemeinschaft
einer Kaserne.
Nun kennt man aus der deutschen Literatur – Heinrich Mann, Arnold Zweig, Remarque
– sonst aus der amerikanischen – Norman
Mailer, oder James Jones – andere, „härtere”, Kasernenschilderungen. Im
Vergleich dazu ist das hier beschriebene Geschehen relativ harmlos:
Ordnungsdienst, Grüßen, Singen. Was ist das schon, wenn man an Nahkampfübungen,
Gepäckmärsche, Strafexerzieren denkt. Und doch belegt Böll diese relativ
harmlos scheinenden Tätigkeiten mit extrem starken Ausdrücken: „schrecklich”
(Z. 22), „unwürdig” (Z. 23), gar „mörderisch” (Z. 46). Müßte Böll nicht in
Begriffsnot geraten, wenn er wirklich mörderische Vorgänge zu beschreiben
hätte? Tatsächlich passiert ihm das nie; denn anders als viele andere Autoren
der unmittelbaren Nachkriegszeit thematisierte Böll nur selten den Krieg als Schlacht,
das Kampfgeschehen an der Front, sondern schilderte die sogenannte „Etappe”: Lazaretts,
Hinterland, Urlauberzüge, etc., ohne damit den Wahnwitz des Krieges zu verharmlosen.
– Im Gegenteil: Gerade im scheinbaren understatement der Mischung aus Langeweile,
sinnloser Bewegung, Dreck und Lächerlichkeit, als die Böll den Krieg etwa in Wo warst du, Adam? schildert, tritt der
Wahnsinn des Menschopfers um so deutlicher zu Tage. Im Schlachtengetümmel
lassen sich Kausalitäten nicht erkennen oder ergründen. Vor allem aber bergen
auch die in bester Absicht geschriebenen realistischen Darstellungen
kriegerischer Grausamkeit stets die Gefahr, letztlich doch das Töten zu
heroisieren oder aber zu ästhetisieren, Faszination zu erzeugen und sei es
Ekelfaszination. Böll läßt ganz selten Granaten zwischen Menschen explodieren;
bei ihm krepieren sie in einer Latrine, und die umherfliegenden Exkremente kennzeichnen
den Krieg, ohne jedes Risiko der Verklärung.
In unserer Kurzgeschichte zeigt Böll den Krieg als letzte Konsequenz aus
einem Prozeß der Entmenschlichung, der lange vor dem Krieg beginnt – in diesem
Fall in den Kasernen. Man lese nach: „Hierarchie des Stumpfsinns” (Z. 24),
Gruppen, die sich „wie am Schnürchen bewegten” (Z. 27), „Puppen, die sich an
irgendeinem Strang des Gehorsams bewegten” (Z. 30). Man grüßt „jede Litze,
jedes Achselstück” (Z. 34), nicht etwa Menschen. Es gibt keine; was so
aussieht, sind Marionetten, geleitet – nicht etwa von einer überlegenen
Intelligenz, sondern „einem geistlosen Hirn” (Z. 26). Der Kasernenbetrieb ist
eine mörderische Maschine, die der kurze 7. Absatz mit der Beschwörung eines
Naturphänomens (blauer Frühlingshimmel) – wenn auch etwas sehr unvermittelt –
per Kontrast als Verkörperung der
Unnatur erscheinen läßt.
Vor dieser Maschinerie flüchtet die
Hauptfigur, Renatus ist sein Name. Das Kasino erscheint als „rettender Hafen” –
aber auch dieser Eindruck erweist sich als Irrtum: Die Welt der Offiziere ist
zwar „hochmütig elegant” (Z. 52), zugleich jedoch „hilflos”. Auch die höheren
Chargen sind nur Marionetten. Selbst die „lasterhaft wirkenden schweren
Vorhänge” (Z. 56), die eine Bordell-Atmosphäre erzeugen, geben keinen Ausweg
frei: sie sind „wie Uniformen”. Es gibt keine „Ausflucht” nicht mal „in den
Sünden”, alles, alles dient der starren, leeren Form. Das ist offenkundig,
manches schon penetrant deutlich. Der 7. Absatz mit dem lächelnden Frühlingshimmel
produziert dazu noch ein kitschiges Klischee. Kein frühes Meisterwerk also, das
habe ich schon angedeutet. Doch ehe wir mit solch kritischer Betrachtung
fortfahren, empfiehlt es sich, nachzuforschen, welchen Text wir hier eigentlich
vor uns haben. Bekanntlich wird zur Zeit wieder an einer kritischen Edition der
Werke Bölls gearbeitet; der Nachlaß der viele Jahre in Boston lagerte, ist
wieder in Köln, die Manuskripte sind gesichtet, Handschriften und
Textvarianten sind zugänglich und schon viele Überraschungen waren zu erleben:
Daß es eine Frühfassung der Ansichten
eines Clowns gibt, die aus der Sicht von Marie Derkum geschrieben ist[9], daß der so konsequent und dicht
komponierte Roman Und sagte kein einziges Wort tatsächlich eine Kompilaton darstellt
aus verschiedenen Kurzgeschichten[10], Kapiteln aus anderen Romanvorhaben und
neuen Texten – und anderes mehr.. Auch das Manuskript unseres Textes ist
vorhanden: Vor der Eskaladierwand ist
es überschrieben und umfaßt etwa 6500 Worte. Die Druckfassung enthält dagegen
nur 572 Worte, also einen Bruchteil des Manuskripts. Der Redakteur des
Rheinischen Merkur hat massiv gekürzt, hat sich auf zwei Abschnitte des Textes
beschränkt und auch dort zum Teil mehrere längere Sätze zu einem kürzeren
zusammengestrichen – hat er die Erzählung auf fürchterliche Weise verstümmelt,
wie der ursprüngliche Herausgeber einer kritischen Böll-Ausgabe beklagt?[11] Jedenfalls hat er ihn sozusagen bis auf
das bloße Skelett verknappt. Ein detaillierter Vergleich wäre sehr
aufschlußreich – ich muß ihn unterlassen, weil die Inhaber der Rechte noch
keine Publikation wollen, ich muß überhaupt sehr vorsichtig beim Umgang mit
dem Text sein. Aber auch eine generelle Charakterisierung gibt genügenden
Aufschluß:
Die Manuskriptfassung enthält fast einen
ganzen Tagesablauf; sie stellt dem Helden nicht nur den anonymen Apparat gegenüber,
sondern dazu noch einzelne Personen, die
ihn in unterschiedlicher Weise
tyrannisieren, und sie läßt Renatus einen
zweifachen Ausweg: Den Rückzug in die Musik und einen Ansatz zur Rebellion, zur Befehlsverweigerung. Das hat
Novellenstruktur mit Wendepunkt und
unerhörter Begebenheit , eine Form die Böll – anders als die meisten anderen jungen deutschen Erzähler der
ersten Nachkriegsjahre – durchaus schätzte und – wie Der Zug war pünktlich zeigt – auch von
Beginn an beherrschte. Es ist jedoch gerade
nicht die Gattung, die für sein Frühwerk – und für die ersten
literarischen Erfolge bestimmend – war: Die
Kurzgeschichte. Böll hat später, in
einem Einleitungsessay zu einer Borchert-Ausgabe
die Unterschiede beider Formen auf einen plausiblen Begriff gebracht und
dabei seine Präferenz deutlich gemacht.
Von einer „meisterhaften Erzählung” spricht er da, „kühl und knapp”, kein
Wort zu viel, kein Wort zu wenig.[...] ein Musterbeispiel für die Gattung
Kurzgeschichte, die nicht mit novellistischen Höhepunkten und der Erläuterung
moralischer Wahrheiten erzählt, sondern erzählt, indem sie darstellt” [12].
Das – bis auf das „meisterhaft” natürlich – charakterisiert die
Druckfassung unseres Textes – die ursprüngliche Version versucht dagegen,
moralische Wahrheiten zu erläutern – sehr wortreich übrigens – sie erklärt,
vergleicht, leitet ab, erzählt viel, aber nicht, „indem sie darstellt”.
Dem Redakteur ist also zu danken, auch
wenn er vielleicht ein bißchen zu weit gegangen ist – und daß Böll das später
ähnlich einschätzte, zeigt die Tatsache, daß er den Text späterhin autorisierte
– auch den Titel, der nicht von ihm selbst war – wie er das im Lauf der Zeit
noch häufiger tun sollte: Gruppenbild mit
Dame – ein Titel der zum publizistischen Schlagwort wurde – war ein
Vorschlag Dieter Wellershoffs, der damals Bölls Lektor bei seinem Verlag war.
Im Fall der Ansichten eines Clowns hat
der Verleger Joseph Caspar Witsch mitformuliert, usw.
Dem Redakteur ist zu danken: Nicht,
weil man ihm etwa eine entscheidende
Rolle für die Entwicklung von Bölls Kurzgeschichten-Stil zuweisen müßte – er
hatte zu jener Zeit schon eine ganze Reihe ausgezeichneter Kurzgeschichten
verfaßt, wenn auch nicht veröffentlicht. Zu danken ist ihm, daß er die
sentimentale Novelle Vor der
Eskaladierwand auf die Kurzgeschichte zurückgeführt hat, die als Kern in
ihr steckt, und daß er dabei auch den Kern der zentralen Böllschen Thematik und
das Grundprinzip ihrer sprachlichen Verwirklichung freigelegt hat.
Der übriggebliebene Text enthält nicht nur das anarchische Gemeinschaftskonzept
Bölls, das sich seither stets gegen jegliche „starre, leere Form” gewehrt hat,
er macht auch das Verfahren sichtbar, das er immer wieder zu diesem Zweck
einsetzte:
Im Wortreichtum des Manuskripttextes wirken die religiösen Metaphern nur
als Manierismus – in der Druckfassung wecken sie Aufmerksamkeit: „Tempel” (Z.
19), „ religiöse Inbrunst” (Z. 22),
„Buße” (Z. 24), „Untergott” (Z. 28), „ Götter”
(Z. 41 ), „Sünden” (Z. 57). Vor dem Hintergrund dieses Vokabulars wird
auch der Name auffällig: „Renatus” – wer hieß in den 40er Jahren dieses
Jahrhunderts noch so; ein Mönchs- oder Priestername war das bestenfalls.
Renatus, zu deutsch „der Wiedergeborene”: Natürlich ist das keine beliebige
Namenswahl; das sind Namen nie bei Böll, „die Namen sind immer das wichtigste”
– das formulierte er erst 1979 in seinem Interview mit Ren‚ Wintzen [13], aber dem ehemaligen Studenten der
Altphilologie Böll war natürlich die Semantik dieses Namens auch damals schon
nichtverborgen.
Bei genauerem Hinsehen hätte er sich aber vielleicht doch besser für den
Namen Adam entscheiden sollen?
„Hier war nichts, was vom Geist sprach”, heißt es im 2. Absatz und: „Öde
war es und leer” (Z. 9). Beide Sätze sind eher notdürftig in den Text montiert,
was im Manuskript, wo sie durch drei Punkte voneinander getrennt sind, noch
deutlicher sichtbar ist. Es sind Zitate, Bibelzitate, was vielleicht nicht
sogleich auffällt; ich weiß nicht, ob die polnische Version ebenso
charakteristisch ist wie das markante Luther-Deutsch der deutschen Bibel: „Am
Anfang war die Welt öd und leer. Und der Geist des Herren schwebte über den
Wassern” – Genesis I, 2. wird hier also zitiert, und die solcherart geschärfte
Aufmerksamkeit findet natürlich noch mehr Hinweise auf den jüdisch-christlichen
Schöpfungsmythos, auf Chaos und Ordnung, auf Einsamkeit und daß es nicht gut
ist, wenn der Mensch allein sei, schließlich auch auf den Sündenfall;
Anspielungen in diesen Fällen, nicht mehr wörtliche Zitate. Würde da der Name
„Adam” nicht wirklich besser passen. – „Wo warst du, Adam?” -
Es hat natürlich schon seine Richtigkeit mit dem Namen „Renatus”; aber was
impliziert der Name hier? Von Wiedergeburt ist angesichts der inhumanen Welt
wohl kaum zu reden; und auch in der optimistischeren Manuskriptfassung ist der
„Zustand zwischen Glück und Trauer”, wie dort das „wahre Wesen des Menschseins”
genannt wird, nur traumhaft erreichbar – eine jener utopisch-idyllischen
Gegenwelten, von denen das Frühwerk Bölls so reich ist, und die ihm bei der ihn
ablehnenden Kritik den Spottnamen „linksrheinischer Fallada” [14] oder gar „männliche Courths-Mahler der
zweiten Jahrhunderthälfte” [15] eintrug. Im Drucktext ist die
pathetisch-sentimentale Schicht bis auf den schon hervorgehobenen einen Satz
über den Frühlingshimmel vom Redakteur getilgt worden, und es dominiert der
andere Sprachgestus der Erzählung: der Sarkasmus. Sarkastisch ist von „Göttern”
und „Untergöttern”, von Inbrunst und Buße die Rede – es ist eben nicht das
Paradies, in dem Adam erschaffen wurde, sondern der „Tempel des Stumpfsinns”.
Und die Wiedergeburt, auf die der Name „Renatus” verweist, ist ein einziger
Sarkasmus.
Zur Erklärung muß ich etwas ausholen: Vielleicht ist ja die vor allem in
der deutschen Militärgeschichte verbreitete Vorstellung von dem besonderen
Erziehungsauftrag der Truppe international: Die Armee als Schule der Nation
hieß das Schlagwort. Die Figur des Feldwebels, der seine Rekruten mit dem Satz
empfängt, „jetzt werde ich erst einmal Menschen aus euch machen”, ist sozusagen
die Personifikation dieses Schlagwortes. Figur und Ausspruch sind geschichtsnotorisch
– auf jeden Fall literaturnotorisch: bei Remarque, Arnold Zweig, Heinrich
Mann, Hanns Helmuth Kirst kann man das nachlesen. Die Kaserne als Ort der
Menschwerdung, der Wiedergeburt – „Renatus” als sarkastische Personifikation
dieses Aktes. Ein Wortwitz also? Das vielleicht – aber das wäre dann ziemlich
dürftig, würde die lange Novelle der Manuskriptfassung überhaupt nicht mehr
motivieren! Es steckt offenbar mehr dahinter: Was Böll in seiner Erzählung tut,
hat er fünf Jahre später in seinem Aufsatz Bekenntnis
zur Trümmerliteratur [16] und danach immer wieder von neuem
theoretisch zu erfassen versucht. Es stellt sein ureigenstes literarisches
Verfahren dar, das er von dieser Erzählung bis hin zum postum erschienenen
Roman Frauen vor Flußlandschaft
beibehält und im „Fortschreibungsprozeß” ständig verfeinert.
„Wer Augen hat zu sehen, der sehe” zitiert
Böll auch in dem genannten Aufsatz die Bibel und fährt fort mit der Bemerkung,
daß „sehen” im Deutschen nicht nur die Oberflächenbedeutung von 'optisch
wahrnehmen' hat; daher gilt für ihn:
Wer
Augen hat zu sehen, für den werden die Dinge durchsichtig – und es müßte ihm
möglich sein, die Dinge zu durchschauen, und man kann versuchen, sie mittels
der Sprache zu durchschauen, in sie hineinzusehen.[17]
Das Auge des Schriftstellers habe diese Fähigkeit, sollte sie
wenigstens haben.
In dem erwähnten Borchert-Essay rühmt er sie bei dem Kollegen und
formuliert in der Charakterisierung des anderen sein eigenes Konzept,
entwickelt aus der Unterscheidung von Reportage und Dichtung:
Der Anlaß der Reportage
ist immer ein aktueller, eine Hungersnot, eine Überschwemmung, ein Streik –
so wie der Anlaß einer Röntgenaufnahme immer ein aktueller ist: ein gebrochenes
Bein, eine ausgerenkte Schulter. Das Röntgenfoto aber zeigt nicht nur die
Stelle, wo das Bein gebrochen, wo die Schulter ausgerenkt war, es zeigt immer zugleich die Lichtpause des Todes, es
zeigt den fotografierten Menschen in seinem Gebein, großartig und erschreckend.
Wo das Röntgenauge eines Dichters durch das Aktuelle dringt, sieht es den
ganzen Menschen, großartig und erschreckend.[18]
Eine schöne Metapher – aber was leistet sie zur Erklärung? – Daß die
Reduktion von Bölls Erzählung Aus der
„Vorzeit” bis auf ihr Skelett dadurch
in gewisser Weise durch Böll selbst legitimiert erscheint, ist ja nur ein
Seitenaspekt.
Was heißt das: „die Dinge mit Hilfe der Sprache durchschauen”? Was bedeuten
die in den 60er Jahren von Böll geprägten Formeln von der „Moral der Sprache”,
oder der „Kongruenz” von „Moral und Ästhetik”? [19].Eine Antwort gibt unser Text:
Ausgangspunkt für das ganze ist ganz offensichtlich das beschriebene Schlagwort
über die eigentliche Menschwerdung beim Militär, das als Schlagwort ein bestimmtes
historisch gewachsenes, auch historisch definiertes Bewußtsein gleichsam in ein
sprachliches Destillat überführt. Diesen Satz: „hier werden endlich wir
Menschen aus euch machen” unterwirft Böll in seiner Erzählung einer Prüfung,
indem er die Wirklichkeit des Kasernenlebens und der Rekrutenausbildung unter dem
Blickwinkel dieses Satzes betrachtet und darstellt. Er nimmt das Sprachspiel
beim Wort und zeigt, wie da in der Tat neue Menschen geschaffen werden und wie
die Menschengemeinschaft aussieht, die aus dieser militärischen Genesis
herauskommt. Das Urteil, was sich dabei bildet, ist niederschmetternd, der Ton
zu Recht sarkastisch. Hier wird in der Tat „mit Hilfe der Sprache” Wirklichkeit
durchschaut – und der von Böll gar nicht formulierte Titel Aus der „Vorzeit” erscheint in diesem Licht als gar nicht so schlechte
Wahl – und das gleich in mehrfacher Beziehung: Mit der Schöpfung beginnt die
Welt und damit die Zeit, „Vorzeit” wäre die Zeit vor der Menschwerdung – die
distanzierenden Anführungszeichen sind das Ironiesignal, das in Deutschland
fast immer notwendig ist. Auch diesen Titel hat Böll für die ersten
Gesamtausgabe seiner Werke übernommen und damit autorisiert.
Meine Beweisführung war – so hoffe ich jedenfalls – schlüssig; gleichwohl
wird wohl manch einer den Verdacht haben, das ganze sei Produkt der typischen
Interpretationssucht eines Germanisten.
Ich kann ihn
entkräften.
Überspringen wir 17 Jahre, zum Jahr 1964 also, zu dem kurzen Roman Entfernung von der Truppe. Da finden
wir bemerkenswerte Parallelen zu unserer Erzählung: Auch im Roman geht es
zunächst um eine Truppe im engeren Sinne des Wortes, um die Wehrmacht, zu der
der Erzähler 1938 als Rekrut eingezogen wird, was seine militärischen
Vorgesetzten wörtlich als „eine Art Wiedergeburt” [20] bezeichnen. – „renatus” kommt hier also
nicht als Name sondern als Flexionsform des Verbs vor: wiedergeboren. Der
Erzähler berichtet weiter, daß man ihm gegenüber immer wieder ankündigt, oder
droht, ihn „endlich zum Menschen machen zu wollen”, was durch den „Dienst”
geschehen solle. Diesem Erlebnis enspringt eine grundlegende Angst, eine wahre
Phobie:
„Das
Wort Dienst (ich habe Dienst, ich muß zum Dienst, ich bin im Dienst) hat mir
immer Angst eingeflößt.”[21]
Das „Wort
Dienst” wohlgemerkt – auch hier ist der Anstoß ein sprachlicher, und auch hier prüft
die Sprache die Wirklichkeit.
Im Roman ist auch eine Alternative zu
dieser Form perverser „Menschwerdung” zu „Wiedergeburt” und „Dienst”
formuliert:
Daß
Menschwerdung dann beginnt, wenn einer sich von der jeweiligen Truppe entfernt,
die Erfahrung gebe ich als Ratschlag an spätere Geschlechter.[22]
Entfernung von der jeweiligen
Truppe, d.h. Entfernung von jeder Truppe, jeder Art organisierter
gesellschaftlicher Einrichtung, jeder Zwangsgemeinschaft. Sarkastisch zählt er
im Roman auf:
Abwehr-,
Angriffs-, Einsatzbereitschaft bei, für oder in einem FC [Fußballclub], CV
[Christlicher Verein], der Nato, der Seato, dem Warschauer Pakt, Ost und West, Ost oder West [...] sollte es jemand, der sich ganz und gar jeder
führenden Hand beraubt sieht, an Konkreta wie Abstrakta mangeln, so empfehle
ich ein möglichst vielbändiges Lexikon, wo er sich irgendetwas zwischen Aachen
und Zabbaione aussuchen mag.[23]
Ich habe diese
Position schon oben, im Blick auf Aus der „Vorzeit”, als anarchisch bezeichnet. Ich verwende den
Begriff im Wortsinn, meine damit „herrschaftsfrei”, bzw. „gegen
Herrschaft”, und rede damit gegen
international festsitzende Vorurteile
an, da allenthalben „anarchisch” mit
gewalttätig oder gar terroristisch gleichgesetzt wird.
Dennoch: Anarchisch, herrschaftsfrei nämlich, ist Bölls Konzept
menschlicher Gemeinschaft in Entfernung
von der Truppe – auch in Gruppenbild
mit Dame, in Katharina Blum –
stets in seinem Werk. Zurecht spricht der Rostocker Germanist Hans Joachim
Bernhard von einer „Gemeinschaftsutopie” [24] und
damit ist ein anderes Klischee hinfällig,wonach Anarchie notwendig Chaos und Unordnung bedeute. Der „Dienst der
Ordnung” wird in unserer Kurzgeschichte freilich radikal abgelehnt, aber diese Ablehnung gilt allein der „starren,
leeren Form, der alles, alles diente” (Z. 58).
Ehe Marie Derkum Hans Schnier in Bölls
Roman Ansichten eines Clowns
(1963) verläßt, wirft sie ihm vor, daß er „von der Berechtigung abstrakter
Ordnungsprinzipien” nicht zu überzeugen sei
– das gleiche Motiv : „Sie sagte, es
ginge jetzt nicht mehr um sie und mich, sondern um die Ordnung”, klagt
er: „Ordnung” als Opposition zu Zwischenmenschlichkeit – das ist ein
pervertierter Ordnungsbegriff. Akzeptiert von Böll und für ihn unverzichtbar
ist Ordnung als konsitutives Moment von Zwischenmenschlichkeit, von
Gemeinschaft. Ohne Ordnung ist Gemeinschaft nicht lebbar. Es gibt daher
zahlreiche Beispiele für Bölls
massive Kritik an fehlender Ordnung in diesem Sinne: Die Unordnung im Haus der
Familie Holstege in Haus ohne Hüter,
z.B., „Chaos und Auflösung” in Frauen vor
Flußlandschaft, die ordentliche Katharina dagegen im gleichen Roman und natürlich in
Katharina Blum.
Das ist nicht nur ein Motiv unter anderen, sondern gründet in Bölls
Literatur- und Kunstbegriff, der mit dem Gemeinschaftsideal korrespondiert:
Nicht nur für Gemeinschaft ist Ordnung Voraussetzung; auch für Kunst und
Literatur – dort sind sie konstitutiv. Die Kunst ist „frei, geordnet und untröstlich” formuliert
Böll in der dritten seiner Wuppertaler Reden [25]. Er nennt das selbst geradezu pathetisch
eine „geheimnisvolle Trinität”, die man nicht auseinanderbrechen dürfe.
Erläuterung ist aber wohl notwendig:”Frei” meint da natürlich den Gegensatz zu
„starrer, leerer Form” und „geordnet” erklärt sich selbst als Opposition zu
chaotisch und ist doch mehr. Erläuternd variiert Böll die Begrifflichkeit und
spricht von „geordnet und geformt [...] nicht eingeordnet und formiert” – da
nun sieht man die behauptete Kongruenz von kunst- und
gesellschaftstheoretischer Position und die hier seltsam anmutende Formulierung
„untröstlich” unterstreicht sie:, denn „untröstlich” heißt nicht „trostlos”,
untröstlich soll heißen: Kunst ist nicht zufriedenzustellen oder abzuspeisen,
sie kann nicht bestochen oder domestiziert werden, z.B. durch Macht.
Man erkennt Bölls Engagement für die Sprache, für „Wort und Wörtlichkeit”
(wie er 1965 einen Artikel überschreibt [26]) – und das ist in der Tat mehr – ist
etwas anderes als Freude am Wortspiel. Dies ist vielmehr der konstitutive Kern
seiner Literatur. Daß ich hier selbst die radikalen Schnitte einer Redakteurs
an Bölls Kurzgeschichte legitimiert habe, und daß Böll berüchtigt ist für
seine „Schlampereien” (es gibt z.B. groteske Rechenfehler in Katharina Blum, Fürsorgliche Belagerung und Frauen
vor Flußlandschaft, Namensverwechslungen u.ä.) steht dem nur scheinbar
entgegen: Denn immer wieder legt Böll wie er formuliert, „Worte auf den Prüfstand”.
Der Blick auf die Sprache, auf das Wort motiviert den Schriftsteller, nicht –
wie man immer wieder lesen kann – die Moral, die Gesinnung, die es nach seinen
eigenen zornigen Worten „immer gratis” gibt. Dem Elsässer Literaturwissenschaftler
René Wintzen gegenüber hat er das 1979 in einem Interview zu Protokoll gegeben:
Der Einstieg ist gar nicht immer das sogenannte Engagement,
sondern die Sprache, und mit der Sprache wird das Material, Staat,
Gesellschaft geprüft [...] Wenn aber dann bei dieser Prüfung, die sich im
Ausdruck niederschlägt, Konflikte auftauchen [...] verdrängte und verschobene
Probleme, dann kommt es möglicherweise zur Attacke. Aber ich glaube nicht, daß
die Attacke das Primäre ist, das Primäre ist die Sprache und der Wunsch, ein bestimmtes Problem, eine bestimmte
Sache, eine Person darzustellen.[27]
Genau dies, so sollte man – auch ohne „das
Auge des Schriftstellers” – erkennen, ist sichtbar geworden an der
Kurzgeschichte Aus der „Vorzeit” :
auch hier wurde Material, „Gesellschaft [...] mit der Sprache geprüft”,
Wirklichkeit „mit Hilfe der Sprache durchschaut”. Man kann jedem Leser nur
raten, bei der Beschäftigung mit Bölls Werk, seine Romane und Erzählungen nicht
einfach nur als eine Art Chronik der Bundesrepublik Deutschland aus der Feder
des „Realisten” und „Moralisten” oder „Gesinnungsästheten” Böll zu lesen,
sondern als sprachliche, als im Wortsinne poetische
Überprüfung der Realität, als Versuche, „die Wirklichkeit mit Hilfe der Sprache
zu durchschauen”, dann wird man vielleicht erkennen, daß z. B. der Streit
Katharina Blums mit dem Staatsanwalt um die Begriffe „zärtlich” und
„zudringlich” für diese Erzählung weitaus bedeutender ist als die Frage, ob mit
der Darstellung.der „ZEITUNG”.eine Abrechnung.mit dem Axel-Springer-Verlag und
der Bild-Zeitung (dem berühmt-berüchtigten Boulevard-Blatt der Bundesrepublik)
intendiert war. Oder: Man wird merken, daß Bölls Bemühungen um ein weder
medizinisch-steriles, noch pornografisch-gewaltätiges Vokabular der Sexualität
in Fürsorgliche Belagerung für den
Roman einen weitaus höheren Stellenwert besitzt als das Thema Terrorismus und „Deutschland
im Herbst 1978”. Oder: Man wird den Streit darum, ob es sich bei Ansichten eines Clowns um ein
„haßerfülltes antikatholisches Pamphlet” handelt, wie einige Kritiker meinten,
oder um „ein zutiefst christliches Buch, wie andere widersprachen, nicht als so
fürchterlich wichtig ansehen, sondern man wird erkennen, daß auch dieser Roman
mit Böll gesprochen ein „Versteck” ist, „in dem man zwei, drei Worte verstecken
kann, von denen man hofft, daß der Leser sie findet” – Die Sprache, so eine
andere Lieblingsmetapher des Autors, „ist dem, der schreibt, wie eine Geliebte
[...] Rose und Dynamit” [28]
Schreiben
ist ein gefährliches Unternehmen, denn die Geliebte läßt sich nicht auf
Legalisierung des Verhältnisses ein [...] und eines scheut sie am meisten: wenn
der Partner sie in das Korsett seiner Gedanken zwingt; sie rächt sich, indem
sie ihm hölzerne Kinder gebärt: christliche Literatur (oder solche, der die
Uniform des sozialistischen Realismus passen würde).
Man suche also nach Sprache, nach Wörtern, die auf
dem literarischen Prüfstand stehen. Wer Augen hat zu sehen, der sehe.
Daß der „Inhalt einer Prosa doch geschenkt” sei und daß man „einem geschenkten
Gaul nicht ins Maul” schauen solle, hat Böll 1963 in den Frankfurter Vorlesungen [29] gesagt. Das ist gewiß mit einer Portion
satirischen Overstatements formuliert, einer
notwendigen Übertreibung, um die
Aufmerksamkeit seiner Leser nachdrücklich auf Form und Sprache zu lenken,
keiner erheblichen Übertreibung jedoch, denn
Mit
dieser Überzeugung muß man, glaube ich, an Literatur herangehen. Alles das, was
die Weltgeschichte an Klamotten einem vor die Füße wirft, Krieg, Frieden,
Nazis, Kommunisten, Bürgerliche, ist eigentlich sekundär. Das was zählt, ist
eine durchgehende, ich möchte fast sagen, mythologisch-theologische
Problematik, die immer präsent ist.[30]
Mythisch-theologisch ist die Problematik unserer Kurzgeschichte; es geht um Menschwerdung,
um die Anmaßung einer Schöpfungsqualität in der formierten Gesellschaft des
Militärs. Durch die sarkastische Entlarvung des Anspruchs dieser negativen
Realität hindurch wird das Ideal wirklichen Menschentums im veröffentlichten
Text ahnbar. Spezialisten erkennen in diesem Satz die nur wenig veränderte
Schillersche Definition der Satire [31]. Die Rolle des Mythos auch in der Kurzgeschichte
bestätigt dazu die von dem amerikanischen
Böll -Forscher Friedrichsmeyer [32] formulierte These vom mythos-geprägten
Charakter der Böllschen Satire. Wird die Manuskriptfassung einmal
veröffentlicht, und im Rahmen der kritischen
Ausgabe soll das geschehen, wird man dort gleichsam den Entstehungsprozeß der
Böllschen Satire verfolgen können. Renatus erlebt dort seine Überwindung der
Angst und gewinnt Widerstandskraft aus einer Emfpindung, die er zunächst
bildhaft beschreibt, mit Worten, die ich aus erwähnten copyright-Gründen nicht
zitieren darf, die aber nahezu wörtlich den Schlußworten in Alfred Anderschs Kirschen der Freiheit entsprechen,
weshalb ich die zitiere: „Es waren die wilden Wüstenkirschen meiner Freiheit.
[...] Sie schmeckten frisch und herb” [33]. Wild, frisch, herb, befreiend ist bei
Andersch der existenzielle Moment der Freiheit, in Bölls Vor der Eskaladierwand steht diese Beschreibung für eine ganz
andere Empfindung: Den Haß.
DE'>Haß ist die Voraussetzung für den aggressiven modus der Satire – Liebe
wäre, nein: ist dazu das
komplementäre Moment. Bölls Selbstauskunft, Religion und Liebe seien im Grunde
sein einziges und ständiges Thema, ist bekannt – daß das Element Liebe hier
fehlt, liegt nur am unbekannten Redakteur: Eine ziemlich sentimentale und dazu
noch platonische Liebeshandlung ist von ihm getilgt worden. In der 15 Jahre
später geschriebenen Satire Keine Träne
um Schmeck, die leider ziemlich unbeachtet geblieben ist – das
Universitätsmilieu, in dem sie angesiedelt ist, sollte sie eigentlich für
Professoren und Studenten besonders interessant machen – in dieser Satire läßt
er seine Protagonisten selbst formulieren, was besagter Redakteur schon damals
wußte:
„Haß ist eine gute Tinte” – „Liebe nicht?”
„Nein”, sagte Müller, „Liebe ist die schlechteste
Tinte, die es gibt”.[34]
Das gilt – wohlgemerkt für die Satire, und Böll hat immer wieder blendende
Satiren geschrieben, aber sein Romanwerk vor allem ist nur zum geringeren Teil
als satirisch anzusehen. Mythos -geprägt ist
für Böll eben nicht nur die Satire, mythos-geprägt ist auch der
Ausgangspunkt für seine Suche nach einer, wie er formulierte „bewohnbaren
Sprache in einem bewohnbaren Land”, nach einer herrschaftsfreien Menschengemeinschaft.
„Der Ausgangspunkt”, sagte ich – in Aus
der „Vorzeit” ist dies buchstäblich zu sehen: weil die Genesis den
Ausgangspunkt der Welt beschreibt; aber auch in den meisten Texten seines
folgenden Werkes steht eine „mythologisch-theologische Problematik” zur
Debatte oder ist gar ein konkreter überlieferter Mythos prägend: Theseus und
Ariadne für Ansichten eines Clowns,
die Legende vom Grafen von Gleichen für Fürsorgliche
Belagerung , die Nibelungen für Frauen vor Flußlandschaft, die christliche
Marienmythologie für Gruppenbild mit Dame
oder die christlichen Pastoralmythen für Billard
um halb zehn. Das ist nicht nur die aufgesetzte Fassade eines katholischen
Milieus; denn als mythisch definiert Böll auch das, was er als „Grundelemente
menschlichen Lebens” bezeichnet, das Humane, das für ihn in den „Feierlichkeiten
des Alltags” liegt, in Essen, Wohnen, Liebe.
Der überlieferte Mythos der Mythologien ist für ihn nur symbolischer und
literarisch vorgeformter Ausdruck solch menschlicher Urerfahrungen, die als Thema
sein Werk weit mehr bestimmen als „die Klamotten, die einem die Geschichte vor
die Füße wirft.”
Ich hoffe, ich habe damit nicht Bölls Gesamtwerk zu einem mythischen
Einheitsbrei gemacht. Durchgehende Thematik, mythische Orientierung scheint
auf Statik zu deuten. Herr K. – in unserem Fall Herr B – und das „B” könnt man
dann für Böll ebenso setzen wie für Balzer, hätte Anlaß zu erbleichen. Die
Sache ist anders: Das eine Thema, die durchgängige Thematik und die sprachliche
Orientierung betreffen Standort und Instrumentarium des Schriftstellers; seine
Anwendung auf das jeweils veränderte Material – die Wirklichkeit nämlich -,
resultiert im literarischen Text. Das ist ein Prozeß, den Böll, wie ich
eingangs schon hervorgehoben habe, als „Fortschreibung” bezeichnet hat. Ein
einzelner Text ist jeweils nur eine Momentaufnahme des Prozesses, ein Schnitt,
ein Ausschnitt, der Aufschlüsse gibt über das gesamte Oeuvre. So verhilft auch
der Blick auf Bölls erste Publikation zu solchen Aufschlüssen. So gesehen
sollte Bölls erste Publikation ein Schlüssel sein zu seinem Ouevre. Die Tür
dazu ist – hoffe ich – aufgeschlossen, hinein- und hindurchgehen müssen die
Leser schon selbst.
Aus der „Vorzeit”
Nachdem die Kompanie vom
Kasernenhof abgerückt war, eilte Renatus noch einmal auf die Stube, um, wie
es die Vorschrift zu seinem Dienst verlangte, den weißen Drillich anzuziehen.
Die Stille der Flure
erschreckte ihn. Mitten am Tage des gewohnten Lebens entblößt, zeigte die
Kaserne ein fremdes Gesicht. Der Boden
schien zu erschrecken unter dem Schritt der genagelten Stiefel. Alles schien
lautlos zu schreien: „Ich bin tot!” Und als ging er wirklich durch eine Gruft, trat Renatus unwillkürlich leiser
auf. Aber hier war nichts, was vom Geist sprach. Öde war es und leer. Und arm –
nicht einmal der Schmerz der Vielen, die hier geschwitzt und geblutet und
gestöhnt hatten unter der Last des „Dienstes”, hatte eine Art genius loci zu
schaffen vermocht. Auf seiner Stube wechselte Renatus mit der Hast eines Diebes
seinen Rock und rannte zurück. Es war wie eine Erlösung, als er den untersten
Flur erreichte und Stimmen aus der Schreibstube hörte.
Auf der roten, glatten Fläche des Kasernenhofes
waren inzwischen andere Kompanien zum
sogenannten „ Ordnungsdienst” angetreten .
Der Dienst der Ordnung bestand darin, daß stundenlang gewisse vorgeschriebene
Bewegungen mit Händen und Füßen ausgeführt wurden, jede eine Stufe zu dem
Tempel, den die Beherrscher all dieser Manipulationen als „zackige” Soldaten
gekrönt betreten durften. Welch eine Fülle menschlicher Kraft und
Geschicklichkeit, welch eine Masse solidester Stimmbänder wurde bei dieser
Beschäftigung verschlissen! Wie schrecklich
diese religiöse Inbrunst, die dem Gewehr galt! Auf welch unwürdige Weise
waren hier Askese, Buße und das Erleiden von Strapazen in den Dienst einer
Hierarchie des Stumpfsinns gestellt.
Der ganze Hof war mit
säuberlich aufgestellten Gruppen besetzt, die sich in einer gewissen Reihenfolge
wie am Schnürchen bewegten. Durch einen Pfiff
des jeweils zuständigen Untergottes wurde die nächste Übung für die nächsten
zehn Minuten festgelegt. Die Menschen waren wie Puppen, die sich an
irgendeinem Strang des Gehorsams
bewegen, einen Strang, der in irgendeinem geistlosen Gehirn endete. Das Denken
war den Pferden überlassen!
Auf dem Weg über den dichtbesetzten Kasernenhof
mußte Renatus jede Litze, jedes Achselstück grüßen und der ganze lange Weg von
Hunderten von Metern war ein einziges Heben und Herabschnellenlassen der
rechten Hand, die mit einem unnatürlichen Ruck in einem bestimmten Winkel zum
Kopf geführt werden mußte – mit einer Bewegung, die, absolut gesehen nichts
anderes ist als eine ausgesprochene Menschliche Verhöhnung. Und bei jeder
Bewegung die tief eingefressene Rekrutenfurcht , ob dieser sogenannte
Gruß auch mit der Exaktheit ausgeführt wurde, welche die unbarmherzigen Götter
im Tempel des Stumpfsinns verlangten.
Aus der großen Exerzierhalle, die quer zum Hof
lag, wie ein Riesenschlachthaus, sauber und glatt, drang der schauervolle
Gesang einer ganzen Kompanie, die das sogenannte Singen übte. Eine [35]seichte
Melodie, mit dem Mischmasch eines faden Textes gefüllt, stieß, von zweihundert
lautstarken Stimmen getragen, wie eine mörderische Brandung in die Luft.
Aber lächelnd, lächelnd wölbte sich der sanfte Frühlingshimmel über der Kaserne.
Renatus erreichte die Tür zum Kasino wie einen
rettenden Hafen. Er verhielt zuerst im Flur, gegen die Wand gestützt, und
stieg dann langsam die Treppe hinauf. Langsam ging er auch den langen Gang
hinab, der zum Speisesaal führte. Eine gewisse hochmütige und doch hilflose
Eleganz herrschte hier: Die Vertäfelung war gediegen und kostbar, aber zu
steif, fast spröde; an den Wänden die unvermeidlichen Bilder von Heerführern,
so wie sie in allen Kasinos des Reiches im selben Flur an derselben Stelle
hingen. Selbst die lasterhaft wirkenden schweren Vorhänge waren wie Uniformen;
nicht einmal in den Sünden schien hier eine Ausflucht aus der starren, leeren
Form gegeben, der alles, alles diente...
[1] „Das Wiedersehen”, zitiert nach Brecht, Bertolt: Prosa, Bd. 1. Geschichten. Berlin 1973, S. 369.
[2] Bölls erster Bibliograph, Werner Lengning nennt in seinem Buch „Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß, München 1968 bis einschließlich der 4. Auflage Die Botschaft als erste Publikation – erst die 5. Auflage, München 1977 korrigierte das.
[3] H. Böll: Wanderer kommst du nach Spa... und andere Erzählungen , München 36 199 4, S. 90.
[4] Heinrich Böll, Christian Linder: Drei Tage im März, Köln 1975, wird hier zitiert nach Heinrich Böll, Werke. Interviews, hg. v. B. Balzer, Köln 1978 (künftig als „I” zitiert), S. 348-326.
[5] Böll, H., Une mémoire allemande, Paris 1978 (aufgenommen wurde das Interview bereits 1976), dt. Ausgabe: Eine deutsche Erinnerung (1976), in: I, S. 515f.
[6] Interview mit Dieter Wellershoff zu Gruppenbild mit Dame, in: I, S. 120.
[7] Der vollständige Text der Geschichte ist am Ende dieses Beitrages mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch abgedruckt.
[8] Die Konstrukti onszeichnung zu Gruppenbild wurde zuerst abgedruckt auf dem Umschlag von Hoffmann, Christine, Gabriele: Heinrich Böll, Hamburg 1977.
[9] Vgl. Römhild, Dorothee: Die Ehre der Frau ist unantastbar. Das Bild der Frau im Werk Heinrich Bölls. Pfaffenweiler 1991.
[10] Vgl. Bellmann, Werner (Hg): Das Werk Heinrich Bölls. Bibilographie mit Studien zum Frühwerk. Opladen 1995.
[11] Ebd. S. 14f.
[12] Die Stimme Wolfgang Borcherts (1956), in: Böll. H.: Zur Verteidigung der Waschküchen. Schriften und Reden 1952 – 1959 (künftig „SR-1”), München 1985, S. 159f.
[13] Eine deutsche Erinnerung. Interview mit Ren‚ Wintzen, Köln 1979, hier zitiert nach I, S. 504-665.
[14] Günther Blöcker, in: Kritisches Lesebuch, Hamburg 1962, S. 285.
[15] Günther Zehm, in: Die Welt der Literatur, 17. 9. 1964.
[16] In: SR-1, S. 30.
[17] Ebd.
[18] Böll, H.: Die Stimme Wolfgang Borcherts (1957), in: SR-1, S. 160.
[19] Böll, H.: Frankfurter Vorlesungen (1964), in: Heimat und keine. Schriften und Reden 1964 – 1968 (künftig „SR-3”), München 1985 , S. 81.
[20] Böll, H.: Entfernung von der Truppe. München 1987, S. 105.
[21] Ebd., S. 90.
[22] Ebd., S. 140.
[23] Ebd., S. 95 f.
[24] Bernhard, Hans Joachim: Die Romane Heinrich Bölls. Gesellschaftskritik u. Gemeinschaftsutopie. Berlin 21973.
[25] Böll, H.: Die Freiheit der Kunst (1966), In: SR-3, S. 224.
[26] In: SR-3, S. 113 ff.
[27] I, S. 507.
[28] Vgl. das Feuilleton Rose und Dynamit (1960), in: SR-2, S. 11. Ähnlich hatte er bereits im Jahr zuvor formuliert, vgl. Die Sprache als Hort der Freiheit und.Vorsicht! Bücher!; in: SR-1, S. 1197ff und 302ff.
[29] In: SR-3, S. 34.
[30] Böll, H.: Eine deutsche Erinnerung (1976), in: I, S. 515f.
[31] Schiller, Fr.: Über naive und sentimentalische Dichtung.
[32] Friedrichsmeyer, Erhard: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapell Hill 1981.
[33] Andersch, A.: Die Kirschen der Freiheit, Zürich 1968, S. 130.
[34] Böll, H.: Entfernung von der Truppe. München 1987, S. 85.