Iwona Michałowska®
Legnica/Liegnitz

Auf dem Weg zur Aussöhnung.

Der polnisch-deutsche Dialog am Beispiel der Städtepartnerschaft Liegnitz und Wuppertal

I. Rückblick

Kein Volk, kein Staat kann vor seiner Geschichte fliehen. Aber es gibt nach wie vor viele Völker, die derartige Versuche unternehmen. Diese Feststellung, die man so oft wiederholt und die man deshalb nahezu zu einem Gemeinplatz heruntergespielt hat, trifft auch für Deutsche und Polen zu. Auf beiden Seiten mangelt es nicht an Schritten, die davon zeugen, dass der Wille zu einer kritischen Verarbeitung gegenseitiger Ressentiments der Neigung zum Verdrängen von unbequemen Tatsachen restlos unterliegt. Dies liegt gleichermaßen für die Realität der Piastenzeit wie für die Tragödie der erzwungenen „Völkerwanderung“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen ist jedoch keinesfalls als bloße Ansammlung von Hass und kriegerischen Auseinandersetzung abzutun. „Die Nachbarschaft von Deutschen und Polen gehört zu den intensivsten und meistverdrängten in der europäischen Geschichte. Gerade diese beiden Völker waren jahrhundertlang häufiger und enger miteinander verschwistert und verschwägert als die meisten Deutschen und Polen es heute vor sich selbst zuzugeben bereit sind“.[i]

Da das anfängliche Verhältnis zweier Staaten und Völker für die weitere Entwicklung von besonderer Bedeutung ist, ist es angebracht, zum besseren Verständnis der komplizierten Vergangenheit und der kommenden Zeit ohne Hass, einige Tatsachen wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Die Tausend Jahre dauernde, gemeinsame Geschichte von Polen und Deutschland wurde nicht nur mit Eisen und Blut geschrieben, bestand nicht nur aus Zerstörung, Vernichtung und Leid, sondern wurde auch durch friedliches Zusammenleben, produktive Kooperation und gegenseitiges Lernen bestimmt. Die Städte- und Universitätsgründung, Christianisierung Polens und Umstellung des Wirtschaftssystems sind unbestreitbar deutsches Verdienst. Doch im kollektiven Gedächtnis der Völker bleiben vor allem Untaten haften, die noch Jahrhunderte später Feindbilder entstehen lassen und einen aufrichtigen Dialog erschweren wenn nicht unmöglich machen.

Die drei Teilungen Polens mit aktiver Teilnahme Preußens, der Bismarcksche Kulturkampf und dann der erste Weltkrieg bekräftigten das Bild des Deutschen als des Erzfeindes. Blutige Kämpfe im Schlesien der Volksabstimmungszeit, der Wiederstand deutschstämmiger Schlesier gegen Eingliederung zu Polen, wurden von der polnischen Propaganda ganz geschickt zu Symptomen einer Verrohung der Deutschen schlechthin hochstilisiert. Auch die Zeit nach den schlesischen Aufständen war keineswegs vorbildlich für das deutsch-polnische Verhältnis. „Die Weimarer Republik fand sich nie mit dem neuen Nachbarn im Osten und dem Verlust von Pommerellen, Posen und Schlesien ab“.[ii]

Vor 60 Jahren hat sich der polnische Staat und das polnische Volk als Erste dem deutschen Faschismus wiedersetzt. In den Jahren der Okkupation kämpften die Polen um die bloße Existenz, gegen Vernichtung und biologische Ausrottung. Das Märtyrium des polnischen Volkes nahm am 1. September 1939 seinen Anfang und wurde dann im August 1944 deutscherseits blutig besiegelt. Der 1. September aber auch der 1. August rufen uns in Erinnerung, was für ein Leid von Deutschen über Polen gebracht wurde. Wie in einem Vergrößerungsglas treten Terror und Vernichtung, Ausrottung und Erniedrigung vor unsere Augen. Aber auch viele Deutsche assoziieren Polen mit Krieg, Leid, Tod und Vertreibung.

Kein Land hatte im Zweiten Weltkrieg vergleichbar hohe Opfer zu beklagen wie Polen. Die verbrecherische Politik der Nationalsozialisten warf einen langen Schatten auf das Verhältnis der Polen zum deutschen Nachbarn. Ein großes Hindernis für eine deutsch-polnische Verständigung bildete auch die neue Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Grenzziehung, die Millionen von Menschen ein tragisches Schicksal bereitete. Man kann von einem „Oder-Neiße-Komplex“ sowohl in Polen als auch in Deutschland – in Ost wie West nach 1945 reden. Bis zum 70er-Jahren existierte eine deutsch-polnische Nachbarschaft entlang der Oder und Neiße praktisch nicht. Die so genennte „Freundscchaftsgrenze“ zwischen der ehemaligen DDR und der diktatorisch regierten Volksrepublik Polen blieb geschlossen und die beiden „Brudervölker“ hatten keinen Kontakt zueinander. Wie hätten sie ihn übrigens auch haben sollen, wenn auf beiden Seiten der Grenzflüsse seit 1945 Menschen lebten, die nie miteinander benachbart gewesen waren. Im allgemeinen Bewusstsein beider Länder weckt das deutsch-polnische Grenzgebiet nach wie vor nicht die besten Assoziationen.[iii] Die polnisch-deutsche Grenze ist und bleibt eine der vielen „Narben der Geschichte“. Die Folgen dieser Grenzverschiebung überschatteten jahrzehntelang die deutsch-polnischen Beziehungen. Aber die Vielfältigkeit der Probleme und Chancen bewirkt, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit allmählich unverzichtbar wird. Das ist schon ein kleines Anzeichen eines grundsätzlichen Bewusstseinwechsels, der sich bereits beiderseits der Oder-Neiße-Linie zu vollziehen begann.

Einen kritischen Blick auf diese Vergangenheit halte ich für notwendig, einen Blick nämlich, der dazu beitragen könnte, Vorurteile zu relativieren und das Engagement für eine bessere, ressentimentfreie Nachbarschaft zu stärken.

Im Laufe der letzten Jahrzehnten hat die Geschichte eine dramatische Wendung genommen. Die Völker begannen, sich zu einem Vereinten Europa zusammenzuschließen. Verzichten muss man nur auf Feindschaft und Hass und auf einen kleinen Teil seines nationalen Egoismus. Auch wir Polen möchten eines Tages dem Euro-Land beitreten. Aber ohne deutsche Unterstützung könnte das wohl nicht realisierbar sein. Nie in unserer gemeinsamen Geschichte gab es deutscherseits so viele Gesten guten Willens, wie in der letzten Zeit. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland, obwohl sie mit dem kostspieligen Umbau im Osten zu ringen hat, setzt sich in europäischen Instanzen entschieden für polnische Belange ein. Die Praxis der deutsch-polnischen Städtepartnerschaften kann sich meiner Auffassung nach auf unserem Weg nach Europa als sehr nützlich erweisen. Zurzeit hat fast jede Stadt und Gemeinde in Niederschlesien ihren deutschen Partner.

II. Liegnitz und Wuppertal. Geschichte und gegenwärtige Lage.

In der Konstellation der verschiedenen Ereignisse, die das Bild der polnisch-deutschen Beziehungen prägten, tritt das Schicksal der deutsch-polnisch-böhmischen Provinz Schlesien in den Vordergrund. Schlesien war immer ein Mittler zwischen West und Ost, Nord und Süd, Ort der Begegnung und Verbindung, des Brückenschlags.[iv]

Die ehemalige preußische Provinz ist die Heimat von Menschen mit verschiedenartigen Schicksalen. Dazu zählen die vielen Deutaschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden, ebenso wie diejenigen, die in dem nunmehr polnischen Schlesien blieben und heute wieder offen – im Einklang mit ihrer deutschen Identität – leben wollen.

Das schrecklichste und tragischste in der Geschichte Schlesiens war meiner Meinung nach die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien, die man in unserem Lange offiziell als „Übersiedlung“ bzw. „Umsiedlung“ jahrzehntelang zu verharmlosen versuchte. Unter unmenschlichen Bedingungen ließen kommunistische Machthaber Millionen Menschen in die Fremde gehen. „Das Unbekannte“ konnte nicht gleich zur Heimat werden. Deswegen wurden die neuen Wohnstätten in Bayern oder im Ruhrgebiet meist nur als Übergangslager betrachtet. Es musste so auch im Falle der vertriebenen Liegnitzer gewesen sein.

Ähnlich erging es wahrscheinlich den neuen Bewohnern der schlesischen Gartenstadt, die allesamt ihre Heimatdörfer und –städte im östlichen Polen, ihre Güter, Firmen und Häuser in Wilna, Lemberg und Stanisławów verlassen mussten und in Viehwagons in die angeblich „wieder gewonnenen Gebiete“ abtransportiert wurden. Tausende von ihnen fanden ihre neue Heimat in der Katzbachstadt Liegnitz.

Liegnitz galt – nach Breslau – als das zweite Auge Schlesiens und gehörte schon im Mittelalter neben Oppeln und Ratibor zu den wichtigsten und größten Ansiedlungen. Die Stadt wurde leider von der „großen Geschichte“ nicht verschont. In der Schlacht auf der Wahlstatt stellte sich Herzog Heinrich II. Fromme 1241 mit einem Heer deutscher und polnischer Ritter und Bauern dem mongolischen Reiterheer entgegen. Auch im achtzehnten Jahrhundert und während der Befreiungskriege zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurde Liegnitz allzu oft zum Schauplatz von Feldzügen und blutigen Schlachten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitete man die Lüge von den „wieder gewonnenen Gebieten“, Liegnitz zählte man dabei zu den wichtigsten Eroberungen. „Man verdrängte allzu gern die dreihundertjährige Herrschaft der Habsburger, der preußischen Könige und der deutschen Kaiser in Schlesien. In einschlägigen, polnischen Geschichtslehrbüchern, aber auch in wissenschaftlich fundierten Abhandlungen, behandelte man diese `unbequeme` Zeit äußerst selektiv, oberflächlich, nicht selten auch tendenziös, was zu unzähligen Entstellungen führen musste. Die historische Wahrheit musste der Politik restlos zurückweichen“.[v]

Die Tragik der historischen Ereignisse belastet bis heute den anzustrebenden polnisch-deutschen Dialog. Und nur ein aufrichtiger Dialog kann zum Abbau der immer noch bestehenden Vorurteile und Ressentiments verhelfen. Stereotype Vorstellungen, Feindbilder und Vorurteile entscheiden über das Bild nicht nur zwischenmenschlicher, sondern auch internationaler Beziehungen. Ich bin mir dessen bewusst, dass der Abbau von Vorurteilen keineswegs leicht ist. Aber nur gegenseitige Zusammenarbeit vergrößert die Chance auf eine gemeinsame Zukunft im vereinigten Europa und vernichtet jene klischeehafte Belastung.

Ein Zeitabschnitt ist mit der Unterzeichnung der deutsch-polnischen Verträge über gute Nachbarschaft am 17. Juni 1991 zu Ende gegangen. Damit eröffnete man ein neues Kapitel der Verständigung und des Zusammenwirkens. Die sich anbahnenden Städtepartnerschaften sind als direkte Folge dieser positiven Entwicklung anzusehen. Die oft die Grenzen des Offiziellen sprengenden Partnerschaften haben viele – allen voran junge Menschen – veranlasst, sich auf die Reise zu einer Stadt in dem Nachbarland zu begeben. Nur um dort Freundschaften zu knüpfen, eigene und fremde Vorurteile abzubauen und gegenseitiges Vertrauen zu schaffen.

Johannes Rau – seit 1978 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und zugleich der ehemalige Oberbürgermeister von Wuppertal – schreibt den Städtepartnerschaften eine bedeutende Rolle zu, wobei er sich auf die bisherigen Erfahrungen im deutsch-israelischen Dialog stützt: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht zuletzt die deutsch-israelischen Städtepartnerschaften gewesen sind, die einen ganz wesentlichen Anteil am Brückenschlag über die Abgründe der deutschen Geschichte gehabt haben und die der Jahrhundertaufgabe der Versöhnung zwischen beiden Völkern wesentliche Impulse gegeben haben. So groß das Ziel ist und so weit entfernt es liegen mag, sind es die vielen kleinen Schritte, die uns voranbringen. Für mich sind die Städtepartnerschaften solche unendlich wichtigen Schritte“. [vi] Johannes Rau geht davon aus, dass die Zeit Wunden wenn nicht verheilen, so vernarben lässt, wenn die Menschen sich der eigenen Schuld stellen und sich zu ihrer Verantwortung bekennen.

Die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen ist nicht weniger kompliziert als die der deutsch-israelischen. Beide haben tiefe Spuren in der Mentalität der Menschen hinterlassen. Es wird noch lange dauern, bis es verheilt. Es ist ein langer Weg, aber nicht unüberwindlich. Man kann wohl jetzt schon die These wagen, dass sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen durch die vielfältigen Kontakte der letzten Jahre „normalisiert“ hat. Auch die Bewohner des heutigen Liegnitz haben zu dieser Normalisierung beigesteuert.

Vor der Wende in Polen war die Gründung einer Partnerschaft unmöglich. Kommunistische Regime betrachteten die Geschichte des deutsch-polnischen Ressentiments einseitig. Nach dem II. Weltkrieg entstanden in Deutschland Patenstädte – für die ehemaligen Einwohner, z.B. Wolfenbüttel in Niedersachsen war eine Patenstadt von Landeshut in Schlesien. Eine Patenstadt von Liegnitz war Wuppertal. Die aus dem niederschlesischen Liegnitz nach dem nordrhein-westfälischen Wuppertal Vertriebenen bildeten „einen Motor und mobilisierte Kraft“ für die deutschen Behörden, mit Liegnitz offizielle Kontakte aufzunehmen. In der Stadt an der Wupper wurde der Freundeskreis „Liegnitz“ gegründet, der sich aus Menschen, deren Eltern in Liegnitz aufgewachsen waren, zusammensetzte.

Am 15. Juni 1993 unterzeichneten das niederschlesische Liegnitz und das westfälische Wuppertal eine Rahmenvereinbarung über die Zusammenarbeit und Weiterentwicklung beiderseitiger Kontakte. In der Regionalpresse nannte man diese Tat guten Willens einen Meilenstein auf dem Weg zur Entwicklung regionaler Beziehungen. Die Verständigung zeigt die Zusammenarbeit in verschiedenen Berufsgruppen und auf unterschiedliche Art und Weise.

Beide Städte schaffen Bedingungen für allseitige und direkte Kontakte zwischen ihren Bürgern/Innen, insbesondere zwischen der Jugend, weil eben die Jugendlichen mit schmerzlichen Wunden der Geschichte nicht belastet sind.

Im Oktober 1995 fand in Wuppertal unter dem Titel „Begegnung mit Polen“ ein Monat der polnischen Kultur mit einem außergewöhnlich reichen Programm statt. Unter 40 Veranstaltungen dominierten Diskussionen, Vorträge, Lesungen, Konzerte und Theatervorführungen. Großes Interesse weckte auch eine Ausstellung über die langjährige Präsenz von Polen in Wuppertal.

Im Rahmen von Städtepartnerschaften entstehen auch zwischenmenschliche Kontakte, die weit über die Grenzen der Partnerstädte hinausgehen. Die Bürger schließen sich sehr gerne den einzelnen Initiativen an. Ein beinahe klassisches Beispiel dafür scheinen Liegnitz und Wuppertal zu sein. Liegnitz und die Umgebung hat eine solche Möglichkeit auf dem langem Weg zum deutsch-polnischen Dialog genutzt und die Kontakte mit Oerlinghausen in Nordrhein-Westfallen geknüpft. Das Grundprinzip dieser Kontakte liegt darin, dass sich die Teilnehmer aus beiden Ländern zu verschiedenen Seminaren zusammentreffen und gemeinsam an der Vervollkommnung bilateraler Beziehungen arbeiten. Die Seminare finden dementsprechend in Oerlinghausen oder in Legnica statt. Für die Teilnehmer steht der Austausch über Lebensgewohnheiten, Lebensziele und Kultur im Vordergrund. Durch gemeinsame Freizeitgestaltung, Kennenlernen der Angehörigen, Leben in den Familien, Austausch von Zeitschriften, Vergleich von Redewendungen und Sprichwörtern, Besichtigung historischer Orte, Hospitation des Unterrichts, werden Gewohnheiten und Ziele gestaltet. Das Wissen über den Nachbarn und das Verständnis für ihn sind ebenso wichtig, wie der Aufbau von Vertrauen.

Eine direkte Folge der Städtepartnerschaft ist die Gründung von deutsch-polnischen bzw. polnisch-deutschen Gesellschaften. Sie spielen eine bedeutende Rolle in der Intensivierung des polnisch-deutschen Dialogs. Die Leistungen dieser Gesellschaften sind für den Prozess der Verständigung bedeutend. An dieser Stelle sollte man die Martin-Opitz-Gesellschaft in Liegnitz erwähnen. Ihre Mitglieder haben sich „die Förderung von Initiativen, die die deutsche und polnische Nation näher bringen“ zum Ziel gesetzt. Ich bin davon überzeugt, dass die Gründung solcher Gesellschaften der Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Kontakte, dem gegenseitigen Verständnis und dem Willen zur Verständigung Impulse geben wird.

Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der deutschen Minderheit in Liegnitz, die sich aktiv in den Prozess der Verständigung engagiert. Die Liegnitzer Deutsche Sozial-Kulturelle Gesellschaft ist bei allen Initiativen, die im Rahmen der Partnerschaft laufen, dabei. Der Vorsitzende der Gesellschaft, Herr Jürgen Gretschel, gilt als ein überzeugter Befürworter der polnisch-deutschen Aussöhnung. Die Gesellschaft ist zuständig für die Verbreitung der deutschen Kultur unter ihren Mitgliedern, Vertretung ihrer Interessen und Bedürfnisse, Verstärkung freundschaftlicher Beziehungen mit der polnischen Bevölkerung und Pflege der deutschen Kulturdenkmäler in Liegnitz und der näheren Umgebung.

Dank dieser Zusammenarbeit ist das polnische Legnica zur offenen Stadt für ehemalige Liegnitzer geworden. Man will vor allem Angehörige der jungen und jüngsten Generation für die gemeinsame Sache gewinnen. „Für die schlesischstämmigen Wuppertaler sind ihre Wurzeln erreichbar, aber in Wuppertal wachsen schon ihre Nachkommen auf. Je nach dem, wie wir uns um diese Generation kümmern werden, so werden die Gemeinschaften in dem Vereinten Europa aussehen“ – meinte in einem Interview Marek Kozlowski, der Vorsitzende des Stadtrates in Liegnitz.

Hinter einer Fassade von offiziellen Begegnungen lässt sich die menschliche Dimension von Städtepartnerschaften erblicken. Die Tatsache, dass die junge Generation die Heimat der „Alten“ kennen gelernt hat, beschleunigt meiner Auffassung nach einen positiven Bewusstseinwechsel. Wir können gemeinsam Perspektive für die gegenseitigen Beziehungen und eine beiderseits vorteilhafte Zusammenarbeit abstecken. Der Bau von Brücken zwischen den Nachbarn geschieht auf der Regierungs-, Selbstverwaltungs-, und der Bürgerebene. Diese Aktivitäten bringen nicht immer sofortige Ergebnisse, denn dieser Prozess ist lang und komplex. Willy Brandt hat sich diesbezüglich wie folgt geäußert: „Eine Verständigung und noch mehr Versöhnung kommt nicht von der Seite der Regierung, sondern sie muss im Herzen der Menschen hereinbrechen. Je mehr sich „kleine“ Menschen verstehen und akzeptieren, desto besser sind Verhältnisse zwischen beiden Staaten. Die Rolle privater Kontakte wurde von Johannes Rau folgendermaßen hervorgehoben: „Sicherlich ist es die so genannte große Politik, die die Weichen stellt und den Rahmen der Beziehungen zwischen den Völkern setzt. Aber ob sich diese Rahmen mit Leben erfüllen, hängt wesentlich davon ab, ob sich außer den diplomatischen Kontakten auch solche zwischen ganz normalen Bürgern, zwischen Jung und Alt gibt“.

Alle diese Aussagen zeigen deutlich, dass der Austausch auf privater Ebene viel mehr bedeutet, als Tausende von Willenserklärungen. Es handelt sich hier vor allem um die echte, richtige Annährung der Menschen. Dabei ist gemeinsames Ziel gemeint, möglichst viele Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, was die Städtepartnerschaften immer wieder blühen lässt.

Ich bin der Ansicht, dass Liegnitz und Wuppertal mit ihrer Partnerschaft einen kleinen Beitrag zu einem großem Bauwerk leisten können. Dieses Bauwerk nennt man Europa. Um ein Haus zu bauen, braucht man zuerst eine feste, solide Grundlage. Dieses Fundament, glaube ich, haben wir schon angefangen zu bauen. Nur von uns, Menschen, Bürgern selbst hängt es ab, ob wir diese Verträge mit Leben ausfüllen wollen.

III. Ausblick

Das zukünftige Europa muss „Europa der Bürger“ sein, ein Europa, das von seinen Bürgern akzeptiert wird. Diese Politik kann und soll dafür nur den Rahmen schaffen, den die Menschen auszufüllen haben. Wenn die Bürger dafür Kraft, Zeit und Geld opfern, stellt sich Erfolg ein. Deutsche und Polen haben heute die Chance und die Verantwortung, gemeinsam positiv auf die Zukunft Europas einzuwirken. In diesem Sinne sollte man die Städtepartnerschaften als eine notwendige Etappe auf unserem immer noch langem Wege zum Vereinten Europa betrachten.

Beide Völker sind und bleiben aber nur Nachbarn in Mitte Europas und sind auf enges Zusammenleben angewiesen, ganz unabhängig davon, wie sich die politische Landkarte und die Völkertopografie der Zukunft gestalten wird. Wir werden deswegen einander mehr verstehen lernen müssen. Die Bilanz der bisherigen Zusammenarbeit ist positiv. Die rasche Zunahme des Reiseverkehrs, die Intensität von Kontakten zwischen Parlamenten, Parteien oder Jugendlichen und die Zusammenarbeit von Städten, Kirchen usw. machen es sichtbar. Es gibt aber in der Zukunft noch viel zu leisten. Es geht vor allem um die Überwindung der „Narben der Geschichte“ und Verwirklichung der Idee des „Europas der Bürger“, weil alle Städtepartnerschaften als oberstes Ziel die Einheit Europas verfolgen.

Der preisgekrönte Aufsatz wurde selbstverständlich bei Zustimmung der Autorin in Druck gegeben. Danke!!!



[i] Adam Krzemiński: Deutsch- polnische Nachbarschaft als Gewinn und gegenseitige Befruchtung. In:  Polen und Deutschland - Nachbarn in Europa. Sonderauflage für die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung. Hannover 1995, S.34.

[ii] Adam Krzemiński: Deutsch-polnische Nachbarschaft als Gewinn und gegenseitige Befruchtung in: Polen und Deutschland – Nachbarn in  Europa. Sonderauflage  für die   Sächsische Landeszentrale  für politische  Bildung. Hannover 1995.S.37.

[iii] Vgl. Zbigniew Kurcz: Polnische Westgrenze – EU-Ostgrenze an der Oder und Neiße. Diagnose und Pathologie der Transformationsprozesse. In: Orbis Linguarum. Legnickie Rozprawy Filologiczne, vol. 8, Legnica 1998, S. 205-212

[iv] Vgl. Reinhold Vetter: Schlesien. Deutsche und polnische Kulturtraditionen in einer europäischen Grenzregion. Köln 1992. S.11ff.

[v] Edward Białek: Vorwort zu: Liegnitz znaczy Legnica von Włodzimierz Kalski , Legnica 1997, S. 3.

[vi] Johanes Rau: Vorwort zu: Ernst-Andreas Ziegler (Hg.): Freunde reden Tacheles. Der Beitrag der Städte zur Außenpolitik am Beispiel Deutschland-Israel. Ein politisches Lesebuch. Wuppertal 1992, S. 9.