Mag. Adrianna J. Brodziñska/NKJO Legnica

 

Die Rolle und historische Dimension der Idee der Städtepartnerschaften für das  Gemeinsame Europa und ihr Beitrag zum Verständigungsprozess zwischen den Nationen Europas am Beispiel der  Partnerstädte Wuppertal – Legnica.

 

         Sicherlich ist es die sogenannte große Politik, die die Weichen stellt und den Rahmen der Beziehungen zwischen den Völkern setzt. Aber ob sich  dieser Rahmen mit Leben erfüllt, hängt wesentlich davon ab, ob sich  Menschen begegnen und sich kennen lernen, ob  es neben den diplomatischen Kontakten auch solche zwischen ganz normalen Bürgern, zwischen Jung und Alt gibt.[1]

 

Die Anbahnung und Pflege der auswärtigen Beziehungen wurden immer als Aufgabe des Staates und der Regierung angesehen. Doch die Idee der Entstehung des Gemeinsamen Europas, die direkt nach dem 2. Weltkrieg geboren und intensiv sowohl im politischen als auch wirtschaftlichen Aspekt fortgesetzt wurde, erlangt ihre reale Dimension auch oder eben gerade auf der Ebene der Gemeinden und Städten. In den europäischen kommunalen Partnerschaften werden vor allem die Aussöhnung und Verständigung zwischen den Völkern Europas gefördert. Die hier erwähnten Ziele aller Partnerschaften sollen die Aussöhnung und Verständigung der europäischen Völker, den Abbau von Vorurteilen und Stereotypen und die gemeinsame Bewältigung der schmerzlichen Vergangenheit der Nationen Europas unterstützen. Diese besondere Rolle der kommunalen Partnerschaften soll die Bedeutung der Gemeinden und damit auch des einzelnen Bürgers für das Einigungswerk Europas betonen. Jahrhunderte lang hatte in diesem Kulturkreis trotz allen Kriegen und Zwistes ein Gefühl der Zusammengehörigkeit geherrscht und die Idee eines politischen Verbunds wurde erstmals 732  in einer Chronik erwähnt, die die Völker nördlich der Pyrenäen und der Alpen als "europenses" bezeichnete. Schon seit der Zeit der Aufklärung denken die Gelehrten intensiv über die Einheit nach. "Mit großem Vergnügen" beobachtet Voltaire 1767, "wie sich in Europa eine große Republik der kultivierten Geister bildet"; Die Idee der partnerschaftlichen Kontakte entweder auf der politischen oder wirtschaftlichen Ebene war in Europa schon seit dem Mittelalter präsent. Die Zusammenarbeit der kaufmännischen Genossenschaft – „Hanse“ - könnte zu einem Vorbild der Partnerschaften werden. Der wirtschaftliche Aufschwung brachte bald nicht nur große wirtschaftliche, aber auch politische Macht und Überlegenheit der Hansestädte den anderen gegenüber mit sich. Vor allen in der Zeit des wirtschaftlichen oder politischen und gesellschaftlichen Niedergangs wurden die Einwohner Europas bereit, neue Wege zu freundschaftlichen Beziehungen zu suchen. Kriege in Europa des 20. Jh. waren immer die großen Katastrophen seiner Geschichte. Aber gerade nach dem 1. Weltkrieg entstanden die ersten Gemeindepartnerschaften zwischen französischen und englischen, aber auch deutschen und schweizerischen Gemeinden. Einige von diesen Partnerschaften, wie z.B. zwischen Brügge und Rottweil, bestehen seit 1918 bis heute. Der 2. Weltkrieg brachte den dramatischen Niedergang Europas mit sich und lieferte beispielhafte Beweise dafür, dass auch musterhafte zwischenstaatliche Freundschaften, die nur auf der politischen Ebene bestehen, keinen dauerhaften Erfolg haben können. Über drei Jahrhunderte der europäischen Weltdomination im technischen und wirtschaftlichen Bereich endete mit der Befreiung durch die Weltmächte, die den Kontinent in eigene Einflusssphären aufteilten. Die europäische Gesellschaft – trotz aller geistiger und kultureller Einheit – war wegen der alten, festgeprägten Vorurteile und wirtschaftlicher Konkurrenz tief geteilt.

Aus diesen Gründen war die Entwicklung der partnerschaftlichen Beziehungen zwischen den westeuropäischen Gemeinden und Städten und der Bevölkerung in Mittel- und Osteuropa nach dem 2. Weltkrieg lange wesentlich erschwert oder manchmal sogar unmöglich. Victor Hugo 1849  sagte über "Die Vereinigten Staaten von Europa" - ein Slogan, den  fast wortgleich Winston Churchill 1943 in einer Rede benutzte; darin forderte der britische Premier als erster Politiker die Schaffung eines Europäischen Rats. Und so  kommt es nach 1945 im Westen zu ehrgeizigen Vereinigungsprojekten, angefangen vom Europarat (1949). Das Streben der Menschen in Europa nach der Sicherung des Friedens (und der europäischen Sicherheit) verursachte ein Erwachen des gemeinschaftlichen Bewusstseins. Das Verständnis für die Notwendigkeit der Einigung Europas und der aktiven Teilnahme der Bürger am Aussöhnungsprozess brachte auch das Verständnis für die Bedeutung der direkten Bürgerkontakte für den dauerhaften Erfolg der Friedensbewegung mit sich. Die erste Städtepartnerschaft, die aus diesem allgemeinen Bedarf nach der Verständigung der Völker Europas entstand und den Weg für die ersten Schritte zum Gemeinsamen Europa bereitete, war die deutsch – französische Partnerschaft zwischen der Residenzstadt Ludwigsburg und dem französischen Montbéliard im Jahre 1950. Der Entstehung dieser ersten Städteverbindung folgten gleichzeitig oder wenige Wochen später mehrere deutsche, französische und britische Partnerschaften. Mit dem Haager Kongress 1948 beginnend, über die Gründung des Rates der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) und des Weltbundes der Partnerstädte (FMCU) entstanden die Dachorganisationen, die sich besonders für die Ausbreitung der Partnerschaftsidee in ganz Europa eingesetzt haben. Die Entstehung dieser Organisationen hatte vor allem die Förderung der Aussöhnung zwischen den Völkern Europas und die Beteiligung der Bürger am Aufbau der europäischen Einigung zum Ziel. Die Idee der Partnerschaften ist eine praktische Umsetzung der Visionen der großen Staatsmänner, wie Konrad Adenauer, Maurice Schumann, Alcide De Gasperi (und dann noch Charles de Gaulle), deren Vereinbarungen den politischen Rahmen für die Entwicklung dieses Gedankens geschaffen haben. Weil aber die Europäer auf besonders tragische Art und Weise erlebten, was die große Politik bewirken kann, betonte man sehr stark die Rolle der Bürger in diesem Prozess: Das Kennenlernen des Anderen, seiner Lebensweise, Bräuche, seiner Familie und auch seiner Probleme verursacht, dass er nicht mehr anonym bleibt, und bringt auch zugleich die Menschen näher zusammen, erweitert nicht nur den Blickwinkel, sondern verlangt auch Toleranz und lässt die Europäische Einheit von unten wachsen.Diese Zielsetzung und Betonung der Bedeutung der zwischenmenschlichen, persönlichen Beziehungen beinhaltet auch die Definition der kommunalen Partnerschaften. Aber die Parlamente und Regierungen können nur die Entstehung der günstigen Bedienungen für die Knüpfung der partnerschaftlichen Beziehungen unterstützen; sie können aber die Bürger und die von unten initiierten Bürgerinitiativen nicht ersetzen. Damit die Förderung der persönlichen Bürgerkontakte und die Unterstützung des europäischen Einigungsprozesses, Bestandteile jeder Partnerschaftsurkunde (die bei der Gründung aller Partnerschaften unterzeichnet wird) Wirklichkeit werden, müssen sie durch die Einwohner der verschwisterten Städte und Gemeinden mit Leben erfüllt werden.

Eine von den interessantesten und sich sehr dynamisch entwickelnden Partnerschaften, die sich inzwischen zur Vorbildspartnerschaft etabliert hat, ist die Städtepartnerschaft zwischen Wuppertal und Legnica. Die ersten Schritte zur Aufnahme der partnerschaftlichen Beziehungen mit einer deutschen Stadt wurden von Legnica schon im Herbst 1990 gemacht. Der erste Partner, mit dem die Verhandlungen über die Aufnahme einer Partnerschaft geführt wurden, war die Stadt Brühl - aber schließlich kam es im Frühling 1992 zu dem ersten Briefwechsel zwischen der Oberbürgermeisterin der Stadt Wuppertal – Ursula Kraus und dem Stadtpräsidenten von Legnica – Edward Jaroszewicz..

Die Stadt Wuppertal spielt schon seit fast 40 Jahren eine Vorbildsfunktion im Bereich kommunaler Außenpolitik. Die erste Partnerschaft Wuppertals mit South Tyneside in England wurde 1951 aufgenommen.  Die Partnerschaft zwischen Wuppertal und Legnica ist die achte Partnerschaft Wuppertals, aber die Geschichte dieser Beziehungen ist viel älter. Seit 1952 hat Wuppertal die Patenschaft für die früheren deutschen Bürger von Legnica, die nach 1945 vertrieben worden sind. Auch die ersten Versuche seitens Wuppertals eine Partnerschaft mit Legnica einzugehen, haben schon fast vor 20 Jahren, Mitte der 70er Jahren, stattgefunden. Leider wurde Angebot Wuppertals wegen der Stationierung der Roten Armee in Legnica von der polnischen Regierung abgelehnt. Nach ein paar Monaten der Verhandlungen wurde am 15. Juni 1993 in Legnica die „Rahmenvereinbarung für die Zusammenarbeit zwischen den Städten Wuppertal in der Bundesrepublik Deutschland und Legnica in der Republik Polen“ von der Oberbürgermeisterin von Wuppertal  und dem Stadtpräsidenten von Legnica  unterzeichnet. Und 2003 anlässlich des 10-jähriges Jubiläums der Partnerschaft noch mal signiert – zuerst in Wuppertal und dann im Oktober 2003 in Legnica und mit der Konferenz „Durch Städtepartnerschaft zu Gemeinsamen Europa“ gefeiert. Auch dank dieser intensiven Zusammenarbeit wurde die Stadt zuerst mit der Plakette und dann mit der Ehrenfahne des Europarates für die Verdienste für die Entwicklung der partnerschaftlichen Beziehungen und die Verbreitung der Europagedankens geehrt. Die Einzigartigkeit der Rahmenvereinbarung und dann auch der Zusammenarbeit zwischen Wuppertal und Legnica beruht unter anderem darauf, dass zum ersten Mal in der Geschichte der deutsch – polnischen Beziehungen in diese Partnerschaft ausdrücklich die vertriebenen deutschen Bürger von Legnica, die in Legnica lebende deutsche Minderheit und die in Wuppertal lebende Polonia aktiv einbezogen wurden. Am Beispiel der Städtepartnerschaft Wuppertal – Legnica, kann man sehen, welche Vorteile für die beiden Städte die Partnerschaft bringen kann. Die Vielseitigkeit und Besonderheit dieser Zusammenarbeit, der facettenreiche Kultur- und Informationsaustausch und viele Sport- und Kulturveranstaltungen zeigen, welche Vorteile der Gedankenaustausch und näheres Kennenlernen einer anderen Kultur und Lebensart für die Bürger mit sich bringen können Die Städte- und Gemeindepartnerschaften sind eine Mischform offizieller und persönlicher Beziehungen, die fast alle Lebensbereiche umfassen. Zu den beliebtesten Austauschprogrammen gehört der Austausch im schulischen und universitären Bereich, weil eines der Hauptziele der Idee die Zusammenführung der jungen Menschen, das Wecken des europäischen Bewusstseins und der Abbau von Vorurteilen ist. Andererseits lassen sich auch Schwierigkeiten bei dem Aufbau und der Entwicklung der deutsch-polnischen Partnerschaft beobachten. Diese Erfahrungen können für die künftige Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen und für ganz Europa hilfreich sein. Die Überwindung der alten Vorurteile und Meinungsstereotypen europäischen Kontakten wird sicher auch den Einigungsprozess Europas einen Schritt weiter bringen. Und die Beteiligung der Bürger an grenzüberschreitender Zusammenarbeit ist eine einzigartige Gelegenheit den Europagedanke näher zu bringen. Die Städtepartnerschaften sind ein Abbild des europäischen Integrationsprozesses im kleinem. Jede Partnerschaft leistet einen wichtigen Beitrag zum Aufbau des gemeinsamen europäischen Hauses. Dank des Bewusstmachens der Bedeutung der Bürger für das europäische Einigungsprozess, wird das Konzept eines Europas der Bürger  und der Gesellschaft der Bürger verwirklicht. Wir führen nicht Staaten zusammen, sondern Menschen. - diese Worte von Jean Monnet aus seiner Rede von Washington 1952, einem der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft, beschreiben am besten das Ziel der partnerschaftlichen Beziehungen. Die Stärkung der europäischen Zusammengehörigkeitsgefühls soll also vor allem auf dem Weg des Austausches von gemeinsamen Erfahrungen, des besseren Verständnis für die Andersartigkeit, der Toleranz und des Abbau von Vorurteilen erfolgen, was auch der Fall bei der kommunalen Partnerschaften ist. Auch die deutsch – polnischen Partnerschaften gewinnen im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt Polens eine besondere Bedeutung. Die strukturellen Reformen in Europa setzen sehr stark auf Regionen, auf Eigeninitiativen und auf Selbständigkeit.

Aus diesem Grund  müssen gegenseitige Ängste und Vorurteile durch das Erkenntnis, dass die europäische Integration eine gegenseitige Bereicherung der beiden Völker ist, ersetzt werden.

Zum Schluss ist es unmöglich, am Vortage des EU-Beitritts Polens und der weiteren Staaten des Mittel- und Osteuropas darüber kein Wort zu sagen, was uns bald erwarten wird. Trotz aller kritischen Meinungen, Stimmen der Enttäuschung und der populistischen Ansichten der Euroskeptiker und Demagogen muss man dessen bewusst sein, dass es ein Tag sein wird, wie ihn der alte Kontinent noch nicht erlebt hat. Ein historischer Tag, an dem weder Mauern einstürzen noch Kriege zu Ende gehen. Nie in der Geschichte gab es ein Gemeinsames Europa, das so riesig war, so facettenreich und so frei. Schon seine Dimensionen sind faszinierend: 25 Länder, 450 Millionen Einwohner 21 Sprachen, mehr als 500 nationale Minderheiten - ein Land der Vielfalt, Der 1. Mai 2004 ist ein historisches Datum, doch die wirkliche Entwicklung und Vereinigung wird erst danach beginnen. Das große Euroland hat die Chance eine Weltmacht  zu werden, geopolitisch, wirtschaftlich, kulturell und womöglich auch militärisch - ein Global Player,  Es wird nicht innerhalb von Jahren, aber binnen Jahrzehnten geschehen - eine Aufgabe für die nächsten Generationen. Man könnte noch hier eine Frage stellen: Was ist der Vorteil der Erweiterung? Der EU-Kommisaar für die Erweiterung Günter Verheugen antwortete auf diese Frage mit diesen Worten: "Dass nun eine lange Zeit des Friedens vor uns liegt."



[1] Johannes Rau, Vorwort zu Freunde reden Tacheles, Hrsg.: Ernst – Andreas Ziegler, Wuppertal 1992